Hans Fritz

Der Zauberstift


Wartesäle und Wartezimmer sind bald Geschichte. Heute vertrödeln wir unsere Zeit meist in Wartezonen oder -bereichen. In einem solchen Bereich des Hauptbahnhofs Frankfurt/Main haben Herr und Frau Korfschmidt Platz genommen. Frau Korfschmidt stellt ihre ausgebeulte Reisetasche auf dem noch leeren Nachbarsitz ab. Da nähert sich eine junge Dame im taubenblauen Kurzmantel, zeigt auf den zweckentfremdeten Sitz und bittet als vollberechtigte menschliche Alternative zum massigen Gepäckstück Platz nehmen zu dürfen. «Emmy, nimm doch die Tasche weg, die Dame möchte hier sitzen, weil sonst alles besetzt ist», sagt Herr Korfschmidt. Grummelnd gehorcht die Frau. Die junge Dame bedankt sich für die so grosszügig überlassene Sitzgelegenheit. Sie kramt in ihrer Umhängetasche nach einem Notizblock der Extragrösse mit angeheftetem Schreibstift. Sie möchte etwas zu Papier bringen, doch der Stift versagt. «Kann ich Ihnen helfen?» fragt Herr Korfschmidt, der die Dame scharf beobachtet hat. «Oh, hätten Sie einen Stift?» fragt die Notierfreudige. «Gib ihr doch einen von unseren Werbeexemplaren, die du immer dabeihast, Konrad», sagt nun Frau Korfschmidt. Wie gesagt so getan und die in der Tat noch sehr junge Dame, die sich später als Leonie Kampsberger vorstellen wird, beginnt mit ihren Eintragungen. Die drei Wartenden kommen allmählich ins Gespräch. Leonie berichtet über ihren Besuch bei einer Grosstante in Hannover. Die Korfschmidts kommen aus Bremen und möchten die Rückreise nach Runkelbeuren einmal im Zug absolvieren. Aus Testgründen sozusagen. Herr Konrad Korfschmidt ist Inhaber einer Firma für Apparate und Kleinmotoren in Runkelbeuren, wie seine Visitenkarte, die er Leonie unter angedeuteter Verbeugung reicht, schnörkelreich verkündet. «Ich kenne die Firma», sagt Leonie, «wohne schliesslich auch in Runkelbeuren. Das Werk liegt ja weit draussen am Stadtrand.» «Unser Domizil ist noch weiter draussen, beim Wolfshag», erklärt Emmy, worauf Leonie sagt: «Wir, das heisst meine Eltern und ich, die Kampsbergers, wohnen mitten der Stadt.» «Das hat ja auch seine Vorteile», meint Emmy. «Sind Sie berufstätig, oder studieren Sie noch?» «Ich arbeite zur Zeit in einer Drogerie», antwortet Leonie. Sie möchte den Stift zurückgeben. «Den behalten Sie mal ruhig. Ist ein kleines Geschenk in der Vorweihnachtszeit», säuselt Stiftstifter Konrad. «Wissen Sie, junge Frau, dass der Stift zaubern kann? Aber nein, woher auch.» «Wie zaubern? Ist das wahr, kann er etwa aufnotierte Wünsche erfüllen, auch Weihnachtswünsche?», fragt Leonie ungläubig. «Genau das kann er», erklärt Konrad. «Schreiben Sie sieben Wünsche auf ein Blatt Papier. Die begehrten Gegenstände dürfen allerdings nicht abstrakter Natur und nicht übergross sein. Also nicht etwa ‘Friede auf Erden’ beziehungsweise einen Mittelklassewagen wünschen. Auch lebende Tiere sind nicht gestattet.» Leonie überlegt kurz und denkt sie könne da unbeschadet zum Spass mitspielen. «Wohin muss ich den Wunschzettel schicken?» möchte sie wissen. «Sie sind doch auch in Runkelbeuren zu Hause?» sagt Konrad. «Ja ja, natürlich», bestätigt Leonie und Konrad spricht fast pathetisch, deklamierend: «Sie packen die Bestellung in einen neutralen Umschlag, legen den Brief bei der Pattmeyer’schen Waldhütte unter einem schwarzen Stein ab und alles nimmt seinen Lauf.« «Vergessen Sie bloss nicht Ihre Adresse auf das Blatt zu schreiben», mahnt Emmy. Leonie meint aus diesen Worten eine gute Portion Zynismus herausgehört zu haben und denkt nun, das Ganze könnte auf eine fiese Werbeaktion hinauslaufen. Doch beschriebenes Papier im Zeitalter der Smartphones? Ja nun. In der Weihnachtszeit feiert Nostalgie manchmal fröhliche Urständ. Wieder zu Hause, bespricht sie die Sache mit ihren Eltern und die meinen, sie solle es ruhig darauf ankommen lassen, aber bloss nicht allein, sondern in Begleitung von Freundin Alice zur Waldhütte fahren.

Leonies Internet-Recherche über das Profil der Korfschmidts ergibt eine rege karitative Tätigkeit. Sie spenden wo sie nur können, teils beachtliche Beträge. Ob sie die von der Steuer absetzen? Aber jetzt ist es wirklich Zeit, die Wunschliste zu schreiben. Für Mutter eine Tischnähmaschine, für Vater einen gut bestückten Werkzeugkasten, für den kleinen Bruder Emil eine Super-Lego-Kollektion, für sie selbst einen schwarzen Rollkoffer, für alle eine Klappleiter, einen Elektrogrill und einen neuen Läufer ‘fünf auf ein Meter’ für den Flur. Leonie beschreibt ein Blatt Briefpapier mit den ‘sieben Wünschen’ in einer Handschrift, die sich sehen lassen kann.

Der schwarze Stein beschwert die Wunschliste auf einem kleinen etwas schief geratenen, rissigen Holztisch im Vorbau der Hütte. Alice, ihres Zeichens Kriminalistin und Verfasserin von Horrorgeschichten, hat Leonie, wenn auch ungern und voller Misstrauen, begleitet. Sie möchte aus der Ferne beobachten, wer die Wunschliste abholt. Die beiden Frauen warten eine gute halbe Stunde. Ohne jemanden gesehen zu haben, verlassen sie den Wald bei einer ungewöhnlich rasch einbrechenden Dunkelheit.

Es ist der vorletzte Tag vor Heiligabend als ein Mann im grauen Overall bei den Kampsbergers klingelt. Leonie öffnet erwartungsvoll die Tür und blickt auf einen Lieferwagen mit der Aufschrift ‘Korfschmidt Apparatebau’. «Ich soll hier etwas für Frau Leonie Kampsberger abladen. Auftrag vom Firmenchef», sagt der Mann. «Ja, das ist für mich», sagt Leonie. «Kommt ja doch noch rechtzeitig.» Im Nu sind die sieben erfüllten Wünsche im Hausflur gestapelt. Ein paar Minuten später kommt Frau Isolde Kampsberger vom Einkauf zurück. «Jesses, ist das etwa-?» seufzt sie beim Anblick der Lieferung auf. «Ich schlage vor, dass wir alles bis Heiligabend hier stehen lassen und ohne grosses Brimborium verteilen», meint Vater Knut, der mit einem der letzten Weihnachtsbäume beladen sich an der Korfschmidt’schen Schenkung vorbeizwängt.

Das Fest kommt wie es alle Jahre wieder kommen muss und nach dem Auspacken der hausinternen Geschenke begeben sich die Kampsbergers auf den Flur. Zur Folgebescherung. Leonie findet in ihrem Rollkoffer als besondere Überraschung und Zugabe eine Winkekatze.

Am zweiten Weihnachtstag bedankt sich Leonie via E-Mail bei der Direktion der Apparatewerke, ‘zu Händen Herrn Konrad Korfschmidt’.

Vier Tage später erhält Leonie eine Antwort von – Frau Emmy. «Liebe Leonie, wir haben das doch gern getan. Vor drei Jahren kam unsere Adoptivtochter Valerie auf die Idee zu ihren richtigen Eltern nach Stuttgart zu ziehen. Seit der Zeit haben wir keinen Kontakt mehr. Wir hatten Valerie am Heiligabend stets reich beschenkt. Nun, als das nicht mehr möglich war, beschlossen wir, stellvertretend für sie eine junge Frau etwa gleichen Alters und gleichen Aussehens zu beschenken. Da mein Mann theatralische Gesten und Handlungen liebt, kam ihm die glanzvolle Idee mit der Wunschliste und deren Deponieren bei der Waldhütte. Aber wie vorgehen? Da kam die Stiftausleihe in der Bahnhofshalle wie gerufen. Wir hatten Sie, Leonie, als unser Opfer auf jene so elegante wie einfache Art gefunden.»

______________________________

Es ist ein Jahr später und wieder der vorletzte Tag vor Heiligabend, als Valerie bei den Korfschmidts erscheint und inständig bittet, sie möchten ihr verzeihen und sie wieder als ihre Tochter aufnehmen. Bei den noch abzuwickelnden Formalitäten könne ihr neuer Freund Boris, ein Jurist, behilflich sein. Die leiblichen Eltern hätten sie kaum beachtet und es sei keiner Seite gelungen ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Leonie, die inzwischen mit Henner, ihrem Lebensgefährten, eine hübsche Zweizimmerwohnung bezogen hat, bekommt das auf etlichen Umwegen mit und schickt den Korfschmidts ein ‘verspätetes Weihnachtspäckchen’ mit Lebkuchen und anderem mehr.

Valerie und Leonie treffen sich Monate später in einer Eisdiele beim Bahnhof ‘Runkelbeuren Ost’ und schliessen Freundschaft. Gern erinnern sie sich an die Geschichte mit dem Zauberstift und der ganz zufällig gekürten ‘Ersatzadoptivtochter für Heiligabend’.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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