Sabine Sener

Familienbande, Teil 2

 Inzwischen sind drei Jahre vergangen und meine Familie ist noch genauso chaotisch wie früher. Nicht nur, dass mein Vater seine Fressattacken nicht im Griff hatte, er reagierte absolut agressiv, als man bei ihm Diabetes feststellte.
Kein Wunder, die hohen Blutzuckerwerte verursachten bei ihm enorme Stimmungsschwankungen. Wenn ihm seine Gesundheit lieb war, musste er lernen, mit der Insulinspritze umzugehen. Nach ein paar blauen Flecken im Bauchbereich hatte er es im Griff. Er bedauerte nur, dass er seine geliebten Sahnetorten extrem einschränken musste. Meine Mutter war knallhart und bemitleidete ihn kein bisschen, natürlich nur zu seinem besten. Die Mahlzeiten schrumpften auf ein Drittel zusammen und mein Vater speckte ordentlich ab. Bald hatte er wieder Chancen bei der Nachbarin, die ein Auge auf ihn geworfen hat, aber meine Mutter würde das zu verhindern wissen.

Mein Bruder Klaus, der gelernter Koch war, stellte einen leckeren Menüplan zusammen, der sich sehen lassen konnte. Schließlich hat er nicht umsonst seine Ausbildung in Spanien mit bravour bestanden. Die mediterrane Küche ist sehr gesund und meinem Vater schmeckte sie außerordentlich gut, so dass er nicht mehr so oft an seine geliebten Sahnetorten denken musste.

Auch Katze Mimi, die ein kleines Dickerchen geworden ist, weil sie von allen mit Leckerchen verwöhnt wurde, bekam einen Diätplan von unserem Tierarzt. Bald kann sie im Garten wieder kleine Mäuschen fangen und sie uns als Geschenk im Mäulchen überreichen.

Unser Beo hat es mal wieder auf die Spitze getrieben: Er hat sich zu einer regelrechten Schwatzdrossel entwickelt und fordert die Nachbarschaft buchstäblich heraus. Wir können ihn nicht mehr auf die Terrasse stellen, da er zu keiner Zeit seinen Schnabel halten kann. Er schnappt ständig irgendwelche Wörter auf, und plappert laut drauf los, gerade wenn man es nicht gebrauchen kann, z.B. wenn Besuch da ist. Manch peinliche Situation musste umgangen werden. Wir überlegen uns bereits, ob wir ihn in einen Vogelpark abgeben sollen und uns stattdessen zwei niedliche junge Wellensittiche kaufen, die auch "Baby Mike", der inzwischen neun Jahre alt ist, begeistern würde. Neben Vögeln hatte er auch eine Leidenschaft für grüne Laubfrösche, die bei meiner Mutter allerdings nicht so gut ankamen. Erstens hatten wir nicht genug Platz für ein großes Terrarium und zweitens liefen ihr jedesmal eiskalte Schauer über den Rücken, wenn sie irgendwelche Reptilien oder Amphibien sah. Und dann geschah es eines Tages:

Meine Mutter deckte den Mittagstisch besonders schön mit dem guten Porzellan und der sehr teuren, neuen Salatschüssel. Sie war bester Laune, bis "Baby Mike" nach der Schule mit einer besonders großen Schachtel ins Eßzimmer stolzierte und begeistert rief: "Schau mal Mama, was ich gefunden habe!" und stellte die Schachtel auf den Mittagstisch. Meine Mutter war schon auf "180", denn augenblicklich war die Tischdecke schmutzig. Doch es war bereits zu spät, denn "Baby Mike'" öffnete stolz die Schachtel und heraus sprang ein dicker, fetter, grüner Laubfrosch, der prompt in der Salatschüssel landete. Ich weiß nicht, wer verwirrter war, meine Mutter oder der Frosch! Dieser saß mitten im Feldsalat und glotzte meine Mutter mit großen, roten Glubschaugen an, die fast einen Schreikrampf bekam. Und dann brüllte sie los: "Schaff sofort das Vieh hier raus, ansonsten hast du hier Hausverbot!" "Baby Mike" blieb ganz cool, hob vorsichtig den verschreckten Laubfrosch aus der Salatschüssel und packte ihn wieder in die Schachtel. Vorsichtig sagte er: " Ich treffe mich nach dem Mittagessen mit meinem Freund Tom, dann bringen wir ihn wieder an die Stelle zurück, wo wir ihn gefunden haben."
Meine Mutter atmete erleichtert auf, und der unglückliche Frosch musste solange auf der Terrasse in seiner Schachtel ausharren, bis das Mittagessen vorbei war. Ich kann nur sagen: "Das ist nochmal gut gegangen!"

Weniger gut wurde der Haarschnitt meines Bruders Klaus, denn meine Schwester Britta fing eine Friseurausbildung an; ob sie dafür talentiert war, war fraglich. Sie musste noch viel üben und suchte sich Klaus als Versuchskaninchen aus. Der gutmütige Kerl ließ aber auch alles mit sich machen! Auf jeden Fall ging der Haarschnitt komplett daneben (ein Topf auf dem Kopf und einmal rundherum abschneiden, hätte es auch getan), und ich frage mich wirklich, ob es der richtige Beruf für meine Schwester ist. Sie wollte unbedingt etwas kreatives machen. Ich bin in letzter Minute noch davongekommen, denn sie wollte meine Haare feuerrot färben. Hallo, erstens paßt die Farbe nicht zu meinem Typ und zweitens will ich nicht wie eine Leuchtreklame aussehen! Und drittens, meine Aussichten, eine Stelle als Fremdsprachenkorrespondentin zu bekommen wäre gleich Null, obwohl ich sehr gute Zeugnisse habe. Das Jahr auf Malta hat mir sehr gut getan und die Englisch Sprachschule hat einen ausgezeichneten Ruf. Meinen Erfolg als Korrespondentin stand also nichts mehr im Wege, und eine 21jährige mit honigblonden Haaren hat doch sicher mehr Chancen, als eine mit feuerroten!

Ach übrigens, Opa Rudi und Oma Traude kennt ihr noch gar nicht! Meine Mutter sieht ihre Eltern nur noch selten, denn die beiden sind ständig unterwegs, gerade sind sie von einer Busfahrt aus Verona zurückgekommen und haben sicher viel zu erzählen. Na, dann lassen wir uns mal überraschen!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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