Olaf Lüken

Klang der Stille

Sound of silence

Unsere Welt ist laut und atemlos geworden. Zwischen Krach, Getöse, Trubel und
Radau spielt sich unser Leben ab. Ob donnernde Düsenjets, Sirenen, krachende
Kehrmaschinen, ratternde Presslufthämmer, schrilles Telefongeklingel oder pene-
trant lautstarkes Autogehupe. Radau und Getöse treffen unseren Nerv. Anderer-
seits: Wir lieben auch den Lärm. Sei es auf dem Markt- und rummelplätzen, in
den Sportstadien, wenn die Fans mit ihrem Triumphgehupe dröhnend laute Sieges-
kalvakaden erschallen lassen. Oder, wenn wir eine schrill aussehende Disco oder
Kneipe mit ohrenbetäubend lauter Geräuschkulisse betreten und die Stimmung
geil finden, vor allem dann, wenn man sich die ganze Zeit anschreien muss, weil
man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen kann. Was ist lustvoller und sexier als
der knatternde und ratternde Motorenlärm hinter dem blitzblanken Blech einer gerade
aufgemotzten Harley Davidson ? Und bei allem Rumtata oder Trara, bekommt un-
ser Lebensrhythmus Jahr für Jahr ein ständig steigendes Dezibelniveau. Wir
leben nach dem Prinzip: Und ewig wackeln die Wände.

Dabei übersehen wir, dass anhaltend lautes Getöse uns akustistisch wie seelisch
zermürben, ja völlig destabilisieren und auch ruinieren kann. Lärm im Alltag macht
krank. Dennoch nehmen wir Krach und Radau wie störrisch gewordene Schafe
eher stoisch hin. Wir fahren einerseits einen Zweit- und Drittwagen, klagen
aber andererseits über den täglich zunehmenden Straßenverkehr, mit seiner
einhergehenden und fortschreitenden Lärmbelästigung. Wir beobachten ICE-Züge,
wie sie im Blitztempo Landschaften hinter sich lassen, beziehungsweise Dörfer und
Städte durchrasen. Wir steigen in den nächsten Flieger und bezahlen mit dem Ge-
dröhn- auf- und absteigender Düsenjets. Fluglärm am Tag. Fluglärm in der Nacht.
Höllenvisionen tosen drohend durch unsere dezibelüberfrachtete wirklichkeit. Selbst
die Figuren auf den Plakatwänden scheinen uns laut anzuschreien oder - was noch
perfider ist - hinterher zu geifen.

Das Umweltbundesamt stellt statistisch fest, dass der Lärmpegel in den letzten Jahren
um mehr als das Zweifache zugenommen hat. Tendenz steigend. Dreiviertel der Deut-
schen fühlen sich von Lärm in irgendeiner Form gestört. Zwei Drittel fühlen sich vom
Straßenlärm, knapp die Hälfte von Fluglärm und ein Viertel von Schienenlärm gestört
und belästigt. Jeder vierte Deutsche im Alter von 14 bis 25 leidet an einem akuten
Gehörschaden. Und ein Abklingen des Lärmterrors ist nicht abzusehen. Deutlich höre
ich dich, durchtriebenes Dezibel. Ständig bist du auf Klamauk und Krakeel gestimmt.

Andererseits gibt es durch die jeweiligen Landesgesetze geschützt eine Reihe unange-
tasteter stiller Feiertage wie Heiligabend, Karfreitag, Allerheiligen, Volkstrauertag und
Totensonntag. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis der ganze Festtagsdamm bricht
und das Grundrecht auf Getöse und Unterhaltung ganzjährig auch für jedermann ange-
fordert wird. Einkaufstage und Dauerevents, statt Tage der Ruhe, der Stille und der
Besinnlichkeit. Der wirtschaftspolitische Hintergrund ? Es geht um die Liberalisierung
des Einzelhandels. Die Befürworter dieser streng kommerziell ausgerichteten Freiheits-
bewegung sind Teil derselben. Der Gedanke: An den Sonntagen soll in den sterbenden
Innenstädten jene Kaufkraft gebunden werden, die während der regulären Öffnungs-
zeiten in die umliegenden Einkaufszentren abfließt. Verstärkt wird das innerstädtische
Nachfragedefizit durch den täglich zunehmenden Internethandel. National wie global.

Der Sinn für die Stille erschließt sich den meisten Menschen nicht, beziehungsweise,
nicht mehr. Ungleich attraktiver erscheint der unwirkliche Trubel mit seiner Trost- und
Ablenkungsfunktion. Jetzt naht die Vorweihnacht, und es kommt Licht in die dunkle
Jahreszeit. Straßen und Plätze werden in ein goldenes Lichtermeer getaucht, und es
locken Glühwein, Zuckerwatte und gebrannte Mandeln, Tannenbaum, Kugeln und
wackelfreie Kerzenhalter. Der Frost malt an den Fenstern Blumen aus Kristall. Auf dem
Weihnachtsmarkt wird es klirrend kalt, und die Besucher treten sich gegenseitig auf
die Füße, futtern Lachsbrötchen, Reibekuchen und Bratwürste, schlucken einen Glüh-
wein nach den anderen. Erst dann, wenn sich auf dem ansonst beschaulichen Weih-
nachtsplatz das Karussel lärmend dreht und dröhnt und schrill aussehende Cheerleader
kraftvoll und donnernd über die Bühne stampfen, fühlt sich so mancher Zeitgenosse
vom Zauber der Weihnacht eingenommen und angekommen. Ähnliches gilt für die
unzähligen und unsäglichen Schützenfeste, wo die Liebe zur Familie, zur Heimat und
zur Tradition mit einem lärmpegel-überschreitenden Getöse gehuldigt wird. Die Sehn-
sucht nach einem Augenblick der Stille und Besinnlichkeit. Aber auch das Unvermögen,
die stille Nachdenklichkeit solcher Tage wie Heiligabend überhaupt zu ertragen, zieht
gerade jene Menschen zu den lauten Märkten, die keinen Euro zuviel auszugeben
haben. Die Angst vor der stillen und heiligen Nacht entwickelt sich zu einem gesamt-
gesellschaftlichen Problem. Nur wer anwesend oder ständig über Laptop, Handy oder
Smartphone erreichbar ist, lebt. Individualität oder der Sinn für Persönlichkeit scheint
seit einigen Jahren obsolet. Warum aber die Angst vor der Stille ?

Wie wohltuend Stille sein kann, erfahren wir im Alltag, wenn wir aus dem Lärm fort-
gehen und einen andachtgefüllten Ruheraum betreten. Die Kirche. Selbst dort ver-
spüren viele im kühlen Kirchenschiff herumschlendernde und mit dem Smartphone
bewaffnete und herumblitzende Zeitgenossen, dass sie mit der sie umgebenden Stille
wenig bis gar nichts anfangen können. Im Gegenteil. Die Gelegenheit zur Kontempla-
tion gerade noch meidend, verlassen viele Besucher verunsichert das Gotteshaus, um
wieder ins Freie, ins Laute zu gelangen. Die Stille, das ausgebreitete Schweigen,
bedrückt viele, lastet geradezu auf ihnen. Ein anderes Phänomen:

In unserem Körper lebt ein besonderer Teil unserer Persönlichkeit - die Seele. Was ist
die Seele ? Ist die Seele etwas Eigenständiges ? Ist die Seele mit dem Körper untrenn-
bar verbunden ? und endet erst mit dem Tod ? Wahre Geheimnisse, selbst nachdem
sie gelehrt, erklärt, illustriert, analysiert und in unser Bewusstsein Eingang gefunden
haben, bleiben große Rätsel. Unser Wissen dehnt sich ständig aus, aber auch das Meer
des Unbekannten. Ein paar Beispiele: Ich lebe. Leben ist nicht Tod. Dunkelheit ist nicht
Licht. Je mehr ich mich mit solchen Begriffen befasse, desto schneller erkenne ich, dass
vieles größer ist als ich. Was ist Liebe ? Was ist Verstand ? Was ist Leben ? Was ist
Existenz ? Ist Gott vielleicht der größte Lückenbüßer für unser stets unzureichendes
Wissen ? Wenden wir uns wieder der Seele zu.

Das Wort "Hesycha" bedeutet Seelenfrieden, Erholung, auch Stillschweigen und hat in
der Tradition der griechischen Mönchsväter seine ganz eigene Deutung. Es geht um die
Selbstmeisterung des Lebens durch Schweigen, damit das Urbild Gottes zum Vorschein
kommen kann. Der Hesychasmus ist seit dem 3. Jahrhundert bezeugt. Seinen Weg
machte er vom Sinai, über Kreta nach Athos. Das Schweigen allen Ichhaften erlernen
Mönche und Gläubige mit dem Jesusgebet, das Glaubende auch als Herzensgebet kennen
und die Anrufung Jesus Christus meint. Jesus Christus erbarme dich meiner - unzählige
Male wiederholend. Dieselbe tiefe Erfahrung macht der die Stille suchende, wenn er im
Sitzen und Schweigen bewusst auf seine Atemzüge achtet. Dann erschließt sich dem
Meditierenden das Geheimnis des Atmens. Die Luft ist energiegeladen und enthält "Chi",
"Prana" oder schlicht gesagt "Lebenskraft". Die Bibel nennt diese Urkraft des Kosmos
"heilig". Sie kommt von Gott, wird "sanctus spiritus", "Ruah" oder auch "heiliger Odem"
genannt.

Der neuzeitliche Mystiker Reshad Feild schreibt in seinem Buch: "Das atmende Leben".
Wir treten in dieses Leben ein auf dem Atem und wir verlassen es mit dem Atem."
Atmen geschieht lebensnotwendig. Es ist nicht die große Vision oder das Satori aus dem
japanischen Zen-Buddhismus, von denen Menschen berichten, wenn sie aus der Stille
kommen. Aber eine Grundhaltung eint die meisten. Sie können wieder zuhören, beobach-
ten genauer, sind geduldiger, verständnisvoller, innerlich ruhiger und ausgeglichener.
Alleinsein und Schweigen sind die stillen und wahrhaftigen Gefährten der Menschen.
Und vertrauen wir den Worten Edith Steins: "Der Mensch ist dazu berufen in seinem
Innersten zu leben und sich selbst in die Hand zu nehmen, wie es nur von hier aus
möglich ist. Nur von hier ist auch die rechte Auseinandersetzung mit der Welt möglich,
nur von hier kann er seinen Platz in der Welt finden, die ihm zugedacht ist. Stille führt
den Menschen zur Besinnlichkeit in Einsamkeit. Und doch ist immer einer da. Gott.
Graham Greene schrieb einst: "Er legte die Feder hin, und die Einsamkeit setzte sich
ihm gegenüber an den Tisch." Und aus der Stille entspann sich ein neuer Dialog.
(c) Olaf Lüken

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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