Ingo R. Hesse

Lora

Die beiden französischen Studentinnen, hatten an diesem Advent-Vorabend schon an einigen Haustüren rund um den Marktplatz geläutet. Bis auf eine, waren all diese Türen geöffnet worden. Und in jede der so unterschiedlich eingerichteten Wohnungen waren sie gebeten worden.

 

Französischen Studentinnen, die zwar sehr gut Deutsch sprachen, aber doch ihren unvergleichlichen Akzent nicht verleugnen konnten, wollten die Weihnachtsmarkt-Anreiner nicht ihr Herz verschließen. Zumal diese jungen Damen sich dafür interessierten, wie man um einen solchen Platz herum die vermeintlich typisch deutsche Gemütlichkeit leben könne. Im Angesicht von Karussells, Auto-Scootern, Glühwein-Ständen, einer großen Veranstaltungs-Bühne, vielen hundert Menschen, die sich zwischen Lebkuchen und Plastikspielzeug drängten, und der davon ausgehenden Geräusch-Kulisse.

 

Unerwartet für die beiden waren dann die meisten Reaktionen ausgefallen. Menschen, die seit Jahrzehnten hier wohnen, hatten sich nicht nur an das Getümmel gewöhnt. Sie freuten sich jedes Jahr aufs Neue darauf und es würde ihnen fehlen, wenn es eines Tages diese Tradition nicht mehr gäbe.

 

Nur das junge Ehempaar, das erst vor Kurzem in die Mansardenwohnung, direkt über dem Kinderkarussell gezogen war, war ziemlich verärgert gewesen. Hätte der Makler sie aufgeklärt, wären sie nicht hier her umgezogen.

 

Aber auch sie waren freundlich gewesen. Und jetzt klingelte Livie an der nächsten Haustür, während Cecyly die Handy-Cam aufnahmebereit hoch hielt.

 

Etwa eine Minute später standen sie in einem pompös im Stil der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts eingerichteten Wohnzimmer, das der Bezeichnung Salon wohl eher gerecht wurde.

 

Und der etwa fünfzigjährige Herr von Stein, führte sie herum und redete ohne Unterlass. Jeweils in den Atempausen von einem Mark und Bein durchdringenden „Lora!“ unterbrochen, dass der riesige bunte Papagei aus seinem wohl auf seine Körperform zugeschnittenen, eng anliegenden, vergoldeten Käfig heraus in den Raum krähte.

 

Dieser Käfig stand auf einem Sekretär, auf dem etliche Fotos einer sehr schönen Frau standen, die die beiden Studentinnen wohl auf knapp dreißig Jahre schätzten.

 

Jeder Versuch der beiden jungen Frauen, endlich zum Thema ihrer Studie und damit ihres Films zu kommen, scheiterte kläglich. Denn Herr von Stein führte sie im ganzen Hause herum und lächelte stolz, während er auf ein weiteres modernes Möbelstück zeigte, in die Kamera.

 

Zunächst war es ihnen nicht aufgefallen. Aber in der sowieso von Brokat und Kirschbaum leicht überladenen Wohnung, standen an den unmöglichsten Stellen, kleine und größere, hypermoderne Möbelstücke aus Chrom, Glas und Kunststoff.

 

„Lora!“ schrie der Papagei wieder einmal. Und Herr von Stein stimmte ein. „Schau her Lora, hier ist so ein Tisch!“ und er wies auf ein Exponat, das sich besonders hartnäckig gegen die optische Integration in die übrige Einrichtung zur Wehr setzte. Aber statt zum Papagei stierte er dabei wieder jovial in die Kamera.

 

Die schlanke, brünette Livie stutzte und warf der etwas fülligeren, schwarzhaarigen Cecyly einen fragenden Blick zu.

 

Aber dann wurde klar, dass Herr von Stein davon ausging, dass dieser Film, weil er von zwei Französinnen gedreht wurde, in Frankreich gezeigt werden würde. Wie es schien, wenn es ihm nach ginge, in ganz Frankreich. Und das täglich mehrfach.

 

„Lora!“ krächzte es wieder aus dem viel zu engen Käfig. Und auch Herr von Stein wurde immer lockerer „Bitte Lora, schau doch her! Alles was Du wolltest, habe ich gekauft. Auch das kleine Auto, dass. ..!“ „Lora, Lora!“ krächzte der Papagei.

 

Livie, die zuerst die Situation durchschaut hatte, warf Cecyly einen verschwörerisch mitleidigen Blick zu. „Ist ihre Lora, denn nur wegen der Möbel ausgezogen?“ fragte sie. „Ausgezogen?“, „Ausgezogen?“ Herr von Stein zog die Worte sehr in die Länge. „Verlassen hat sie mich. Einfach so. Mitten in der Nacht! Einen Brief hat sie hinterlassen. Zu ihrer Mutter in Frankreich, … .“ Herr von Stein rang sichtlich um Fassung „Irgendwo in Frankreich!“. „Lora, Lora!“ bestätigte der Papagei. „Und ich habe keine Adresse!“ vervollständigte Herr vom Stein.

 

„Alles habe ich für sie getan. Für meine wunderbare Lora. Auch den Papagei, ..!“ er gab Cecyly ein Zeichen, das wohl bedeutete, sie möge für einen Moment die Kamera abschalten. Und die junge Frau kam seinem Wunsch nach.

 

„Alles habe ich für sie getan. Alles habe ich ihr gekauft. Alles! Alles! Selbst diesen blöden Papagei, der selbstverständlich ihren Namen tragen sollte. Wo das doch total … !“

 

Es hatte die beiden jungen Frauen einige Mühe gekostet, aus diesem Haus entlassen zu werden. Zudringlich war er ja nicht gewesen, dieser liebeskranke Herr Stein. Aber aufdringlich. Und voller Hoffnung. Die Studentinnen hatten es einfach nicht fertig gebracht, ihm zu erklären, dass er seine Lora auf diese Weise wohl nicht zurückbekommen würde.

 

Dann fiel ihnen der Papagei wieder ein. Und die sehr tierliebe Livie hatte Tränen in den Augen. „Schade, dass nicht alle Loras einfach so zu ihrer Mutter fliegen können!“ Cecyly dachte einen Moment lang nach, dann verstand und nickte sie.

Doch dann standen sie schon an der nächsten Haustür. Und Livie drückte auf den Klingelknopf.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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