Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, 22

Der Anblick jenseits der Stadtmauer ließ uns alle einen Moment innehalten. Eine stattliche Anzahl von Fachwerkhäusern mit hohen Giebeln, nur begrenzt von engen Gassen, drängten sich aneinander wie Hühner in einem Käfig. Die Gassen selbst quollen über vor Leben, als würde es nie wieder einen Markttag geben. Händler schoben ihre Karren, Fuhrwerke bahnten sich mühsam einen Weg durch die Menschenmenge und links und rechts der Straßen arrangierten emsige Händler ihre Waren vor den Auslagen ihrer Geschäfte. Scherenschleifer bauten ihre Stände auf, während in schummrigen Ecken Dienste sittenwidriger Art von leicht bekleideten Frauen angeboten wurden, wie der Kater interessiert feststellte.

Wir folgten dem bunten Treiben, bis wir schließlich auf einem kreisrunden Platz landeten, der vor Marktständen aus allen Nähten platzte. Der Lärm war unbeschreiblich. Marktschreier boten ihre Waren mit lautstarken Stimmen an, Marktbesucher feilschten mit Händlern um einen günstigen Preis, begleitet vom Poltern eisenbeschlagener Fuhrwerksräder, die über das Kopfsteinpflaster der angrenzenden Straßen rumpelten. Noch nie hatte ich etwas Vergleichbares erlebt. Ich kam mir so fehl am Platz vor wie ein Oger im Feenreich.

„Das nenn ich mal Action“, kommentierte Mikesch das bunte Treiben. „Wie letzten Sylvester. Da war die Bude ähnlich voll“, erinnerte sich der Kater mit leiser Wehmut in der Stimme.

„Und nun?“, wandte ich mich ein wenig hilflos an Hilly, die nachdenklich das Chaos um uns herum musterte.

„Wir müssen heraus bekommen, wie man unauffällig in die Verliese gelangt. Außerdem sollten wir uns nach einer unbekannten Frau adeligen Geschlechts umhören. Aber wir müssen vorsichtig sein. Schrottingham ist voller Spione und der Sheriff brennt darauf, unserer habhaft zu werden.“

„Und wie sollen wir das anstellen?“

Hillys Blick wanderte bei meiner Frage zu der Burg hinüber, die jenseits des Marktplatzes wie eine finstere Insel aus dem Meer der Fachwerkhäuser aufragte.

„Wir müssen Aufmerksamkeit erregen, um in die Burg eingeladen zu werden.“

Ich hätte auf Anhieb ein Dutzend Plätze aufzählen können, die ich lieber aufgesucht hatte. Aber das Schicksal schien andere Pläne mit mir zu haben.

 

Idee“, brummte Gorgus mit einer guten Laune, die mir auf den Magen schlug, hatte ich doch berechtigten Anlaß zu der Vermutung, daß der gigantische Troll für dieses komplexe Problem keine andere Lösung als „Hau druff“ ausgearbeitet haben dürfte. Leider kamen wir nicht mehr dazu, die Vorzüge des Trollgeistesblitzes zu diskutieren, da Besagter bereits voller Tatendrang eine seiner Pranken nach einem betagten Marktbesucher ausstreckte. Der so unverhofft Ausgewählte stritt gerade über den Erwerb eines Pfundes Kartoffeln mit einem grantigen Händler.

„Bei Euren Preisen kann man ja in die Luft gehen“, wetterte der Alte und stellte erstaunt fest, daß seinen Worten sogleich Taten folgten, als Gorgus ihn kurzerhand am Kragen packte und in die Höhe hob. Verärgert über den unverhofften Aufstieg wandte der Alte seinen Kopf, um sich markig über diese rüde Umgehensweise zu beschweren. Doch beim Anblick des grimmigen Gorgus schien ihm plötzlich die Fähigkeit, Worte zu bilden, abhanden gekommen zu sein. Sein Mund ging auf und zu wie bei einem gestrandeten Karpfen, ohne daß irgendein Wort des Protests zu vernehmen war. Ich konnte es ihm gut nachempfinden. Der Anblick von Gorgus konnte einen schon deprimieren, insbesondere aus dieser Nähe und wenn man damit rechnen mußte, gerade auf der Speisekarte gelandet zu sein.

„Mit Essen spielt man nicht“, tadelte Mikesch den Troll, worauf das Entsetzen auf dem Gesicht des Alten sprunghaft anstieg. Fast tat er mir leid. Es war sicher keine erfreuliche Erfahrung, feststellen zu müssen, daß man von der Spitze der Nahrungskette so eben auf den zweiten Platz zurückgefallen war. Gorgus für seinen Teil tat alles, um den Eindruck aufrecht zu erhalten.

Lange kochen“, beklagte er den zähen Zustand des Alten, der wie eine Lumpenpuppe in seiner Faust hing. Inzwischen hatte sich eine große Menschentraube aus dem Nichts um uns herum gebildet, die das Spektakel offensichtlich genoß. Den freundlichen Aufforderungen zur Einnahme einer kleinen Zwischenmahlzeit nach zu urteilen, schien der Alte bei den örtlichen Händlern nicht sehr beliebt zu sein. Aufmerksamkeit war uns jedenfalls zuteil geworden, allerdings sagte mir meine innere Stimme, daß Hilly damit etwas anderes gemeint hatte.

„Setz ihn sofort wieder ab“, fauchte sie erbost. Mit einem tiefen Seufzen folgte Gorgus der Aufforderung und setzte den Alten sanft wie eine Feder ab.

„Er tut nichts, er will nur spielen“, versuchte Hilly den schlotternden Alten zu beruhigen.

„Von wegen Spielen. Der wollte mich fressen“, regte sich der Alte auf, worauf Hilly beruhigend die Arme mit den Handflächen nach außen hob.

„Trolle fressen keine Menschen“, versicherte sie.

„Jedenfalls keine so alten, ledrigen Exemplare“, warf Mikesch ein, worauf Gorgus zustimmend grollte. Es klang, als würde gerade ein Geröllawine in den Nordbergen talwärts rutschen und alles verschlingen, was ihr in den Weg kam.

Nur wenn Hunger groß“, ergänzte der Troll mit Unschuldsmiene, worauf der Alte blaß wie die Wand wurde und zusah, daß er in der Menge verschwand. Ob es Zufall war, daß er dabei den Stand des fröhlich grinsenden Kartoffelhändlers umwarf, konnte ich nur vermuten. Allerdings kam ich nicht dazu, diese Frage zu vertiefen, da sich in diesem Moment die Menschenmenge derart schnell teilte, als hätte Gorgus verkündet, sich seiner Sandalen entledigen zu wollen, um die Füße mal so richtig auszulüften.

Am Ende der auf wundersame Weise entstandenen Gasse erspähte ich einen schwarz gekleideten Mann in Begleitung zweier Wachen, die mir verdächtig bekannt vorkamen. Der ganz in kostbares Tuch Gekleidete schien ein Edelmann zu sein. Mit einem mulmigen Gefühl registrierte ich, daß die Menge verstummte, als er durch die Gasse schritt, was darauf schließen ließ, daß mit ihm nicht gut Kirschen essen war. Sein Gang war federnd, wie der eines sprungbereiten Raubtiers. Sein tiefschwarzes Seidengewand mit eben solchen Beinlingen und der lange Umhang verstärkten die furchteinflößende Aura, die er verströmte. Als er endlich vor uns zum Stehen kam, stellte ich fest, daß er mich einen guten Kopf überragte und damit neben Gorgus wie ein Zwerg wirkte. Das bewog mich über die unerfreuliche Frage nachzudenken, in welcher Kategorie ich dann wohl rangierte? Sympathischer Weise unterbrach der Finstere rüde meinen unerbaulichen Gedankengang.

Was ist hier los?“, herrschte er uns mit befehlsgewohnter Stimme an.

„Markttag“, erwiderte Mikesch ungerührt, was ihm einen wütenden Blick des Finsteren einbrachte. Wie durch Zauberhand lag plötzlich eine Reitpeitsche in seiner Hand, deren dünne Spitze direkt auf die Nase des Katers zielte. Der maunzte überrascht.

Du“, sagte der Finstere in drohenden Tonfall, „sprichst nur, wenn du gefragt wirst, Dämon!“

Ich beeilte mich, zwischen den Finsterling und dem demnächst möglicherweise in kleine Scheiben zerteilten Kater zu gelangen.

„Verzeiht dem Kater, aber er ist nur ein sprechendes Tier aus unserem Programm, das manchmal nicht weiß was es sagt“, murmelte ich und schaffte es so, die Aufmerksamkeit des Finsteren von dem dreisten Kater abzulenken. Statt dessen musterte der Finsterling nun das Zelt namens Gorgus.

„Und das ist dann wohl ein weiteres Tier. Kann es auch sprechen oder andere Kunststücke vorführen?“

Gorgus nickte erfreut und hob bereitwillig eine seiner Fäuste in der Größe eines Ambosses, um dem Finsteren liebevoll einen Scheitel zu ziehen.

Stets zu Diensten“, brummte er vergnügt. Nur Hilly beherztes Eingreifen verhinderte, daß der Finstere die Welt zukünftig durch die eigenen Rippen betrachten müßte.

„Wir sind nur ein paar harmlose Gaukler auf der Suche nach einem lukrativen Auftritt“, versicherte sie mit treuherzigem Augenaufschlag. „Ihr hättet nicht zufällig eine Idee, wo wir eine Möglichkeit zum Auftreten her bekommen könnten?“

Eine tiefe Falte erschien zwischen den buschigen Augenbrauen des Finsteren.

„Nachdem, was ich gehört habe, scheint ihr Talent zu haben. Seltsam nur, daß ich euch noch nie gesehen habe. Und doch kommt ihr mir bekannt vor.“ Die stechenden Augen fixierten Hilly auf eine Art und Weise, die verdächtig nach Ärger roch.

„Alle Gaukler sehen gleich aus“, wiegelte ich ab, bevor der Finstere auf die Idee verfallen konnte, sich die Steckbriefe als Gutenachtlektüre vorzunehmen. Ich hätte darauf gewettet, daß er auf ein hübsches Bild von Hilly gestoßen wäre. „Hättet Ihr nun Verwendung für uns?“

Der Finstere musterte uns nachdenklich während er mit dem Daumen und Zeigefinger über seinen schmalen Kinnbart strich. Schließlich rang er sich zu einer Entscheidung durch.

„Also gut. Wir haben heute abend eine Feier zum Anlaß des Geburtstags unseres Sheriffs. Ihr bekommt Speis und Trank, und wenn die Vorstellung ankommt, ein paar Silberlinge dazu. Meldet euch bevor der Abend anbricht beim Haushofmeister und sagt ihm, Salus hätte euch geschickt.“

Hilly und ich verbeugten uns galant und bedankten uns, doch Salus war schon wieder in der Menge untergetaucht, die sich hinter ihm nahtlos schloß. Die erste Hürde schienen wir genommen zu haben. Während ich mit Hilly die Einzelheiten des Programms besprach, sah der Kater den Troll mit einem undeutbaren Blick an.

„Hör mal, mein Großer.“

Hmmm.“

„Nur damit keine Magenprobleme wegen falscher Ernährung auftreten.“

Hmmm.“

„Kater schmecken fürchterlich!“

 

Wird fortgesetzt

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