Niklas Götz

Königin der See

Am Rande des Raums stehen wir voreinander, ich schaue hinab zu dir. Wenige Mädchen reichen so nahe an mich heran wie du. Dein Haar ist ungewohnt kunstvoll drapiert. Anstatt der hastig hingekämmten Ordnung, die du sonst trägst, ist es heute zweigeteilt - die eine Hälfte wird von einer Klammer von der Stirn aufwärts in den Nacken geführt, wie ein goldener Kopfschmuck. Die andere Hälfte fällt hinter deinen Ohren knapp bis zur Schulter hinab und gibt dir ein aristokratisches Aussehen.

Ich verneige mich leicht von dir, mit einem kleinen Schmunzeln. Bei deinem angedeutetem Knicks, den du von mir aus hättest gern noch tiefer ausführen dürfen, erwiderst du dieses Schmunzeln, auch wenn du kurz zuvor besorgt geblickt hattest. Du fürchtest stets, ich würde bei der Verbeugung mit meinem Kopf auf deinen schlagen, da mein Oberkörper so lang ist.

Für einen kurzen Moment hänge ich noch jener Zeit hinterher, als uns dieses unsinnige Ritual eingetrichtert wurde. Es war erst vor kurzem und doch hat sich so vieles geändert. Es war eine gute Zeit. Die beste bisher.

Die ersten tanzbaren Takte tönen an, die ersten Paare bewegen sich. Es wird Zeit. Wir treten jeweils einen Viertelschritt näher aufeinander zu. Routiniert greife ich mit der rechten Hand an deinen Rücken. Zur Orientierung suche ich den Verschluss deines BHs. Du machst dir nicht viel Mühe, seine Träger unter deinem Kleid zu verstecken, zumal sie häufig rutschen, und so weiß ich, dass er wenig kunstvoll und schwarz ist - zweckmäßig für die Zwecke, für die du ihn einsetzt. Meine Fingerspitzen legen sich sanft auf die Verdickung, wo sich die Hafteln befinden, zeitgleich umfasse ich mit der linken deine rechte Hand. Deine linke Hand hat den weiten Weg bis zu meinem rechten Bizeps gefunden. Während ich mich in den Takt einfühle, halte ich diesen Moment kurz fest. Deine kleinen, etwas stummeligen Finger in meiner Hand - wahrscheinlich der größte deiner wenigen Schönheitsmakel. Schlimmer ist eher, wie wenig zärtlich du sie einsetzt. Wenn deine Hand nur so sanft auf mir ruhen würde wie sie es scheint… und nicht einfach nur dort liegt, weil dies nun einmal die Haltung ist.

Zur Eröffnung gibt es selbstverständlich einen Wiener Walzer. Meine ersten Schritte führen zu keiner schönen Bewegung, ich habe bereits zu lange nicht mehr getanzt, um mich sofort in mein Schrittmuster wiedereinzufinden. Ich stoppe kurz und setze mich deinem tadelnden Blick aus: ein geneigter Kopf, hochgezogene Brauen, dafür leicht nach unten gezogene Mundwinkel. Du verzeihst keine Fehler, du erwartest, dass man gut ist. Du bist es schließlich auch.

Noch ehe du lange mit einem genervten „Was tust du?'' anmerken kannst, um dann zu erläutern, wie es richtig ginge, steige ich wieder ein, mache ein paar halbgare Schritte und tanze dann ganz passablen Wiener Walzer. Rasch drehen wir uns um eine nicht raumfeste Achse. Es gibt kein Lob von dir, es ist ja selbstverständlich, dass ich mich wieder erinnert habe. Es hat lange genug gedauert.

Erst jetzt fällt mir auf, wie voll die Tanzfläche ist. Da fast jedes Paar zu Beginn noch tanzfreudig ist und ebenso viele diesen Tanz beherrschen, wird die Menschendichte nun maximal. Wir drehen uns im Takt weiter, versuchen dabei in eine freiere Ecke zu kommen. Wie in einem Kettenkarussell geht es auf und ab, vom festen Stand zu den Zehenspitzen und zurück. Rollend spüre ich unsere gemeinsame Masse im Raum rotieren, wie ein Schiff, das schräg zum Wellengang durch den Sturm steuert. Ganz professionell schaust du nach links und öffnest mir den Blick zu deinem nicht zerbrechlich erscheinenden, aber dennoch anziehenden Hals. Doch Zeit dorthin zu blicken bleibt mir nicht. Während sich alles um mich dreht, die Farben schnell wechseln oder gar blinken und ich auf die Musik hören muss, um im Takt zu bleiben, ist es auch noch nötig, jede Kollision zu vermeiden. Noch ehe wir in der relativ sicheren Mitte der Tanzfläche angelangt sind, geschieht es bereits: als ich kurz strauchel und wegschaue, da mich ein Absatz einer anderen Dame an der Ferse traf, kam ich nicht zum Ausweichen und ein anderes Paar tanzt mit voller Kraft und den Händen voraus in unsere Seite. Ich bin froh, das meiste abbekommen zu haben - ich sage mir, dass dies daran liegt, dass ich führe. Irgendjemand von uns Vieren hat sich vielleicht entschuldigt, es ist mir egal, ich will weitertanzen, und so beginnen wir erneut. Doch es gestaltet sich als sehr schwierig - da wir uns kurz nicht bewegt haben, wurde um uns als stehendes Objekt kaum Abstand gehalten, sodass bereits bei der ersten Drehung ein Stoß in den Rücken den Tanz stoppt. Die kurze Unterbrechung unserer Bewegung hat ein anderes Paar nicht erwartet und tanzt in uns hinein. Es schienen sich noch mehr Menschen zu verkeilen. Ich ziehe dich heraus in die Mitte der Tanzfläche, das Auge des Sturms, und rufe dir zu: ``Das ist hier ja wie ein Seegefecht!'', was du mit einem zurückhaltenden, zustimmenden Brummen kommentierst. Es erinnert mich tatsächlich daran, rammen wir doch selbst hier in der Mitte immer wieder aneinander, massive Körper auf dem Meer der Tanzfläche, getrieben vom Wind der Musik, buhlend um Dominanz im Raum, um Macht zur Bewegung, bewaffnet mit Ellenbogen.

Erst jetzt erkenne ich die Musik, zu der wir tanzen. Sie erinnert mich an vergangene Tage, Erfahrungen wie Inschriften in Stein, aus dem mein Herz ist, Hoffnungen, die es in Brand setzen. Ich weiß, dass du diese Musik mit nichts als Tanz verbindest. Und woran ich denke, das erahnst du wahrscheinlich auch nicht. Du tanzt nur, weil es dir Spaß macht. Du tanzt mit mir, weil ich gerade dein Tanzpartner bin. Und weil du mir vertraust. Ein bisschen zumindest. Aber ich tanze mit dir, weil ich es genieße.

Nach einigen Minuten des raschen Rotierens, des Aufs und Abs, der Millionen Farben und hunderten Gesichter und des einzigen Fixpunkts vor mir, der du bist, geht der Walzer zu Ende. Wir lösen unsere Griffe voneinander, und während sich noch alles dreht, blicke ich dich an. Du trägst keinen Schmuck und bist nicht geschminkt, das gefällt mir sehr. Du bist einfach du. Niemand anders, nicht mehr, nicht weniger. Immer authentisch, aber nur selten offen.

Mambo No. 5 klingt an, ich greife zu und ziehe dich zu mir. Nach wenigen Grundschritten gehe ich in die Promenade, und weil ich auf dich und die Musik achte und mir die Menschen um uns relativ egal sind, war mir nicht bewusst, dass meine ausgestreckter Arm ein anderes Paar erreicht. Ich spüre den Schlag an der Hand, fühle mich wieder wie im engen Gedränge einer Seeschlacht, doch blicke mich nicht um. Alles was zählt ist der Tanz, der Tanz mit dir.

Im Fan blicke ich dir hinterher. Bei manch anderer wirkt es wie ein Pfau, der sein Gefieder präsentiert. Doch du tanzt ohne großen Schmuck, ohne übertriebene Balz, ohne den Wunsch, gesehen zu werden. Messerscharf fallen deine Schritte. Du tanzt für dich. Dein atlantikblaues Kleid, gespickt von zerlaufenden Flecken von Grün wie Seetang und abendhimmelorangenen Ovalen fällt fließend an deinem griffigen, reizvollen Körper hinab wie klares Bachwasser über einen abgerundeten Stein. Deine gebräunte Haut kontrastiert die Farbe des Kleids sehr gut (außer wenn die Scheinwerfer alles in Königsblau tunken), und man sieht ungewöhnlich viel von dir, insbesondere deine Schultern und den Bereich darunter, was ich heimlich genieße. Mit einer schnellen Innendrehung, in der ich deinen kräftigen, mit einer fast animalisch betonten Wirbelsäule gezierten Rücken für einen Augenblick ausmachen kann, ziehe ich dich wieder zu mir heran.

Die launige Musik lässt meine Bewegungen kräftiger, flinker und betonter werden, ein Lächeln verfestigt sich auf meinem Gesicht. Die vielen bunten Lichtpunkte der Diskokugel auf deinem Antlitz erscheinen mir wie ein Feuerwerk. Es ist, als würden Raketen in meinem Herz aufsteigen und an dir zünden. Beim Schritt nach hinten verschlinge ich deine Arme, bis dein Oberkörper so verdreht ist, dass du durch sie zu meinem Gesicht blicken kannst, bis ich dich beim Schritt nach vorne wieder befreien kann. Ich tue das einige Male hintereinander, denn in dieser halben Sekunde wirkst du so anders. Es ist, als wäre die ganze Kälte, Starre, Hölzernheit von dir abgefallen und ich erblicke für wenige Sekunden eine junge Frau. Einen Menschen, der Leidenschaft kennt.

Ich ahne, die Figur könnte dir bereits wieder langweilig geworden sein, bist du doch jemand, den man beschäftigt halten muss. Ich tanze einen Zickzack mit dir und blicke dir dabei in die Augen. Weit aufgerissen starren sie mich an, die blausten Augen die ich kenne. Ich erinnere mich an den Tag im vergangenen Sommer, als ich endlich ihre Farbe zu bestimmen wusste. Es war warmer Tag in der Schweiz, wir saßen auf einem Stein an einem Bergbach. Ich sah das luftgetränkte Wasser, das flink von Stein zu Stein sprang, klar wie das Eis der Gletscher. Deine Augen sind wie ein Schluck aus dem Bach.

Du hattest einmal beschlossen, den Blick deiner Tanzpartner zu erwidern, weil du es für schöner hälst, und dich nicht mehr davor fürchtest, dass es ständig missverstanden werden könnte. Aber dein starrer, bohrender, tiefer Blick passt nicht zu dir, sodass ich breit grinsen muss. Es entgeht dir nicht, und entgegen deines Willens tust du es mir gleich. Wir schaukeln uns hoch, ich muss kichern und auch du zeigst mir mit einem breiten Lachen deine milchigen Zähne.

 „Weshalb lachst du?'', fragst du mich leicht protestierend.

„Ich freue mich einfach darüber, mit dir zu tanzen.''

„Aha.''

Einen halben Mangokick lang schweigen wir uns an, dann murmel ich laut:

„Ich erinnere mich noch an unseren ersten Tanz. Auch ein Cha-Cha-Cha. Wir mussten die ganze Zeit lachen.''

„Ja. Es war sehr ungewohnt.''

Du neigst deinen Kopf kurz und lächelst etwas, man sieht, dass du dich gerade erinnerst und etwas abwesend bist. Tatsächlich war es äußert befremdlich am Anfang, hatte ich dich doch in den zwei Jahren, die wir uns kannten, noch nie großartig berührt. Immerhin hasst du Körperkontakt. Dann tanzten wir zusammen, und plötzlich spürte ich die Wärme deines Körpers, seine Festigkeit, seine Proportionen. Von der Harmonie der Bewegung ganz zu schweigen. Diese Ungewohntheit war für mehrere Wochen nur durch regelmäßiges, exstatisches Lachen kompensierbar.“

Ich kichere dir noch einige Takte etwas vor. Das Licht blinkt immer wieder in neuen Farben auf, jedes Mal steht eine anders gefärbte Version von dir vor mir, stets in einer anderen Position, doch immer mit einem fast mütterlich-amüsiertem Lächeln über meine Fröhlichkeit. Wenige Sekunden später sollte sich das ändern. Schmerzhaft langsame, sommerwarme Rumbamusik schwappt über die Tanzfläche. All die sorglose Freude des Cha-Cha-Chas wird zu sehnsuchtsvoller Leidenschaft. Die schnellen, fast springenden Schritte werden zu bedächtigem Schreiten, mein Gesicht wird ruhig und ernst wie mein Blick.

Bei dir ändert sich nichts. Für dich ist Tanz stets Lebensfreude, denn du verbindest mit den Liedern keine Geschichten von den Irrungen des Lebens. Erst nach zwei, drei Figuren blickst schaust du mich irrtiert an.

„Ich finde es immer noch komisch, dass du sofort deine Stimmung veränderst, wenn ein anderer Tanz kommt.''

„Nicht ich verändere meine Stimmung. Der Tanz tut es. Fühlst du es nicht auch?''

„Hmmm. Du bist komisch.''

Ich lächele dich an. Du hast noch Welpenschutz. So vieles ist dir noch fremd, was für mich bereits so selbstverständlich wie Atem und Puls geworden ist. Dein Herz wie dein Gesicht sind frei von Narben, unberührt wie glatter Marmor. Noch lange wird dir unverständlich bleiben, was ich fühle. Du siehst nicht die Wärme in meinem Blick zu dir, die Zärtlichkeit meiner Berührung. Nicht weil du es nicht willst, sondern weil du es nicht kannst. Du siehst alles, doch hier bist du blind. Ich weiß, dass ich dir dies nicht zeigen kann. So sehr du mich faszinierst, mit deiner Stärke, deiner Klugheit, deiner Selbstständigkeit - so sehr bin ich überzeugt davon, dass weder du mich noch ich dich glücklich machen könnte. Wer nie eine Wunde empfing, weiß nicht zu heilen. Doch die Narbe, die mich bedeckt, ist so groß und tief, dass sie mich ungeheilt eines Tages niederstrecken wird.

Zärtlich folgen meine Augen noch für einige Augenblicke dem Kreisen deiner breiten Hüften im Rumba, bis die Musik sanft entschläft und einem Jive weicht. Wir stellen uns wieder gegenüber, bouncen uns kurz in die Musik ein. Als hätte mich plötzlich ein kleiner Blitz elektrisiert, steige ich in den Tanz ein und führe dich mit. Geschwind und in kleinen, spitzen, fast gehüpften Schritten beginne ich den Tanz. Ich lasse mich gehen, folge der Freude an der Bewegung und versinke ganz im Rausch, aus dem du mich rasch und jäh herausholst - ``Du bist nicht im Takt!''. Plötzlich bin ich wieder auf der Tanzfläche, und blicke dir in die Augen. Ohne dass ich dich danach gefragt habe oder es will, fängst du an mir den Takt anzusagen. Ich würde auch so hinein finden, aber ich unterbreche dich nicht. Immerhin musst du mich ja bereits führen lassen.

Genau das lasse ich dich auch gleich spüren. Ich stoße dich mit einem beherzten Griff an deine Hüften heraus in den Flirt, und ziehe dich bald darauf zum Stop-and-Go wieder fast herein, um dich dich gleich wieder wegzustoßen. Ich lasse dich im ungewissen, wie oft ich dies plane, lasse dich meine Kraft spüren beim wegstoßen, so wie ich deinen Körper, deine Stofflichkeit, deine Weiblichkeit dabei spüre. Du blickst mich leicht kritisch an, wenn du realisierst, dass es gleich wieder eine Runde Fangen und Freilassen gibt. Ich erwidere das aber nur mit einem genießerischen Lächeln. Erst kurz vor Schluss hole ich dich wieder in meinen Griff, in die Tanzhaltung. Der Jive ist schnell, ich sehe den Schweiß auf deiner Stirn, wo er die Haare befeuchtet und die Frisur sabotiert, und den Schweiß auf deinen Wangen, der den Hals hinab rinnt und in dein Décolleté. Du atmest schwer und warm, ich spüre es auf meiner Brust.

 

„Ich mache eine Pause'', sagst du, und verlässt einfach die Tanzfläche. Ich folge dir, immerhin kann ich allein auf der Tanzfläche wenig tun. Du setzt dich auf eine Fensterbank neben deiner Handtasche, und ich mich zu dir. Du lässt Wasser auf deine dir eigene Art aus der Flasche, welche in deiner Tasche war, in deinen Mund hineinfließen, und als ich dich um einen Schluck bitte, reichst du sie mir. Noch während ich daraus trinke, beginnst du aus dem offenen Fenster in den kristallklaren alpinen Nachthimmel zu blicken. Eine Sphäre der Schweigsamkeit und Zurückgezogenheit umgibt dich. Du willst nicht reden. Ich beginne mit dir nach draußen zu blicken, indem ich meinen Kopf über deinen aus dem Fenster strecke. Auf diese Weise rieche ich den würzig-erdigen Geruch deines Haares, während meine Augen das fahle Nachtlicht empfangen. Auf der gegenüberliegenden Seite schält sich ganz leicht aus der mondlosen Dunkelheit die Silhouette einer Bergkette hervor, während der Himmel funkensprühend tausende Sterne zeigt. Wie viel schöner der Anblick wohl sein müsste, wenn man nicht aus einem Tanzsaal hinausblickt.

Zwei, drei Lieder später frage ich dich, ob du nicht wieder Lust hast zu tanzen. Du drehst dich aus dem Fenster heraus, schaust auf die Tanzfläche und sagst „Hmmmm...''. Es ist dein typischer Laut, wenn du nachdenkst, aber keine Antwort hast oder geben willst. ``Ich will primär Sterne anschauen.'' So sitzen wir nun da, ich betrachte Paare auf der Tanzfläche, du zückst dein Handy. Zuerst verfolge ich ein Paar, das gerade dabei ist auch auf andere Art zusammenzukommen, dann das junge Mädchen, das es nicht geschafft hat, dem älteren, gollumartigen Professor deutlich zu machen, dass es kein Interesse an einem Tanz mit ihm habe, zuletzt den jungen Postdoc mit der Instagramprinzessin, die zusammenwirken wie zwei konkurrierende Pfauen - bemüht, gut auszusehen, aber im Zusammenspiel sehr drollig. Als ich deine Zimmergenossin auf der Tanzfläche mit einem Partner sehe, der ebenfalls wie sie heute erst von uns das Tanzen gelernt hat, und die zusammen einiges falsch machen, wollte ich schon eingreifen, als ich im Augenwinkel deinen Handybildschirm sehe.

Erst jetzt fällt mir auf, dass du in den letzten Tagen ungewöhnlich viel und oft schreibst. Du magst das Schreiben eigentlich nicht. Und erneut fällt mir der Name auf. Er ist männlich, und mir gänzlich unbekannt. Es gibt langsam nur noch eine halbwegs plausible Erklärung, von der ich nicht weiß, wie ich sie finden soll. Andererseits - es geht um dich. Wie wahrscheinlich kann es sein?

Ich muss mehr darüber wissen, und es steht mir auch zu. Ich setze an, dich bei der anklingenden Sambamusik zu fragen.

In diesem Moment kommt ein schlaksiger, magerer junger Mann mit Pubertätsschnauzer auf dich zu. Aus den vergangenen Tagen habe ich geschlossen, dass er in deiner AG sein muss. Noch ehe ich die Situation analysieren kann, fordert er dich zum Tanz auf, du legst das Handy weg und verschwindest mit ihm.

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich das zu interpretieren habe. Wolltest du nun doch wieder tanzen und hast darauf gewartet, dass ich dich auffordere? Aber dazu bist du zu selbstständig, du hättest das selber getan. Möchtest du vielleicht einfach mal mit anderen Menschen tanzen, andere Menschen kennenlernen? Aber du weißt genauso gut wie ich, dass dies vielleicht einer der letzten Abende ist, an dem wir zusammen tanzen können. Oder hast du Interesse an ihm? Immerhin hat er es offensichtlich an dir. Er sucht deine Nähe in den Pausen, bei den Mahlzeiten, das fiel mir bereits auf, und nun auch hier. Aber du an ihm? Du doch nicht… und wenn doch… wer ist dann der andere Mensch?

Ich kann nun hier sitzen und beleidigt gucken, oder selber gleiches tun.

 

Ich entscheide mich für letzteres. Ich mische mich unter die Menschen, die in der Nähe des Laptops stehen, welcher beständig von einer Spotify-Liste Tanzmusik zieht. Da es im Gegensatz zu gestern keinen enormen Männerüberschuss, sondern sogar einen Mangel gibt, sollte es nicht allzu schwer sein, irgendeine Tanzpartnerin zu finden. Die Frage ist eher, ob sich eine finden lässt, mit der Tanzen auch wirklich Freude bereitet.

Für einige Zeit schreite ich im Raum mein Revier ab, schau den jungen Tanzschülern auf die Füße, gebe Tipps und Anweisungen, zeige ein paar Schritte an den Damen, und behalte alles etwas im Auge. Doch mir vergeht schnell die Lust daran. Bereits gleich zu Beginn des nächsten Tanzes fordern ein hochgewachsenes, blondes Mädchen und ich uns gegenseitig auf. Zuerst erfreut über eine Tanzpartnerin in meiner Größenordnung, verfliegt meine Freude bald. Sie tanzt wie ein Storch, klappernd und stochernd und ungelenk, und ihr Griff an meinem Arm lässt ihn sich wie ein Frosch anfühlen. Auch ihr scheint es nicht wirklich zu gefallen, denn wir finden nur schwer auf einen gemeinsamen Takt oder Bewegungsmuster. So gut wir in der Größe zusammenpassen, so wenig tun wir es im Tanzen. Ich glaube, wir sind beide froh, dass jemand den Vorschlag bringt, Tanzpartner durchzurotieren.

Ich werfe einen Blick zu dir in den hinteren Teil der Tanzfläche. Du tanzt auf etwas ungewöhnliche Art mit ihm, sehr raumeinnehmend, lachst viel dabei, man sieht deinen breiten Mund geöffnet. Er tanzt nicht schlecht, er muss dies länger tun als ich. Ihr nehmt am Rotieren nicht teil.

Meine nächste Tanzpartnerin ist sehr klein. Sie fiel mir schön öfter auf, denn sie trägt oft bunte, voluminöse Kleider. Sie hat eine tiefe, gehaltvolle Stimme. Sie ist kein Pfau. Sie erinnert mich eher an einen Mandrill. So ähnlich tanzt sie auch, lässt sich kaum führen, denn dafür ist sie viel zu stolz. Nicht so wie du, einfach weil sie sich bewusst ist, was sie kann, sondern weil sie bestimmen will, weil sie dominieren will. Wie sie es sonst mit ihrer Kleidung oder Stimme tut. Ich hoffte noch, dass sich unsere Differenzen heraustanzen lassen. Die Hoffnung zerschlägt sich, als sie nach wenigen Schritten im Schmetterling fragt, ob wir nicht endlich wieder richtigen Wiener Walzer tanzen können.

Ich lasse sie gerne ziehen. Ebenso gerne auch das Mädchen danach, das offensichtlich schon ziemlich angetrunken ist und mir heftig auf die Füße tritt. Überhaupt wird die Auswahl sehr knapp. Fast alle sind schon gegangen, denn der Tanzabend neigt sich dem Ende. Bald soll es Karaoke geben, viel mehr noch gibt es aber ein Stockwerk tiefer ein Gelage, das viele anzieht.

Meine nächste Tanzpartnerin saß schüchtern auf der Fensterbank, das war mir sehr sympathisch. Ihre fehlenden Reize macht sie mit ihrer großen Begeisterung zum Tanz wieder wett. Sie ist sehr erfreut darüber, dass ich sie aufgefordert habe, und ich ahne nach zwei, drei Tänzen (das Rotieren hatte sich mittlerweile nicht mehr durchsetzen können), dass sie es missverstehen könnte. Das Problem löst sich jedoch bald. Auf Dauer frustriert es sie, dass wir sehr unterschiedliche Figuren gelernt haben, wodurch sie meine Führung nicht versteht, und auch mir vergeht die Lust, alle zwei Minuten etwas neu zu erklären. Nach einem letzten Tanz und eines Vorschlags von ihr, uns doch mal in unserer Heimatstadt zu treffen, trennen sich unsere Wege für den Abend.

Ich blicke wieder zu dir und sehe, wie ihr gerade mit großer Freude Figuren austauscht, und lustig miteinander spielt. Es ist mir ein Rätsel weshalb du dich immer mit ihm beschäftigst, die ganze Zeit, und nicht mit einem der anderen Herren. Du bist für mich so oft wie ein offenes Buch, aber manchmal ist es, als wärst du in einer fremden Sprache, vielleicht sogar mit einer fremden Schrift geschrieben.

Ich wittere meine Chance, als ich deine Zimmergenossin frei herumstehen sehe. Es ist spät, sie wird bald schlafen gehen. Ich muss sie noch davor abpassen.

Es ist eine schöne Fügung, dass gerade sie in deinem Zimmer verweilt, so konnten wir uns nämlich kennenlernen. Nicht nur, dass sie wunderschönes, kunstvoll drapiertes, langes schwarzes Haar hat, ein nobel geschnittenes Gesicht, große, mandelförmige, sandelholzfarbene Augen, einen großen, aber nicht klapprigen Körper und Brüste, die unter ihrer Kleidung wie Rehkitze erscheinen. Zu ihrer stets perfekten Ausstrahlung kommt auch noch ein eindrücklich unbescholtener Charakter, der stets nur jedem guten Tun möchte und sich für alles, fast schon für seine Existenz entschuldigt. Vereint wird dies alles von einem breiten Wissen und filigraner Urteilskraft. ich hätte fast um sie geworben, doch wie jeder Edelstein hat auch sie ihre Macken - sie ist gefangen im tiefsten Dogma und ärgster Selbstversklavung unter ihr Studium und ihrem Glauben, und so bewundere ich sie auf ganz platonische Art. Dennoch will ich aber nun die Nähe ihres Körpers genießen.

Ich komme auf sie zu , und gerade, als sich unsere Blicke kreuzen, rufe ich: „Hey, Maria, wollen wir auch ein bisschen tanzen?''

Sie schaut erst ein bisschen schüchtern umher, und meint dann, angesichts der Musik etwas zu leise:

„Ich langweile dich doch bestimmt… ich kann doch kaum tanzen… ''

„Das macht nichts. Wir tanzen einfach was du kannst.''

Ich nehme ihr die Entscheidung letztlich ab, indem ich sie umfasse. Ihr schwarzer, strenger Rollkragenpullover gibt einen guten Griff. Sie schaut mich kurz schüchtern an, dann sehe ich etwas Erleichterung auf ihrem Gesicht, als ein langsamer Walzer anklingt, der für sie am einfachsten zu tanzten zu sein scheint. Maria dreht ihren Kopf brav nach links, was ich etwas schade finde. Natürlich ist das die korrekte Tanzposition, aber ich blicke meiner Tanzpartnerin lieber in die Augen. Vor allem, wenn sie so hübsch sind. Wir tanzen einige Takte, und sie macht das ganz gut. Dennoch spüre ich ihre Aufregung. Ihre Brust hebt sich schnell, und sinkt schnell wieder ein, ihr Griff an meinem Rücken und meiner Hand ist fest und schwitzig.

„Du tanzt sehr gut, Maria!''

„Nein das tue ich nicht. Du bist viel besser.''

„Vielleicht, aber ich tanze auch schon deutlich länger. Soll ich dir noch eine Figur zeigen?''

„Ich bin mir nicht sicher ob ich das hinkriege…„

„Ich helfe dir ja.''

Ich beginne, ihr Schritt für Schritt eine Damendrehung zu zeigen. Es ist dabei sehr störend, dass ich keine Damenschritte gelernt habe. Ich habe es damals nicht für nötig empfunden, Damenschritte mitzulernen. Ich hätte niemals gedacht, so häufig auf Frauen zu treffen, die weniger tanzen können als ich, oder dass scheinbar jeder andere Schritte lernt, und am wenigsten, dass ich eines Tages mitten in den Schweizer Alpen mit einer Freundin anderen Menschen das Tanzen zeigen werde. Das Leben nimmt einen eigenartigen Verlauf. \

Maria gibt sich Mühe, doch ihre starke Vergeistigung in Hingabe an Katholizismus und Medizin zeigt Spuren - ihre Bewegungen sind unsicher, schüchtern und instabil. Mehrmals droht sie mir beim Drehen zu entschwinden, und nur mein fester Griff hält sie bei mir. Am Ende kann ich die richtigen Schritte nicht mehr von den falschen unterscheiden, und akzeptiere Marias mittelprächtigen Lernfortschritt bei diesem Tanz. Sie spürt dass sie es nicht ganz perfekt macht, und entschuldigt sich dreimal dafür. Ich würde ihr das am liebsten verbieten. Sie wäre so viel besser, wenn sie Vertrauen in das hätte, was sie tut.

Viel besser läuft es beim Cha-Cha-Cha. Einerseits kann ich ihr mit der Promenade eine einfachere Figur zeigen, andererseits scheinen ihre Füße für diesen Tanz viel besser gemacht zu sein. Doch viel wichtiger noch, zum ersten Mal in den eineinhalb Wochen, in denen wir uns nun kennen, sehe ich enthemmte Lebensfreude in ihrem Gesicht. Plötzlich blüht sie wie eine Pfingstrose auf, lächelt und blickt mich sogar ab und zu an.

Für einen Tanz werfe ich keinen Blick zu dir. Für einen Augenblick spüre ich nur Marias Wärme unter, ihr Haar auf meiner Hand. Für eine Sekunde sehe ich nur ihre leuchtenden Augen.

Dann sollte es wieder einen Wiener Walzer geben.

„Ich glaube den können wir nicht tanzen, den habt ihr uns heute nicht beigebracht.''

„Ich kann ihn dir jetzt beibringen. Er ist zwar wirklich nicht meine Spezialität, aber er ist nicht so schwierig als dass ich ihn dir jetzt nicht zeigen könnte.''

Letztlich nehme ich ihr hier auch die Entscheidung ab. Ich merke bald, dass dies nicht ihr Tanz wird. Sie kann den Schritten zwar folgen, doch sobald unser gemeinsames Schiff ablegt, in steifer Brise hinaus auf die Weiten der Tanzfläche, wird sie seekrank. Ihr Griff wird noch fester, ihre Augen weiten sich in Angst, und bald schon merke ich, wie sie entfliehen will. Mein Plan ist schnell gefasst, ihr vorzuschlagen, auf den nächsten Tanz zu warten, doch ich habe etwas übersehen.

„Ich möchte dich nicht die ganze Zeit okkupieren. Deine Tanzpartnerin will bestimmt auch mit dir tanzen.''

„Nein, die tanzt doch schon mit diesem…'' Natürlich war mir der Name entfallen. Ich blicke mich um. Tatsächlich tut sie das nicht, sondern sitzt mit ihm auf der Fensterbank und redet. Maria zieht mich zu ihnen. Bei jedem anderen Mädchen hätte ich gedacht, dass sie mich loswerden will. Aber mir war klar, dass sie tatsächlich zu viel Anstand hat, um länger mit dem Tanzpartner einer anderen zu tanzen. Tatsächlich wurde ich ihr auch so vorgestellt. Sie versteht offenbar nicht, dass du - aus welchem Grund auch immer - kein Interesse daran hast, mit mir zu tanzen. Du bist auch irritiert von Marias Aktion, und machst bei unserem Eintreffen keine Anstalten, dich von mir auffordern zu lassen. Maria wartet leider nicht ab, und erkennt so nicht ihre Fehleinschätzung. Sie verschwindet, um sich etwas zu trinken zu holen.

So schnell war der Spaß wieder vorbei.

 

Mittlerweile wurde das Karaoke aufgebaut, die meisten Tanzpaare verziehen sich. Viele können nur auf Tanzmusik tanzen. Du bist da flexibler, und scheinst deinen neuen Tanzpartner diese Flexibilität beizubringen.

Um den neuen Laptop, welcher ein gehacktes Karaokeprogramm installiert hat, schart sich bereits eine Reihe von Mathematikern. Einer von ihnen trägt ein Smartboard auf die Tanzfläche und beginnt, eine Reihe von Titeln mit einem Edding daraufzuschreiben. Ein weiterer trägt sechs Mikrofone und einen kleinen schwarzen Kasten sowie ein Kabel heran, welche er mit dem Laptop beziehungsweise mit dem Eingang der Lautsprecheranlage verbindet. Bald schon ertönt die erste Metalmusik, zu der sich quasi nur die Veranstalter der Aktivität zum Singen einfinden, während sich viele im Angesicht dieser Musik verziehen. Es sind eben nicht alles MINTler.

Eine Zeit lang sitze ich in der Ecke, blicke abwechselnd auf die lauchigen Sänger, auf euch beide, die ihr wirklich zu allem irgendeinen Tanz zusammenschustern könnt, und auf den Bildschirm, auf dem sich Balken in bunten Farben anfüllen und manchmal Funken versprühen. Am Ende jedes Liedes springt das Programm zurück zur Auswahlliste, welche alphabetisch sortiert ist. Aus diesem Grund höre ich nun sehr häufig das Lied über Cruella De Vil aus „101 Dalmatiner''. Nach einiger Zeit wird ein Lied ausgewählt, dass ich kenne. Nach einigen Takten erweckt es in mir alte, verstaubte Erinnerungen zum Leben, wie der erste Sonnenstrahl den gefrorenen Boden. Wie das Tauwasser den Boden durchdringt, so tun es die längst vergessenen Gefühle, und um mich von dieser plötzlichen Last zu befreien, beginne ich mitzusingen - erst leise, dann immer lauter. Nach dem Lied stehe ich auf und schreibe ein eigenes auf die Liste. Nach zwei oder drei Stücken ist es dran, und ich schnappe mir eines der Mikrofone. Noch viele sollten an diesem Abend folgen. Jede Episode meines Lebens hat ihr Lied, quasi eine akustische Chronik. An diesem Abend wollte ich sie von Anfang an lesen. Es überraschte mich selbst, dass es mich nicht störte, dies mit so vielen Menschen zu teilen. Aber sie verstanden es sowieso nicht. Ich hörte ihren Gesang nicht, denn aus der Tiefe meiner Erinnerung, meines Herzens, meiner Lunge quoll so viel Kraft, dass ich alles übertönte. Und ich sah auch nicht dich, die du hinter meinem Rücken auf die Musik meines Lebens mit jemand anderem tanzt.

Lied für Lied weckte Engel und Dämonen meiner Vergangenheit. Die erste Brise der Freiheit, die kalten Finger der Todessehnsucht, die strömende Kraft des Aufbruchs, die Bissigkeit des Überlegenheitsgefühls, die Bitterkeit der Niederschlagung, die Süße junger Liebe, die Salzigkeit reifender und die Säure zerfallender. In kaum anderthalb Stunden erlebe ich 20 Jahre aufs Neue. Es kostet mich mehr als nur meine Stimme. An einigen Stellen konnte ich meine Tränen kaum verbergen, aber es war niemand da, der mir hinreichend in die Augen geschaut hätte, um diese zu erkennen. Erschöpft, angesichts der Uhrzeit noch überraschend wenig müde und zwangsweise sprachlos setze ich mich wieder an den Rand der Tanzfläche. Die Musik ist zwischen meinen Liedern stark abgedriftet. Neue, angetrunkenere Leute, inklusive der Akademieleitung, sind dazugestoßen und wünschten sich sehr stereotype Lieder, nicht zuletzt, da einige dabei sind, romantische oder erotische Beziehungen zu etablieren, was sie nicht großartig verstecken. Da ist der Geograph mit mehr Haaren im Gesicht als über diesen, der es geschafft hat, der etwas weltfremden Kulturwissenschaftlerin näher zu kommen, wobei Alkohol eine selbstverständlich nicht zu unterschätzende Rolle gespielt hat. Unterhaltsamer ist nur die junge Akademieleiterin, die den fragwürdigen Reizen jenes frisch habitilierten Literaturwissenschaftlers erlegen ist, der bei einem Vortrag zum Thema Liebeslyrik eine umfassende Zusammenstellungen verschiedener Sexualpraktiken präsentiert hat. Sie hat sich nun „Ups, I did it again'' gewünscht, und weil ich bei diesem Lied tatsächlich nicht mitsingen möchte, habe ich mich wieder zu Maria gesellt. Deren Haltung zu diesem Lied ist anders, es ist eines der wenigen, bei denen sie mitzusingen scheint, und tatsächlich hört man aus dem Lärm ihre Stimme heraus, wenn sie ruft „I'm not that innocent!''. Die Diskrepanz zwischen dem, was sie singt, und der, die sie ist, scheint so unüberwindbar groß, dass ich lächeln muss und all die Erinnerungen damit begrabe, die mich heute Abend verfolgt haben. Fast vergesse ich auch dich.

 

Dies ist mir leider nicht lange vergönnt, denn Maria geht nun schlafen, und mir bleibt wieder nichts als herumzusitzen. Dessen bin ich jedoch bald überdrüssig. Ich erinnere mich daran, dass es Ende August ist und deshalb die Bahn unseres kleinen Felsbrockens das Erbe längst vergangener Begegnungen kreuzt. Da die Luft sowieso sehr stickig ist, und es nun gerade, in der Tiefe der Nacht, die perfekte Zeit zum Beobachten ist, verlasse ich kurzerhand den Raum durch die große Holztür und schreite langsam die Steintreppe hinab. Ich öffne die Hintertür und werde von kalter, klarer Alpenluft empfangen. Für einige Sekunden schließe ich die Augen, spüre, wie meine Haut von der Frische jubelt und sich meine Lungen mit der flüssigen Ergötzung anfüllen. Für einen Augenblick bin ich eins mit den Winden dieser Welt.

Ich gehe einige Schritte von dem hell erleuchteten Gebäude weg, doch auch dies reicht nicht aus, um einen klaren Blick auf den Himmel zu haben. Da sich meine Augen noch nicht an die Dunkelheit gewöhnt haben, schreite ich sehr vorsichtig und langsam die kleine Treppe zur fast unbefahrenen Dorfstraße hinab, um von ihr aus auf einen Feldweg abzubiegen. Irgendwo weiter in die Natur hinein ist die Bank, auf der Maria nachmittags immer sitzt und liest, und der kleine Fels, den ich in den letzten Tagen manchmal erklommen bin, um zu meditieren. Beide haben direkten Blick auf den Alpenhauptkamm, doch das dunkle Gebirge hebt sich nun kaum vom Nachthimmel ab.

Mein Blick hebt sich hoch zu den Sternen. Und ja, dort sind sie. Noch nie in meinem Leben lag das Universum so offen vor mir, egal wie tief in der Natur ich war, egal wie sehr ich die Welt mit meinen Gedanken zu durchdringen suchte, egal wie viele Formeln und Naturgesetze ich zu Hilfe nahm. Ein langes, blasses, fast seidenes Band kreuzte das tintenblaue Himmelszelt, gesprenkelt von unzähligen bunt flimmernden diamantenen Prismen. Manch einer mag denken, zu wissen, was vor mir liegt, würde dies entzaubern. Im Gegenteil. Im Bewusstsein, Millionen von Welten vor mir zu sehen, Licht, das Milliarden von Jahren alt ist, und noch viel mehr Geheimnisse zum Entdecken zu haben, stockt mir der Atem. Gerade noch war ich eins mit dem Wind. Nun sehe ich mich als winzig kleiner Partikel eines Sandsturms, ein Tropfen im weiten Meer, ein Funken im von Sternen brennenden Universum - und doch groß genug, um all dies zu erkennen.

Ein Blick zurück zu dem Fenster, aus dem du vorhin noch geschaut hattest, zeigt mir deine tanzende Silhouette. Ein kurzer Blitz durchfährt mich, eine Mischung aus Eifersucht, Neid und Wut darüber, genau dies zu empfinden. Dann sinke ich hinab, lege mich auf den taufeuchten Feldwegboden und strecke alle Glieder von mir. Meine Haut saugt das Gefühl des harten, warmen, steinigen Grundes ein. Fast schon spüre ich, wie ich auf dem Rücken der alten Mutter durch die scheinbar leeren Räume und Zeiten rase. So flach zu liegen lässt den Sternhimmel noch viel mächtiger und größer erscheinen. Bald schon kann ich die ersten Sternschnuppen erkennen, die kurz wie eine dünne, leuchtende Fechtnarbe das Gesicht des Weltraums verzieren, um dann wieder zu verblassen. Nie zuvor habe ich sie gesehen. Und heute Nacht regnet es sie, nur für mich, denn niemand sonst ist hier draußen und teilt das Bett der Natur mit mir.

Lange Zeit soll ich flach, still und gedankenlos das Schauspiel und die Weite genießen. Irgendwann beginne ich, ein uraltes Mantra vor mir her zu singen, bis die Welt um mich herum sich in mir aufzulösen scheint, und ich nicht mehr unterscheiden kann, ob ich hier liege und betrachte, oder nicht eher die Sterne mich betrachten.

 

Irgendwann löst sich meine Trance auf, denn ich kühle aus. Langsam, wie ein Gebirge aus dem Boden, richte ich mich auf und klopfe möglichen Staub aus meinen Kleidern. Die Kälte treibt mich schnell wieder zu der Tür des Instituts hinein. In der Säulenhalle bleibe ich kurz stehen und sinniere, ob es nicht das Beste wäre, einfach schlafen zu gehen. Gerade als ich mich zu den Schlafräumen begeben möchte, kommt der Pubertätsschnauzer die Treppe hinuntergehumpelt. Ich neige meinen Kopf leicht, kann ich mir doch diesen sehr drolligen Anblick nicht ganz erklären.

„Ich habe eine Blase am Fußballen.''

„Von nur einem Abend tanzen? Irgendwas machst du falsch''

Er wünscht mir eine Gute Nacht und humpelt an mir vorbei.

Ich weiß, dass es nicht weise ist.

Ich weiß, dass es Dinge gibt, die ich sehe, aber die es nicht gibt.

Ich weiß aber auch, dass es wenig Schöneres als Träume gibt.

Geschwind rinne ich die Treppe hinauf und gleite durch die Holztür. Kaum noch jemand ist da, denn das Karaoke ist auch vorbei, aber die bunten Lichter erhellen wieder den Raum und es spielt Tanzmusik. Du sitzt in einer Ecke und schreibst wieder. Ich sehe schon ein sehr männliches Mädchen auf dich zusteuern, dass dich herausfordern will. Doch meine Beine sind länger, entschlossener, schneller. Noch ehe du von deinem Streichelkasten aufgeblickt hast, habe ich dich schon gefragt, ob du mir noch den letzten Tanz des Abends zugestehst.

 

Ich kann es kaum erwarten, mich mit dir wie ein Orkan über die Weiten des Meeres zu drehen, brausend, stürmend, säuselnd, auf dass alles in den Lichtern verschwimmt und die ganze Welt zu einem taktvoll glitzernden Kaleidoskop unserer Gesichter wird. Schweigend sollen wir mit unseren Körpern und Blicken reden, die Musik wird vorgeben, über was. Hier, fern von den Häfen der Heimat, ist jeder Traum möglich - auch der, dass du wie eine Sternschnuppe zu mir herabregnest und mich wirklich erblickst.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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