Andrea Lutz

Die geheime Tür am Ende des Flures

Als Kind lebte ich bei meinen Großeltern in Berlin. Die Wohnung lag im ersten Hinterhaus, Hochparterre. Ein Bad gab es nicht und die Toilette befand sich ein halbes Stockwerk tiefer. Das machte mir nichts aus. Ich kannte es nicht anders. Betrat man die Wohnung, war gleich hinter dem Eingang ein Raum mit Bücherregalen und einer Standuhr mit Glockenschlag. Hier stand der große Schreibtisch meines Großvaters, unter dem ich immer meinen Puppenwagen „parkte“. Von diesem Zimmer führte ein offener Durchgang auf einen sehr langen Flur, an dessen Anfang ein mächtiger gekachelter Ofen stand. Daneben ein Tisch und eine Bank, die sich um drei Seiten des Tisches zog. Vis á vis davon befand sich die Küche, daneben das Schlafzimmer meiner Großeltern und mein winziges Zimmerchen. Der Flur führte noch ein ganzes Stück weiter und dort war es, da es nur im Vorraum, in der Küche und im Schlafzimmer Fenster gab, sehr dunkel. Um nicht ständig das Licht anschalten zu müssen, gab es weder eine Schlafzimmer-  noch eine Küchentür. Nur ein Vorhang wahrte die Diskretion des Schlafzimmers. Ganz hinten, am Ende des langen Flures, hatten sich meine Großeltern ihre „Gute Stube“, das Wohnzimmer eingerichtet. Dieser Raum wurde jedoch so gut wie nie genutzt. Vor dessen Tür hing ein schwerer Gobelin, mit einem Muster ähnlich wie die Tapete im Flur. Wer nicht wusste, dass sich hier noch ein Zimmer befand, hätte es bestimmt übersehen. Tatsächlich spielte sich fast das ganze Leben im vorderen Bereich der Wohnung ab, zumal dort die einzige Wärmequelle in Form des bereits erwähnten Kachelofens war. Meine früheste Erinnerung an die Tür am Ende des Flures war schmerzhaft und liegt weit zurück.

Zu meinem dritten Geburtstag bekam ich ein Dreirad. Es war Juli, es war heiß, eigentlich die ideale Zeit um Fahren und vor allem lenken zu üben.  Das hätten vielleicht andere Kinder getan. Ich nicht! Ich trug mein Dreirad spazieren. Nichts auf der Welt hätte mich dazu gebracht, meine wunderschönen Vollgummireifen dem Schmutz der Straße auszusetzen. Zu Hause stand mein Gefährt brav neben meinem Puppenwagen, den ich übrigens auch immer trug. Eines regnerischen Herbsttages war ich mit Opa allein in der Wohnung. Mir war langweilig. Opa meinte, ich könne doch im Flur Dreirad fahren. Dort würden meine Reifen bestimmt keinen Schmutz abbekommen und es wäre schließlich an der Zeit, dass ich dieses Gefährt zu beherrschen lernte. Etwas skeptisch zog ich mein Dreirad unter dem Schreibtisch vor, schob es an den Anfang des Flures und setzte mich auf den Sattel. Zu Beginn führten die Pedale ein Eigenleben. Ich rutschte oft ab und das Lenken stellte ein Problem dar. Aber ich ließ mich nicht beirren und fuhr immer das Stück vom Beginn des Flures bis zum Kachelofen, stieg ab, drehte mein Gefährt um und fuhr wieder zurück. Unsere Hündin Peggy ergriff frühzeitig die Flucht und schaute mir aus sicherer Höhe von der Ofenbank aus, zu. Tja, Übung macht die Meisterin! Es dauerte nicht lange bis das Geradeausfahren wie am Schnürchen klappte! Währenddessen stand mein Opa in der Küche, schnippelte Gemüse, und verbreitete Lobeshymnen über mein fahrerisches Können: „Sensationell, das klappt ja wunderbar! Meine Damen und Herren, demnächst werden sie sehen, wie sich die Fahrerin des roten Rennwagens todesmutig der berüchtigten Avus-Nordkurve stellt …“ Angestachelt durch so viel Lob erhöhte ich mein Tempo und fuhr geradeaus ins Ungewisse, sprich in die Tiefen des dunklen Flures. Plötzlich wurde meine Fahrt schmerzhaft abgebremst. Das Ende der Rennstrec! ke war e rreicht und mit ihm die „unsichtbare“ Wohnzimmertür. Mit Karacho war ich dagegen gefahren. Durch den Aufprall  knallte ich mit dem Kopf an die Tür, zwar wurde der Stoß durch den Vorhang etwas abgemildert, aber es tat trotzdem ganz schön weh. Zumal ich ja nicht mit einem Hindernis gerechnet hatte. Vielleicht dachte ich, dieser Flur nimmt kein Ende? Egal, Opa war gleich zur Stelle um zu trösten. Er nahm mich auf den Arm, ging mit mir in die Küche und kühlte meine Stirn mit einem in eiskaltes Wasser getauchten Waschlappen. Als ich mich wieder beruhigt hatte, trug ich mein Dreirad an seinen angestammten Platz unter dem Schreibtisch. Dann wollte ich natürlich wissen, was denn das für eine Tür sei. Die hatte ich ja noch nie  gesehen! Opa und ich setzten uns auf die Bank am Ofen und dann begann er zu erzählen.

„Du wunderst dich über eine Tür, die du noch nie gesehen hast. Sie ist ja auch ziemlich versteckt dort hinter dem Vorhang. Jetzt möchtest du wissen, was dahinter ist. Natürlich könnte ich dir sagen, dass dort unser Wohnzimmer ist. Das wäre aber nur fast richtig. In Wirklichkeit ist es nämlich ein sehr geheimes DezemberWeihnachtsChristkindKommtZimmer. Und, du kannst mir glauben, solch ein Zimmer haben nicht viele Menschen!“ Ich lächelte ungläubig. Das hatte Opa bemerkt und fuhr fort, „warum hast du wohl bis heute nichts von diesem Zimmer gewusst?“  Ich dachte angestrengt nach, doch mir fiel keine Erklärung ein. Opa schaute mich ernst an: „Na, weil da nichts war. Heute ist der erste Dezember und da ist es doch logisch, dass ein Zimmer das DezemberWeihnachtsChristkindKommtZimmer heißt, auch erst im Dezember sichtbar ist!“ Das fand ich sehr spannend. „Opa, dann können wir doch zusammen mal in das Zimmer gehen und gucken?“,  fragte ich neugierig. „Wo denkst du hin, das geht jetzt auf keinen Fall. Da musst du noch genau dreiundzwanzig Tage und zwei Stunden warten. So, und jetzt wollen mit dem Hund raus gehen!“

Mit diesen Worten stand Opa auf, rief die kleine Peggy und ging, in der einen Hand die Hundeleine, an der anderen Hand mich, nach draußen. Noch nie war mir das Warten so schwer gefallen. Natürlich konnte ich auf meinem Adventskalender sehen, dass es noch dauert, bis die Tür aufgeht und ich freute mich, wenn wieder ein Fensterchen weniger zu öffnen war. Und dann war der ersehnte vierundzwanzigste Dezember endlich da!

Ich hatte schon mindestens zehn Weihnachtsbilder gemalt, doch der Vormittag ging und ging nicht vorbei. Oma hatte ich gebeten, mir immer zu sagen, wenn eine Stunde um war, denn Opa meinte am Morgen, jetzt müsse ich nur noch elf Stunden bis zur Türöffnung warten.  Elf Stunden, das hörte sich sehr, sehr lang an! Als es nur noch zwei Stunden waren, wurde  es mir immer kribbeliger im Bauch. Es war ja so spannend!

Endlich, die Uhr schlug sechsmal. Ich krabbelte unter dem Schreibtisch vor. Dort hatte ich die letzte Stunde zusammen mit Peggy verbracht. Komisch, in der Küche und auch sonst war niemand zu sehen. Langsam ging ich den dunklen Flur entlang. Auf einmal war Opa da, und nahm meine Hand. Jetzt standen wir beide vor dem Vorhang und hörten ein feines Glöckchen zart klingen. Opa schob den Vorhang beiseite und die Tür dahinter ging wie von Geisterhand auf. Fast geblendet vom Kerzenschein eines großen, über und über mit Lametta behangenem Weihnachtsbaumes sah ich zum ersten Mal hinter die geheimnisvolle Tür des DezemberWeihnachtsChristkindKommtZimmers.

Ich wohne schon lange nicht mehr im Hinterhaus. Ich habe ein Bad, eine Toilette und alle Zimmer haben Fenster und Türen. Jeglichen Komfort, den eine Wohnung heute zu bieten hat. Aber manchmal gibt es Tage, da wünsche ich mich zurück. Zurück in eine Kindheit, in der vieles so selbstverständlich und normal, wie die Toilette im Treppenhaus, ist. Und in eine Wohnung, in der es eine Tür am Ende des Flures gibt, die nur im Dezember ihre dahinter liegenden Geheimnisse offenbart.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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