Peter Kröger

Wannsee


Sicher, vor allem war es die Lust, die mich regelmäßig nach Wannsee trieb, der See war ein Kleinod, und manchmal saßen wir am Ufer und schauten den Segelbooten hinterher, aber im Grunde unseres Herzens waren wir von Lust erfüllt, Hertha stärker als ich, viel stärker sogar, denn während ich mich als Mann aus gutem Hause wenigstens auf einer Parkbank zusammenreißen konnte und in den sogenannten Pausen zwischen den Gängen milde Worte über das Wetter oder das Verhältnis von Alter und Weisheit fand, verließ Hertha nie die Pfade ihrer schwülen Gedankenwelt, die immer nur das Eine erwog und beackerte. In den dürren Momenten promenierender Enthaltsamkeit schlurften ihre hübschen grünen Wildlederschuhe unruhig über staubige Wege und beschattete Alleen in Erwartung wiederkehrender Sinnesfreuden. Ihre grünen Augen blitzten, wenn sie in ein Fischbrötchen oder gar in ein Ahornblatt beißen mochte, bis ihr im Überschwang heiße Tränen der Wollust über die Wangen rannen. Dann war es soweit, den Rückweg in die nicht weit entfernte, schöne Villa mit Seeblick anzutreten und im geschmackvoll dekorierten Ruheraum Zuflucht zu suchen hinter Jalousien aus Stahl, um den Rest des Tages einvernehmlich zu verbringen und uns zu laben.
Aber alles endet einmal, und so endeten auch die Wannseeausflüge, wie sie begonnen hatten: in einem Wust aus Wahnsinn und Wandertrieb. Ich begann eine Ausbildung als Ofensetzer in Wittmund, Hertha folgte einem Ruf als Pflückerin in die Obstmetropole Jork und verkaufte die Villa samt Ruheraum, Jalousien und Seeblick für einen guten Preis. Lange schrieben wir uns, bis wir es vergaßen. Der schöne Ortsteil Wannsee blieb mir in guter Erinnerung. Und ich denke an die Lehre, die ich aus jenen frohen Zeiten in die Gegenwart hinüberrettete: Allem Menschlichen wohnt Lust inne; jedem begegnet sie. Ein langes Schlurfen von Jork nach Wittmund, vermute ich. Dann höre ich eine Lüge.

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