René Oberholzer

Ein paar Sekunden Ewigkeit

Sonntagmorgen früh. Landstrasse. Weit und breit kein Auto, das entgegenkommt. Er in seinem Renault, neben ihm auf dem Beifahrersitz Brigitte, sie schläft bereits. Sie ist die schönste Frau gewesen. Hat getanzt wie eine Göttin. Er hat schwere Augen, noch 15,8 Kilometer. Es ist 4 Uhr morgens. Das wird schon hingehen, einfach durchhalten.

Noch 13,9 Kilometer, wenige Lichter, ab und zu ein heller Kuhstall, die Leuchtreklame einer Garage oder einer Tankstelle. Ich bin froh, denkt er, wenn wir endlich zu Hause sind. Er strengt sich an, öffnet die Augen in schnellen Abständen, beugt sich nach vorne aufs Lenkrad, kneift die Augen zusammen, lehnt sich wieder in den Sitz zurück. Fährt weiter durch ein kleines Dorf.

Noch 8,3 Kilometer, das wird wohl zu schaffen sein. Nie ist es so schön auf der Landstrasse wie zu dieser Zeit. Es ist Sommer, schon bald würde die Sonne aufgehen. Doch vorher müsste er noch schlafen gehen und ausschlafen, das war eine strenge Woche gewesen. Brigitte würde auch nichts dagegen haben. Wie schön und mild Sommernächte doch sein können.

Noch 6,7 Kilometer, erneut ein kleines Dorf. Er schliesst die Augen, nur kurz, 1 Sekunde, vielleicht 2-3 Sekunden, ein Rumpeln, die Augen schiessen auf, was ist passiert, das Auto ist auf dem Gehweg gelandet. Brigitte ist aufgewacht. "Ist was?", fragt sie im Halbschlaf. "Ist alles gut", sagt er. Er fährt vom Gehweg über den Bordstein hinunter zurück auf die Landstrasse. Er schaut zu Brigitte. Hoffentlich hat sie nichts gemerkt, denkt er. 4 Jahre sind sie nun zusammen. Im Herbst würden sie heiraten. Diesmal sollte es halten für immer.

Noch 4,4 Kilometer. Er klammert sich ans Steuerrad, beisst sich auf die Lippen. Kneift sich in die Wangen. Ist auch verdammt dunkel hier. Ab und zu ein Baum am Strasssenrand. Und die Augen brennen. Es sind heute einfach zu viele Reize gewesen.

Noch 3,2 Kilometer, dann ist es geschafft. Brigitte ist schwanger, er würde im Winter Vater werden, ihr erstes gemeinsames Kind. Eine Kurve, seine Augen fallen erneut zu, er verliert die Kontrolle über sein Auto, an mehr wird er sich später nicht mehr erinnern können.
 
 
© René Oberholzer

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (René Oberholzer).
Der Beitrag wurde von René Oberholzer auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Bringt mir den Dolch von Germaine Adelt



Was haben eine Hebamme, ein Englischstudent, eine Bürokauffrau, ein Übersetzer, eine Technische Zeichnerin, ein Gymnasiast, eine Reiseverkehrskauffrau, ein Müller, eine Sozialpädagogikstudentin, ein Kfz-Meister, ein Schulleiter i.R., ein Geographiestudent und ein Student der Geschichtswissenschaften gemeinsam?

Sie alle schreiben Lyrik und die schönsten Balladen sind in dieser Anthologie zusammengefasst.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Wie das Leben so spielt" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von René Oberholzer

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Das Geständnis von René Oberholzer (Unheimliche Geschichten)
Karamell für schwarzen Engel von Rainer Tiemann (Wie das Leben so spielt)
Pilgertour X. von Rüdiger Nazar (Abenteuer)