Helmut Glatz

Der gestohlene Alois

1.
Tims Augen strahlten, als wären sie zwei Sterne. Zwei leuchtende Sterne in dieser dunklen Kirche.
Er schaute auf die Krippe. Maria in ihrem himmelblauen Umhang hatte sich hingekniet und blickte in stiller Beschaulichkeit auf das Jesuskind. Josef stand hinter ihr, er hatte die Hand schützend über die beiden erhoben. Und dahinter die Engel. Und dann die Hirten. Sie gefielen dem Jungen am besten. Breitbeinig standen sie da, in ihren Fellmänteln, mit großen Füßen und derben Bauernhänden.
Auf ihren Gesichtern war noch ein Schatten der Nacht, aus der sie kamen. Und jetzt standen sie da und sahen andächtig das Wunder in diesem Stall. Aber in ihren Augen, war da nicht der selbe Glanz wie in den Augen des Jungen? War Tim in seiner Andacht nicht einer von ihnen?
Aber Tim war ein Lausbub, und in der Seele von Lausbuben verfliegen andächtige Gefühle ebenso schnell wie sie gekommen sind, manchmal sogar noch schneller. Und zurück bleiben Abenteuerlust, Übermut und der unbezähmbare Drang, etwas anstellen zu müssen.
Der Junge hatte seinen Plan auch schon gefasst: Den Hirten wollte er haben. Den Hirten mit dem weißen Fellmantel, dessen Augen so glitzerten. Blinzelte er ihm nicht spitzbübisch zu? So, wie wenn er ganz und gar mit seinem Plan einverstanden wäre? Sicher hieß er Alois. Eine innere Stimme sagte dem Jungen, dass der Hirt Alois hieß. Er hieß Alois, daran gab es gar keinen Zweifel.
Schon lange hatte sich Tim eine Krippe gewünscht. Aber seine Eltern waren nie darauf eingegangen. Sie hatten seinen Wunsch einfach ignoriert. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als selbst die Initiative zu ergreifen. Und wenn es zunächst auch nur ein Hirt war.
Noch weiter hatte sich der Junge vorgebeugt. Das Absperrgitter drückte schmerzhaft gegen sein Brustbein. Aber Tim biss sich auf die Lippen. Und dann starrte er erstaunt auf seine Hand, die sich ganz von selbst und ohne sein Zutun der Hirtenfigur näherte. Irgendwie kam ihm der Alois auch entgegen. Ganz bestimmt! Die letzten zwei Zentimeter, die von seinen Fingerspitzen noch bis zu Alois fehlten, rückte ihm der Hirt entgegen.
Und schon umschlossen seine Finger die Figur. Im nächsten Augenblick war Alois unter Tims Anorak verschwunden.
Der Junge wandte sich um. Die Stadtpfarrkirche Maria Himmelfahrt war um diese Tageszeit menschenleer. Niemand hatte ihn beobachtet. Vor den Altären brannten einige Kerzen und verbreiteten ein gespenstisches Licht. Die Wände des Kirchenschiffes, die Gewölbe, die Säulen schienen zu atmen. Täuschte er sich, oder hing noch ein feiner Nachhall des gestrigen Orgelkonzerts in der Luft?
Während der Junge mit hallenden Schritten zum Ausgang eilte, drehten sich die Schatten in ihren Nischen. Hatten die Heiligen auf ihren Podesten etwas gesehen? Vorsichtig blickte der Junge hinauf. Aber die Kirchenfürsten und Chorherren, die Mönchen und Pilger starrten nur gleichmütig, mit hölzernen Blicken, vor sich hin. Und Sankt Florian goss unermüdlich Wasser aus seinem Eimer, und die Flammen schlugen ununterbrochen aus den Fenstern und dem Dachstuhl des geschnitzten Kirchengebäudes, und es passierte doch nichts. Die Elemente waren erstarrt wie in einem Dornröschenschlaf. Und der heilige Florian war es zufrieden und schaute traumverloren vor sich hin. Vielleicht war er auch während des endlosen, langweiligen Löschvorgangs eingeschlafen.
Trotzdem war Tim froh, als sich die schwere Kirchentüre hinter ihm schloss. Eisige Schneeluft fuhr ihm ins Gesicht. Eilig rannte er nach Hause und sperrte sich in sein Zimmer ein.

2.
Und dann zog Tim seine Beute hervor und betrachtete sie wie einen kostbaren Schatz. Prächtig sah er aus, der Hirte, mit seinem weißen Lammfellmantel, dem breiten Ledergürtel und den winzigen Sandalen. Über seine rechte Schulter hing eine Tasche. Der Junge sah Alois forschend ins Gesicht. Hatte der Hirte etwas dagegen, wenn er hineinschaute? Nein, er hatte nichts dagegen! Die Tasche war leider leer. Aber was sollte ein armer Schafhirt schon besitzen! Die Wegzehrung hatte er sicher längst aufgebraucht. Das letzte Stück Brot vielleicht dem Jesuskind in der Krippe geschenkt.
Tim holte seine Kuscheltiere hervor. Den Teddybären und das Plüsch-Känguru. Und den knautschigen Affen und das niedliche Zebra, das ihm seine Tante zum letzten Geburtstag gebracht hatte. Sie alle sollten dem Hirten Gesellschaft leisten, während der Junge zum Abendessen gerufen wurde.
Nach dem Essen musste Alois die Tiere bewachen und vor dem bösen Wolf schützen. Dann hatte er sie gegen eine giftige Spinne zu verteidigen, die hinter dem Spielzeugschrank auf der Lauer lag. Und zuletzt flog der arme Hirte noch mit der Playmobil-Raumfähre auf einen fernen Planeten.
Lange spielte der Junge mit der gestohlenen Figur, und als er so müde wurde, dass ihm fast die Augen zufielen, versteckte er den Hirten hinter dem breiten Rücken des Gorillas und schlief glücklich und zufrieden ein.
3.
Nun ist ja bekannt, dass in den Nächten um Weihnachten herum wundersame Dinge geschehen. Träume fallen aus den Sternen, Tiere beginnen zu sprechen, und selbst so leblose Dinge wie Krippenfiguren werden plötzlich mit Leben beseelt.
Die heilige Maria rührte sich als erstes.
„Habt ihr es gesehen?“, rief sie mit schreckgeweiteten Augen. „Unser Alois ist gestohlen worden!“
Es dauerte eine Weile, bis sie Antwort bekam. Die anderen Figuren wachten nämlich erst nach und nach auf. Sie mussten sich ein wenig die Beine vertreten, und Josef massierte sich die rechte Hand, die während des stundenlangen Hochhebens eingeschlafen war. Dann ballte er sie zur Faust und stieß sie wütend in die Luft.
„So ein Schuft! So ein Bandit!“, rief er. „Jahr für Jahr, Weihnacht für Weihnacht stehe ich nun hier, seit anno 1681, und noch nie ist so etwas passiert!“
„Mäßige dich, lieber Josef! Es wird alles gut werden“, tröstete ihn Maria, und unter ihrem frommen Blick verrauchte der Zorn des Zimmermanns so schnell wie eine Silvesterrakete.
„Ich meine ja nur!“, meinte er. „Ich wollte dich mit meinem Zorn nicht erschrecken. Aber was wahr ist, ist wahr.“
„Und wer wird mir nun beim Schafehüten helfen?“, klagte Jackl, der andere, übriggebliebene Hirte. „Ich und der Hund – das ist schon sehr wenig. Und wie ihr wisst, kommen in diesen kalten Nächten die Wölfe aus den Bergen.“
„Jammere nicht, Jackl!“, tröstete ihn Maria. „Diese Nächte sind heilig, und selbst die Wölfe werden zahm, so wie deine Lämmer. Außerdem sind ja noch die Engel da.“
„Was soll ich mit den Engeln!“, begehrte der Hirte auf. „Sie flattern herum und jubilieren und singen Hosianna. Hat man jemals einen Engel gesehen, der einen Wolf verbellt?“
„Schrei nicht so, um Himmelswillen! Das Kind wacht sonst auf!“, flüsterte Maria.
„Aber was sollen wir jetzt tun?“, fragte Jackl mit gedämpfter Stimme und hatte im nächsten Augenblick einen heroischen Entschluss gefasst. „Ich werde losziehen, um den Alois zu suchen. Und dann werde ich ihm gehörig die Leviten lesen. Denn ich habe es genau bemerkt: Dem abenteuerlustigen Strick war es gar nicht so unrecht, dass er gestohlen worden ist.“
„Nichts wirst du!“ Josef schüttelte so energisch den Kopf, dass sein weißer, wolliger Barockbart heftig hin und her wehte. „Wenn du gehst, ist überhaupt niemand mehr bei den Schafen. Oder soll etwa ich draußen bei der Herde wachen? Und das Kind hier verlassen?“
„Dann mach doch selber einen Vorschlag!“, sagte Jackl patzig. „Maria und du, ihr seid doch heilige Leute, euch muss doch etwas Vernünftiges einfallen.“
Aber Maria schüttelte nur ratlos den Kopf. „Wir sind einfache Handwerksleute, ohne Weisheit und höhere Schulbildung“, sagte sie. „Ich fühle nur, tief in meinem Herzen, dass alles gut wird.“
„Das hilft mir gar nichts. Und meinen Schafen noch weniger“, gab der Hirt verstockt zurück.
In diesem Augenblick hob Josef plötzlich den Kopf. „Halt, ich hab´s!“, rief er. „Zu Heiligdreikönig kommen ja die heiligen drei Könige. Das hätte ich fast vergessen. Das sind drei weise Männer, die wissen sicher einen Rat.“
„Aber doch erst am 6.Januar!“, sagte Jackl.
„Na, und?“ Josef ließ sich nicht entmutigen. „Die paar Tage wirst du auch ohne den Alois auskommen.“
„Wer weiß, ob den Weisen etwas Gescheites einfällt“, brummte der Hirte zweifelnd. „Manchmal sind solche Leute dümmer als unsereins.“
„Wart´s ab!“, tröstete ihn Maria. Und dann beugte sie sich über das Jesuskind, um die Felldecke zurecht zu rücken und das Stroh unter dem Köpfchen ein wenig aufzuschütten.

4.
„Drück doch nicht so mit deinem struppigen Rücken! Ich bin schon ganz platt!“
Auch Alois, der gestohlene Hirte in Tims Kinderzimmer, war in dieser wunderbaren Nacht aufgewacht. Nun trommelte er mit beiden Fäusten gegen die harten Schultern des Gorillas.
„Immer mit der Ruhe!“, brummte der Urwaldriese und rückte langsam zur Seite. Teddybär und Plüschkänguruh standen bereits in der Stubenmitte und machten Freiübungen, um ihre steifen Gelenke aufzuwärmen.
„Ich mache mir Sorgen!“, sagte der Hirte und sah gar nicht mehr so fröhlich aus wie am Abend vorher, als der Junge mit ihm spielte.
„Sorgen, wieso?“, erkundigte sich das Känguruh und hüpfte mitfühlend näher.
„Ich muss wieder zurück!“
„Gefällt es dir nicht bei uns?“, fragte das Zebra.
„Das schon! Aber ich bin nur ein Krippenhirte und passe einfach nicht zu euch.“
„Sind wir dir nicht fein genug?“, brummte der Teddy und schnupperte mit seiner Kunststoffnase an der Holzfigur.
Und das Känguruh, das über ein sehr dünnes Seelenkostüm verfügte, begann zu jammern: „Ich habe immer schon gesagt, dass ich nur ein armes, kleines Känguruh bin, und niemand kann mich leiden!“ In seinen Augen bildeten sich zwei dicke Krokodilstränen, obwohl es doch ein Känguru war!
„Aber nein!“, rief Alois schnell. „Ihr seid alle furchtbar nett, und ich kann euch wirklich gut leiden. Aber ich gehöre nun einmal zur Krippe. Ich muss das Jesuskind anbeten. Und wer versorgt sonst die Herde, wenn ich nicht da bin? Die Schafe und Lämmer werden jämmerlich erfrieren und verhungern. Und die Wölfe werden sie fressen.“
„Oh, die armen Schafe!“, seufzte das Känguru und begann nun tatsächlich zu heulen.
„Hör auf mit dem Gewinsel!“, knurrte der Gorilla. „Wenn Alois gehen will, dann soll er gehen. Wir werden ihn nicht halten.“
„Aber ich weiß nicht, wie!“, rief der Hirte verzweifelt. „Denkt an die hohen Treppenstufen im Stiegenhaus! Und an die verschlossenen Türen! Und an die Straßen draußen! Ich würde mich hoffnungslos verirren!“
Der Affe nickte verständnisvoll mit dem Kopf. Und weil Gorillas bekanntlich die intelligentesten Lebewesen sind (nach den Menschen, versteht sich), hatte er sofort einen praktikablen Einfall parat. „Da kann nur einer helfen!“, rief er. „Mikesch, der Kater!“
Mikesch, der in seiner Kiste im Flur schlief, wurde hereingeholt und war auch sofort zur Hilfe bereit.
„Ich wollte sowieso gleich ausgehen“, maunzte er. „Setze dich nur auf meinen Rücken und halte dich gut fest!“
Alois ließ sich das nicht zweimal sagen. Er hängte sich die Tasche um, schnallte seinen Gürtel fester und kletterte auf den Rücken des Katzentieres.

5.
Der Hirt hatte kaum Zeit, sich von den Spielzeugtieren zu verabschieden, da sprang Mikesch schon mit einem gewandten Satz zum Fensterbrett hinauf. Das Fenster war nur angelehnt und machte weiter keine Schwierigkeiten. Der Kater stieß es mit dem Kopf auf.
„Vorsicht, festhalten!“, miaute er. Ein weiter Sprung, und schon waren sie im Vorgarten. Mit federnden Schritten, wie eben Kater zu gehen pflegen, schlich Mikesch durch die Gassen. Die Stadt war fast menschenleer. Nur ein Betrunkener lehnte am Türrahmen beim Zederbräu. Als er die kleine Gestalt erblickte, die da auf einem Kater durch die Gegend ritt, rieb er sich verdutzt die Augen.
„Holla!“, grunzte er. „Delirium tremens. Jetzt gehe ich heim und mache eine Entziehungskur!“
Die Tür der Stadtpfarrkirche war verschlossen. Und die Fenster hoch oben selbst für einen sportlichen Altstadtkater nicht zu erreichen.
„Hier bin ich mit meinen Künsten zu Ende“, maunzte Mikesch und schüttelte sich so heftig, dass der Hirte auf seinem Rücken den Halt verlor und ziemlich unsanft auf das Kopfsteinpflaster fiel.
„Und was soll ich jetzt tun?“, rief Alois verzweifelt, während er sein hölzernes Hinterteil rieb.
„Weiß ich´s?“, knurrte der Kater und spitzte die Ohren. Das leise, zärtliche Miauen einer Katzendame hatte ihn am Trommelfell gekitzelt. Sicher war es Vroni, die süße Naschkatze aus der Schlossergasse. Und da war der Hirte plötzlich überhaupt nicht mehr wichtig.
„Du kannst mich doch nicht einfach hier sitzenlassen, bis der Tag anbricht und ich wieder erstarre!“ Alois packte den Kater, der soeben entschwinden wollte, verzweifelt am Schwanz und hielt ihn mit aller Kraft fest.
„Zieh doch nicht so“, knurrte der Kater unwillig. „Vielleicht hilft dir Nepomuk weiter.“
„Nepomuk?“, fragte der Hirte.
„Ja, Nepomuk, die Kanalratte. Ich stehe mich nicht so gut mit ihr, musst du wissen. Aber wenn ich weg bin, taucht sie vielleicht auf.“ Und schon hatte sich der Kater losgerissen und war verschwunden.
Alois wusste sich nicht anders zu helfen. „Nepomuk!“, schrie er. „Neeepooomuuuk!“ So laut, dass sein Stimmchen bis zum Stadtcafe hinüber hallte. Dann fuhr er plötzlich erschrocken herum.
„Wer schreit denn hier so unanständig?“, zischte es hinter ihm. Die Ratte war wirklich nicht schön anzusehen. Sie verströmte einen Geruch von Unrat und Kanal, und ihre feuchte Schnauze fuhr schnuppernd über Alois´ Gesicht, dass ihm eine Gänsehaut über den Rücken lief.
Aber er nahm sich ein Herz und schilderte sein Anliegen.
„Nichts leichter als das!“, sagte Nepomuk. „Wir Kanalratten haben da unsere geheimen Verbindungen.“
„Verbindungen?“, wiederholte Alois.
„Mauerritzen, Abflussrohre, Dachrinnen, Kabelkanäle“, erklärte die Ratte und plusterte sich ein wenig auf. „Wir kommen in jedes Gebäude hinein, da kannst du Gift drauf nehmen! Du darfst dich nur nicht daran stören, dass ich dich ins Maul nehme.“
„Ins Maul?“, rief Alois erschrocken.
„Naja, die Gänge sind ziemlich niedrig.“
Schon hatten die spitzen Rattenzähne den Fellmantel gepackt. Und dann raste sie los, dass dem armen Hirten Hören und Sehen verging. Zuerst durch ein Loch im Kanaldeckel, dann durch ein enges Abflussrohr, dann einen stinkenden Wassergraben entlang, dann durch einen finstere Gruft, schließlich wieder über endlose Steinstufen nach oben.

6.
Alois kam erst wieder richtig zu sich, als er bereits vor der Krippe stand. Das Licht im Stall leuchtete. Das Jesuskind schlummerte sanft im Stroh. Die Schafe blökten leise im Hintergrund. Josef hatte den Arm erhoben und schaute ihn mit strafendem Blick an.
„Wo warst du gewesen?“, rief er. „Ist es wahr, dass du absichtlich ausgerissen bist?“ Dann schwieg er plötzlich. Der Mund des Hirten, der soeben eine Entschuldigung stammeln wollte, klappte zu. Durch die bunten Glasfenster der Kirche war der erste Schimmer des Tages gedrungen. Ein feiner Lichtstrahl hatte auch die Figuren in der Krippe gestreift. Der Zauber war zu Ende. Nun waren sie wieder unbeweglich, starr, verstockt und verholzt, wie man es eben von Krippenfiguren gewohnt ist.

7.
Tim hatte einen wenig erbaulichen Traum. In seinem linken Ohr hockte ein aufdringlicher Floh und wisperte ständig in ihn hinein. „Du hast gestohlen!“, zischte er. „Das darf man nicht!“
Tim drehte sich unwillig auf die andere Seite. Aber da hockte ein Floh in seinem rechten Ohr, und sein Wispern war mindestens ebenso aufdringlich. „Stehlen ist eine Sünde! Noch dazu in der Kirche. Eine Krippenfigur. Hat man so etwas schon gehört!“
Tim blieb nichts anderes übrig als nachzudenken. Und da schlich sich doch tatsächlich so etwas wie Reue in sein Lausbubenherz. Er nahm sich vor, die gestohlene Figur einzupacken und zu ihrem angestammten Platz zurückzutragen. Als er aber am Morgen nach dem Hirten sah, war dieser verschwunden.
„Gorilla, hast du...?“, stotterte der Junge. Aber der Affe schaute ihn nur stumm an, mit seinen sanften Augen unter der dunklen Stirn. Tim wurde von einer inneren Unruhe gepackt. Gleich nach dem Frühstück schlich er, wenn auch ohne Krippenfigur, zur Kirche hinüber.
Und siehe da: Der Hirte war wieder an seinem Platz. So, wie er gestern gestanden war. So, wie wenn gar nichts gewesen wäre.
„Alois!“, flüsterte Tim leise. „Alois, wie kommst du hierher?“ Der Hirte blieb stumm. Er stand da, in seinen Fellmantel gehüllt, und hatte nur Augen für das Kind im Stall. Hörte er überhaupt zu, was der Junge sagte? Einige Leute, die neben Tim standen und die Krippe betrachteten, wandten sich erstaunt um. Da machte der Junge kehrt und rannte schnell hinaus.

8.
Einige Tage später geschah etwas Seltsames. Ein verspätetes Weihnachtspaket kam an, und in dem Paket war eine Krippe. Nicht so groß und so prächtig wie die in der Kirche, aber es war doch alles vorhanden, was dazugehörte: Eine Maria, ein Josef, ein Jesuskind, zwei Hirten, die Könige, einige Schafe. Sogar Ochs und Esel waren dabei.
Tims Eltern wunderten sich, denn auf dem Paket war kein Absender. Wer hatte es geschickt? Sie fragten die Onkel und Tanten und Cousins und Cousinen. Dann auch die Nachbarn und Bekannten. Aber keiner wusste etwas von dem Geschenk.
Und als die Figuren unter dem Weihnachtsbaum aufgebaut waren und die Hirten und Könige das Kind mit schönen Gesten umstanden und das Licht der Kerzen die feinen Gesichter von Josef und Maria mit mildem Schein umspielte, da hatte Tim keinen Zweifel mehr: Die Krippe musste direkt vom Christkind gekommen sein.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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