Niklas Götz

Stahlbad

Die Autotür schub sich langsam hinter ihm zu, als er sich entnervt in den Autositz fallen ließ.
„Was geb ich mich überhaupt mit solchen Menschen ab?“, fragte er sich, berührte den Touchscreen und erweckte ihn damit zum Leben.
Nachdem er sich angeschnallt hatte, stach er einige Male mit seinem Zeigefinger auf das Display ein, bis endlich ein leises, wohlkomponiertes Summen den Beginn der Fahrt verkündete, die Jens bald weit weg von diesem Ort bringen sollte. Zumindest körperlich.
Er warf seine noch geöffnete Tasche auf den Beifahrersitz. Es gab einen kleinen Schlag. Einige Blätter mit hastig skizzierten Notizen, ein Smartphone und eine Thermoskanne rollten hinaus. Jens ließ seinen Kopf auf dem Lenkrad ruhen und seine Arme zum Boden hängen, bis der Ärger ansatzweise verflogen und das Gewerbegebiet verlassen war. Ohne aufzublicken überstreifte er den Fußraum und umgriff sein Handy. Als würde er etwas anderes erwarten, prüfte er es auf Neuigkeiten. Aber es hatte sich niemand dazu erbarmt, ihn zu belästigen, sodass er es wieder in seine Hosentasche gleiten ließ. Er setzte sich auf und beobachtete die Straße, die sich zwischen den frisch gepflügten Feldern im Abendlicht spiegelnd dahinzog. Durch die Lüftung erreichte ihn der Geruch feuchter Erde. Der Herbst schien aus Gold zu sein.
Er widmete sich noch einmal seinen Notizen, verfolgte Schritt für Schritt seine damaligen Gedanken und ergötzte sich an den Wendungen darin. Er wusste, sein Plan war genial, die Lösung so vieler Probleme seiner Firma. Genau das war es, was sie wollten, was sie interessiert und womit sie sich die ganze Zeit beschäftigen. Zum ersten mal zeigte ihnen jemand anstatt eines Plans eine Lösung. Er hätte ihnen anstatt eines neuen Programms auch eine Kröte präsentieren können, wenn er sie nur richtig verkauft hätte. Seine Kunst verstehen diese einfältigen Banausen nicht. Es war den Managern egal.
Jens sortierte seine Notizen sorgfältig. Ein Blatt nach dem anderen, nummeriert und glattgestrichen, legte er in einen Hefter und platzierte sie, gut geschützt von seinem Laptop, in seine Tasche. Er bückte sich und fischte unter dem Beifahrersitz seine Thermoskanne hervor, schenkte sich einen Becher lauwarmen Tee ein und betrachtete gelangweilt durch die Windschutzscheibe die Außenwelt, wie man im Zoo das Affengehege betrachtet.
Es gab viel Verkehr zu dieser Uhrzeit, viele Menschen huschten eilig in vielen Autos über die Straße, und alle hinterließen sie für kurze Zeit einen feinen Nebel aus winzigen Wassertröpfchen, die von den Reifen aufgestäubt worden sind und bald darauf auf Jens‘ Windschutzscheibe ein jähes Ende fanden. Und hinter dieser Scheibe, dem dünnen Nebel und einer weitere Scheibe sah er für wenige Sekunden immer wieder andere Menschen, manchmal nur schemenhaft, ab und zu ein Augenkontakt, oft auch nur ein kleines Merkmal ihres Gesichts. Er verachtete sie. Sein Blick war stählern. Wer immer dort auch war – die Personen mögen einen Herzschlag haben wie er, sie mögen Gefühle, auch Gedanken haben wie er. Aber niemand von ihnen würde Jens verstehen. Sie alle waren anders.
Er trank noch einen Tee und betrachtete dabei die Außenwelt, bis er endlich bei seiner Wohnung vor der Garage ankam.
Das Auto wurde langsamer. Noch ehe es fragen konnte, ob es in die Garage hineinfahren sollte, schaltete Jens es aus. Er schnappte seine Tasse, ließ die Tür auffahren und ging zu seinem kleinem Haus, welches ihn mit einem kurzen Aufleuchten der Außenwände willkommen hieß. Während er in den Irisscanner des Hauses blickte, schloss sich das Auto wieder und verriegelte sich mit einem bedrohlichen Piepen.

Ein fahles, warmes Licht begrüßte ihn, als er die Tür öffnete. Es roch nach frisch gekochtem Essen. Jens legte die Tasche an die Garderobe und lief sanften Schrittes in die Küche. An der Kochinsel stand, ihm mit dem Rücken zugewandt, eine hochgewachsene Frau mit fließenden, glatten, bronzenen Haaren. Ihre Proportionen waren definiert, aber dennoch fliligran. Ihre etwas zu eng anliegende, fein gemusterte Bluse und die graue Hose gaben ihr ein etwas zu strenges, aber auch begehrenswertes Aussehen. Die schlanken, leicht blassen Finger umfassten zärtlich Mangoldstiele, welche sie sie in Stücke schnitt. Als würde er sie damit überraschen, legte er seine Hände von hinten auf ihre kleinen, festen Brüste und küsste sie auf ihren noblen, langen Hals.
„Hallo Jens“
„Hallo meine Hübsche. Du siehst heute Abend wunderschön aus“, murmelte er, ohne von ihr abzulassen.
„Wie war deine Präsentation?“
Sie drehte sich in seiner Umschlingung zu ihm um.
„Lassen wir das. Freust du dich denn gar nicht mich zu sehen?“
„Wie könnte ich mich denn nicht darüber freuen?“
Mittlerweile standen sie Auge in Auge gegenüber, ihre kleine, leicht konkave und spitze Nase berührte fast seine. Er musterte ihr Gesicht. Der rubinrote Mund war fast so regungslos wie ihre mandelförmigen, grünspanfarbenen und von aufgeweckten Brauen verzierten Augen.
„Ich liebe dich“, flüsterte er. Seine Hand fuhr an ihr hoch. Dann streichelte er über ihre weiche, spiegelglatte Wange. Als sie nicht reagierte, wurde er unruhig und fragte: „Du mich auch?“
„Natürlich tue ich das“, antwortete sie schnell, ohne zu blinzeln.
Er zuckte kurz mit dem Mund, drehte sich weg und fing an, den Esstisch zu umrunden.
„Sie haben meinen Vorschlag abgelehnt. Nicht etwa, weil er nicht gut ist, oder zu teuer. Nein! Sie verstehen ihn nicht. Sie begreifen nicht die Bedeutung für die Firma, die Kunden…uns! Ich habe es satt, jeden Tag diese Menschen ertragen zu müssen, diese Kollegen oder gar selbsternannten Freunde! Wie soll ich mit diesen Menschen zusammenarbeiten, die nicht ansatzweise begreifen, was wichtig und entscheidend ist? Die so…  gänzlich anders sind als ich?“
Er hatte sich auf die S-förmige Couch in der Mitte des Raumes gesetzt und stützte seinen Kopf mit seinen Händen ab, die seine Schläfen umfassten wie Kraken ihre Beute. Die Frau setzte sich ruhig und bedächtig neben ihn, umarmte ihn mit den linken Arm und blickte ihm seitlich aufs Gesicht.

„Mein ganzes Leben… von Anfang an.. begleitet mich dieses Gefühl immer wieder.. muss ich einsehen, dass ich anders bin, nicht dazugehöre. Es ist immer das gleiche ich mache Bekanntschaften und denke, derjenige ist so wie ich, man freundet sich an. Doch früher oder später wird man enttäuscht und muss einsehen, dass es Gräben gibt, die man nicht überbrücken kann. Ich fühle mich wie ein Krokus in einer Asphaltwüste.“
Er blickte nach rechts, durch einen leichten Tränenschleier, in das makellose Gesicht.
„Der einzige Mensch, dem ich mich je ähnlich fühlte, bist du.“
Wie eine Rakete erhob sie sich, blickte auf ihn hinab und sagte ruhig, aber bestimmt:
„Sag so etwas nicht, Jens.“
„Was?“
„Dass nur ich dir ähnlich sei. Das stimmt nicht, und das weißt du auch. Für dich, für jeden Menschen gibt es zig andere, die ihm nahestehen können. Ich habe so oft mir dir darüber geredet. Du fühlst dich unverstanden, weil du erwartest nicht verstanden zu werden.“
„Ich erwarte es nicht nur, ich weiß es von Anfang an. Ich sehe es in ihrem Blick… hochmütige Verachtung… imponierte Furcht… pures Unverständnis. Aber bei niemandem fühle ich das, was ich bei dir empfinde…“
„Du weißt weshalb das so ist. Das ist keine Lösung. Du fühlst dich von deinen Träumen verstanden. Ich bin nicht das, was du wirklich suchst.“
„Sag das nicht!“
Er stand auf, umfasste sie an der Hüfte und legte seine Wange an ihre. Leise sprach er an ihr Ohr.

„Du bist genau die, die ich gesucht habe. Du bist viel mehr als ich, so viel schöner, so viel weiser, so viel besser. Du bist perfekt!“
Jedes einzelne Wort spitz ausformend, raunt sie über ihre Lippen: „Ich bin perfekt weil du mich so gemacht hast!“
Ruckartig und sofort bereuend stößt er sie von sich weg, was sie nur für den Bruchteil eines Augenblicks schwanken ließ.
„Du bist so viel mehr als das, was ich dir gab. Du bist die Person, die sich ihr Leben aus dem gestaltet hat, was sie vorfand, die eigene Erinnerungen hat und Ziele. Du bist nicht perfekt geschaffen worden, du hast dich dazu gemacht. Du hast dein Leben, unser Leben geprägt. Du bist der Mensch, der du sein willst!“
„Es muss aufhören, Jens. Nichts wird wahr dadurch, dass du es ständig wiederholst. Ich bin nur zu einem Zweck hier. Aber es schadet dir, es hindert dich daran, dich zu verändern, zu werden, wer du sein kannst. Du musst dich von mir losreißen.“
Sekunden der Stille ließen die Luft gerinnen.
„Du… willst nicht mehr bei mir sein?“, fragte Jens ungläubig, leicht in sich zusammensinkend.
„Du weißt das ich das nicht kann. Ich will an deiner Seite sein.“ Für einen Augenblick schwieg sie, schloss in Zeitlupe die Augen und öffnete sie wieder. „Aber ich kann auch nicht akzeptieren dass du durch meine Nähe, meine Existenz, Schaden nimmst. Es kann nicht mehr so weitergehen – du weißt, was du tun musst.“
Jens‘ Blick erstarrte kurz, dann weiteten sich seine Augen, sein Mund stand offen. Seine Haut wurde knochig weiß, während er einen Schritt nach dem anderen rückwärts setzte.
„Nein. Nein! Ich brauche dich! Was wäre ich ohne dich? Ich kann nicht ohne dich leben!“
„Das ist kein Leben wie du es führen solltest! Solange du bei mir bist, lebst du nicht wirklich. Du musst es tun und du wirst es schaffen. Traue dich nur diesen einen Schritt.“
„Ohne dich sterbe ich… “
„Nein, erst ohne mich beginnst du zu leben… wenn du es nicht für dich tun willst, dann für mich. Ich zerbreche hieran. Solange es mich gibt, werde ich bei dir sein wollen, dir alles geben was ich habe, dich glücklich machen. Aber ich werde dich auch vor mir und was ich mit dir tue schützen wollen. Es zerreißt mich, es verletzt mich, verbrennt mich – bitte befreie mich davon! Bitte!“
„Ich kann es nicht.. ich liebe dich.“
Anstatt zu antworten, lief sie auf ihn zu, küsste energisch seinen tränenbenetzten Mund und fasste seine Hände mit den ihren, ihre Finger ineinander verschlungen. Starr und angespannt blieb ihr Stand, während er vom Trost des Kusses langsam weich wurde und so an Haltung verlor, wie seine Leidenschaft zunahm.
Schlagartig änderte sich dies, als sie seine Hand, welche sie zuvor anscheinend anspornend zu Liebkosungen führte, auf ihrem Hinterkopf fixierte. Ein kurzes Kräftemessen, bei dem beiden die Tränen kamen und die Gesichter schmerzverzerrt wurden, entschied sie für sich. Am Zielpunkt angekommen, führte sie seine Finger zur Erlösungstaste. Sie zögerten, hielten den Atem nach, blickten sich in die feuchten Augen. Eine Träne löste sich bei ihr und fiel auf seinen Hals.

Dann drückte er zu.
Sie sank zu Boden wie eine Marionette ohne Fäden.
Es war totenstill um Jens.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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