Wolfgang Hengstmann

Bergbauernweihnacht

Winter in Südtirol

Ein leichtes Schneegestöber empfing uns in Bozen. Karl wartete schon am Bahnsteig, um uns abzuholen. Mit seinen 75 Jahren, der hageren Gestalt, seinem wettergegerbten Gesicht und der Gestik hat er eine gewisse Ähnlichkeit mit Louis Trenker, auch seine Sprache hatte nahezu die gleiche Färbung.
Er begrüßte uns herzlich, dann schnappte er sich zwei Koffer und winkte uns, ihm zu folgen. Direkt am Eingang parkte sein uralter Nissan Frontera. Wir luden unsere Koffer ein und nahmen Platz.
„Ihr werdet müde sein, es ist schon spät und ich habe gedacht, ihr schlaft heute unten. Waltraud, Luca und die Kinder sind heute früh gekommen und schon auf der Hütte. Im Finsteren und bei dem Schnee mache ich die Fahrt nicht so gerne. Ich bringe euch dann nach dem Frühstück auch hoch. Josefa hat euch zwei Zimmer hergerichtet.“
Wir waren zufrieden. Die Fahrt von München hatte etwas länger gedauert als geplant, denn der Zug hatte schon bei der Abfahrt bald eine Stunde Verspätung und bis nach Bozen waren gute zwei Stunden daraus geworden.
Karl fuhr die Straße Richtung Meran und bog dann ins Passeiertal ab. Kurz vor St. Martin führte die Stichstraße in ein schmales Seitental bis auf etwa 900m Höhe. Hier liegen auf der Höhe verstreut mehrere Weiler. in einem davon, der nur aus wenigen Häusern bestand, liegt das Geburtshaus von Waltraud und Karl.

Nachdem wir uns frisch gemacht hatten, ließen wir uns in der Bauernstube nieder. Josefa hatte uns alle fest in die Arme genommen und dann eine deftige Brotzeit serviert. Dazu schenkte Karl uns von seinem Selbstgebrannten ein. Der Obstler war recht hochprozentig und ließ uns später wohlig schlafen.
Josefa und Karl bewirtschafteten mit ihren Kindern einen Hof und betrieben im Ort eine kleine Brennerei für hochprozentige Obstschnäpse aus eigenem Obst.

Es fiel uns schwer aus dem warmen Bett aufzustehen, doch der Kaffeeduft lockte uns schnell in die große, gemütlich eingerichtete Küche, wo Josefa gerade das Frühstück bereitete.
„Karl musste noch mal kurz in die Brennerei, die haben dort eine Reparatur. Aber er ist um zehne da, um euch hinaufzufahren.“



Durch den frischen, über Nacht gefallenen Schnee, kämpfte sich der allradgetriebene Nissan den Berg hinauf. Der Weg war schmal und wand sich Meter um Meter den Hang empor. Die Hütte liegt auf 1200 m auf einer Bergschulter. Wir sahen schon von weitem, dass Rauch aus dem Schornstein quoll.
Stefano und Waltraud kamen uns entgegen zum Parkplatz unterhalb der Hütte. Gina und Luca blieben gemütlich auf der Bank sitzen und ließen sich die Sonne ins Gesicht scheinen.
Wir freuten uns alle vier wiederzusehen. Im November bei der Olivenernte hatte Luca ja noch massive Probleme mit dem Rücken gehabt.
„Vorhin, als ich dich vom Parkplatz hochkommen sah, habe ich gleich gemerkt, dass es jetzt dich erwischt hat.“ Luca grinste mich an und machte dann eine schnelle Drehung.
„Guarda, mi sento come se fossi rinato, wie neugeboren.” Wir mussten alle lachen.
Gina hatte unsere Tochter am Arm genommen und war mit ihr im Haus verschwunden. Die beiden jungen Frauen hatten offensichtlich etwas zu bereden.
Ich schaute Waltraud neugierig an. Die zuckte nur die Schultern und meinte „Das sollen sie euch nur selbst erzählen.“ Dann zwinkerte sie meiner Schönen verschwörerisch zu. Ich schaute sie an, doch sie drückte mir nur einen Kuss auf den Mund. Das sollte wohl vorerst genügen.
Offensichtlich wussten bereits alle Bescheid, nur ich stand noch auf dem Schlauch.
Nach dem Auspacken wurde auch ich endlich eingeweiht.
Gina und Stefano erhoben sich und lächelten sich an.
„Sono incinta, ich bin schwanger.“ Gina sagte es leise. „Im Mai ist es soweit.“

„Ist denn euer Haus schon fertig?“, wollte ich wissen. Beide bauten ganz in der Nähe vom elterlichen Hof ein Haus. Solange hatten sie nur zwei Zimmer bei ihren Eltern.
Ich schaute meine Liebste fragend an. Sie nickte nur und meinte dann
„Bis zum Sommer könnt ihr doch unsere Wohnung nutzen. Da ist Waltraud in der Nähe, falls du Hilfe brauchst. Wenn wir vorher noch einmal kommen, wohnen wir eben unten bei Beppe.“
Beppe war Lucas ehemaliger Cantineri und würde sich freuen mal wieder Leben im Hause zu haben. Er war seit einigen Jahren Witwer und mit seinen 75 Jahren noch sehr aktiv.
Gina und Stefano lächelten erleichtert „Danke, das ist lieb. Das Haus soll im Juli fertig werden, allerspätestens Anfang August. Bei uns ist es doch recht eng und mit dem kranken Vater und dem Babygeschrei.....“ Gina wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und umarmte uns.

Waltraud rief: „Il pranzo è pronto da mangiare, arriva. Kommt zum Essen.”
Das ließen wir uns nicht zweimal sagen. Wir hockten uns um den großen Tisch in der Diele. Waltraud hatte ihre Spezialpolenta gemacht, Polenta al tipo di Waltraud. Dazu gab es eine dick eingekochte Salsa di Pomodoro, eineTomatensauce
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300 g Polentagrieß werden in 1 l Wasser ca. 15-20 Minuten bei ständigem rühren gekocht und dann werden 150g geschmolzene Butter, 200g geriebener Peccorino und 100g gewürfelter Bauchspeck untergerührt. Die Polenta wird noch weitere 15 bis 20 Minuten unter rühren gegart. Wenn sich der Teig vom Topfrand löst ist sie fertig.
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Wir verdrückten große Portionen und den Rest gab es am Abend in der Pfanne überbacken.

Nachdem wir noch ein Weilchen die klare Abendluft genossen hatten, gingen wir schlafen. Die Betten waren schmal, daher mussten wir uns eng aneinander kuscheln. Wir hörten noch ein paar Augenblicke die Stimmen aus den anderen Kammern, dann schliefen wir ein.

Früh am Morgen kamen Karl und Josefa von ihrem Hof herauf. Während Josefa mit den Frauen das Essen bereitete, nahm Karl uns Männer ins Schlepptau. Wir stiefelten den Weg zum Waldrand herunter. Hier hatte Karl schon eine Fichte ausgesucht, die nur darauf wartete gefällt zu werden. Walter, Karls Ältester wartete mit Max, dem Wallach, am Waldrand auf uns. Max sollte den Baum zur Hütte ziehen. Nachdem Walter den Baum gefällt hatte, zog er eine Flasche Obstler aus der Packtasche und ließ die Flasche herum gehen. Jeder nahm einen großzügigen Schluck. Immerhin hatten wir die verantwortungsvolle Aufgabe gehabt, dem Fällen zuzuschauen und würden noch den Transport der Fichte zur Hütte überwachen.
Walter hielt Max am Zügel und der Wallach stapfte treu den Weg zur Hütte empor. Dort verkeilten Karl und Walter den Baum in der Befestigung und wir Männer durften den Frauen anschließend den Weihnachtsbaumschmuck zureichen. Zwischendurch stärkten wir uns von Zeit zu Zeit am hochprozentigen Selbstgebrannten.
„Brennst du auch Grappa?“ wollte ich von Karl wissen. „Nicht selbst, aber wir beliefern die Genossenschaftsbrennerei in Meran“ lachte er „magst den wohl gern? Dann sollst du eine Flasche haben.“

„Wir besuchen am Heiligen Abend die Abendmesse“ meinte Josefa. Dann könnt ihr anschließend noch auf den Berg. Karl nimmt Gina auf dem Schlitten mit nach oben. Für sie ist der Weg in ihrem Zustand zu anstrengend.“
Gina protestierte „Nonna, ich bin erst im vierten Monat. Ich laufe lieber.“

Wir waren nicht sehr religiös und Kirchen interessierten uns eher aus kulturellen Gründen. Aber die Atmosphäre in der kleinen Dorfkirche hatte etwas magisches. Wir standen dichtgedrängt, der Weihrauchgeruch kitzelte unsere Nasen und der Gesang ging ins Gemüt. Ich hatte meine Liebste fest im Arm und drückte sie an mich. Unsere Kleine wischte sch eine Träne aus dem Augenwinkel, dann lächelte sie uns zu und gab ihrem Thomas eine Kuss.
Gina und Stefano verstanden soviel deutsch, dass sie den Text von „Stille Nacht, Heilige Nacht“ mitsingen konnten.
Luca schaute voller Stolz auf seine Schwiegertochter. Er liebte die Frauen, die seine Söhne in die Familie gebracht hatten und besonders liebte er seine zwei Enkel, den siebenjährigen Matteo und die fünfjährige Lisa, die Kinder von Paola und Manfredo. Und jetzt war das dritte Enkelchen unterwegs. Luca lächelte selig.

Walter und Karl waren jeder mit einem Pferdeschlitten vorgefahren. Wir verteilten uns auf die beiden Fuhrwerke und ließen uns unter Geklingel zum Haus hinauffahren. Sobald wir von der Hauptstraße herunter waren, hörten wir nur noch das Schnauben der Pferde und das Knirschen der Kufen im Schnee.
Am Haus verabschiedeten uns Josefa, Karl und Walter und drückten uns jedem eine brennende Fackel in die Hand. Dann tranken wir bis auf Gina und unsere Kleine, die sich nichts aus Alkohol machte, jeder ein Glas Glühwein und verabschiedeten uns. Luca und Waltraud kannten den Weg und führten uns durch den Schnee den Berg hinauf. Es ging stetig bergan. Über uns funkelte der Sternenhimmel.
Gina und Waltraud stimmten ein bekanntes italienisches Weihnachtslied an: „Tu scendi dalle stelle“. Etwas textunsicher stimmten wir anderen ein. Luca ließ die Grappaflasche herum gehen. Es war klirrend kalt, aber da kein Lüftchen ging, war es recht angenehm auszuhalten. Wir unterhielten uns angeregt und so verging de Zeit wie im Fluge. Bald tauchte auch die Hütte als Silhouette vor dem Sternenhimmel auf.

http://www.youtube.com/watch?v=6q4E2O6fB-4

Kristallklare, klirrend kalte Luft und ein Sternenhimmel, wie man ihn schöner kaum ausmalen könnte, die Atmosphäre im Hochgebirge nahm uns gefangen. Lautlose Stille beinahe, nur der eigene Atemhauch und der der Liebsten im Arm war zu vernehmen. Die Heilige Nacht, kurz nach Mitternacht vor der Hütte oberhalb des Passeiertals.

 

 

Wir warfen ein paar Scheite Holz ins Feuer, zogen uns um und versammelten uns dann gemütlich um den großen Tisch. Der Weihnachtsbaum warf seinen Glanz über den Tisch und wir löffelten genüsslich unsere Gulaschsuppe, die Josefa uns in den Backofen gestellt hatte. Luca hatte noch zwei Flasche Contessa di Radda spendiert und wir ließen es uns richtig gut gehen. Da unsere Kleine und Gina ihren Kräutertee tranken, waren wir Weinfreunde nur zu sechst.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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