Horst Fleitmann

Der (fast) ausgefallene Heilige Abend. Eine wahre Geschichte

Es mag vielen jüngeren Lesern heute befremdlich erscheinen, diese wahre Weihnachtsgeschichte zu lesen. Ich versichere aber, dass sie sich genau so zugetragen hat und heute zu den schönsten Erinnerungen an meine Kindheit gehört.

Es war im Winter des Jahres 1956, ganz früh am Morgen des Hl.Abends. Mein Bruder und ich konnten diesen Tag, besonders den späten Nachmittag kaum erwarten. Ein solcher Tag vergeht für Kinder im Alter von 5 bis 10 Jahren im Schneckentempo. Der kleine Zeiger der Uhr wollte sich keinen einzigen Millimeter  bewegen. So oft ich auf die Küchenuhr schaute, war es immer kurz vor 9 Uhr.   Das Christkind kommt immer um 16 Uhr. Es mussten also noch 7 lange Stunden vergehen.  Eine Ewigkeit.

Nach dem Frühstück  sagte meine Mutter zu meinem Vater, dass er den Baum aus dem Keller holen solle.  Nach einigen Minuten kam mein Vater wieder in die Küche und fragte, wo meine Mutter den Baum denn hingestellt habe, er könne ihn nicht finden.

„Wieso ich?“ fragte sie. „Du hast ihn doch gekauft.“

„Ich?... nein wann sollte ich das gemacht haben? Ich habe keinen Baum gekauft“, meinte Vater. „Ich auch nicht“, sagte Mutter.

Und jetzt? Die Blicke unserer Eltern richteten sich auf die entsetzten  Gesichter Ihrer Kinder.

„Du musst nochmal los, egal wie und wenn Du einen Baum selbst fällen musst. Wir können kein Weihnachten feiern ohne Weihnachtsbaum!“ meinte Mutter, womit sie völlig Recht hatte.

Vater zog seinen Mantel an, band sich den Schal um, und verschwand im dichten Schneetreiben.

Kaum jemand kann sich vorstellen, was in einem Kinderhirn gesponnen wird, wenn der Supergau eintritt. Weihnachten fällt vielleicht aus. Ausgerechnet dieses Weihnachten, wo mein Bruder und ich durch Zufall entdeckt hatten, dass das Christkind uns eine elektrische Eisenbahn bringen würde. Die stand nämlich seit 14 Tagen unter unserer Wohnzimmercouch. Bis gestern, da war sie weg. Ganz bestimmt hatte das Christkind die Eisenbahn nur „zwischengelagert“. Klar, so war es!!!

Ohne Baum kein Weihnachten. Ohne Weihnachten keine Geschenke. Logische Gedankengänge eines Kindes.   Mir schossen die Tränen in die Augen.

Um 14 Uhr war Vater noch immer nicht zurück. So langsam schwand alle Hoffnung, zumal der Schnee nicht nachließ, sondern stärker und stärker wurde.Um 15 Uhr fing es langsam an, dunkler zu werden und innerlich hatten wir uns mit dem Ausfallen des Weihnachtsfestes schon mal beschäftigt, die Tränen flossen unaufhörlich.
16 Uhr. Es dämmerte bereits und die Hoffnung war gänzlich dahin.
Um 16:05 Uhr sah mein Bruder einen Schneemann um die Ecke kommen. Mit Baum.

„Papa kommt,  er hat einen Baum...!“ Wir hüpften vor Freude von der Fensterbank und konnten es nicht fassen.... genau jetzt,  eigentlich die Zeit der Bescherung, kam der Baum um die Ecke.   Vollgeschneit , durchnässt und zitternd am ganzen Körper hatte Vater wohl unter Aufbringung der letzten Kräfte einen Baum kaufen können.

Krumm und schief, mit abknickender Spitze, aber für uns war es der schönste Baum unseres bis dahin so kurzen Lebens. Ich kann mich nicht erinnern, jemals wieder so eine Freude über einen Christbaum empfunden zu haben, auch wenn er selbst in der Erinnerung nicht mehr gerade werden würde.
Mit gut 2 stündiger Verspätung betraten wir feierlich das Wohnzimmer. Mein Bruder drehte sich zu mir um und schaute ungläubig in die Runde: „Siehst Du sie?“  flüsterte er mir zu. „Was?“ fragte ich. „Die Eisenbahn.... sie ist nicht da.“

„Steht bestimmt wieder unter dem Sofa“, sagte ich und fiel auf die Knie um dort nach zuschauen. Nichts!  Keine Eisenbahn, wohl aber die zwei Brettspiele, die ich seit Ostern vermisste standen auf der Sofalehne und eine Taschenlampe für jeden von uns. Eine Riesentaschenlampe.

Weder mein Bruder, noch ich wagten den Mund aufzumachen. Die Enttäuschung über die fehlende Eisenbahn  mischte sich mit der Freude über die zugegebenermaßen riesigen Taschenlampen, die wohl kaum jemand unserer Freunde hatte.

Plötzlich klingelte es an der Tür.  Wer konnte das sein?  Am Hl. Abend erwarteten wir keinen Besuch.

Vor der Tür stand der Nachbarjunge, Gerd, mit strahlenden Augen. Gerd hatte die Bescherung bereits hinter sich. Seine Augen leuchteten. „Kommt mal schnell rüber“  sagte er, „Ich habe was Tolles vom Christkind bekommen.“

Was wir in der Nachbarwohnung zu sehen bekamen, verschlug uns die Sprache. Dort drehte eine tolle Märklin Eisenbahn eine Runde nach der anderen und hatte verdammt viel Ähnlichkeit mit der Eisenbahn, die so lange unter unserem Sofa stand. Gerd schaute verdutzt  auf  meine und meines Bruders Taschenlampen, die das Christkind wohl bei Ihm zwischengelagert hatte. „Ich dachte schon die ganze Zeit, was soll ich mit zwei Taschenlampen“, meinte er erleichtert.

Ich weiß nicht, ob es die Freude über die Taschenlampe war oder ob die nicht erhaltene Märklin-Eisenbahn Grund für dieses unvergessene Weihnachtsfest gewesen ist. Taschenlampen kann man mit ins Bett nehmen, Eisenbahnen nicht!!.... Ich glaube, dieser Gedanke hat mich ebenso getröstet wie auch die Tatsache, dass man sowohl weißes, wie auch grünes und rotes Licht mit der Lampe scheinen lassen konnte. Welche Eisenbahn kann das schon??!!

 

© Horst Fleitmann 12/1986

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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