Björn Scherer-Mohr

Der Unvollendete (1) Schubert und die Beatles

                                                                                                    Freitag 29. Juni 1967

Und wieder hat er feuchte Augen. Bruno sitzt in der letzten Stuhlreihe, vor ihm zwei leere Reihen und davor die Klassenkameraden. Sie sollen es nicht merken. Wenn Symphonien vom Musiklehrer vorgespielt werden, setzt er sich im Musiksaal gerne nach hinten, ungestört vom Getuschel der anderen: "Was ist besser, die 'Revolver' von den Beatles oder die 'Beggar's Banquet' von den Stones?" „Hast Du schon mal Pink Floyd gehört? Total abgefahrener Underground.“ - „Wie heißt die Platte von denen?“ „A Saucerful of Secrets.“

Da gibt es Brahms, der Anfang der C-Moll Symphonie; der ostinate Basston und die wechselnden Akkorde darüber, mächtige Streicherklänge. Oder die kontrastreiche und "wilde" Programmmusik der "Bilder einer Ausstellung" von Mussorgskij.  Und vor allem Schubert, das düstere Moll-Thema  am Beginn und dann das bitter-süße, elegische und irgendwie versöhnliche Hauptthema der „Unvollendeten“. Das saugt er in sich hinein. Hier im Saal umfängt es ihn, klingt machtvoll aus der Hifi-Anlage, so ganz anders als auf dem kleinen Dual-Plattenspieler daheim, und lässt diesen süßen Schmerz in ihm hochkommen.

Bruno empfindet keinen Gegensatz darin, zugleich die alten Klassiker und die neue Rockmusik zu mögen. Sie wecken starke Gefühle von Kraft und Sehnsucht und Befreiung; auf verschiedene Weise, aber dafür ist seine Brust weit genug. Fürs Klassikspielen muss man ja viel wissen und können, jahrelang hingebungsvoll üben. Aber vor allem muss man diese Anzüge und Krawatten tragen und still  sein während der Aufführung. Und das geht gar nicht. Wie so ein Spießer auszusehen, so ein Pinguin! Und auch noch still sein, wo man doch schreien, jubeln, weinen möchte.
Es war die Schwester, für die der Klavierunterricht bezahlt wurde, eigentlich ohne großen Erfolg. Ein Rest 19. Jahrhundert - die „höheren Töchter“ des gehobenen Bürgertums hatten den Honoratioren etwas vorzuklimpern nach dem Diner, zur allgemeinen Erbauung und Verdauung. Und bei den de Barys war die Zeit etwas stehengeblieben, auch Oma Agathe hatte ja etwas geklimpert. Der Bub hat ja gezeichnet und gemalt. Was sollte er also mit einem Instrument? Hatten die Eltern ihm doch eine Staffelei und eine Palette mit Temperafarben gekauft. Zwei Bilder hatte sich Pap schon stolz in sein Büro gehängt.

Bruno, der die ganze Zeit schon die Augen zu hat, nickt ein. Es ist die erste Doppelstunde - für den Langschläfer Bruno und seinen Biorhythmus eigentlich zu früh, sich den Anforderungen der Außenwelt zu stellen. Während die Klänge von Schuberts Symphonie ihn einlullen, fällt sein Kopf leicht nach hinten. Durch die halbgeöffneten Augen nimmt er das Standklavier wahr, in die linke hintere Ecke des Raums geschoben wegen der Theateraufführung letzten Freitag. Eine Gestalt sitzt daran und spielt, aber unhörbar. Wahrscheinlich ein jüngerer Mann, ein Twen oder Dreißiger.
Während er noch überlegt, wer das sein könnte, öffnet sich die Tür an der Rückwand des Saales, ganz langsam, einen Spalt breit und ein Mann, vielleicht dreißig, schleicht auf Zehenspitzen hinüber zu dem Klavierspieler. Der be- merkt ihn erst nicht, er hat die Augen mit der Krankenkassenbrille fest auf die Tasten gerichtet. Als der Andere fast neben ihm steht auf seiner linken Seite, blickt er auf, nicht erschrocken, nur etwas verwundert. Der unerwartete Besucher ist merkwürdig angezogen:
Ein grauer langer Gehrock, so nennt man das wohl, mit schwarzem Samtrevers, dazu ebenfalls graue aber großkarierte weite Hosen, flache Schuhe und  unter dem Rock eine geblümte rosa Weste, schief geknöpft, die über dem Bauch, der ein nicht mehr ganz weißes Hemd blicken lässt, spannt. Insgesamt ein leidlich schlanker, etwas untersetzter Mann. Sein Gesicht ist von kräftigen schwarzen Locken umrahmt, der Haaransatz schon sichtbar zurückgewichen. Kleine lebhafte Augen funkeln hinter dicken Gläsern einer randlosen Brille. Von leicht geröteten Wangen eingefaßt, hat er eine Stupsnase und einen fein geschwungenen fast femininen Mund. Ein- bis zwei-Tage-Bartstoppeln zusammen mit der fleckigen Weste, dem leicht vergilbten Hemd und den staubigen Schuhen machen den Eindruck eines vernachlässigten Junggesellen. Ist dieser kleine Mann mit seinen wirren Locken und dem runden Gesicht – Bruno wusste, das muss auch ein Musiker sein – ein Mitglied von Jethro Tull, die man ja auch nur so biedermeierlich verkleidet kannte? Wahrscheinlich.  - Nun spricht er den ebenfalls seltsam altmodisch, doch bunter gekleideten Klavierspieler in seiner Operetternuniform an, und das klingt gar nicht Englisch.
Bruno steht leise auf, hebt seinen Stuhl  vorsichtig wie ein Mikadostäbchen zeit- lupenartig etwas nach hinten und schleicht die holzgetäfelte Wand des Saales entlang. Nach ein paar Schritten bleibt er stehen, um nicht in das Blickfeld der Zwei, die ihm halb den Rücken zuwenden, zu geraten. Die seltsamen Männer sind jetzt in Hörweite.

Entschuldigen's bitte, Herr Kollege, ich wollt net stör'n, aber ihr Spiel find ich recht
bemerkenswert, und da wollt ich a bisserl lauschen.“ „Oh hello, Mister, I guess you want to listen a bit. You're welcome, of course.“ „Thank you Mister Englishman, you must know, I am an musical äh  also … and many interest on ...“ „I see, I see.“ „Ach hören's, könnten wir net auf Deutsch reden? My English is doch very … a bisserl … a little ...“ „In German? Well, I used to speak, ik kann some Deutsch spreken, wenn ich war in Hamburg mit mein Band, aber long time ago, lang Zeit gegangen. Okay, I'll try.“
Ja da schau her, in Hamburg! Sind's dann etwa der Johann Lennon von dieser famosen, you know famous, beliebten Tanzkapelle von England, wo die jungen Leut so …?
Yes, sure, of the Beatles.“ „Genau, genau. Was eine Koinzidenz! Sie spiel'n jetzt auch ein wenig Piano, ich hab's gehört auf Ihrer letzten elektro … elektro- magnetischen Aufzeichnung auf diesen runden Scheiben. Sehr originell, Respekt, Herr Kollege.“
Right. Ik komponieren jetz mehr auf de Piano, zusammen mit mein Freund Paul.
Für unser next Album ik jetz will maken ein Song mit de Titel 'I am the Walrus'.“
Sie sind a Walross?! - Köstlich, sehr charmant, sehr lustig! Und wie weit sind's gekommen mit die Strophen und dem Kehrreim? - Oh, ich hab mich noch gar net vorgestellt: Franz Schubert mein Name, gebürtig aus Wien, anno 1797.“ „Wow! You're not kidding? Die große deutsche Komponist! Ik habe gehört die Symphonien, fantastik!“ „Aber ich bin Österreicher ...“ „Oh Austrian, sorry.“ „... und mein großes Werk, die Nr. 7 hab ich zeitlebens net fertigstellen können, leidergottes. Deswegen haben's die Leut später 'Die Unvollendete' genannt, wissen's. Tja, der Herrgott hat mich früh abberufen. Was hätt ich noch alles zuwege bringen können, aber – es hat halt net sollen sein.“ „What a pity. Viel von mein Kollege sind so früh gestorben auch: Buddy Holly und Otis Redding. - Anyway -  wie soll ik weitergehen mit mein Song?“ „Bittschön Herr Lennon, spieln's ihr Walrosslied noch amal vom Anfang.“  Lennon rückt sich die Klavierbank zurecht und beginnt zögernd  mit den ersten Takten, summt ein wenig dazu.
Ja was spieln's denn da? D, C, B, As und G7, und das alles in Dur! Meiner Treu,
habt's ihr denn keine Harmonielehre mehr heutzutag?“ Lennon ist verlegen, zugleich auch ein wenig gereizt. „Ik, ik spiel nak meine Gefühl und diese Song speziell soll sein very very weird, bizarre … verruckt!“ „Naja, wenn's meinen … Ich hab auch allweil nach Gefühl gespielt. Und diese Ouvertüre da, werden's die wieder mit ihre Strom-Gitarren ...? „Well, vielleischt Organ oder Mellotron.“ „Warten's, warten's … Wie wär's wenn's des mit a'm anständigen Streichquartett spielen lassen? So a bisserl wie ihr Freund Paul bei dem Nostalgieliedl.“ „You mean Yesterday?- Hey, das ist ein Superidee, ik werde das George Martin sagen.
By the way, wollen sie gern haben ein Drink mit mir nachher?“
Sehr freundlich, aber leider geht’s net. Ich existiere nicht materiell, schon seit 1828 net mehr, nur mehr geistig.“ „Well, ik denke, ich werde älter denn du und nach de Rock'n Roll ik schreib mein first Symphonie, kann sein, haha.“ „Ja des is freilich exorbitant. Ich werd' dir helfen, ich kenn mich aus, hab's von klein auf gelernt und du bist halt ein Autodidakt, nix für ungut, aber so a'n wie mich kannst gut brauchen.“ Lennon schüttelt seinen Kopf ganz sachte und lächelt Schubert an: „Man, you're fucking awesome, so amazing.“  „Weißt, mir san Romantiker und Romantiker wird’s immer geben. Mir versteh'n uns international und intertemporal.“ Während dieser Worte hat sich Schubert umgedreht und geht ein paar Schritte zur Tür, dabei verschwimmt seine Gestalt in einer Art Nebel und löst sich in Nichts auf.

Nun schleicht Bruno bis an Lennons Schulter heran und schaut auf seine rechte Hand: Aha. A-Dur  C-Dur D-Dur E7 Fis7. Lennon unterbricht, überlegt kurz.
Sieh an: – C-Dur in der zweiten Umkehrung, die Töne von oben nach unten gespielt. Wie langweilig! Das ist doch gar kein Klavier, das klingt wie – der Pausengong. Andreas steht neben ihm und kneift ihn in den Arm. „Na du Murmeltier. Willste die ganze Pause verpennen? Komm wir gehen eine rauchen, da wirste wach!“

 "Nächsten Dienstag ist unser Auftritt" fällt es Bruno ein. "Heute abend unbe- dingt nochmal üben." Für Faschingsdienstag hat der Stadtjugendring wieder ein großes Fest organisiert. Bruno und seine „Crash“ dürfen jetzt auch dabei sein. Der Auftritt liegt für die Newcomer zwischen 19 Uhr und 20.30. Die richtig guten Bands spielen anschließend, bis in den späten Abend. Und die kommen auch mit Foto und Bericht in die nächste Ausgabe der Schülerzeitung "Durchblick" sowie den Rodheimer Anzeiger. Gemein - dabei sehen Brunos Leute doch viel lässiger aus, bei der Haarlänge und den hippen Klamotten, so wie im Fernsehen, im Beat-Club!

Portrait of the artist as a young man

Bruno betrachtet sich in einem körperlangen Spiegel im Garderobenraum der Stadthalle. Da unten scheint im Moment niemand zu sein, die Leute behalten ihre Parkas und Dufflecoats an. Eine Freundin hat mal gesagt: Du bist zu eitel, Bruno. Kann sein, denkt er, aber er muss heute cool aussehen. Immerhin ist er der Frontmann.
Er zieht sich die Bürste durchs Haar und mustert sein Spiegelbild.
Mit 1,78 hat er genau die richtige Größe, viel länger als Mick Jagger, kleiner als Eric Clapton. Das schulterlange dunkelblonde Haar bedeckt in Wellen seine Stirn und Ohren und Hals. Die Wangenknochen hoch angesetzt (das sei irgendwie slawisch, hat mal jemand gesagt), die ziemlich großen mandel- förmigen Augen grün. Immer ein bisschen Schlafzimmerblick, durch die schweren Lider. Du hast immer noch diese traurigen Augen wie damals in der Schule, hat ihm mal ein Mädchen in der Disko gesagt.
Aber trotzdem, oder deswegen? sind manche Mädchen angetan von seinen pfefferminzgrünen Seelenfenstern.
Sein Mund hat volle, aber nicht dicke Lippen, ziemlich breit, einen Hauch geöffnet. Sein bester Freund und Sologitarrist hat ihn mal mit Dave Davies von den Kinks verglichen. Vom Aussehen ganz gut, aber Jim Morrison fände er noch besser. Aber soo schön ist er nun auch nicht. Wenn schon nicht der Look, dann sollte es wenigstens die Stimme sein, jetzt nach dem Stimmbruch ein passabler Bariton, in den höheren Lagen leicht rauh. Ein orangefarbenes Hemd, halboffen. Wo andere  einen Bauch haben, ist bei ihm alles flach.  Unter dem breiten Ledergürtel die türkisblaue Breitcordhose und die modischen Boots mit den hohen Blockabsätzen.
Beide Hände sind leicht gepreizt auf die Hüften gelegt, die Beine leicht ausein- ander und der Kopf nach hinten geneigt; diese herausfordernde, leicht arrogante Haltung. Am linken Unterarm statt der Uhr ein pseudosilbernes Armkettchen.

Nett will er nicht sein, das ist was für Schlagerfuzzis.  Nein, Rock ist kein Jux, sondern ernsthafte Kunst, und muss auch, bei aller Ekstase, ernsthaft vertreten werden. Nun gut, wenn es aber doch Unterhaltung ist, dann ist das halt ein Nebeneffekt.
Es ist kein Macho, der ihm entgegenblickt. Er hat in seinen Zügen etwas Weiches, Zartes, Melancholisches. Nichts von auftrumpfend, beherrschend. Dieser Zug ins Weibliche entspricht dem Zeitgeist. Eine Mitschülerin sagte einmal: Du bist ein richtiger Natursofti; das war sehr nett, klang aber irgendwie nach Margarine.

 

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