Wolfgang Küssner

Rollenspiele

Das Wiener Burgtheater schien mir das Nonplusultra, so etwas wie das Mekka der Bühnenschauspieler, das erstrebenswerte für Angehoerige meiner Zunft zu sein. Die großen Rollen von Goethe und Schiller und Shakespeare wollte ich spielen. Um auf Godot zu warten, fehlte mir die Zeit. Moeglichst schnell wollte ich auf diesen idealen, finalen Brettern der darstellenden Kunst meine genialen Interpretationen zum Besten geben. Der Weg zum Ziel, einem so ambitionierten, der Weg zum Zenit, kann allerdings ein recht beschwerlicher sein.

Ich hatte Glück, so muß man es wohl sagen. Der Regisseur war offensichtlich sofort von meinen großartigen Leistungen, meinem herausragenden Talent überzeugt. Also begann meine Bühnen-Karriere überraschend schnell am Deutschen Schauspielhaus gleich mit einer tragenden Rolle. Erste Szene, erster Auftritt: Mit einer Rolle Toilettenpapier in der Hand mußte ich quer über die Bühne gehen und den versammelten Herren das Ausbleiben der erwarteten weiblichen Gesellschaft mit den Worten nahebringen: „Sie kommen noch nicht!“ Dieser Satz sollte ohne Betonung, ganz sachlich und nicht zu laut gesprochen werden. Kaum hatte ich die Bühne betreten, entdecke ich am Rand zum Publikum hin einen kleinen Kasten. Ein Frau schaute mich an und flüsterte mir zu: „Sie kommen noch nicht.“ Okay, habe ich mir gedacht, dann eben nicht und bin wieder hinter den Vorhang gegangen. Was damals so vielversprechend mit einer tragende Rolle für mich begann, erwies sich als ein nur kurzes Intermezzo am Theater. Seitdem beobachte ich die Menschen in ihren unterschiedlichen Rollen, um mein Comeback auf die Bühnen dieser Welt noch genauer vorzubereiten.

Der Promoter im Eingangsbereich des Kaufhauses erinnert in seinem weißen Kittel an einen Arzt. Das ist natürlich Absicht, um die Glaubwürdigkeit zu untermauern. Er hat zwar nie Medizin studiert, soll hier aber eine neue Creme gegen Hämorrhiden an den Mann, die Frau bringen. Die Anonymität der Großstadt ist dafür eine ideale Bühne. Hier gilt es, mit unverständlich, blumigen Worten, die Leidenden von der Creme zu überzeugen. Das karge Honorar richtet sich nach dem täglichen Verkaufserfolg. Abends im Hotel, denkt er an alles andere, nur nicht an die Gesäss-Leiden seiner täglichen Gesprächspartner.

Der Außendienstmitarbeiter soll Herrensocken oder Nudelsuppen, Golfschläger oder Wurstdärme, Sonnenbrillen oder Dämmplatten, Kugelschreiber, Alleskleber oder Regenschirme verkaufen. Im Auftrag seines Arbeitsgebers ist er mit einer meist unrealistischen Verkaufsaufgabe ausgestattet unterwegs. Also erzählt er dem Kunden das Blaue vom Himmel, um das erforderliche Tageslimit, das Monatssoll zu erreichen. Und manchmal denkt er sich abends im Bett liegend: „Hätte ich doch bloß etwas Vernünftiges gelernt.“

Die Domina mit schwarzer Schnürcorsage, hohen Lederstiefeln und Flogger-Peitsche verhilft gestressten Managern zum Zugang ihrer verschütteten Gefühle; sorgt für Aggressionsabbau, bringt ihnen sexuelle Befriedigung. Am Ende des Tages fährt sie dann in Sneakers, Leggins und einem T-Shirt mit der roten Zunge der Rolling Stones per U-Bahn zurück in die häusliche Wohnung.

Der Krimiautor hat einen Vertrag mit seinem Verlag und muß zwei Kriminalromane per anno abliefern. Das tägliche Arbeitspensum liegt bei vier bis sechs Seiten. Der Autor schreibt vormittags über Schießereien, qualvolle Gift-Tode, bluttriefende Morde. Je mehr Leichen, je groeßer der Verkaufserfolg. Meistens ist nachmittags Recherche für den Text des folgenden Tages angesagt. Und abends, nach dem Essen, genießt der Krimi-Schriftsteller süße Pralinen und zarte, filigrane, gefühlvolle Liebesgedichte.

Ein Winzer muß nicht zwangsläufig winzig sein, obwohl sich häufig die Lebensregel bestätigt: „Je kleiner – je feiner.“ Damit ist natürlich das Weingut und nicht der Weinbauer gemeint. Der Winzer pflegt und kultiviert die Rebstoecke, bewahrt sie vor der Reblaus und anderen Gefahren, liest die Trauben, keltert den Wein, führt ihn zur finalen Reife hin, um diesen dann auch noch zu vermarkten. Nach Feierabend, nach der Tagesschau, wenn er ganz allein ist, der Winzer, niemand zuschaut, dann, ja dann geht er an den Kühlschrank und genehmigt sich - ein kühles Bier.

Der Animateur soll Stress und Streit, soll drohenden Mord oder Totschlag vorbeugen, verhindern, das eventuelle Aufkommen von Langeweile im Keim ersticken. Die Menschen waren so intensiv in den Produktionsprozeß integriert, daß sie mit ihrer Freizeit, mit ihrer Zeit für die Reproduktion der eigenen Arbeitskraft überfordert waren. Sie goennten sich für ihrer Urlaub den nicht gerade billigen Club Sonstwas auf der Ferieninsel XYZ, wußten aber nichts mit der ihnen zur Verfügung stehenden Zeit anzufangen. Das war die Geburtsstunde der Animateure. Ihr tägliches Lachen, das immer Gut-Drauf-Sein, der permanente Optimismus, das Hyperaktive, sollte Schlimmeres verhindern. Nach einer Saison wurden sie, die Animateure, ausgetauscht; ausgelaugt, kraftlos.

Der Frontmann einer Musikgruppe soll für die richtige Stimmung beim Publikum sorgen; ähnliches gilt für den Glockengießer, doch zugegeben, es sind deutlich andere, metallische Gewichte im Spiel. Der Büchsenmacher muß treffsichere Waffen herstellen; Verteiler der Discounterprospekte sollen ebenfalls zu einer hohen Trefferquote führen. Da werden mit Überzeugung Zeitschriften an den Leser in spe gebracht, die niemand benoetigt; Geräte zur Penis-Vergroeßerung werden offeriert, die natürlich nur den Fluß des Geldes Richtung Hersteller vergroeßern. Polizisten schützen uns vor Dieben; Luden schützen ihre willigen Damen; Politiker ihr Handeln und Anwälte ihre Klienten. Da sind der Kellner, der Arzt und die Krankenschwester, der Feuerwehrmann, der Landwirt und der Lehrer; der Apotheker, der Ingenieur, Fernfahrer, Kaufmann, Hausfrau, Techniker und und und ... der Schauspieler... ja, und da schließt sich der Kreis.

Sind wir nicht alle, die wir da fremdbestimmte Arbeit zu leisten  haben, so etwas wie Schauspieler, Rolleninhaber auf der Bühne des Lebens? Und wer keine Rolle spielt, hat meistens schlechte Karten, oder es nicht noetig. Das spielt u.U. manchmal auch eine Rolle. Und wer aus der Rolle fällt, muß nicht zwangsläufig einen Fehler begangen haben, das muß keineswegs negativ sein. Im Gegenteil, es koennte eine Befreiung, ein Neuanfang sein. - In stillen, besinnlichen, reflektierenden Momenten wird das tägliche Prozedere in ersten Ansätzen hinterfragt. Wo bleibe ICH da eigentlich, bei all dem Rollenspiel? Ob ich es noch einmal am Wiener Burgtheater versuchen sollte?

Januar 2017

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