Diethelm Reiner Kaminski

Traditionswechsel

„Jetzt geht das Theater wieder los. Jedes Jahr dasselbe. Ich kann´s nicht mehr sehen“, maulte Walter Mätzig.

„Dabei bemühe ich mich so sehr um Abwechslung“, verteidigte sich seine Frau Karola.

„Schöne Abwechslung. Mal goldene, mal silberne Tannenbaumkugeln, mal Engelshaar, mal Lametta, mal rote, mal weiße Kerzen. Und das nennst du Abwechslung“, steigerte sich Walter in seine Abneigung hinein.

„Wir können auch ganz auf einen Baum verzichten, wenn er dir ein Dorn im Auge ist“, tat Karola beleidigt.

„Ganz verzichten nicht, aber mal was Neues, etwas, was andere nicht haben. Man muss doch auch mal den Mut haben, aus Traditionen auszubrechen. Deswegen müssen wir nicht gleich zu Weihnachtsverweigerern werden.“

„Wie wär´s mit einem Kaktus? Dem piken wir rote Cherrytomaten in die Stacheln.“

„Ich habe eher an ein Rentier gedacht. Kein lebendes natürlich, sondern ein Stofftier. Ich habe neulich eins im Kaufhof gesehen, in Lebensgröße. Wenn wir das mitten ins Wohnzimmer stellen, festlich geschmückt mit Weihnachtskugeln und Lametta ... Das wäre doch der Gag.“

„Und was hat ein Rentier, bitteschön, mit Weihnachten zu tun, außer dass du sein Geweih mit Weihnachtskugeln behängen möchtest?“, fragte Karola entsetzt.

„Das weißt du nicht? Das Rentier als treuer Begleiter des Nikolaus hat es längst verdient, mehr Beachtung zu finden, mehr als ein Tannenbaum, der nichts für Weihnachten getan hat, außer der Axt entgegenzuwachsen“, machte sich Walter für seine Idee stark.

„Wenn du meinst. Aber nur unter einer Bedingung.“

„Und die wäre?“, freute sich Walter, weil seine Frau sich seinem Vorschlag nicht gleich verweigerte.

„Das Rentier muss bepflanzt werden. Das bisschen Weihnachtsschmuck ist mir nicht festlich genug.“

„Bepflanzt?“, wunderte sich Walter. „Womit und wie?“

„Das muss ich mir noch überlegen. Mit roten Weihnachtssternen, Christrosen, Amaryllen, was immer gerade blüht, damit das Rentier nicht so tot wirkt.“

„Auf dem Kopf des Tiers? Zwischen dem Geweih? Wie soll das gehen?“

„Auf dem Rücken natürlich. Da ist am meisten Platz. Da legen wir ein kleines Blumenbeet an. Je länger ich darüber nachdenke, desto sympathischer ist mir dein Vorschlag. Wenn ich mir vorstelle, was die Verwandtschaft für Augen macht. Wie die vor Neid erblassen. Fahr am besten gleich mal in den Kaufhof und besorg uns das Tier, bevor andere es uns wegschnappen.“

Nach mehreren Stunden kam Walter Mätzig zurück. Mit leeren Händen.

„Und?“, fragte seine Frau. „Wo ist das Rentier? War es dir zu teuer?“

„Ausverkauft“, seufzte Walter. „In der ganzen Stadt ausverkauft. Auch bis Weihnachten nicht mehr lieferbar. Bepflanzte Rentiere sind der große Renner in diesem Jahr, haben mir die Verkäuferinnen gesagt. Kaum einer will mehr einen simplen Tannenbaum. Die Tannenbaumverkäufer sind auf ihren Bäumen sitzen geblieben. Die Preise sind im Keller.“

Am ersten Weihnachtstag saßen Walters und Karolas Eltern und Geschwister zum jährlichen Weihnachtsessen zusammen und bewunderten den bis an die Decke reichenden Tannenbaum, seine roten Kugeln, die weißen Wachskerzen, das im flackernden Schein der Kerzen glitzerne Lametta.“

„Dass ihr den Mut habt, gegen den Trend zu schwimmen. Überall diese kitschigen bepflanzten Rentiere. Wir haben uns leider auch anstecken lassen von dieser Mode und bereuen es jetzt. Euer Tannenbaum, die reinste Augenweide.“

Karola und Walter blickten sich an und sagten fast gleichzeitig: „Da sind wir eher altmodisch. Man muss ja nicht jeden Mist mitmachen. Rentiere als Weihnachtsbaumersatz? Zum Wegrennen!“

2011

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