Klaus Stoll

Vor Weihnachten

Die „ALDEBARAN“ schlingerte und stampfte auf ihrem Weg von Hamburg nach Alexandria durch die Biskaya. Der Bootsmann meinte zu sich selbst gewandt, dass der Sturm auf dieser Reise besonders wütend blies. Aber im November war wohl nichts anderes zu erwarten. Fachmännisch prüfte er die Stahltrossen, die die schweren Maschinenteile an Deck des Schiffes hielten, und er sah auch nach den Leinen, die quer über das Vorderdeck gespannt waren, an denen man sich vorwärts hangeln konnte.

Durch einen Vorhang von Gischt hindurch sah der Bootsmann den Schiffjungen, der sich an die Reling klammerte und, bei näherer Betrachtung, eine etwas grüne Gesichtsfarbe hatte. „Vergiss nicht die Weihnachtsbäume zu gießen“ schrie der Maat ihm zu. Der Jungmatrose, es war seine erste Schiffsreise, dachte sofort an Seemannsgarn, Klabautermann und singende Seejungfrauen und all die Geschichten, die Seeleute so erzählen, wenn sie an Land sind. Am nächsten Morgen – das Wetter hatte sich beruhigt – fragte ihn der 1. Offizier, ob er die Weihnachtsbäume schon gegossen hätte. Das Nein als Antwort gefiel dem Mann mit den drei Streifen am Ärmel gar nicht, und er schickte unseren jungen Freund an den Platz hinter der Ankerwinde. Der junge Maat kletterte über die Seile und wankte mehr als er ging  - er  hatte noch keine „Seebeine“ – bis zu dem großen Persenning, das er vorsichtig und mit viel Anstrengung vorsichtig anhob. Ja, da standen tatsächlich sechs kleine Tannenbäume in sechs kleinen mit Erde gefüllten Weidenkörben. Und ein großer weißer Karton, der die dazu gehörigen Kugeln, Tannenzapfen und Kerzen enthielt. Und dicke gelbe Pappschilder mit den Worten „Stahlwerk Heluan – Ägypten“

Jan Maat suchte sich einen Eimer mit einer langen Leine daran und warf ihn über Bord, um Wasser zum Begießen der Bäumchen herauf zu holen. Der Bootsmann sah dem Bemühen von weitem zu und eine Katastrophe kommen. „Doch nicht mit Salzwasser, Du Dösbaddel!“ schrie er. Fortan wurde die kostbare Fracht an jedem der sechs folgenden Tage mit kostbarem Süßwasser begossen, auch der Karton.

Die Entladung „seiner“ Weihnachtsbäumchen in Alexandria überwachte der Schiffsjunge höchst persönlich, und er ließ sich vom einheimischen Zollagenten eine selbst designte Quittung unterschreiben. Damit ging das Problem auf einen erfahrenen alexandrinischen Schiffsmakler über. Den übermannte bald die Verzweiflung, denn im ägyptischen Zolltarif gab es, wen wundert‘s, keine Position für Tannenbäume. Einfuhr verboten!

Der Mitarbeiter der Deutschen Botschaft in Kairo, der die lange Reise nach Alexandria im Auto über die Wüstenstraße hinter sich gebracht und die Weihnachtsbäume inzwischen als Diplomatengut aus dem Zoll geschleust hatte, war trotzdem stocksauer. Zum einen zeigte sein schöner VW Käfer überall blanke Stellen, wo der Sandsturm die Farbe entfernt hatte. Und die tiefe Beule im Kotflügel, verursacht durch den kräftigen Fußtritt eines auf dem Asphalt weidenden Dromedars, und zum anderen war er wenig erfreut über die Ungerechtigkeit, dass fünf deutsche Ingenieure und deren Familien auf der Baustelle in Heluan am Heiligen Abend echte Tannenbäume bestaunen konnten, währen seine beiden Töchter mit einer krummen Krüppelkiefer oder einem Palmenwedel vorlieb nehmen mussten. Der gute Schiffsmakler in Alexandria fand Letzteres ebenfalls nicht gerecht und hatte eines der Bäumchen bereits abgezweigt und im Käfer verstaut.

Auf getrennten Wegen fanden sechs Tannbäume ihren Weg zu den Empfängern. Die Kerzen allerdings hatten stark gelitten – sie waren allesamt in der Hitze dahin geschmolzen.

Die „Aldebaran“ lag am 24. Dezember im Hafen von Piräus. Zur Feier des Tages durfte unser Schiffsjunge am Tisch in der Offiziersmesse sitzen. Aus dem Lautsprecher tönten dank Norddeich-Radio Weihnachtslieder. Der „Smutje“ hatte sich mit dem Essen wirklich Mühe gegeben. Was eigentlich fehlte, war ein kleiner Tannenbaum.

Klaus Stoll

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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