Elisa Heureux

Die Dunkelheit in mir

Einatmen. Ausatmen. Pause.

Einatmen. Ausatmen. Pause.

Die Tür ist so nah. Bloß nicht rennen. Du musst sitzen bleiben.

Einatmen. Ausatmen. Pause.

Das beklemmende Gefühl in ihrer Brust, welches ihr die Luft abzuschnüren drohte, durfte nicht die Oberhand gewinnen, nicht jetzt. Langsam drehte sie ihren Kopf zur Seite und zwang sich zu einem Lächeln. „Ich liebe dich!“, drang ein gehauchtes Flüstern an ihr Ohr. Während er sprach und sich seine Lippen näherten, konnte sie die bebende Hitze spüren, die von ihm ausging. Krampfhaft versuchte sie, ihren Fluchtreflex zu unterdrücken. Da war immer noch die Tür und sie schien so nah. Sie spürte einen feuchten Hauch an ihrem Hals. Wenn sie jetzt nichts tat, das wusste sie, würde sie keine weitere Chance haben. Er hob den Kopf, nur um ihn anschließend wieder zu neigen und seinen Mund auf den ihren zu senken. Es war ein altbekanntes Lied, das sie beide spielten und es erschien beinahe zu einfach, sich dem Rhythmus ein weiteres Mal hinzugeben. Hieran würde sie nicht zerbrechen, denn zerbrochen war sie bereits.

Sie versuchte sich an den Anfang zu erinnern. Ein Leben ohne ihn, das war lange her, so lange dass dessen Bilder nur noch verschwommen vor ihrem inneren Auge umher waberten.  Jeder hielt sie für das perfekte Paar, das einen wieder an die Liebe glauben lässt. Jedem erzählte sie, wie er sie vor sich selbst bewahrt hatte. Wegen ihm hörte sie auf, ihre Dämonen im Alkohol zu ertränken und die Taubheit in dunklen Nächten mit fremden Männern zu bekämpfen. Er hatte ihr wieder Hoffnung geschenkt und einen Glauben daran, dass es auch für sie einen Sinn in diesem Leben gab.
Und dann hatte er ihr all dies genommen, in nur einer Nacht. Sie hatte seine tiefen Abgründe gesehen, seine hässliche Fratze, die er so gut verborgen hatte und die sie nun bis in ihre Träume verfolgte. Verzweifelt hatte sie damals versucht die Fassade aufrecht zu erhalten, zu kleben und einfach weiter zu machen. Eine Weile konnte sie sich selbst täuschen und auch ihn, doch langsam fiel ihr Kartenhaus in sich zusammen. Sie wusste das. Ihm war es egal. Es scherte ihn nicht, dass ihr Herz zersprang. Nichts von all dem interessierte ihn, solange sie ihm gehörte. Sie wollte schreien, um sich schlagen, fortrennen, doch da war dieses Ungeheuer, und es saß ihr direkt gegenüber. Auch sein strahlendes Lachen, seine liebevollen Augen und seine niedlichen Grübchen konnten sie nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass in ihm eine Dunkelheit hauste, die alles Gute verschlang. Da saß sie nun, während er ihr mit der einen Hand vermeintlich liebevoll über die Wange strich und mit der anderen fest ihre Kehle packte. Er küsste sie gierig und sie spielte ihre Rolle augenscheinlich bereitwillig, derweil in ihr ein Feuer aus Abscheu und Hass loderte. Wie ein Raubtier auf der Jagd beugte er sich über sie und drängte sie auf das Bett. „Du gehörst mir!“, knurrte er und sie wagte es nicht sich zu rühren. „Sag, dass du mir gehörst!“, brüllte er schon beinahe und drückte ihren Hals noch ein wenig fester zu. Röchelnd rang sie nach Luft, wehrte sich jedoch nicht. „Ja, ich gehöre dir.“, hauchte sie und gab der Müdigkeit in ihrem Inneren nach. Sie sah wie sich ein zufriedenes und zugleich lüsternes Lächeln auf seinem Gesicht breit machte, ehe er über sie herfiel.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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