Karin Unkrig

Überrollt

Nahezu alle guten Wünsche für das Neue Jahr haben den Zusatz enthalten, dass 2017 ein besseres Jahr sein möge als das vergangene. Dem kann ich mich nur anschließen. Selten gab es so viele Krisen auf einmal, noch nie waren so viele Menschen auf der Flucht. Das wirklich Irritierende sind in diesem Zusammenhang nicht nur die widersprüchlichen Meldungen – sondern auch die vielen Unsicherheiten. Dabei ist das Leben immer lebensgefährlich, es ist uns nur anders verkauft worden. Nachstehend eine ganz alltägliche Begebenheit.

Verfolgungsjagden gehören zum Showdown eines jeden Kriminalfilms. Man lehnt sich zurück, greift kurz in die Knabbertüte und weiß in etwa, was sich in den nächsten Minuten abspielt. In der Realität ist die Situation weder überschaubar noch dominiert der Action-Faktor. Seit mir am Haupteingang eines Warenhauses ein Verdächtiger entgegen stürzte (und ich nur noch zur Seite springen konnte), spult mein Gedächtnis die Szene wie einen Endlosfilm ab.

Es war kurz nach dem Anschlag auf den Berliner Adventsmarkt im Dezember 2016, die Fahndung nach dem Attentäter lief auf Hochtouren. Ein nahezu zwei Meter großer Mann, augenscheinlich arabischer Herkunft, riss die Glastüren auf und rannte los. Fünf wild gestikulierende Gestalten hinterher. Jemand schrie: «Packt ihn!» «Haltet ihn!» Es ging viel zu schnell, keiner der Umstehenden konnte reagieren oder sich dem Flüchtenden in den Weg stellen. Dieser schlängelte sich durch die geparkten Fahrzeuge, stolperte und fiel hin. Die Verfolger bekamen ihn an den Beinen zu fassen. Eingeklemmt zwischen zwei PKW´s entbrannte ein erbitterter Nahkampf. Ein Kopf knallte in die Karosserie, ein Arm, dann ein Bein. Da die zivilen Häscher nicht die Polizeigriffe beherrschten, der Überwältigte seinerseits jedoch wild um sich schlug, dauerte es eine Weile, bis die Kräfte- (nicht die Schuld) geklärt waren. Anschließend an den leicht Verletzten zurück zu Karstadt. Doch nur ein kommuner Ladendieb?!

Erst im Nachhinein dämmert es mir, dass ich in Deckung hätte gehen sollen. Falls Waffen zum Einsatz gekommen wären, hätte ich direkt in der Schusslinie gestanden. Eine Art Abpraller hatte ich allerdings auch so abgekriegt. Auf dem Heimweg überschlugen sich meine Gedanken. Zum Glück meldete sich das Kleinhirn zu Wort, zuständig für höhere kognitive Prozesse. «Wie war das wieder? Indem man den anderen als Ungeheuer sieht, ist man selbst der Edle.»

Der eigentliche Gesuchte wurde einen Tag später in Mailand aufgegriffen und von den dortigen Sicherheitskräften außer Gefecht gesetzt.





 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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