Wolfgang Küssner

Wir müssen draussen bleiben!

Wer sich im Internet auf die Recherche nach Aas und Aasfressern begibt, kann von Schmeißfliegen und Hyänen, von Füchsen und Bussarden, von Woelfen, von Aaskäfern und Aasgeiern lesen. Auf  letztgenannte Tierarten wäre der Suchende sicherlich auch ohne Internet gekommen. Waschbären werden aufgelistet und unser treuer, auf Pfiff und scharfe S-Laute reagierender Begleiter im Alltag. Sitz! Platz! Aus! Fass! Brav! - Der Hund. Manchmal muß so ein Vierbeiner sich allerdings gefallen lassen, als Kindersatz zu fungieren. Vor Schlachterläden ist häufig das Schild angebracht: „Wir müssen draußen bleiben!“ Da stellt sich spontan die Frage, spricht das jetzt für oder gegen dieses Fleischerfachgeschäft? Ist doch allgemein bekannt: Hunde fressen Aas. Okay, die Koeter sollen hin und wieder auch Appetit auf eine Scheibe Wurst haben.

Und wenn im Eingangsbereich eines Museums deutlich lesbar der Hinweis zu sehen ist: „Wir müssen draußen bleiben!“, so geht es letztendlich auch hier um die Wurst, die man, neben Skulpturen oder unter einem Gemälde der alten oder der neuen Meister, der Zeitgenossen oder was auch immer, damit verhindern moechte. Ein surrealistischer Werk mit einem realen tierischen Produkt auf dem Boden? Nein, das geht nicht. Das Thema sollte an dieser Stelle aus Gründen der Ästhetik, des reinen Kulturgenusses, wohl besser beendet werden.

Doch das ist leichter geschrieben oder gesagt, als getan. Asphalt, Beton, Stein etc. machen  das Fortkommen auf unseren Straßen und Wegen komfortabel. Doch was finden wir auf diesen Belägen, den Gehwegen, den Fußgängerzonen der Welt? Ausgespuckte Kaugummis, weggeworfene Zigaretten-Kippen, gedankenlos  ent-sorgte Bananenschalen, kräftig ausgewürgter, hingespuckter Speichel, langsam verdunstende, hinterlassene Kinderpipi und immer wieder nicht eingesammelter Hundekot. Und schon sind wir wieder bei der Wurst. Ganz nebenbei bemerkt: Kinderpipi soll ausgesprochen steril sein, was von den anderen Liegenschaften, Tretmienen nicht behauptet werden kann.

Die Erfindung und Durchsetzung des beschuhten Fußes erweist sich spätestens in solchen Situationen als segensreich. Bleibt der direkte Koerperkontakt mit diesen Hinterlassenschaften doch -  zumindest zunächst – so aus. Wir hoeren beim Gehen eigenartige Klickgeräusche. Die Sohlen bleiben manchmal kurz haften. Es klebt, es stinkt, es zieht auf dem häuslichen Teppichboden oder Laminat Fäden. Ein kurzer Blick unter die Schuhe reicht und wir sehen eindeutig, wo wir zuvor unserer Fuß hingesetzt hatten, wo wir hineingetreten waren und was es nun zu entsorgen gilt. Je stärker das Sohlenprofil, um so länger das Reinigungsritual.  Die ungezählten Flüche, die in solchen Situationen ausgestoßen werden, wollen wir an dieser Stelle besser verschweigen. Doch sie würden den Rahmen einer Kurzgeschichte vermutlich sprengen.

Eigentlich hilft ein ganz simples Mittel: SCHUHE AUSZIEHEN! Beim Betreten von Moscheen ist es vorgeschrieben, gleiches gilt seit hunderten von Jahren für buddhistische Tempel. Da war das Kaugummi noch gar nicht erfunden. In Thailand – und vermutlich auch anderswo – ist es üblich, fremde und eigene Wohnungen, Massagesalons, Arztpraxen und Hotelzimmer ohne Schuhe zu betreten. Bei den Hotelzimmern hält sich zumindest das Personal dran, moegen die Gäste doch in..........  Bei der Schuhfrage ( JA oder NEIN, darf ich, oder darf ich nicht? ) geht es um Reinheit, um Sauberkeit, um Hygiene. Traditionell saß und sitzt der Thai auf dem permanent gereinigten Boden seines Hauses, hier nimmt er seine Mahlzeiten ein. Da soll und muss es einfach sauber sein. Wer moechte schon gern auf Resten von Kaugummi kleben oder auf anderen Dingen sitzen. Es geht beim Ausziehen der Schuhe auch um Respekt - Respekt vor dem Bewohner des Hauses.

Im Tempel kniet der Thai andächtig, meditierend auf dem Boden vor Buddha. Er macht sich nicht groeßer, erhebt sein Haupt nicht über eine Buddha-Statue. Der Tempel ist ein Ort der Reinheit, wie die Lotusblüte, die sich aus dem Sumpf erhoben hat und absolut rein erblüht. Buddha wohnt in den Herzen der Gläudigen und in den Tempeln. Auch hier gilt natürlich, dem Hausherrn Respekt zu erweisen. Schuhe passen da nicht hin. Ein Thai würde es nicht einmal wagen, dem Buddha die nackten Füße entgegenzu-strecken, sie koennten ein wenig unrein sein. Nicht einmal einem Bekannten, Verwandten würde ein Thai seine unbeschuhten Füße entgegenhalten. Die Füße gehoeren im Tempel als auch in der Wohnung nach unten und/oder nach hinten.

Der sogenannte Lotussitz läßt die Fußsohlen seitwärts und nach hinten zeigen. Für ungeübte Europäer eine nicht gerade bequeme Sitzposition. Eine knieende Koerperhaltung mag altersbedingt für eine gewisse Zeit einzunehmen sein, eine wirkliche Alternative ist sie nicht. Und eine entlastende Gewichtsverlagerung auf die linke oder rechte Gesäßhälfte, bei angewinkelten, immer noch nach hinten zeigenden Beinen, ist für Laien auch nur kurze Momente praktikabel. Andere Länder, andere Sitten - und als Europäer, als Langnase, moechte man ergänzen - andere Schmerzen.

Allerdings: Nirgendwo steht geschrieben, daß das Eintauchen in eine andere Kultur ein Kinderspaziergang sei. Das gilt überall auf der Welt. Die Schuhfrage mag in anderen Ländern anders geloest sein, für Thailand heißt es hier ganz klar: „Wir müssen draußen bleiben!“

 

April 2017

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