Niklas Götz

Gleisverschlingung

Der Raum erfuhr eine kräftige Erschütterung, und der alte, komisch riechende Mann, der gerade an mir vorüberlief, wäre beinahe auf mich gefallen. Leicht angewidert wich ich seinem Arm aus, der den Griff an meinem Sitz fasste, und zog mein Bein ein, sodass er seinen Koffer vorüberziehen konnte. Noch einige Male wackelte alles, dann hatte die Bimmelbahn die Weichen vor dem Bahnhof passiert und schlich durch die Provinz. 

Genervt lehnte ich mich zurück. Weshalb musste gerade meine ICE-Strecke umfallenden Bäumen zum Opfer fallen? Nun war ich zu Stunden des Herumtuckerns verdammt, inmitten dieser inzestverseuchten Prärie, die sich zwischen den Städten erstreckt. Hätte ich das gewusst, so hätte ich etwas anderes zu lesen dabei als die dünne Zeitung. Nach dieser reizte es mich gerade gar nicht, also fing ich an, die Menschen zu beobachten, die diesen Zug so dicht besetzten. Mein Vierersitz wäre von ihnen auch okkupiert geworden, aber mein Anzug und mein genervter Blick hatte sie alle verscheucht.
Im Vierer gegenüber saß eine Junggesellenabschiedsgesellschaft, deren Mitglieder allerdings alles andere als jung waren. Vier Männer, ausgestattet mit Bier, Schnaps und Mettbrötchen, grölten saufend herum. Der Gestank von Hopfen und Alkohol paarte sich mit der stickigen Luft in meiner Nase, und das Kind dieser unglücklichen Verbindung peinigte mich knapp bis zum Brechreiz. Die alten Säcke mit ihren pseudo-obszön bedruckten T-Shirts, ungepflegten Bärten und raugeschrieenen Stimmen waren für mich wie ein Unfall - ich wollte nicht hinblicken, konnte es aber nicht lassen. Noch ehe der Zug die Kleinstadt ganz verlassen hatte, zischten schon die nächsten Dosen Billigbier, sodass ein feiner Nebel Gerstenplörre durch den Gang schwebte. Er erreichte mich jedoch nicht, denn er wurde von einer gesichtslosen Masse an Kindern zerstäubt, die furiengleich kreischend zwischen den Sitzen hindurchstürmten, miteinander streitend, raufend, spielend. Der Lärm ließ meine müden Ohren vor Schmerz pfeifen, und selbst die Geräusche des Zuges hatten keine Chance gegen sie. Zu allem Unglück kämpfte sich durch das Geschrei auch noch eine verzweifelte, naive Stimme einer Dorfmutter, was unschwer an dem widerlichen Dialekt und der eigenartigen, alles in die Länge ziehenden Betonung erkennbar war. Als obendrein noch die beiden Mitreisenden hinter meinem Vierer auf eine eigenartig laute Art das Knutschen (vielleicht auch mehr) begannen, beschloss ich, geistig abzutreten.
Die Zeit verfloss hier nun sowieso sinnlos dahin, ob ich ihr dabei zuschaue oder nicht. Ich war nicht da, abwesend, mein Atem wurde ruhiger. Ich war keiner von ihnen, diesen gesichtslosen, animalischen Menschen, die sich das Hirn wegsaufen oder wie Ratten durch Röhren rennen, die sich wie die Fluten an meinem Fels brechen. Hier, in meiner kleinen Oase der Ruhe, die ich mir erstritten habe, konnte nichts meine Kreise stören. Für einen kurzen Moment war ich glücklich damit, allein bei mir selbst zu sein.

Eine Gruppe Reisender passierte mich, schwer vertieft in ihren lauten Unterhaltungen über irgendeine Dreiecksbeziehung, während ein bärtiger, nach Dachs riechender Mann in Markesportbekleidung sein in Lehm gehülltes Fahrrad hoch über unseren Köpfen durch den Zug schleppte, und unerfreulicher Weise kollidieren alle auf meiner Höhe. Ich nahm davon kaum Notiz. Plötzlich schlich sich eine winzige, schmächtige blasse Hand an meinem Sitz entlang und dann auf mein Bein. Abwesend starrte ich sie an, realisierte nicht ganz, woher sie kam, was sie zu bedeuten hatte. Ich neigte meinen Kopf leicht und kehrte langsam wieder aus meiner Versenkung in den Zug zurück, als ein schwaches, fast gebrochenes "Oh, Entschuldigung!" mein Ohr von links erreichte. Ein Wunder, dass es durch das Gezank der Frau mit der Strickzipfelmütze und dem Fahrradfahrer dringen konnte. Überrascht blickte ich nach links. Ich sah kleine, kinderblaue Augen unter hellblondem Haar, ein gänzlich unfertiges, aber in seiner Weichheit dennoch liebevolles Gesicht, eine zerbrechlich feine Nase und ein erschrocken offenstehender Mund. Selten habe ich mit Kindern mehr zu tun, als dass sie durch ihre ungezähmte Art meine Arbeit stören. Es bebte kurz, ohne dass wir eine Weiche passierten.
Das Gesicht des Kindes schrie vor Unschuld, und ich hauchte ihm noch "Kein Ding!" zu, ganz zärtlich, als könnte mein Atem es hinwegblasen - doch es war bereits weggerannt. Das kleine Gespenst war verschwunden, und ließ mich erschrocken zurück, eingeschüchtert von dieser Ahnung väterlicher Zuneigung in mir, die mir gänzlich unbekannt war.

Ich versuchte das Erlebnis aus meinem Kopf zu kriegen, drehte mich vom Gang weg und hielt mein Gesicht nah an die Scheibe, um herauszuschauen. Leider gab es gerade nicht viel zu sehen, da sich der Zug an einem Abhang entlang schlängelte und ich bergseitig saß. Ich schielte gelangweilt durch das Fenster, so dass die Pflanzen und die Erde der Gleisböschung in meinen Augen verschwammen und wie ein fortwährender Schlammfluss an mir vorüberzogen. Dann entdeckte ich mein Spiegelbild im eintrübten Glas. Die bereits leicht zersauste Frisur und der Dreitagebart passten nicht zum Anzug, aber besser zum Hemd, das nicht lässig, sondern schlampig offenstand. Meine viel zu große Nase würde mein Gesicht dominieren, täten das nicht bereits die mörtelfarbenen Augenringe. Meine Mundwinkel bildeten einen weiten Bogen. Mein Gesicht war kein schöner Anblick, drum schaute ich in meine Augen. Rot waren sie von zu wenig Schlaf, aber die Iris sah aus wie immer. Der äußerste Ring war noch bläulich sie wie die See an der polnischen Küste, doch je tiefer ich mir in die Augen blickte, desto kälter wurde es. Erst stahlblau, dann gewitterwolkenfarben, zuletzt grau wie Stein...wie ein Grabstein? Ich erzitterte vor den Bildern, die mir in den Sinn kamen, und war froh, als ich um meine Fahrkarten gefragt wurde.
Der Kontrolleur hatte heute schon viel unfreiwilligen Kontakt mit Menschen, als er sich an ihnen vorbei durch den Zug kämpfen musste, und dies sah man ihm auch an. Er strahlte so viel Motivation aus wie die Patienten eines Zahnarztes. Ich zückte mein Handy, öffnete die App und hielt ihm den QR-Code hin. Umständlich fuchtelte er mit der Gerätschaft herum, bis er ihn scannen konnte. Aus Höflichkeit blicke ich ihn noch einige Sekunden an, obwohl die Begegnung für mich schon längst vorüber war.
"Auch Sie kommen mit etwas Glück diese Woche noch an", sagte er leicht abschätzig beim Gehen, just in dem Moment, als wir wieder an einem Kaff hielten. Nur wenige Menschen strömten hinein, aber an den Stimmen erkannte ich bereits, dass die Dialekte hier noch schlimmer wurden.
"Wie stehen die Chancen dass ich ab Frankfurt bis München auf einen ICE wechseln kann und sogar noch heute zu Hause sein werde? "
"Einen ICE erwischen Sie dort ganz bestimmt. Aber falls Sie nicht in Frankfurt wohnen wird das mit dem nach Hause kommen schwer, denn dort steht alles", bemerkte er spitz und ging weiter.

Ich kramte meine Zeitung aus dem Rucksack, sie war unter den Laptop gerutscht und ziemlich zerknittert. Ich schlug sie auf, überflog kurz ein paar Zeilen und entschied mich dann doch gegen das Lesen. Es reizte mich gerade nicht. Stattdessen blickte ich wieder aus dem Fenster. Der Zug war mittlerweile in eine weite Ebene vorgedrungen, und fuhr gerade aus einem Waldgebiet heraus. Von Minute zu Minute kam mir die Gegend bekannter vor. Das erste, was ich erkannte, war ein Werbebanner für einen Klettergarten. Dort hatten sie eine Seilrutsche, die über einen kleinen Baggersee führt. Doch bald schon war mehr meinen Augen vertraut. Die weiten, saftig grünen Felder, die kein einzelner Hügel oder Baum ziert. Die verstreuten Dörfer, gespickt von Neubauten und durch Schallschutzmauern sorgsam von den Gleisen geschützt. Die kleinen, penibel gemähten Gärten vor den Häusern, mit den Mittelklassewagen auf dem gefegten Bürgersteig stehend. Kein Halm stand hier schief im Rasen, oder wuchs zu hoch, keine Blume blühte ohne Erlaubnis. Was nicht erwünscht war, wurde geschnitten, gerupft, verbrannt.
In all den schicken Häuschen wohnten ordentliche Familien, träumten ihr Leben in Wohlstand, Zufriedenheit und Harmonie. Nichts sollte sie darin stören, niemand sollte dort eindringen, der nicht eingeladen ist und seine Schuhe auszieht.
Eine S-Bahn-Trasse zog sich ohne Kurve von der nächsten Stadt kommen zu einem der Dörfchen, und für einige Zeit sollten unsere Gleise parallel verlaufen. Wir fuhren an einer Haltestelle vorbei, ganz neu, mit noch blanken Pflastersteinen, und einer Bank. Ich blickte genau hin, und auch wenn mein Zug rasch vorüberfuhr, konnte ich an der Bank das bange Warten und die Tränen des Abschieds erkennen, welche dort wohnen.
Um je mehr ich wiedererkannte, um so unruhiger wurde ich. Mir war nicht klar, dass wir diese Gegend auf der Strecke passieren, es war mir nicht recht. Ich gehöre hier nicht hin, nicht mehr. Ich war fast Teil von dieser Welt. Aber sie hat mich verstoßen. Fremd war ich hier, und fühlte mich doch verbunden mit dieser kleinen Scheinidylle. Inmitten dieser kaschierten Kälte empfand ich Wärme, fernab von zu Hause Heimat. Hier gehörte ich einst hin, hier, wo es keinen Platz für mich gab.
Doch jetzt gab es nur noch Erinnerungen. Jeder Blick noch draußen in die Ferne ist ein Blick in die Vergangenheit, die nur noch Schmerz für mich bereithält. Verstoßen bin ich von diesem falschen Paradies des kleinen Adams. Bald schon begannen mir einzelne Straßen ins Auge zu stechen, die einst meine Füße berührt hatten. Durch das offene Zugfenster erreichte der Geruch des Flieders meine Nase, der hier Noten hat, die ich nirgendwo sonst vernommen hat. Mein Herz raste so, wie es dies nirgendwo sonst tat.

Der Waggon erzitterte wieder heftig, und als ich die Bremsen spürte, wurde mir klar, dass wir bald hier halten würden. Der Zug war schon sehr voll, und ich würde meinen Vierer nicht mehr lange für mich behalten könnten, auch wenn der Ort, an dem wir halten würden, in meiner Erinnerung sehr klein war. Ich hatte keine Lust, jetzt Menschen zu begegnen. Ich beschloss, nun doch in der Zeitung zu lesen, und hielt sie wie ein Schutzschild vor mein Gesicht. Ich hatte irgendeine Seite zu Lifestyle oder etwas ähnlich sinnlosem aufgeschlagen, als der Zug stehen blieb und mit einem lauten Zischen die Türen aufgingen. Weiche Segeltuchschuhschritte bewegten sich in meine Richtung, als ich mich darauf konzentrierte, einen anbiedernden Artikel zum Thema "Die Heilsamkeit des Vergessens" zu lesen. Jemand setzte sich mir gegenüber, aber ich gab mein bestes, die Person zu ignorieren, und würdigte sie keines Blickes.
Der Zug fuhr an. Mein Herz raste immer noch, stärker als zuvor, aber ich konnte mir nicht erklären, weshalb. Der Geruch der Luft kam mir noch bekannter vor, er hatte nun eine stärkere Drogerienote, aber ich war mir zunehmend sicher, dass mir mein Gehirn einen Streich spielte.
Ich driftete mittlerweile zu einer Glosse ab, die sich am rechten oberen Rand der Seite befand, in der Hoffnung, besser beschäftigt zu werden. Als die Weichen dieses Bahnhofs passiert wurden, erbebte der Waggon ungewöhnlich stark, ich zuckte zusammen und ließ kurz die Zeitung absinken.
Humusbraune Augen starren mich bohrend an, eingerahmt in ein weiches, jugendlich-feminines Gesicht.
Ich blicke versteinert zurück.
"Du!" - Mehr Worte finde ich nicht.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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