Olaf Lüken

Zeitgeister

Umweltbewusstsein wird niemandem in die Wiege gelegt. Es sei denn, man interpretiert
die bisweilen lautstarken, aber schwer verständlichen Äußerungen von Kleinst- und
Kleinkindern als Protest gegen die exzessive Verwendung von Einwegwindeln. Verzeihen
Sie meine grobschlächtige Ausdrucksweise. Einwegwindeln sind ein großer Scheiß. An-
dererseits sind Einwegwindeln durchaus praktisch.

Und deshalb haben Millionen von Müttern und Vätern nicht mal ein schlechtes Gewissen,
wenn sie alle Tage wieder die Restmülltonne mit der Hinterlassenschaft ihrer Nachkommen
füllen. Statistiken gibt es genügend, wonach der Umstieg von Einweg auf Mehrweg so viel
Energie sparen würde, dass man problemlos den Spritverbrauch dramatisch senken und
eine fünfstellige Zahl von Arbeitsplätzen in der Waschmittelindustrie schaffen könnte. Alles
Öko? Mitnichten. Die Wirklichkeit geht eigene Wege, solange wir Einwegwindeln aus Frank-
reich und Tschechien importieren. Gewiss ist nur, dass Energie auch etwas mit Hygiene und
Wohlbefinden zu tun hat, womit wir beim Duschen sind. Warmduscher hatten schon immer
einen etwas zweifelhaften Ruf. Andererseits wird niemand bestreiten, dass einer warmen
Dusche auch positive Eigenschaften abzugewinnen sind. Wobei mir in diesem Zusammen-
hang auffällt, dass es nur wenige bekennende Warmduscher gibt. Mir fällt der Sohn eines
Freundes ein. Der Junge duscht gerne warm und lange. Wenn man ihn auf die umweltbe-
zogenen Auswirkungen eines langen und warmen Duschgangs hinweist, fixiert dieser
Junge sein Gegenüber von oben bis unten und gemeinerweise auch rundum und versteigt
sich zu der spitzfindigen Äußerung, dass er aufgrund seiner wesentlich geringeren Haut-
oberfläche viel weniger Wasser für eine gründliche Körperreinigung benötige als gewisse
andere Leute.

Theoretisch mag das sogar stimmen. An dieser Stelle pflegt der Junge einzulenken und
kündigt an, dass er statt der Dusche zukünftig ein Bad nehmen werde. Dann fixiert er
seinen Gesprächspartner wieder und erklärt ,sein Wasserverbrauch für ein Vollbad sei
außerordentlich gering. Außerdem mache er in seinem Schlafzimmer nachts die Heizung
aus, er habe noch keinen Führerschein, benutze sein Fahrrad, trinke keinen heißen Kaffee
aus der Dritten Welt, sondern kalte Milch von heimischen Kühen. Und überhaupt:
Bei ihm komme der Strom aus der Steckdose. Basta.

Und in solchen Momenten muss ich zwanglos daran denken, dass dieses Kind mit Einweg-
windeln aufgewachsen ist.

(c) Olaf Lüken

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