Olaf Lüken

1963 - Traumurlaub im Ferienheim

Ich bin 64 Jahre alt. Gleichaltrige, die ich bei verschiedenen Gelegenheiten treffe,
schwärmen nahezu unisono von ihren glücklichen Kindertagen bzw. von einer
glücklichen Kindheit. Keine Frage. Ich gönne jedem alles Gute, also auch eine
glückliche Kindheit. Es gibt aber auch gelebte Situationen, die bestimmte Erleb-
nisse und Erfahrungen in ein anderes Licht stellen. Über ein Erlebnis
möchte ich heute berichten:

Schon der Vanillepudding bot einen Anblick des Grauens. Auf seiner blassgelben Haut
hätte man Trampolin springen können. Es war in den Sechzigern. Ich war zehn Jahre
alt und musste brav essen, was auf den Teller kam. Ein Amtsarzt, in dieser Zeit noch
ein Halbgott in Weiß, hatte meinen Eltern eingeredet, ihr Sohn sei zu dünn und einen
vierwöchigen Kuraufenthalt auf Norderney empfohlen: "Damit der Filius mal ordent-
lich was auf die Rippen bekommt." Meine Eltern schwiegen, und schickten mich im
Sommer 1963 auf die Insel. Weder ein majestätisches Bergpanorama noch eine blaue
Lagune erwarteten mich. Das Urlaubsdomizil war kein Trendhotel, sondern ein in die
Jahre gekommenes Kinderheim, in dem ausschließlich Jungen untergebracht wurden.
Ich erhielt einen ersten Schnupperkurs in Kasernierung.
Zu meiner großen Überraschung kam auf den Tisch auch nicht mehr als zu Hause. Das
Essen schmeckte nur schlechter. Deutlich schlechter.
In Erinnerung blieben mir der unsägliche Vanillepudding, eine schrecklich anzusehende
Gemüsesuppe, in der der Porree eines halben Garten herumzuschwimmen schien,
und jede Menge Fisch. Fisch in allen Variationen. Nach dem Essen wurden wir
für zwei Stunden in unsere Sechsbettenschlaufräume geschickt. Die Tür zum Flur blieb
weit geöffnet; so konnte die Heimaufsicht, die deutlich hörbar Patrouille lief, sehen,
ob alle schliefen oder wenigstens so taten. I
Die Welt war in jenen Tagen durchaus nicht still, aber smartphone und laptopfrei. Selbst
der Schwarz-Weiß-Fernseher war nur selten an. Stattdessen gab es in den frühen Abend-
stunden ein Dideldum und Didelda auf der Mundharmonika.
Nach der Morgengymnastik und nach der Mittagsruhe durften wir hinaus zu längeren
Watt-, Deich- und Wiesenwanderungen. Wer den halben Tag unterwegs ist, lärmt vor dem
Zubettgehen weniger. Jener Sommer war ein Insektensommer. Oft plagte mich ein Sonnen-
brand, oder ich litt an Durchfall. Aber mein ganzer Körper war stets mit Mückenstichen
übersät. Am liebsten ging ich zum Strand. Ich genoss die plätschernden Wellen, das präch-
tige Kulissenspiel von Wolken, Wind und Meer, gelegentlich übertönt vom aufgeregten
Geschrei auf- und absteigender Möwen. Manchmal bildete die See eine wild bewegte
eisengraue Wasserfläche, die vor meinen Augen kein Ende zu nehmen schien.
Eines Tages bekam ich von meinen Eltern ein kleines Paket, darin ein Buch, ein Brief
und etwas Naschwerk, das sogleich konfisziert wurde. Die Süßigkeiten sollten später allen
zu Gute kommen. Doch wir Kinder haben nichts davon gesehen, geschweige etwas davon
bekommen.
Es kam der Tag der Abreise, und ich hatte kein einziges Gramm zugenommen und war
untergewichtig wie eh und jeh. Heute denke ich: Flückliche Ferien gibt es nicht, jedenfalls
nicht für Kinder. Auch die häufig zitierte "glückliche Kindheit" ist eine Illusion, eine Mär
für Erwachsene. Denn dem Kind fehlt, was Voraussetzung allen Glücks ist - die Freiheit.
Es ist nicht frei zu bestimmen: "Ich fahre nicht nach Norderney."
(c) Olaf Lüken

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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