Dass ich viel Zeit habe, hat mir noch niemand gesagt. Schlafen, essen, fahren, fliegen, denken, waschen. Was der Tag von mir fordert, versuche ich in möglichst wenig Zeit zu stopfen. Damit ich noch mehr Zeit sparen kann, so rät mir ein schlaues Buch, soll ich Tätigkeiten zu Beiläufigkeiten machen: Im Auto telefonieren, die Post aufgeben und auf dem Rückweg Einkäufe abholen, die ich am Vorabend im Internet bestellt habe. Bewaffnet bin ich mit einem Laptop und einem Smartphone. Ich will jederzeit erreichbar, also zeitnah abrufbar sein. Verkaufssendungen führen mir Küchengeräte vor, die gleichzeitig Steaks garen, Kartoffeln kochen und Kekse backen. Neuerdings liebe ich Hörbücher, um nur keine Minute des Tages mit zeitauf- wändigem Lesen zu verbringen. Laufend mache ich mir Gedanken über schöne Dinge, die ich nicht habe. Ich träume von Geld, weil keins vorhanden. Ich giere nach Zeit, weil ich glaube keine Zeit zu haben. Täglich zeigt mir das Ziffernblatt meines Zeitmessers, dass ich in Zeitnot bin. Die Zeit läuft mir stets davon, sie löst sich auf, und zu keiner Zeit kann ich sagen, wie viel Zeit mir noch bleibt. Die Zeit kennt Eile und wenig Rast. Sie setzt sich nicht hin und trinkt ein Bier, sie schläft nicht und friert auch nicht ein. Zeit scheint mir in jungen Jahren eine Mangelware zu sein. Ich treffe Menschen auf der Straße, die bedauern, dass der Tag keine 48 Stunden hat. Andere begrüßen mich mit dem Hinweis: "Mensch, wie die Zeit vergeht." Und bei mir sehe ich die vielen ungelesenen Bücher, die Stapel von Zeitungen, manche aufgeschlagen und drin herum gelesen. Auf dem Schreibtisch: "A anrufen", "bei B melden" oder "Verabredung mit C verschieben" - handwerkliche Trümmer meines misslungenen Managements, vieles in zu wenig Zeit zu schaffen. Wir sind Smartphonetäter und auch -opfer geworden. Ein Lied aus den 70ern erschallt im Radio: "Zeit macht nur vor dem Teufel halt." Wieso nur vor dem Teufel ? Der griechische Naturphilosoph Heraklit schrieb vor 2600 Jahren, dass man nicht zweimal in demselben Fluss steigen könne, weil alles ständig im Flusse sei."Alles ist Veränderung. Was kann ich tun, um aus der Zeit zu brechen ?
Mir fällt spontan Kurt Tucholsky (1890-1935) ein. Er schrieb eines Tages: "Manchmal o glücklicher Augenblick, bist du in ein Buch so vertieft, dass du in ihm versinkst - du bist gar nicht mehr da. Nichts weißt du von der Welt um dich herum, du hörst nichts, du siehst nichts, du liest. Du bist im Banne deines Buches." In unserer atemlosen Lebenswelt schafft Lesen Oasen für die Seele und Orte für unsere Gefühle und Sehnsüchte. Menschen brauchen solche Erfahrungen, nicht als Flucht aus der Welt, sondern um aus den Bücherwelten wieder aufzutauchen in die Welt sogenannter Lebenswirklichkeit - aber entspannter, gelassener, gestärkt, bereichert und vielleicht auch motivierter. Lesen hat keine Jahreszeit. Und Rituale helfen uns, einen Tag vom anderen zu unterscheiden.
(c) Olaf Lüken (2017)
Erschien im Kölner Stadt-Anzeiger (2005) - Wochenende-Magazin,
und in den: Rheinischen Literatur-Heften Nr. 15 - 2006
Erschien am 10.02.2011 im Online-Magazin "Lebensart" unter "Haben Sie Zeit...?"
Erschien 18./19.4.2011 in der Kölnischen Rundschau unter "Misslungenes Management"
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.11.2017.
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