Stefan Läer

Der Job

Es war ein grauer fieser Endzeitmorgen im Februar und Ali blätterte wie üblich durch das Spaceport Magazine der NASA.

„Schaust du schon wieder nach Stellenanzeigen?“, fragte Sarah genervt und warf ihm den fertigen Toast auf den Teller. Ali nickte nur knapp, ohne jedoch von seiner Lektüre aufzuschauen.

„Weißt du, was du statt deiner Spinnereien besser tun könntest? Mit mir reden!“

„Mit dir reden?“, fragte Ali mit gespielter Verwunderung. „Mit dir reden … Na gut: Hier zum Beispiel ist eine Stelle, die exakt für mich gemacht ist.“

„Schön, dass ich das auch erfahre. Wieso schaust du immer nach diesen völlig überdrehten Stellenangeboten, auf die sich sowieso Tausende von Experten aus ganz Amerika und dem Rest der Welt bewerben. Glaubst du allen Ernstes, du hast da eine Chance? Überhaupt verstehe ich nicht, was du da immer suchst. Du solltest zufrieden damit sein, dass du Luft- und Raumfahrt studiert hast, ein bodenständiges Leben als Journalist führst und deine Familie ernähren kannst. Was bitte willst du im Weltall oder noch schlimmer: in Amerika?“

„Sarah, du weißt genau, dass ich immer den nächsten Schritt gehen will. Ich muss nach den Sternen greifen, wenn sich die Chance bietet. Ich schwöre dir, diese Stelle hier ist wie für mich gemacht!“ Ali starrte noch immer wie gebannt auf sein Magazin und würdigte Sarah keines Blickes.

„Schlag dir das mal direkt aus dem Kopf! Erstens gehe ich nicht nach Amerika und zweitens schaffst du das sowieso nicht.“

„Ach komm schon: Tobi und Kata sind doch schon groß. Sie würden sich bestimmt freuen. Du kennst die Anzeige doch noch nicht einmal, wie kannst du dir dann ein Urteil erlauben?“

„Schatz, das ist die NASA. Ich kann es mir einigermaßen vorstellen. Aber bitte, wenn du dich dann leichter fühlst: Lies sie mir vor!“

„Na prima, warum nicht gleich so? Ich übersetze: Die Nationale Aeronautik- und Raumfahrtbehörde sucht zum ersten April noch Freiwillige, die sich für die Erforschung der Marsmission bereiterklären. Es erwartet Sie die totale Abschottung von der Außenwelt für acht Monate auf einer Fläche von elf Metern Durchmesser zusammen mit anderen Freiwilligen zur Erforschung des menschlichen Sozialverhaltens unter widrigsten Bedingungen.

Ihr Profil: Sie sind ein

- harter Mann

- echter Mann

- ausdauernder Mann

- ein Mann, der sich und seiner Sache treu bleibt

- ein Mann, der über Grenzen geht

- ein Mann, der leidensfähig ist

- Nerven wie Drahtseile hat und

- keine Probleme mit dem Leben in einer Scheinwelt.

Wenn das alles auf Sie zutrifft, freuen wir uns auf Ihre Bewerbung!“

Sarah verdrehte ihre Augen. „Ja sicher. Und morgen lernen Schweine fliegen. Wie um alles in der Welt kommst du darauf, dass ausgerechnet diese Stelle exakt für dich gemacht wäre? Übrigens, dein Toast ist kalt.“

„Na überleg mal ganz scharf! Ich erfülle wirklich alle Anforderungen. Ich bin ein harter, echter, ausdauernder Mann, der sich und seiner Sache treu bleibt, über Grenzen geht, leidensfähig ist, Nerven wie Drahtseile hat und keine Probleme mit dem Leben in einer Scheinwelt.“

„Bist du jetzt von allen guten Geistern verlassen?“

Zum ersten Mal an diesem Morgen hob Ali seinen Blick und schaute Sarah nicht nur ins Gesicht, sondern fest entschlossen in die Augen. „Nein Schatz, ich bin Fan des 1. FC Köln.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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