Wolfgang Küssner

Der Aufstand der Hieroglyphen

Keine Angst, diese Geschichte handelt nicht von griechischer Mythologie; von keinem Kampf der Hieroglyphen gegen die Spartaner oder Argonauten wird zu lesen sein. Ebensowenig soll von einem Aufbäumen gegen Ramses oder Nofretete hier erzählt werden. Die Bewohner der spanischen Atlantik-Insel El Hierro verhalten sich übrigens ruhig, gleiches gilt für die mehr als eine Millionen Menschen in der atomwaffengeschädigten Stadt Hiroshima. Dennoch kann hier über einen Aufstand, den Aufstand der Hieroglyphen geschrieben werden. Die Existenz dieser alten Zeichen als Mittel der schriftlichen Kommunikation, liegt zwar – zugegeben - schon einige Jahre zurück, der Begriff macht sich aber in der Überschrift einfach besser. Und nebenbei: So manch ein Versuch, eine Handschrift – meine eingeschlossen - zu lesen, zu entschlüsseln, kommt der Hieroglyphen-Forschung sehr nahe. Aus den anfänglichen griechischen oder ägyptischen oder was auch immer Hieroglyphen sind längst gut lesbare Buchstaben geworden, ganze Alphabete entstanden.

Und jetzt brodelt es im Hause des Alphabets. Sie proben nicht  nur den Aufstand, nein, sie praktizieren ihn, die Nachkommen der Hieroglyphen, die Buchstaben. Das mußte ja eines Tages soweit kommen, zeichnete sich bereits mehrfach in der Geschichte der jüngeren Vergangenheit ab. Gut 500 Jahre Buchdruck, wenn wir die frühen asiatischen Experimente mal ausser Acht lassen; gut 300 Jahre Schreibmaschine; 80 Jahre Fernschreiber, 30 Jahre Internet und 12 Jahre Facebook haben von den Buchstaben in ihren unterschiedlichen Konfigurationen viel Geduld abverlangt. Von Trivialliteratur, von immer wieder gefälschten Dokumenten, von menschenverachtender Berichterstattung soll an dieser Stelle gar nicht zu lesen sein. Die Buchstaben scheinen jetzt vom Diktat der Finger die Schnauze voll zu haben. Sie melden Protest an. Sie demonstrieren, setzten sich zur Wehr. Zu welch irren Texten,  Verrenkungen, welchem Schindluder wurden sie in der jüngeren Geschichte immer wieder gezwungen; für verdammt wirres und überflüssiges Zeugs mußten sie ihre guten Lettern opfern. Damit soll nun endgültig Schluß sein. Und es ist nachvollziehbar.

Angefangen hatte alles ganz harmlos. Es wurde immer akzeptiert, daß nicht jedes Wort alle Buchstaben des Alphabets beinhalten konnte; daß es gewisse Unterschiede gab. Doch dann kam die Tastatur der Schreibmaschine mit klaren Vorzugsplätzen in der Mitte und weniger stark frequentierten Buchstaben in Randlagen. Da stellt sich die Frage: Hätten diese eine groeßere Chance zum Einsatz gehabt, wären sie auf dem Tablau besser platziert gewesen? In Ansätzen nachvollziehbar, oder? Als im 19. Jahrh. der Amerikaner Sholes die Tastatur der Schreibmaschine neu ordnete, war er nicht von der englischen Schreibweise ausgehend aktiv geworden, sondern ordnete die häufigsten Buchstaben über das Tastenfeld verteilt an. So kam es zu Randlagen für Q oder P, für Y oder M, die jetzt natürlich ihre Benachteiligung reklamieren. Das angeblich neue, revolutionäre Internet hat die Anordnung und damit die Diskriminierung simpel übernommen. Vielleicht koennte sich der eine oder andere solidarisch zeigen und die Lettern in den Randlagen stärker in seinen Texten berücksichtigen. Das P: Ein partiell pingeliger doch pfiffiger polnischer Pope protestierte piepsend und ohne Probleme über die Politik der politischen Parteien an Poznans Peripherie. Oder das Z: Zweiundzwanzig zwitschernde, zitronengelbe Zugvoegel zittern zufällig zwischen Zürich und Zug dem Ziel entgegen. Beispiel Q: Ein Quantum quakender, quietschender sowie quengelnder und querkoepfiger Querulanten verlangt nach erquickendem Quark von Qualität. Quatsch? Siehe unten.

Einige Leser werden sich noch an die Buchstaben von Letraset erinnern, die man von der Folie abrubbeln und auf einer Druck-vorlage in Position bringen, platzieren konnte. Einige Buchstaben gab es massenhaft, andere dagegen echte Raritäten. War es die Absicht, einzelne Buchstaben zu diskriminieren; oder einfach nur Geschäftstüchtigkeit, die zum Kauf neuer Bogen führte, oder war die Grundlage dieser Konstellation die Häufigkeit der einzelnen Lettern in der deutschen Sprache? Wie für alles, so gibt es auch auf diese Frage eine Antwort im Internet. Der Buchstabe E führt das Ranking in deutschen Texten mit 17,4 % an, gefolgt vom N (9,78 %) und vom I mit 7,55 %. Logisch, wenn man bedenkt, wie häufig die drei auch noch enge Verbindungen eingehen. Es folgen die Buchstaben S, R, A und T. Im Mittelfeld liegen L, C, G und M mit 2,53 % und das Ende bilden Z, Y, X und Q mit nur noch 0,02 % (siehe oben). Ist damit nun die Aussenposition gerechtfertigt oder der Protest angemessen und berechtigt. Was kann das Q für die wenigen Worte mit diesem Buchstaben?

Es soll Menschen geben, die das Scrabble-Spiel für lehrreich, für informativ etc. halten. Für den Buchstaben A gibt es einen Punkt, gleiches gilt für ein E; ein platziertes F würde dem Spieler schon 5 Punkte bringen, ein Y 8 und ein Q gar 10 Punkte. Hat das Spiel nun etwas mit Gleichwertigkeit der Buchstaben zu tun? Auch nicht wenn weniger stark frequentierte Buchstaben hoeher bepunktet werden? Nein, die Diskriminierung wird fortgeschrieben und durch eine hoehere Punktzahl gar noch manifestiert. Und das sollten sich die Buchstaben nun über all die Jahre gefallen lassen? Der Protest hätte schon viel zeitiger kommen müssen.

Gab es das schon früher, oder begannen die Abkürzungen, die Verstümmelungen erst mit dem Fernschreiber: AWS, DKS, MfG etc. Auf Wiedersehen. Dankeschoen, Mit freundlichen Grüssen. Etcetera – also und so weiter und so fort. Und beim Simsen in der Jetztzeit heißt es – ach wie romantisch - ILD (Ich liebe Dich), oder BLBR und meint Bussi links, Bussi rechts. Haduluaueibi? Das ist keine Fremdsprache (wirklich nicht?), sonden will in Kurzform die Frage an den Adressaten stellen: Hast Du Lust auf ein Bier? Hat der Leser eine Ahnung, was das Zeichen +:-) bedeuten koennte? Der Papst ist gemeint. Oh!

Der Aufstand der Buchstaben ist verständlich. Auf inhaltlichen Schwachsinn soll hier gar nicht eingegangen werden. Es muß der Ehrlichkeit halber aber auch erwähnt werden, untereinander sind sich die Buchstaben nicht ganz grün. Die Konsonanten führen Klage, das einige Worte zu viele Vokale beinhalten; wie zum Beispiel: Seeaalgelee, Olivenoel, Meeresungeheuer, Emalieofen, Seeanemone oder Oleanderbeete. Dann führen sie ins Feld, es gäbe Worte die sämtliche Vokale enthalten würden, wie z.B. Magenmilchjoghurt (sogar in der richtigen Folge) oder etwa der Biobananenbauer. Aber andererseits gäbe es kein Wort mit sämtlichen Konsonanten. Bei den Vokalen kam die irre, schon provozierende Forderung auf, die Konsonanten müßten bei ihrer eindeutigen Überzahl im Alphabet doch in der Lage sein, mehr Worte ohne Vokale zu kreieren, als pst und pscht und diese komische Adria-Insel Krk. Von den Typen auf Sylt einmal ganz abgesehen. Das soll nun einer verstehen?

Was ist mit den Umlauten? Wo ist der Aufstand der Umlaute? Sie hüllen sich in Schweigen und tragen – den Sternen eines Fußball-Weltmeisters gleich – zwei Punkte über ihrem Vokal. Bei einigen Tastaturen – wie dieser hier zum Beispiel – ist das O mit den beiden Pünktchen unbekannt. Kein Problem, flexibel sein. Das O holt sich einfach das E an die Seite und im Text kann es lustig weitergehen.

Autoren sollten aus einem X kein U machen wollen, oder etwas anders formuliert, die Felder der Tastatur, die einzelnen Buchstaben, werden immer unterschiedlich oft frequentiert werden. Unsere Sprache wird, von noch so vielen Anglizismen getränkt, fast betrunken, sich nur bedingt ändern. Autoren sollten allen Lettern des Alphabets Respekt zollen und sie würdig verwenden. Auch Worte wollen genau überlegt sein, die stolzen Worte nicht den Verstümmelungen, dem Spaß in sogenannten sozialen Netzwerken opfern. Es geht um Inhalte. Die Buchstaben haben Ahnen, die Hieroglyphen - und wenn die erst den Aufstand praktizieren, dann Gute Nacht, dann gerät die gesamte Kultur ins Schwanken..

 

Dezember 2016

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