Marc Lindner

Stollenzeit

Der Schinken, eben ausgelesen, schlummerte noch auf meiner Brust. Träumend verblasste die Welt, in die er mich entführt hatte. Die Leseleuchte neben dem Sessel drohte mit ihrem Licht alles zu verschlucken. Jede übereilte Bewegung vermeidend, löschte ich sie und projizierte die Fantasiewelt ins Dunkel des Zimmers. Knisternd schenkte mir der Kamin seine Wärme. Dazu das Prasseln des kräftiger gewordenen Regens gegen das von dicken Wolken verdunkelte Fenster.
Den Stollen neben mir, während dem Lesen völlig vergessen, lag noch unangetastet da und hatte die Luft mit seinem Duft erfüllt. Sein weißer Mantel staubte leicht, als ich nach einem Stück griff. Jetzt war es wieder so weit. Der einzige Schnee als Illusion auf dem Gebäck, hatte es draußen seit Tagen nur geregnet. Als wollte sich das Wetter nicht seiner Verpflichtung erinnern und den Kindern die so sehnlich erwarteten weißen Rutschpisten die Hügel hinunter errichten.
Aber selbst für solche Abenteuer fehlte der Platz. Die Welt hatte sich verändert. Salz bekämpfte jegliche Stimmung, während Zimt auf mannigfaltigem Gebäck sie zu retten versuchte.
Immer noch klopfte der Regen gegen die Scheibe und lud mich ein, mit ihm zu verschmelzen.
Mit der Überzeugung die Einladung freundlich lächelnd abzulehnen und der behaglichen Wärme des Kaminfeuers treu zu bleiben, stand ich auf und schritt zum Fenster hin. Abenteuerlich kalt zeigte sich mir die Landschaft unter der tief hängenden grauen Wolkendecke, die jemand künstlerisch mit lichteren Linien durchzogen zu haben schien. Ein belebter Wind tanzte mit den Millionen Regentropfen und ließ sie in Wellen gegen das Glas schlagen. Fast schien es, als würde auch er versuchen mich zu rufen, während das Feuer in meinem Rücken mich in wohlige Müdigkeit hüllte.
Lag es an dem eben gelesen Roman? Ich wusste es nicht. Aber auf einmal halte der Ruf nach Abenteuer durch die an sich dichten Fenster. Der Wunsch nach Freiheit lag in dem wilden Tanz des Regens. Das Lächeln auf meinen Lippen galt längst nicht mehr dem Regen. Es war vielmehr die Vorahnung des Unverständnisses meiner selbst, wenn ich schon bald draußen sein würde. Hinter mir lassend, die Wärme des Wohnzimmers.
Dem Kamin rasch noch einen Holzscheit nachlegend, gewann ich ihm das Versprechen ab auf mich zu warten. Mich aber zog es hinaus. Dorthin wo das Wetter sich austobte und sich den Zwängen der Jahreszeit noch verwehren wollte. Kalt war es dennoch, als meine Nase den ersten Wind zu spüren bekam. Die ersten Schritte waren, als liefe ich durch einen Vorhang aus kaltem Wasser. Wenig abenteuerlich kam es mir auf einmal vor. Eigentlich nur kalt, und ich begann rasch an dem zu zweifeln, was mich hinausgetrieben hatte.
Aber wie es mit solchen Entscheidungen nun mal war, gab es kein zurück mehr, sobald man erst mal nass war. Und das dauerte wahrlich nicht lange. Mit einer kurzen, aber heftigen Schauer schien mich die Wildnis in ihren Bann ziehen zu wollen. Und kaum hatte ich mich mit meinem Schicksal abgefunden, ließ der Regen auch schon nach und wurde zu einem nebligen Rieseln unter dem sich verfinsternden Himmel. Der späte Nachmittag verabschiedete sich und nahm immer mehr Licht mit sich, als wollte er dem Abend nichts mehr davon übrig lassen. Mir war es recht. Die Straßenlaternen spiegelten sich auf dem nassen Asphalt. Die Hände tief in die Taschen vergraben, den Kragen nach oben gezogen, marschierte ich los. Zimtduft begleitete mich die Straße hinunter. Am Dorfrand ließ auch der mich allein, während die Lichter auf ihren Sockeln ruhen blieben und das Funkeln unter meinen Füßen nachließ.
Den Waldweg betretend, vernahm ich nur noch meine Schritte auf dem Schottergrund. Das Dorf, wie ein schlafender Haufen, erhellte sein Licht nur widerwillig und verschwommen den anbrechenden Abend, während die Lichtkegel der Laternen im leichten Regen zu konturlosen Kreisen anwuchsen.
Doch das Bild verlor ich rasch aus den Augen, während mich der Pfad einen Hügel hinauf zog.
Ein Kribbeln durchzog meine Haut, während der Wind mir immer mehr Wasser ins Gesicht trug. Immer kälter wurde es. Und finsterer. Die Nacht fiel hernieder und verdrängte den eben erst angebrochenen Abend. Herrlich still wurde es. Selbst meine Schritte wurden leiser. Der Schotter war ausgegangen, und so war es nur noch der Wald, der sich meiner annahm. Sein Kleid hatte er achtlos auf den Boden fallen lassen und so konnte ich seine Äste als Schatten vor dem dunkelgrauen Himmel ausmachen, während ich den Regen, der mir unentwegt ins Gesicht fiel, kaum noch spürte.
Meine eigenen Füße konnte ich nur wage ausmachen, als sich ein grauer Schimmer vor mir erstreckte. Die Bäume hatten sich zurückgezogen und einen kleinen See freigegeben und hielten ihn wie zur Umarmung umschlungen. Ein paar der stummen Riesen waren mit ihren Wurzeln zum nächtlichen Bad hinein gestiegen oder hatten, von den Jahren müde geworden, ihre Äste hinein getaucht. Schilf reckte sich aus dem Wasser und mühte sich vergebens die herabfallende Finsternis aufzuhalten.
Das Wasser war zu einem Spiegel geworden. Kein Lüftchen wehte, nicht ein einziger Tropfen fiel mehr. Es war als hätte eine plötzliche Kälte alles eingefroren. Ich genoss das vergängliche Bildnis und blieb stehen. Reglos zollte ich der Umgebung meine Achtung und wollte durch keine Regung die Harmonie der schweigenden Welt stören.
In eine Landschaft fühlte ich mich gezogen, wie sie in einem meiner Bücher hätte sein können. Ganz so, als wäre der Ort ohne Zeit geboren. Ohne das Gefühl zu kennen weiter zu müssen, oder sich zu verändern. In solch eine Welt war ich versunken. War Teil davon geworden, so wie jeder einzelne Baum um mich herum.
Doch auf einmal tat sich ein Loch in dem Spiegel auf, welcher kein Bild zeigte außer ebenmäßigem grau. Winzig klein war es und breitete sich zu einem Kreis aus, bevor es genauso still verschwand, wie es aufgetaucht war und das Wasser, wie unberührt zurückließ. Dann wieder. Ohne sichtbaren Grund tauchten Kreise im See auf. Zunächst nur wenige. Dann immer mehr. Als sich einer der Störenfriede nahe am Ufer niederließ, konnte ich diesen erkennen. Es war eine Flocke, die weich landete und im Moment der Berührung mit dem Wasser verschmolz. Es schneite.
Als sich ein Lächeln in mein Gesicht stahl, spürte ich ein taubes Gefühl der Kälte. Vielleicht sollte ich nun doch umkehren, denn schließlich wartete der Kamin sein Versprechen einzulösen. Auch war der Schnee auf dem Stollen nicht ganz so kalt...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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