Niklas Götz

Heimatwallfahrt

„Kommen Sie von hier?“
Der Mann schaute ihn von der Seite an, als ob der Verkehr vor ihnen inexistent wäre. Er selbst schwieg, in die Ferne starrend.
Der Taxifahrer zwickte kurz die Augen zusammen, scheint einen Moment nachzudenken.
„Haben Sie das sprechen verlernt, oder was ist los mit Ihnen?“
„Ich bin nicht…nicht mehr von hier.“

Still und mit sanftem Schritt durchschritt er das gusseiserne Tor. Bedächtig, ohne Regung und fast gebrochen war sein Blick, als er das Hauptschiff entlang blickte.
Wo Dunkelheit gewesen ist, herrschte nun Licht. Wo Licht gewesen ist, da war nun Gold. Wo Schönheit gewesen ist, da war nun Prunk. Alles ganz verkehrt.
Er wandte sich zur Seite. Auch dort, wo die Gotik an das romanische Hauptschiff prallte, das alte Neue auf das noch viel Ältere, hat neues Altes Einzug gehalten. Die nach Höhe strebenden Spitzen und die monumentale, imperiale Macht vereint durch zerbrechlichen Neuzeitstuck in eiskaltem Eierschalenweiß. Wie in einem überbelichteten Albtraum.
Langsam, fröstelnd staunend, durchquert er den Gang, vorbei an den Fenstern, die noch gleich geblieben waren. Die kargen Rahmen der Fünfziger passten schon damals nicht in die nach Farben schreienden Spitzbögen, als er mit fünf oder sechs Jahren hier zum ersten Mal vorüberschritt, fasziniert von der Stille und Macht dieses Ortes. Das verzehrende Verlangen der Fenster nach Buntglas, das fahle klare Licht, das den Boden küsste und der nüchterne dunkle Lack erhoben diesen Raum in stille, noble Einfalt. Was war er als Kind, als junger Mann ergriffen davon.
Seien Hand streifte über den weißen Anstrich der Pfeiler. Er spürte noch die Kälte des nackten Sandsteins darunter. Jene, die alles Licht schluckte und mystische Düsterkeit erzeugte. Die den Schall unerbitterlich zum Erzeuger zurückwarf. Die keinen Sommer oder Winter kannte, sondern nur ewige, tausendjährige Kälte. Die einen feuchten, modrigen Geruch nach Ewigkeit verströmte, der ihn früher immer willkommenhieß.
Er schloss die Augen und fühlte tiefer. Das, was vorher hier war. Es ist nur noch ein Gefühl. Nur für ihn. Die Welt kümmerte es nicht. Es war lediglich eine gute Begründung für Veränderung, dass das was sein sollte, nicht mehr ist, sondern genommen wurde und das jetzige bliebig ist. Aber nicht für ihn. Es ekelte ihn langsam an, hier zu sein. Er kam nicht, um zu staunen, sondern um zurückzukehren. Doch alles was er sah war eine Schändung seiner Erinnerung. Nichts war, wie es sein sollte. Noch ehe Wut in ihm aufstieg, ging er weiter, in der Hoffnung, sein Gefühl mit Eindrücken zu ertränken.
Vorne angekommen, stieg sein Blick gen Himmel. Hoch erstreckte sich die Wand des Hauptschiffs um ihn, kleine romanische Fenster nur gaben der Außenwelt keine Chance, einzudringen. Über allem thronte die Decke, die sich wie ein Meer erstreckte. Ihre Größe zwang den Betrachter dazu, sich klein zu fühlen. Es brauchte nichts von draußen, denn die Weite der Unendlichkeit war hier. Die Decke war weit wie der Himmel, und wie in ihm konnte man sich in ihr in endlosen Reisen verlieren.
Doch auch hier war die magische Schönheit des Kargen verschwunden. Jene, die ihn einst ergriff, als er öfter hier war. Sie wich großen Bildern an Decke und Wand. Wenig ähnelten sie dem, was zur Geburt des Raumes den Stein bedeckte. Das wollten, sollten sie auch nicht. Sie waren Stigmata der Vernichtung, des Wiederaufbaus, des schwer bepackten Aufbruchs. Ein neues Leben auf altem Fundament. War das möglich – oder ist es nur eine Lüge?
Am Altar versteckten Stuck und Gold die Spuren der Jahrhunderte. Es ist ein wunderschöner Betrug, wie eine Witwe in Brautschmuck. Einst sollte nur das Licht diesen Ort aus der dunklen Halle hervorheben, nun war alles von fremden Weiß bedeckt und strahlt überall hin, auch an die Stellen, die nur der Dunkelheit versprochen waren. Der Raum war bedrohlich ehrlich.
Dies war nicht der Ort, den er kannte. Es war ein bestucktes Schreckgespenst. All das Neue, Schöne, Prunkreiche konnte die Wahrheit des Vergangenen nicht verdecken. Seine Hässlichkeit, aber auch seine Wirklichkeit. Das was sein sollte war nicht nur schön, aber es war echt. Alles andere war ein viel zu süßer Traum. Das Alte musste dem Neuen weichen, zum Preis seiner Seele. Gefällig war es nun, angenehm und lieblich. Doch es brach dadurch mit sich selbst, mit dem was es solange gewesen ist und für die Menschen war.
Er erkannte diesen Ort kaum wieder, konnte sich kaum noch vorstellen wie er hier damals war, was er fühlte und was dies in ihm auslöste. Es wurde schwerer für ihn je länger er hier stand und all das Neue sah, das monumentale Betontabernakel, das das Herz dieses Doms zerquetschte und seines mit ihm. Es wurde aber auch schwerer weil er sah, dass er mit diesem Ort alles und nichts gemeinsam hatte.
Er blickte auf seinen Anzug hinab. Auf seine Schuhe und die Krawatte mit dem Kunstbrokat.
Es gab hier mehr als eine Lüge.

„Nicht mehr von hier…Sie sind ein komischer Kauz!“
„Und Sie sind aufdringlich.“
Der Taxifahrer ignoriert den Kommentar. Er wirft einen blick auf die kleine mazedonische Flagge, die sich farblich mit der Deutschlandüberziehsocke des Rückspiegels ergänzt.
„Was ist Ihnen denn zugestoßen?“

Langsam, immer schneller ging er den Mittelgang hinab. Er ignorierte die wenigen Menschen, die auf den Bänken sitzen, genauso wie die mächtige Orgel, die über ihm schwebte. Nur die großen Steinfiguren an den Säulen erhaschten seine Aufmerksamkeit. Für einige Sekunden wurde er langsamer, haftete mit seinen Augen an ihren Gesichtszügen. Es waren dieselben wie vor hunderten Jahren. Dieselben wie vor sechs Jahren. Es waren dieselben Gräber der immer selben Bischöfe.
Nichts hatte sich an ihnen verändert. Der Blick traf ihn wie eh und je, der Blick eines Lebens in Aufopferung und Bestimmung, das nie infrage gestellt wurde und in Pflichtbewusstsein für die Seinen ausgeführt wurde – zumindest wollte dies der Bildhauer vermitteln. Mahnend nun war der Blick des toten Steins, forderte Verehrung und Nachahmung. Wie alte Freunde waren sie für ihn, die er schon Ewigkeiten nicht mehr sah. Tote, treue Freunde. Solche, die nichts erwarten, ewig an seiner Seite bleiben. Die ewig bleiben.
Möglichst unbemerkt von den Angestellten am Empfang schlüpfte er durch das Tor wieder nach draußen und stieg die Treppen hinab, um die Fußgängerzone zu durchqueren. Er sah viel Vertrautes wieder und nahm es kaum bewusst war, als würde er träumen und seine Umgebung als selbstverständlich wahrnehmen. Einzig ein paar gesichtslose Geschäfte wurden durch andere noch gesichtslosere Geschäfte ausgetauscht, die er jedoch gekonnt übersah. Es schien so alltäglich, als würde er von seinem Schlafzimmer zum Bad laufen – wenn er nicht immer in einem anderen Hotel schliefe.
Er atmete tief durch, genoss die letzten Sonnenstrahlen des Jahres und den Geruch frischen Zwetschgenkuchens, der sich von einer Bäckerei verbreitete. Sie stand direkt neben dem alten Brunnen, und die Auslage in ihrem Schaufenster ist so altbekannt – von dem neuen Hinweis auf Free-Wifi abgesehen -, dass er das Gefühl hatte, nur hineingehen zu müssen um einen fertigen Beutel mit seinem täglichen Einkauf zu erhalten.
Schlussendlich kam er auf der alten Steinbrücke über den Fluss an. Von hier aus konnte man jedes Wahrzeichen der Stadt sehen, und sie alle waren von außen unverändert. Selbst die Türme des Doms standen dicht gedrängt und in buttergelb sich über die Dächer erhebend. Ein, zwei neue Bürogebäude waren da, aber auf die brauchte er ja nicht zu achten.
Stattdessen besah er die Brücke mit ihrem mittelalterlich groben Pflastersteinen, dem niedrigen Geländer und der kleinen Mühle, an der sich zu jeder Jahreszeit die Weintrinker drängen und den Fahrradfahrern jedes durchkommen erschwerten, so auch heute. Er erinnerte sich wie oft er hier auch mit Freunden stand und trank, bis in die Nacht hinein wenn es kühler wurde und man darauf achten musste, dass nicht einer zu viel getrunken hatte und in das Wasser fällt…oder springt. Genauso gut könnte das auch heute geschehen, einzig der Absturz ins Wasser würde noch unsanfter werden, denn einer der Bögen der Brücke wird nun saniert und ist trockengelegt. Ja, warum sollte er nicht, wenn er heute zurück ist, einen seiner Freunde aufsuchen und dort weitermachen, wo man aufhörte, bevor er ging? Ja, es ist schwer gefallen, Kontakt zu halten, und manch falsches ist auch geschehen. Aber nun war er wieder da. Nun konnte es weiter gehen. Alles konnte so sein, wie es damals war.

„Es ist grausam, wie Zeit alles vernichtet“, flüstert er.
„Vieles bleibt auch.“
„Das macht es noch viel schlimmer.“

Das ruhige Viertel mit den zahlreichen Mehrfamilienhäusern am Ausläufer der Innenstadt war still an diesem Nachmittag, und die immer ähnlich aussehenden Straßen machten es ihm schwierig, den Weg wiederzufinden. Letztlich benötigte er doch Hilfe über die App, um das Haus wiederzufinden, nachdem er bereits die Adresse aus uralten Chats heraussuchen musste. Er wäre nicht überrascht gewesen, Georg nicht dort anzutreffen, wo er zumindest bis vor wenigen Jahren wohnte. Aber er rechnete nicht damit.
Georg war anders als er, er ging nicht einfach, und konnte seine Entscheidung damals nicht nachvollziehen. Georg hatte sich hier eingerichtet, hat hier sein Leben geführt und nie etwas anderes geplant. Georg war die Seele dieser Stadt – zumindest für ihn. Ohne ihn wäre seine Vergangenheit nicht die gewesen, die sie war, ohne ihn wäre er nicht der Mensch, der er nun war, ohne ihn wäre es nicht seine Heimat. Er freute sich darauf, zurückzukommen und die Wärme zu empfangen, nach der er sich so lange gesehnt hatte.
Er spürte es, als er die Straße gefunden hatte. Er wusste nicht, weshalb, aber es war richtig, hier zu sein, und sein Gefühl führte ihn auch bis zum Haus. Vorfreude überkam ihn, die Erwartung der Auflösung seiner Anspannung, die er den ganzen Weg verspürte, die Erfüllung seiner Sehnsucht. Er hatte sich schon auf dem Weg mehrmals ausgemalt, wie es ist, Georg in die Arme zu laufen, nach all der Zeit…wie es ist, wieder Verbundenheit zu spüren…und vielleicht Buße zu tun für das lange Schweigen. Und selber ihm Absolution zu geben.

Er ging zum Klingelschild und suchte nach „Hoffmann“. Er fand nur ein Schild mit der Aufschrift „Hoffmann & Kramer“. Das konnten auch sehr gut Nachmieter sein, denn Georgs Name ist sehr geläufig. Oder ist Georg mit einer Freundin zusammengezogen, ohne dass er je davon berichtet hatte? Andererseits, wann hatten sie zuletzt gesprochen?
Er klingelt. Es vergehen sechs Sekunden, bis sich eine hohe und doch raue Frauenstimme meldet.
„Hallo?“
„Hallo, bin ich hier richtig bei Georg Hoffmann?“

„Er… er ist nicht mehr bei uns. Georg ist vor einigen Wochen bei einem Unfall umgekommen…mit wem spreche ich denn?“

„Mit einem Fremden.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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