Alexander Vogt

Wie die Computerspiele erfunden wurden

Wie die Computerspiele erfunden wurden

 

In Satans Ideenschmiede herrschte rege Betriebsamkeit. Der Herr der Hölle hatte seinen Chefstrategen Luzifer und dessen Kumpane Azazel und Belzebub angewiesen sich einer neuen Erfindung der Menschen anzunehmen, des Personal Computers. Diese für den Menschen segensreiche Erfindung sollte zu seinem schlimmsten Alptraum werden, ihm den Schlaf rauben, ihn knechten, ihn demütigen, ihn...

„SIE SOLLEN LEIDEN! QUALEN LEIDEN! SEHR LEIDEN! ÄHH, VIEL LEIDEN!“ Schrie der Fürst der Hölle in Luzifers Ohr.

„Sehr wohl, eure Garstigkeit,“ erwiderte der weitaus eloquentere Luzifer betont servil und weitaus weniger laut.

„VERSTEH DAS LUZIFER!“ polterte der Herr der Finsternis weiter: „COMPUTER SOLLEN SCHADEN!“

„Das haben eure Gnaden in euren berüchtigten Dreiwortsätzen unmissverständlich deutlich gemacht!“ nickte Luzifer, dem das Trommelfell in Fetzen hing.

Satan sah seinen Diener lange an. Bei einem intelligenteren gefallenen Engel hätte Luzifer darauf geschlossen, dass dieser gerade nachdachte. Bei seinem Boss Satan aber konnte es auch sein, dass er gerade wieder mit offenen Augen schlief, denn Satans Synapsen lebten in einer sehr offenen Beziehung und kamen nur sporadisch einmal auf ein Stelldichein zusammen. Luzifer hielt dem leeren Blick seines Meisters fünf Minuten lang stand. Als diesem dann ein Speicheltropfen über das Kinn rann und sich von dort wie eine Spinne abseilte, ohne herab zu tropfen, ging Luzifer tatsächlich davon aus, dass der Herr der Hölle eingeschlafen war.

„SIEH MICH AN!“ brüllte Satan darauf und Luzifer zuckte erneut zusammen. „COMPUTER SOLLEN SCHADEN!“

„Ja,“ schrie Luzifer nun weiser zurück. Seine erste lange Antwort hatte Satans Gehirn scheinbar übertaktet, deshalb wählte er jetzt bessere Worte. „Computer werden schaden! Wir machen das!“

„GUT!“ donnerte Satan, „ICH GEHE JETZT!“

Als die Tür hinter ihm zu fiel, krabbelten Beelzebub und Azazel unter dem Tisch hervor, auf dem die drei zuvor Poker gespielt hatten.

„Der Meister hatte ja mal wieder eine Laune,“ stammelte Beelzebub verlegen, weil er sich versteckt hatte.

„Was sollen wir jetzt tun?“ fragte Azazel, der pragmatischer veranlagt war und blickte hoffnungsvoll den cleveren Luzifer an.

„Wir erfinden etwas!“ erwiderte dieser versonnen. „Was wissen wir über diese sogenannten PCs?“

„Sie stehen bald in jedem Haushalt,“ plapperte Azazel drauf los, „sie erleichtern den Menschen die Arbeit. Rechnen Sachen aus und so. Mit ihnen schaffen die Menschen mehr Arbeit in weniger Zeit!“

„Ist das so?“ grübelte Luzifer und ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. „Damit können wir arbeiten!“

„Hast du schon eine Idee,“ fragte Beelzebub, der wie üblich nichts verstanden hatte. Besonders nicht, ob es gut oder schlecht war, wenn man mehr Zeit in weniger Arbeit – oder wie der Satz war – schaffte.

„Der Mensch nutzt den PC also, um zu arbeiten, ja?“ Luzifer hakte noch einmal bei Azazel nach. Dieser nickte eifrig.

„Dann schreiben wir ein Programm, das wie Arbeit aussieht, aber effektiv keinen Nutzen bringt! Ein Programm, das den Menschen vielmehr davon abhält, wirklich zu arbeiten!“

„Das klingt nach Arbeit!“ sagte Beelzebub, dem nichts Besseres einfiel.

„Da hast du Recht, das wird knifflig!“ sagte Luzifer mehr zu sich selbst, hatte damit aber den debilen Beelzebub über beide Ohren zum Grinsen gebracht.

„Es muss ein Programm sein, das den Menschen fordert! Das ihn beschäftigt, wie ihn auch echte Arbeit am PC beschäftigt,“ fuhr Luzifer fort. „Aber dieses Programm muss dem Menschen Spaß machen, obwohl es Arbeit ist!“

„Verstehe ich nicht,“ gähnte Azazel, den das ganze Gerede über Arbeit ermüdet hatte.

„Ganz einfach! Das Programm muss schnell Ergebnisse liefern, die sonst erst nach langer harter Arbeit zu erlangen sind! So hat der Mensch das Gefühl, etwas geleistet zu haben!“

„Aber er hat es nicht?“ fragte Beelzebub und bohrte sich mit einem Finger im Ohr.

„Nein,“ grinste Luzifer diabolisch: „Passt auf, wir schreiben also ein Programm, das ständig Ergebnisse ausspuckt, Belohnungen für die investierte Zeit des Menschen. Er bekommt von dem Programm Belohnungen am laufenden Band, dass er das Gefühl hat, besonders effizient zu arbeiten! Für die lächerlichste Eingabe auf der Tastatur oder ein paar Klicks bekommt er bereits Belohnungen!“

„Das klingt gut!“ lächelte Beelzebub. „Wenn das Programm fertig ist, darf ich es dann auch haben?“

Azazel gab Beelzebub eine Kopfnuss: „Nein, du Hirni! Das Programm ist doch gefährlich und kein Spiel!“

„Kein was?“ Luzifers Stimme überschlug sich.

„Kein...Spiel?“ wiederholte Azazel unsicher.

„Das ist es!“ lachte Luzifer auf! „Das Programm wird als Spiel getarnt! Ja, das ist es!“ Er tanzte um den Pokertisch. Beelzebub und Azazel sahen sich nur fragend an.

„Also,“ sammelte sich Luzifer bald wieder. „Wir programmieren ein Spiel! Etwas, das der Mensch nicht mit Arbeit verbindet! Etwas, das er gerne macht, um sich abzulenken. Etwas, das ihm gefällt, das ihn optisch anspricht!“

„Aber der Meister hat doch gesagt, es soll dem Menschen schaden,“ erinnerte Azazel seinen Kollegen mahnend.

„Oh, das wird es, Azazel, das wird es,“ lächelte Luzifer verschmitzt. „Also, das ist mein Plan: Der Mensch startet also unser Computerspiel, weil es seine Bedürfnisse befriedigen soll. Sein Bedürfnis nach Entspannung oder Ablenkung. Aber in Wirklichkeit ist es Arbeit! Die beste Arbeit, die der Mensch sich wünschen kann! Er bekommt für alle zeitlichen und gedanklichen Investitionen sofort auf diese folgende Belohnungen.“

„Au ja! Mit guter Musik unterlegt! Ich mag gute Musik!“ klatschte Beelzebub begeistert.

„Und mit schönen bunten Bildchen!“ ergänzte Azazel, dessen Augen plötzlich glänzten.

„Von mir aus,“ sagte Luzifer und konzentrierte sich wieder. „Gleichzeitig muss das Spiel herausfordernde Arbeit sein, damit der Mensch dran bleibt. Je besser er es beherrscht, desto schwieriger muss es werden. Er soll sich richtig damit beschäftigen müssen, um die immer neuen Herausforderungen meistern zu können! Er soll in seiner >Arbeit< aufgehen! Ja, er soll das Gefühl bekommen, immer besser in dieser >Arbeit< zu werden, besser auch als andere, die das gleiche Spiel spielen.“

„Warum? Das ist doch anstrengend!“ meinte Azazel, der gedanklich schon am Limit lief.

„Das genau soll es doch sein!“ lachte Luzifer. „Der Mensch, auf der Suche nach Entspannung und Ablenkung, arbeitet wie blöde bei diesem Spiel! Er ackert und ackert, kassiert Belohnung um Belohnung dafür. Wird immer besser, fühlt sich anderen überlegen. Opfert Zeit, um sich zu verbessern in dieser >Arbeit<. Vernachlässigt seine echte, weil weniger spannende, Arbeit. Vernachlässigt seine sozialen Kontakte, weil er eben mit dieser neuen >Arbeit< ein echter Workaholic geworden ist! Verzichtet auf Schlaf, um immer wieder neu den Kick der Belohnung für seine >Arbeit< zu bekommen!

„Das ist grausam!“ grinste Azazel.

„Das ist genial!“ staunte Beelzebub.

„Im Prinzip ist das >Spiel< das wir entwickeln, ein Virenprogramm nicht für den PC, sondern für den PC Nutzer! Ein Virenprogramm bringt nämlich den PC dazu, die gleichen sinnlosen Rechenoperationen unendlich zu wiederholen und legt ihn so lahm! Unser Spiel nun bringt den PC Nutzer dazu, die gleichen sinnlosen Arbeiten unendlich zu wiederholen!“

„Luzifer, darf ich dich Meister nennen?“ fragte Beelzebub beeindruckt.

„Einen Fehler hat das Spiel aber,“ warf Azazel nüchtern ein.

„Welchen?“ fragte Luzifer scharf und blickte Azazel durchdringend an.

„Es werden nicht alle Menschen auf dieses >Spiel< das eigentlich reine Arbeit ist, die sich nur gut verkleidet hat, reinfallen.“

„Nicht?“ fragte Luzifer baff.

„Nur die Männer,“ sagte Azazel sachlich.

Obwohl er keine weiteren Erklärungen gebrauchte, seufzten nach ein paar Sekunden Beelzebub und Luzifer verstehend und O-Ton: „Aah!“

„Man kann nicht alles haben,“ grummelte Luzifer dann. „Immerhin die Hälfte der Menschen wird zum Sklaven des Spiels. Besser: Der Spiele! Für alle soll etwas dabei sein! Für Mathematiker, für Fantasie Fans, für Sportler, für Kämpfer, für Musiker, für Idioten...“

„Davon will ich auch ein Exemplar!“ forderte Beelzebub.

„Bekommst du, Beelzebub, bekommst du!“

„Der Meister wird zufrieden sein,“ lachte Azazel.

„Wir sollten ihm auch ein Spiel schenken, dann belästigt er uns vielleicht weniger,“ überlegte Luzifer.

„Zu dem Spiel für mich!“ unterbrach ihn Beelzebub: „Ich möchte gern ein Ritter sein, der Prinzessinnen rettet. Und die haben alle nix an und finden mich toll. Sie loben mich und so.“

„Ich setzte mich sofort ans Programmieren,“ versprach Luzifer. „Du sagst mir, was ich noch verbessern muss und dann bekommt das fertige Spiel der Meister!“

„Und für mich ein Spiel, wo ich andere abknallen kann!“ forderte Azazel. „Oder Eisenbahngleise bauen. Oder ein Flugzeug fliegen!“

„Deal, Beelzebub und Azazel!“ lachte Lauzifer lauthals. Er stand auf und machte sich an die Arbeit. Echte Arbeit. Zum Schaden aller Mensch... äh... Männer. Immerhin.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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