Uwe Hellner

Die Herrin des Ringes

Dieses Mal tat es richtig weh. Ihre Stereoanlage hatte zwar ein ordentliches Gewicht gehabt. Aber es war Jutta nicht schwer gefallen, sie in das Regal des Pfandhauses fallen zu sehen. Keine Musik? Was soll’s? - Solange der Fernseher noch da war! Aber der Fernseher war auch nicht mehr lange da. Als sie das nächste Mal bei Aldi wieder Sachen vom Band neh­men musste, weil das Geld nicht reichte, wanderte auch der Fernseher zum „Juden“. „Jude“: Den Begriff hatte sie noch von ihrem Vater gelernt. Der hatte auch alles ins Pfandhaus geschleppt und sich dann geärgert, weil er die schönen Sachen nicht mehr auslösen konnte. Aber daran war nicht der „Jude“ schuld, wie er den glatzköpfigen Mann an der Holztheke nannte. Der Vatta hatte das Geld versoffen und musste dann eben auf seine Musiktruhe verzichten. Selber schuld!

Ihre Stereoanlage und den Fernseher würde Jutta auch nie wieder sehen, das war ihr klar. Aber es war ihr egal. Der Ring dagegen, das war etwas anderes. Gold, 585er Gold. Auch das war ihr egal. Wenn sie aber diesen Ring auf die Theke legen würde, das wusste sie, wäre die Trennung von Rolf endgültig. Sein Name war in verschnörkelten Lettern in die Innenseite graviert, und daneben ihr Hoch­zeitstag: 4. Mai 1978. Vierzig Jahre waren sie jetzt verheiratet. Gut, vor drei Jahren hatte Rolf seine Sachen gepackt und war von einem Tag auf den andern verschwunden. Sie konnte noch nicht einmal sagen, dass sie ihn wirklich vermiss­te. Seine ewigen Nörgeleien, die stinkenden Socken und diese Lahm­arschigkeit: Jedes Mal, wenn er sich in einem Betrieb vorstellte, kam er zu spät. Und dann antwortete er auf jede Frage, die ihm dort gestellt wurde, so gedehnt und langatmig, dass die Personalchefs immer schon andere Dinge im Kopf hatten, wenn sie ihn zur Tür brachten. Einmal hatte er trotzdem einen Job gekriegt, als Lagerarbeiter. Aber dort hatten die Kollegen immer wieder seine tranige Art imitiert – so lange, bis der Chef es schließlich nicht mehr aushielt, ihn in sein Büro rief und ihm die Papiere gab.

„30 Euro“ raunzte ihr der schmierige Typ hinter der Theke entgegen. Dass so Einer den geschäftstüchtigen, aber immerhin korrekten und halbwegs höflichen Glatzkopf aus Vattas Zeiten beerben würde, hätte sie nicht für möglich gehalten. 30 Euro! Für den Ring, den sie 40 Jahre lang getragen hatte! Gestern Abend hatte sie ihn vom Finger gezogen, und noch immer war der Abdruck zu sehen. Die Türklingel, die einen neuen Kunden anmeldete, riss sie aus ihren Gedanken. Aber sie blickte nicht auf, zu sehr schämte sie sich. Doch der Mann, der sich neben ihr an die Theke stellte, legte auch einen Ring auf den Tisch: Einen matten, verkratzten Goldring. Innen trug er eine Gravur: „Jutta, 4. Mai 1978“ konnte sie lesen. Oder vielmehr erahnen. Denn den Ring kannte sie. Und die faltige Hand, die ihn auf die Theke gelegte hatte, auch: Rolf! Sie sahen sich an, griffen ihre Ringe und gingen wortlos nach draußen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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