Stefan Läer

Ein toller Schlitten

Klaus Meier staunte nicht schlecht, als er am Abend des dreiundzwanzigsten Dezember völlig gestresst von seiner Arbeit heimkam: Genau an der Stelle, an der er seit fünfundzwanzig Jahren sein Auto zu parken pflegte, stand – ja, er hatte richtig geschaut – ein rot-weißes, mit goldenen Girlanden geschmücktes Etwas, so lang, dass es sogar den benachbarten Parkplatz ausfüllte. Vor diesem Etwas scharrten vier Rentiere in Zweierreihen mit ihren Hufen.

Der Adrenalinschub, der ihn beim Anblick dieses Ungetüms durchflutete, war derart gigantisch, dass er seinen teuren Benz kurzerhand mitten im Wendekreis der Straße abstellte und mit hochrotem Kopf an der Haustür der Nachbarn Sturm klingelte. „Herr Afan“, rief er wutentbrannt, „wissen Sie, wem das da draußen gehört?“ Er deutete auf das rot-weiß-goldene Gefährt.

„Aber ja, Herr Meier, das ist der Original-Schlitten des Weihnachtsmannes.“

„Wollen Sie mich hochnehmen?“

„Sie mit hochnehmen? Aber gern. Wir haben uns so lange nicht mehr gesehen. Kommen Sie doch auf eine Tasse heißen Kakao herein.“

„Jetzt ist es aber bald gut. Hören Sie, Herr Afan, ich bin nicht zu Scherzen …“

„Nein nein, der Herr Afan scherzt nicht. Darf ich mich vorstellen, ich bin der Weihnachtsmann“, drängte sich ein mit rotem Mantel und roter Mütze bekleideter Herr an seinem Nachbarn vorbei.

„Ja und ich bin der Papst. Jetzt hört das Gelumpe aber auf! Gehen Sie sofort zum Wendekreis und fahren Sie Ihr Monstrum da weg! Die Zeiten der Pferdekutschen sind vorbei!“

„Sie meinen meinen Schlitten? Da haben Sie aber großes Glück. Ich wollte nämlich gerade mit Thomas aufbrechen.“

Herr Meier blieben die Worte im Halse stecken. Mit Thomas aufbrechen? Was hatte der selbst ernannte Weihnachtsmann mit dem Nachbarsjungen zu tun?

Doch der Weihnachtsmann las Herrn Meiers Gedanken und kam seiner Frage zuvor. „Thomas ist krank, Herr Meier. Unheilbar krank. Ich werde ihm zu Weihnachten seinen Wunsch erfüllen und ihm die Polarlichter in meiner Heimat zeigen. Es ist sein großer Traum. Wenn Sie wollen, dürfen Sie mitkommen.“

Herr Meier bekam einen Lachanfall. „Es wird ja immer alberner. Aber bitte, Sie dürfen es mir gerne beweisen. Ich habe mich bestimmt sechs Monate nicht mehr so vergnügt wie bei Ihren Ausführungen.“

Der Weihnachtsmann drehte sich zu Thomas um, der inzwischen ebenfalls in der Tür stand, und nickte ihm zu. Gemeinsam mit Herrn Meier gingen sie zu dem Wendekreis, in dem der Schlitten parkte. „Sie müssen allerdings in der zweiten Reihe Platz nehmen, Herr Meier. Thomas gehört die erste Reihe neben mir.“ Höflich öffnete der Weihnachtsmann beiden die Tür.

„Wie viel PS hat der Wagen?“, wollte Herr Meier wissen.

„Vier Rentiere. Das reicht, um uns zum Polarkreis zu bringen. Allerdings können wir hier noch nicht auf Kufen fahren, weil wie immer kein Schnee liegt. Deshalb muss ich jetzt das Fahrwerk ausfahren. Sonst würde ich meine Afrikareisen auch gar nicht schaffen.“

„Gibt es Servolenkung, Klimaautomatik, Einparkhilfe, Sitzheizung, Spurhalte-, Seitenwind-Assistent?“

Der Weihnachtsmann lachte. „Alles nicht. Aber wir haben auch so jede Menge Spaß. Achtung, es geht los!“

Auf Kommando setzten sich die Rentiere in Bewegung, nahmen zügig Tempo auf und stoben schließlich über den Nelkenweg, den sie zur Startbahn umfunktionierten, in den blauen Abendhimmel davon.

Als sie eines Tages zurückkehrten, hieß Herr Meier immer noch Herr Meier, aber den früheren Menschen Herrn Meier gab es nicht mehr. Seinen teuren Benz tauschte er gegen einen Citroën „Ente“ ein und beschwerte sich nie wieder, wenn ein fremdes Auto im Nelkenweg stand. Hohoho!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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