Karim Skeirek

Eisige Welt

Der Dezember gleichende August bringt diese Region aus dem nie wirklich vorhanden gewesenem Gleichgewicht. Als wäre der Herbst aus dem Kalender gestrichen, liegt der Schnee knöchelhoch und die kahlen Baumkronen frieren im eisigem Wind. Die vor ein paar Wochen noch blutrot blühenden Rosen sehen nun aus, als fliehen sie über das weiße Kirchendach vor der Kälte, die am Boden wie ein hungriges Raubtier lauert. Die auf dem Weg zu Wasser gewordenen Pfützen, sehen zum Himmel empor als wollen sie zurück in die warme Obhut der Wolken, welche über der schwarzen Decke auf den Sommer hoffen. Ins Auge stechend ist die völlig vom Weiß befreite und von jedermann gemiedene schwarze Straße. Als lodere ein Feuer unter ihr, verschwindet eine Schneeflocke nach der anderen in der Dunkelheit. Schwach beleuchten die müden Laternen das Schauspiel des immer schneller und stärker fallenden Schnees.

Der Junge, welcher das alles beobachtet, steht hinter einem kleinem und unscheinbaren Dachfenster. Er sieht aus diesem Fenster, als wäre draußen in der kalten Nacht etwas Interessantes für seine Augen. Was er wohl anschauen mag? Worauf fällt sein eisiger Blick nur? Keine Bewegung, kein Atemzug, der Schneesturm wird immer dichter und das eben noch klare Bild des Jungen, verwandelt sich zu einer Silhouette, welche noch gespenstischer als der Junge selbst aussieht. Nun ist er verschwunden, wie ein Geist aufgetaucht und auf dem gleichen Weg wieder verschollen, wie vom Wind weggetragen. Diesen Jungen sieht man in dieser Gegend öfters, viele erzählen über ihn, man macht sich Gedanken über ihn und es entstehen Gerüchte.

Feivel sieht ihn heute das erste mal, er hat ihn die ganze Zeit über mit einem ängstlichem Blick beobachte, bis der Junge verschwand. Von seinem Bett aus kann Feivel die Welt gut beobachten. Auch ihn wundert das Wetter, doch anders als viele denkt er nicht an ein „wie“ oder „warum“, sondern er akzeptiert die Lage und überlässt die Welt sich selbst. Weshalb auch sollte er sich über so etwas den Kopf zerbrechen, wenn es viel interessantere und wichtigere Dinge gibt, auf welche er sich konzentrieren muss.

Dieser Junge ist eins dieser Dinge. Feivel ist begeistert von der Tatsache, dass er ihn als einer der wenigen so gut beobachten durfte, es gibt keinen der sein Gesicht sehen konnte, zumindest niemanden der es erzählt oder der noch auf dieser Erde weilt. Denn in dieser Region, gab es von Jahr zu Jahr steigend, immer mehr spektakuläre Todesfälle mit welchen Feivel sein Zimmer Tapeziert hat. „Bin ich der Erste der der Welt das Gesicht des Jungen präsentieren kann?“ Denkt Feivel nach. Niemand würde ihm jemals anmerken, dass er solch eine Sammlung von geheimen Unterlagen in seinem Zimmer deponiert hat, denn nach außen hin ist er ein Nerd mit wenig freunden und einer guten Auffassungsgabe. Um diese Lebenslüge aufrecht zu erhalten, ist sein Handeln von „A“ bis „Z“ komplett geplant. 

Er schaut aus dem Fenster, die Wolken lassen keinen Schnee mehr fallen, dafür hat der Wind an Tempo zugelegt und sein Fensterrahmen knarrt immer lauter. Er kann sich nicht mehr konzentrieren, das alles macht für ihn keinen Sinn, dieser Junge, der auftaucht, jemanden ermordet und wieder verschwindet, kann das überhaupt sein? Auf ein mal ist alles ruhig, der Wind ist wie auf Samtpfoten davon geschlichen und die Laternen sind erschöpft erloschen. Draußen ist es stockdunkel und die Welt gibt keinen mucks mehr von sich. „Ob der Strom ausgefallen ist?“ Fragt sich Feivel. Mit einer Taschenlampe bewaffnet läuft er zum Fenster und leuchtet hinaus, doch der Strahl der Taschenlampe wird von der Dunkelheit verschlungen, er sieht nichts außer das von seinem eigenem Fenster reflektierte Licht der Lampe. Als wäre eine Mauer vor das Fenster gebaut worden, bekommt er nichts mehr von der Außenwelt mit. 

Feivel sieht nichts, etwas strahlt ihm mit voller Kraft ins Gesicht und blendet seine eben noch an das Dunkel gewöhnten Augen. Es vergehen Minuten, bis er erkennen kann was ihm das Augenlicht nimmt. Die Sonne, sie strahlt von hoch oben auf ihn herunter, ein blauer Himmel lacht ihn an und erst jetzt bemerkt er, dass er in einem Meer aus bunten Blumen liegt. „Was passiert hier? Wo bin ich?“ Fragt er sich. „Feivel“ ruft eine weit entfernte Stimme ihn leise, „Feivel“ ertönt es erneut. Eine warme Hand berührt seine Schulter, „endlich bist du bei mir“ sagt die weibliche Stimme. Er dreht sich voller Erwartung um und blickt in die wunderschönen Augen einer jungen Frau. Er weis wer sie ist, doch realisieren tut er es nicht. Der Grund für die suche nach dem Jungen war, dass seine einstige Freundin spurlos verschwand, er suchte sie überall, doch finden konnte er sie nicht. Seit dem, war er überzeugt davon, dass sie von gerade diesem Jungen getötet wurde, denn alles was man von ihr fand war der Ringfinger, wie bei all den anderen Opfern auch. „Feivel, wieso hast du so lange gebraucht, warum hast du mich solange warten lassen?“ Fragt sie ihn. Leise ertönt Feivels Stimme: „Ich habe dich gefunden Schatz“.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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