Volker Kalski

Gedanken ans Fest als Lebensretter.

Wie das Christkind half, dem Krebs den Schrecken zu nehmen.

Volker Kalski nimmt Passagen mit weihnachtlichem Bezug aus seinem Buch
„Krebs ist Macht NICHTS“ zusammen und schrieb seine eigene Weihnachtsgeschichte.

Der Nikolaus brachte mir 1990 die fürchterliche Nachricht:
„Sie haben Krebs, ein Gesichtskrebs der übelsten Sorte“
teilte mir der umsichtige Arzt freundlich mit, am 6. Dezember.
„Na dann Frohe Weihnacht“, dachte ich.
Es wurden die traurigsten Feiertage, die ich je erlebte.
Das gesamte Umfeld war spannungsgeladen.
Niemand getraute sich, in meiner Gegenwart, ein aufrichtiges Wort zu äußern.
Viel mit meinem Krebs auf der Station alleine, aber nicht einsam, machte ich mir meine Gedanken.
Hauptsächlich nahm ich mir vor, die nächsten Weihnachten angenehmer ausfallen zu lassen.
Im neuen Jahr verschlechterte sich mein Zustand kontinuierlich.
Im Frühjahr erreichte mich die tödliche Prognose.
Meine konsequente Reaktion und positive Einstellung konnte nur sein:
„Ich muss doch noch die Weihnachten vom letzten Jahr nachholen, kann mir nicht erlauben, einfach zu sterben.
Wenn ich Weihnachten erleben darf, werde ich noch viel mehr erleben!“
Das war meine unumstößliche Devise, daran hielt ich das quälende Jahr der strapaziösen Therapie fest.
Nicht nur an Weihnachten wollte ich wieder in der trauten Familie sein.

Zwischendurch erinnerte ich mich, wie meine Mutter uns Kinder jedes Jahr aufs Neue, geheimnisvoll auf Weihnachten vorbereitete.
Bereits im Frühjahr fing sie immer an unsere Geschenke zu basteln, stricken oder auch kaufen, und sie sehr sorgfältig zu verbergen.
Stets versicherte sie uns glaubhaft, dass DIESES Jahr wirklich keine Geschenke möglich wären.

Jetzt war es auch Frühling, aber noch sehr viel spannender als zu meiner Kindheit.
Dieses Jahr wünschte ich mir nichts vom Christkind, außer dass es mir was abholt, raus nimmt.
Die Vorstellung an diese kindliche Figur half mir, gab mir Motivation und Sicherheit.
Ich wusste sehr wohl, dass weder meine Mutter, noch das Christkind imstande sein werden, mir den Krebs zu holen.
Trotzdem glaubte ich ganz fest daran, genauso wie in meiner Kindheit, an die bereits besorgten Geschenke, die wir nicht erhalten sollten.

Mit jedem Kilo, das ich abnahm, wuchs meine Sehnsucht nach friedvollen Weihnachten, meinem ersten großen Ziel.
Bestrahlung, drei Chemozyklen rafften mich dahin, bis ich nur noch ein Schatten meiner selbst war.
Mit diesem alten, kranken, völlig fremden Mann im Spiegel konnte ich mich nicht identifizieren.
„Das wird schon wieder“, motivierte ich mich selbst.
Dabei dachte ich an Plätzchen und Christstollen, jeden Tag an eine andere Sorte Plätzchen und jede Woche an einen anderen Christstollen.
Den Kindern beim Auspacken ihrer Geschenke zuschauen zu dürfen, wird mein wertvollstes Geschenk sein.
Mit dem Krebs sehr sensibel geworden schmeckte ich das Gebäck auf der Zunge und hörte die Kinder lachend ihre Geschenke auspacken.

Das Christkind wollte ich nicht überfordern, so freute ich mich, nach Bestrahlung und Chemo, über den finalen Rettungsschnitt des HNO- Chirurgen.
Ich überlebte, schaffte es tatsächlich, trotz tödlicher Prognose den Krebs zu besiegen.
Völlig alleine mit dem festen Glauben an die kindliche Figur Christkind.
Im September wurde ich entlassen, zwei Wochen später fingen wir zu Hause an Plätzchen zu backen.
Über 20 Sorten waren es plus feinste selbst gemachte Pralinen, drei verschiedene Christstollen und immer und alles doppelte Portion.
Anfang Dezember schrieben die Kinder ihre Wunschzettel.
„Was möchtest Du denn?“ fragte mich meine Frau und hakte mich unter
„Ich schreibe auch einen Wunschzettel,“
stand auf, holte ein Blatt Papier und gab es unbeschrieben an meine Frau.
„Aber, Du hast ja gar nichts geschrieben?“
„Eben, genau so viel will ich auch. Hast Du denn wirklich geglaubt, ich schreibe jetzt Bohrmaschine, Hemd und Pullover auf?
Ich habe doch alles, vor allen Dingen, mein Leben habe ich wieder. Alles andere ist doch bedeutungslos, eine Beleidigung, an das was wir dieses Jahr zusammen geleistet haben.“
Wir drückten und herzten uns wie nie zuvor.

Der Weihnachtsbaum hatte dieses Jahr eine ganz andere Ausstrahlung, obwohl wir an den „Zutaten“ nichts änderten.
Apropos Zutaten – von den Plätzchen war kein einziges übrig für Weihnachten.
Ich war schließlich gesund, beherrschte wieder den aufrechten Gang und konnte auch alles essen.

„Papa, Du packst ja gar nichts aus?“
fragte unsere elfjährige Tochter Heiligabend 1991,
„warst Du denn nicht artig, na hmm?“
Ihren Zeigefinger reckte sie in die Höhe, während sie kess grinste.
So wurde auch ihr achtjähriger Bruder hellhörig und setzte sich „tröstend“ auf mein linkes Bein.
„Ich habe doch alles!“ rief ich aus und fuhr mir verlegen über mein verbliebenes feuchtes Auge.
„Vor allem ist es mir wichtig, dass Ihr mich wieder habt und ich Euch.“
„Aber schau mal Papa, meine Barbie-Puppe ist doch auch nicht schlecht, oder?“
Sie lachte und freute sich so schrill, wie es nur elfjährige Mädchen können. Für mich war es ein klares Signal, dass wir nun unbeschwert feiern konnten. So intensiv, wie nie zuvor.

Ich wünsche Euch, liebe Leser ebenso friedvolle Weihnachten, wie ich sie erleben durfte und nicht nur 2017.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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