Veit Stanley

Der Traum


Am 14.08.1995 erwachte ich panisch und voller Angst. Schweißgebadet lag ich in meinem Bett, mein Pyjama war feucht und meine Laken durchnässt. Es war früh am Morgen, 4.10 Uhr. Ich schaute mich in meinem Zimmer um, alles war so vertraut und doch so fremd. Für einen Moment fragte ich mich, wo ich bin und vor allem wer? Es fühlte sich an, als wäre der Körper, in welchem ich steckte, nicht der meine, sondern der einer anderen Person. Nach ein paar tiefen Atemzügen konnte ich mich wieder entspannen und meine verkrampfte Muskulatur lockerte sich. Ich sah aus dem Fenster. Alles war, wie gewöhnlich nachts, ruhig und still. Keine Menschenseele war zu sehen. Es war wohltuend und sehr beruhigend zugleich. Es dauerte noch einen Augenblick bis ich vollends meine Fassung wieder gefunden und mein Herzschlag die gewohnt rhythmische Frequenz anschlug. Ich öffnete das Fenster und eine frische Prise kühler Luft umgab mich.

Die Scheibe begann zu beschlagen. Ich konnte den herrlichen Herbstduft des nahenden kalten Winters riechen, und da war noch ein Geruch, so nussartig? Ich überlegte. Hatte ich einen Hirnschlag erlitten? Ich mochte den späten Herbst, es war noch nicht richtig bitter kalt und tagsüber konnten einem die letzten Sonnenstrahlen noch behaglich das Gesicht erwärmen. Den Winter mochte ich nicht, eisiger Wind zog in alle Öffnungen, man fror und die Kälte fuhr einem durch die Körperglieder. Ich atmete tief ein und wieder aus. Der Scheibenbeschlag am Glas begann sich bereits zurückzuziehen; draußen war es nass, es nieselte.

Das Laub auf den Straßen war feucht und begann schon zu rotten, wahrscheinlich stammte daher das mir zuvor in die Nase gekrochene Aroma. Mich fröstelte es und eine Gänsehaut überzog meine Arme und Beine, ich schloss das Fenster wieder. Ein trüber, gewöhnlicher Herbsttag schien in diesen letzten Tagen im Oktober zu beginnen. Noch zwei Tage und mein 14. Geburtstag stand bevor. Ich setzte mich auf mein Bett und versuchte mich daran zu erinnern, was geschehen war. War es ein Traum? Verrückt wie real es sich anfühlte. Es war als ob ich dort gewesen bin, oder eine andere Person, die vor Ort war und alles miterlebt hatte. Nur noch Bruchstückhaft konnte ich die Fragmente dessen, was dort geschah, vor meinem geistigen Auge zusammensetzen.

Es war faszinierend, wie auch jetzt noch das Gefühl in ihm steckte bei dem Erlebten wirklich dabei gewesen zu sein. Er schweifte ab. Er versuchte sich erneut auf die schemenhaften Bilder seines Traumes zu konzentrieren um diese zu verarbeiten. Er befand sich in einer Stadt, konnte jedoch nicht herausfinden in welcher. Er stand auf der Straße und hatte ein mulmiges Gefühl in seiner Magengegend. Es fühlte sich unbehaglich an, als ob etwas nicht stimmte. Irgendetwas war nicht in Ordnung, etwas lag in der Luft. Er hatte den Eindruck, dass gleich etwas geschehen würde. Alles schien sich in Zeitlupe abzuspielen, trotz des hohen Tempos des Bikers, welcher an ihm vorbei raste. Er konnte grade noch rechtzeitig stoppen.

Dabei erschrak er derartig, dass sein Herz für einen kleinen Moment aussetze und er war erleichtert, dass nichts weiter passiert war. So ein Zusammenstoß war sicher nicht lebensgefährlich dennoch recht schmerzvoll. Er schaute dem Radfahrer, welcher weiter mit hoher Geschwindigkeit auf die nächste Kreuzung zuhielt, nach. Es gab keine Ampel und er war auf keiner vorfahrtsführenden Straße. Ein Auto, welches seinen Weg kreuzte, konnte er gerade noch so ausweichen und raste danach ohne jedes Aufhebens davon. Der Autofahrer beantwortete die Aktion mit einem lauten Hupen, was den Burschen auf dem Rad wenig zu beeindrucken schien. Der PKW Fahrer schüttelte den Kopf und machte mit seinen Händen eine obszöne Geste,  nach der er ebenfalls seinen Weg fortsetzte. Was für ein Todeskandidat. Wahrscheinlich wird er es nicht mehr lange machen. Kurzzeitig berührte ihn der Gedanke. Doch dann kam er davon ab und beschäftigte sich wieder mit seiner eigenen Situation und ein Lächeln glitt über seine Lippen. Es war wohl die Erleichterung darüber, dass sein Gespür ihn gewarnt und vor Schlimmeren bewahrt hatte. Dann fiel sein Blick auf ein Café, gegenüberliegend, und plötzlich hatte er ein unsägliches Bestreben danach dort hineinzugehen.

Es war 4.15 Uhr ich schaute auf die Uhr, saß auf der Kante meines Bettes und hörte ein Auto vor unserem Haus vorbeifahren. Ich versuchte mich dringend zu erinnern, da war noch etwas, etwas Wichtiges. Ich spürte es, konnte es aber nicht mehr erfassen. Die Jahre kamen und gingen und mit ihnen verblaste die Erinnerung immer mehr; ganz vergessen konnte ich jene Nacht allerdings nie. Es war kurz vor meinem 14. Geburtstag und im tiefsten Inneren wusste ich, dass darin noch eine Bedeutung lag, oder eine Vorsehung. Oder war es eine von mir affektierte und dem Ganzen zu viel Aufmerksamkeit schenkende Eingebung, die keinen weiteren Einfluss auf mein Leben haben würde? Dennoch habe ich oft versucht mich zurück zu versetzen, zu sehen ob noch Bildfetzten wiederkamen, auftauchten oder andere Bruchstücke, die mir halfen mich zu erinnern; mir zeigten, was mir damals, so wie ich es fühlte, wichtiges entgangen sein mag. Manchmal wenn ich einschlief, lenkte ich meine Gedanken dahin, um vielleicht diesen Traum wieder hervorzurufen, noch einmal zu träumen, zu erleben. Doch es sollte nie geschehen, mit der Zeit breitete sich eine gewisse tiefe, innere Unruhe in mir aus und ich begann instinktiv nach der einen, jenen Straße mit dem Café zu suchen. Doch fand ich sie nie.

20 Jahre vergingen und ich lebte mein Leben, Ausbildung, Beruf, Arbeit, Wohnung, die erste Liebe und die darauffolgende erste große Enttäuschung; der Schmerz, die Verzweiflung, das wieder Aufstehen und Weitermachen, die ein oder andere nichtssagende Beziehung. Alles was dazugehörte, tragische Momente, andere Verluste aber auch gute und schöne Zeiten; bis hin zu der Einen, die, bei der dir das Herz für den einen kurzen Augenblick stehenbleibt. In der Sekunde in der du sie siehst, wobei es sich anfühlt wie ein mittelstarker Stromschlag und du weißt, das ist sie; mit ihr willst du den Rest deines Lebens verbringen. Sie ist Die, die es dir antut, von der du nicht mehr wegkommst, wie eine Droge. Sie zieht dich in ihren Bann und du verlierst dich völlig in ihrer Umgebung, wenn ihr euch stundenlang in die Augen schaut. Die elektrische Spannung zwischen euch ist so hoch, dass du, wenn du nachts neben ihr liegst, schwören könntest, ein leichtes Schimmern wahrzunehmen.

Du streichelst sie, spürst ihre Haut und es kribbelt überall unendlich stark in deinem Körper bis tief hinein in jede einzelne Köperzelle. Ihr lacht zusammen, habt Spaß, du kitzelst sie an den Füßen, zwischen ihren Zehen, am Bauch und Rücken, küsst sie überall; ihr spielt; zerwühlt die Lagen und bewerft euch mit den Kissen in einer nicht enden wollenden Schlacht, die nur ihr beide gemeinsam gewinnen könnt und ihr fallt erschöpft nebeneinander nieder und findet einen wohlsamen, verdienten und erfrischenden Schlaf, der besser nicht sein könnte. Es ist verrückt. Nach den vorherigen Schicksalsschlägen, nachdem du die Hoffnung schon aufgegeben hattest, nicht mehr daran geglaubt hast, jemals den passenden Menschen an deiner Seite zu finden; dich damit abgefunden hast so ziemlich alleine durchs Leben zu gehen. Da taucht sie plötzlich auf, verdreht dir den Kopf und du vergisst darüber fast alles; so wie auch das Suchen nach einer Straße mit einem Café. Ihr beginnt zu planen, eure gemeinsame Zukunft, wie sie aussehen würde. Sie wollte immer gern Reisen, unterwegs sein. Du besuchst mit ihr viele andere Länder, Städte, Straßen, Plätze und Cafés. Auf einer dieser Reisen kniete ich mich nieder, drei Jahre waren wir zusammen, hatten eine gemeinsame Wohnung, dachten daran ein Haus zu bauen, ein Jahr später heirateten wir. Es war eine große Feier mit all unseren Freunden, Verwandten, beiden Familien, viel gutem Essen und etlichen Getränken, amüsanten Storys und lustigen Spielen. Es war unvoreingenommen die beste Party unseres Lebens.

Am nächsten Tag starteten wir in unsere gemeinsamen Flitterwochen, es ging nach Spanien in einen kleinen, beschaulichen Ort an der südöstlichen Mittelmeerküste in wirklich warme, schöne Gefilde. Wir genossen die Sonne, den Strand mit dem feinen Sand, der sich unter unseren Füssen sehr weich und samtig anfühlte, das Meer und alles, was uns diese Tage gaben. Dies war für uns ein Zwischenstopp für eine längere Rundreise durch halb Europa. An diesem Abend am Strand, beim Sonnenuntergang beichtete sie mir, dass sie schwanger sei und wir ein Kind erwarteten. Kurzzeitig stockte mir der Atem, weil es so plötzlich und unerwartet kam. Doch dies hielt nicht lange. Ich war so voller Endorphine und strahlte sie an, konnte mein –unser- Glück kaum fassen. Am nächsten Tag fanden wir in einer schmalen Seitengasse einen Wahrsager-Laden. Sie stand total auf solchen, wie ich fand, Humbug. Doch ihr zuliebe ging ich mit. Dabei konnte mich dies nur wenig begeistern. Die nette Dame in dem Laden sagte uns eine prächtige und erfüllte Existenz voraus und irgendwie wusste sie auch, dass wir ein Kind erwarteten. Ich hatte keine Idee woher sie es ahnte.

Als wir wieder heraus traten, strahlte sie so. Ihr ganzes Gesicht, ihr Lächeln; ich liebte es sehr, sie so glücklich zu sehen. Ich küsste sie. Sie hatte einen Termin bei der Pediküre und wir verabredeten uns auf dem Place del a Forte, einem kleinen gemütlichen Platz inmitten der Strandpromenade mit vielen entzückenden Bars und Cafés. Vorher, so beschloss ich, wollte ich noch ein wenig umherwandern und nahm mir vor, ihr etwas Schönes zu kaufen.

Auf meinem Weg kam ich durch viele enge Gassen und Straßen, als plötzlich vor einer Kreuzung ein Radfahrer an mir vorbeischoss. Ich blickte ihm nach und wusste sofort, was an der Kreuzung geschehen würde. Ein Auto kam heraus, der Fahrradfahrer wich aus; der Autofahrer hupte. Ich erschrak derartig, dass mein Blut aus meinem Körper zu schießen schien. Jedenfalls fühlte es sich so an. Mir wurde schwindelig, ich war stark benommen und dachte für einen Augenblick mich setzten zu müssen. Ein Schauer überkam mich und meine Epidermis produzierte eine Gänsehaut. Ich erstarrte, traute mich kaum, mich umzudrehen und als ich es doch tat, gefroren die restlich verbliebenen Tropfen Blut, die nicht in meine Knie gerutscht waren. Dort stand es. Warum jetzt? Ich hielt inne. Es war komplett aus meinem Bewusstsein verschwunden; ich war bereit mein vor mir liegendes Leben zu genießen.

Seit drei Jahren hatte ich nicht mehr danach gesucht und nun war es da, vor mir, das Café aus meinem Traum. Es war unglaublich, langsam wandelte sich der Schock in Euphorie. Ich war froh. Wahrscheinlich war es an der Zeit für mich; es musste einen Grund geben. Würde ich nun die restlichen Antworten, auf die mir all die Jahre wartenden Fragen, erhalten? War dies jetzt real? Es fühlte sich wie ein langes nicht enden wollendes Déjà-vu an. Ein merkwürdiger Zufall, oder nur eine Einbildung, vielleicht war der Traum nicht wirklich und ich hatte in den Jahren schon mal in einer ähnlichen Situation ein vergleichbares Café irgendwo anders gesehen und dies dann in späteren Träumen verarbeitet und nun überschnitten sich die Ereignisse und das Geträumte und zeigten mir eine vorgetäuschte Realität. Ich schüttelte den Kopf; zu viele verwirrende Gedanken.

Vielleicht sollte er es abtun, einfach ignorieren und weiter seinem eigentlichen Vorhaben folgen. Doch er stand genau davor, es musste eine Bedeutung haben und er könnte sie wohl nur erfahren, wenn er seinem, wie er nun fühlte, inneren Drang nachgab. Er hatte zwei Möglichkeiten. Er könnte einfach hineingehen und schauen was passierte, sehen, dass alles normal ist; sich setzten, etwas trinken, erkennen, dass alles nicht so ist, wie er es geträumt zu haben glaubte. Oder, er könnte sich jetzt umdrehen und gehen.

Er drehte sich um. Hielt inne, haderte mit sich; fühlte diesen heftigen Zwang, der ihn regelrecht zu diesem Café zu ziehen schien. Er fand es regelrecht lächerlich, zuckte aber nur mit den Achseln. Was  sollte denn schon passieren? Er betrat das Café. Alles darin kam ihm so bekannt und vertraut vor, als ob er schon einmal hier gewesen wäre. Der Duft des frisch gemahlenen Kaffees stieg in seine Nase und verursachte ein angenehmes Wohlgefühl und den Wunsch, sich einen zu bestellen. Er konnte förmlich spüren, wie der heiße Kaffee seine Lippen berührte und sich seine Geschmacksknospen entfalteten und er den leicht bitteren Geschmack direkt auf seiner Zunge wahrnehmen konnte; wie das schwarze Gold weich seinen Hals hinunter glitt und seinen Bauch mit Wärme füllte. Er überlegte angestrengt, ob er nicht doch schon einmal hier gewesen war und eines der so lieblich duftenden Nusstörtchen gegessen hatte. Er konnte sich nicht daran erinnern. Doch woher kamen dann alle diese bekannten Details? Er dachte so intensiv nach, dass sein Gehirn sich zu verknoten begann. Er wollte sich nicht damit abfinden, sich einzugestehen, dass er schon mal hier war; nur nicht real, sondern in, naja, in seinem Traum, den er vor über 20 Jahren in seinem Zimmer hatte; von dem er schweißgebadet aufgewacht war; über welchen er lange nachgedacht hat und nie in Erfahrung bringen konnte, was und warum er ihn geträumt hatte.

Er beschloss sich zu setzten, alles ein wenig mehr auf sich wirken zu lassen und dem Fluss einfach zu folgen. Er setzte sich an einen Tisch und entspannte sich. Eine Kellnerin brachte ihm einen Kaffee. Wieder stieg der Duft in seine Nase. Seine Erinnerungen begangen sich langsam hinter einem Schleier zu lichten und sie überlagerten sich mit dem, was sich grade hier drinnen abspielte. Es war fast wieder wie in seinem Traum. Er wusste exakt, was als Nächstes passieren würde. Sein Kopf fing hart an zu arbeiten, ein Kribbeln durchlief seine Synapsen. Er wusste, dass der Mann dahinten am Tisch gleich seine Hand heben würde, um den Check zu fordern, während sich die eine Kassiererin zu ihm begeben würde, würde hinten in der Küche jemanden etwas herunterfallen lassen. Er hörte ein Scheppern und ein leises Fluchen. Er begann zu grinsen. Das war unglaublich und faszinierend, was er da grade erlebte und niemand auf der Welt würde es ihm jemals glauben - wie auch? Wie sollte man jemanden so eine einzigartige Erfahrung erklären sollen? Die meisten würden es abfertigen mit einem: Das waren sicher nur einige, sich in ähnlicher Art und Weise abspielende Geschehnisse; ein großer Zufall oder Ähnliches.

Er griff nach der Tasse und nahm einen kräftigen Schluck, als ihm der Atem stockte und das Blut in seinen Adern zu gefrieren schien. Sein Gehirn überkam eine Art Gänsehaut, es pochte und stach, fast so als wenn man ein Eis zu schnell verspeiste. Seinen Körper durchfuhr es wie einen Blitzschlag, er wusste, was als nächstes passieren würde. Obwohl sein Körper kaum dazu in der Lage zu sein schien, sprang er auf und rannte hinter die Theke. Ein Mann mit Maske und einer Bombenweste umgeschnallt, kam mit einem Maschinengewehr bewaffnet hereingestürmt. Kaum, dass er drinnen war, begann er auch schon wie wild um sich zu schießen.


Ich kauerte mich in eine Ecke, um Schutz zu finden; drängte mich weit nach hinten, während um mich herum die Kugeln einschlugen, Scherben barsten, Regale, Gläser und Tassen gingen zu Bruch. Menschen in Panik versuchten wegzurennen; sich selber ebenfalls in Deckung, in Sicherheit zu bringen. Einige gingen von Projektilen durchbohrt verletzt zu Boden oder starben direkt. Ich war schockiert, fassungslos. Ich wollte aufwachen, fühlte mich zurückversetzt und dachte tatsächlich, mich in meinem eigenen Traum zu befinden und betete, um endlich wach zu werden. Doch dem war nicht so.  Die Schüsse ließen nach, wurden weniger; dafür gezielter. Er hielt inne und schrie in einer mir unbekannten Sprache vor sich hin. Niemand wagte mehr sich zu bewegen. In den Gesichtern war vollkommenes Grauen und Entsetzen zu sehen. Behutsam drückte ich mich weiter in mein schützendes Versteck.

Viele verschiedene Gedanken durchstreiften seinen Kopf. Was hatte dies alles zu bedeuten? Er war ein wenig überfordert, konnte Traum und Realität nicht mehr auseinander halten. Gab es einen Grund dafür weswegen er hier war? In diesem Moment konnte er nicht mehr sehen oder erahnen was als nächstes geschehen würde, die Ahnung meiner Gabe oder meiner Voraussicht über alles was vorfallen würde, die Macht die Zukunft zu sehen, war weg, das Gefühl etwas besonders zu sein, sich als etwas gottähnliches zu sehen gab es nicht mehr. Dennoch stieg so langsam in mir eine andere Empfindung empor. Es gab vielleicht doch einen Anlass, weswegen sich alles genau so abspielte wie es eben grade geschah.

In mir begann der Gedanke zu reifen, dass ich aus einem einzigen Grund hier gelandet bin. Ich war dazu bestimmt, die Menschen -alle sich im Raum befindenden Personen- zu retten. Wenn ich jetzt etwas unternahm, würde ich ein Held werden. Jemand, zu dem die Leute aufblicken würden, der von allen geachtet und gefeiert werden würde. Ich könnte berühmt werden und alle wären stolz auf mich, meine Frau, meine Kinder. Das also war es; das war mein Schicksal, meine Bürde, meine Bestimmung. Sobald ich etwas unternehmen, mich bewegen würde, kämen meine Vorahnungen zurück. Dessen war ich mir sicher und ich wüsste im Vorfeld, was ich zu unternehmen hätte, genau wie zuvor, als ich ins Café kam und instinktiv erahnte, was sich ereignen würde und ich mich dadurch selbst erst einmal retten konnte. Etwas hatte ihn beschützt und würde es wieder. Er krabbelte hinter dem Tresen bis vor an die Spitze und kam hinter der Barriere -seinem Schutzwall- hervorgesprungen. In diesem Augenblick wurde ihm bewusst, was als nächstes eintreten würde. Traum und Realität verschmolzen endgültig zu Einem. Und ja, er sah, wie vermutet, was gleich passieren würde. Sein Hochgefühl sank zu Boden, genau wie er.

Zwei Kugeln durchschlugen meinen Brustkorb, ich sackte zusammen und fiel auf meine Knie. Mein Gesichtsausdruck musste Bände sprechen. Von Bestürzung über Fassungslosigkeit bis hin zu Überrascht sein und vollkommener Gewissheit. Das waren meine letzten Momente hier auf dieser Erde. Nein das konnte es nicht sein, das war falsch, dazu war ich nicht bereit, nicht gefasst. Doch es war der Zeitpunkt in meinem Traum, zu welchem ich vor 20 Jahren erwachte. Ich erinnerte mich wieder, leider. Angenommen dies war nun der gleiche Traum? Und ich würde gleich wieder erwachen? Ich würde, wenn ich umkippe, erschrecken und wach werden. So wie wenn man in einem Traum tief fällt und kurz vor dem Aufprall hochfährt. Ja, das musste es sein, anders war es nicht zu erklären. Ich hoffte, bangte, sprach zu mir selbst. Komm schon wach auf! Und was dann? würde ich alles nochmal erleben, wieder hier landen; war alles eine Endlosschleife, aus welcher ich nicht herauskam? Immer und immer wieder? Es würde nie enden. Dann würde ich wieder und wieder so handeln?

Oder alles anders, besser, richtigmachen; ich könnte mich entscheiden, nicht in das Café zu gehen, einfach umdrehen, meine Frau abholen, ihr ein Geschenk überreichen und ein glückliches Leben führen. Oder ich könnte anders reagieren, etwas länger im Versteck warten, nicht den gleichen Fehler nochmal machen. Ich müsste mich eher erinnern und anders agieren. Dann könnte ich den Lauf der Dinge beeinflussen und doch noch heil aus der Sache raus kommen. Ja, das fühlte sich vernünftiger an. Ich müsste nur aufwachen. Ich würde meine Gattin sehen, könnte erleben wie meine Sprösslinge aufwachsen, groß werden und selbst Familien gründeten. Ich konnte mich nicht mehr halten, kippte auf die Seite.

Kein Erwachen.

Ich lag da, auf dem kühlen, gefliesten Boden. Gleich würde ich erwachen, dachte ich. Ich erwachte nicht. Vielleicht musste ich erst sterben? Mein Blick wanderte umher, mein Atmen glich nun mehr einem Röcheln. Ich sah ein wenig schräg hinten einen anderen Mann liegen. Er schien auch schwer verletzt zu sein. Ob er um sein Leben kämpfte, konnte ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Das war alles so unwirklich. Gerade hatte ich noch eine stimmige Zukunft vor mir, wollte so viel erledigen, erleben, mit meiner großen Liebe, meinem Nachwuchs, meiner Familie, das konnte nicht das Ende sein. Ich war nicht vorbereitet, ich wollte nicht sterben. Eine Träne lief mit über die Wange. Ich versuchte Luft zu holen, das Glucksen und Blubbern wurde stärker, meine Lungen waren perforiert und füllten sich mit Flüssigkeit. Nicht mehr lange; vielleicht kommt jemand und rettet mich? Ich wäre so glücklich, ihm auf ewig dankbar. Vermutlich hatte ich seinen Traum geträumt und er ist der große Beschützer, er befreit jeden, rettet mich und alle würden ihm zu jubeln. Mir wäre es in diesem Moment egal. Ich würde ihm zu jubeln; es würde doch alles einen Sinn ergeben.

Blut kommt mit Luftbläschen aus meinem Mund, ich spüre nichts mehr, keinen Schmerz, keine Schwäche, eigentlich fühlt es sich behaglich an, warm, nicht kalt. Ich muss durchhalten! Warum war ich so Naiv hier hinein zu gehen? War das Geträumte eine Warnung? Weshalb hört man nicht darauf und läuft dennoch seinem Untergang entgegen?

Ist dies alles nur der unglaubliche Zufall einer Verkettung miteinander verzweigter und zusammenhängender Ereignisse, die vom Leben vorgeschrieben ihren eigenen unnachgiebigen Regeln folgten und mich hier her lotsten? Was hatte ich damit zu tun? Ich wollte dies alles nicht, hatte es mir nicht ausgesucht. Ich wollte zu meinem Schatz, sie in den Arm nehmen, festhalten, sie fühlen, spüren, ihr sagen ich liebe dich. Der Mann gegenüber bewegte sich nicht, schien nicht mehr zu respirieren, er war tot. Ich überlegte, ob es ihm ähnlich erging. Hatte er auch irgendwann mal einen Traum, der ihn hierher führte, den er vollkommen und komplett vergessen oder falsch interpretiert hatte? Ist das Schicksal unausweichlich? Warum war er hier? Mein letzter Gedanke war „man scheiße warum war ich hier?“. Meine Augen konnte ich nicht mehr offenhalten. Sie fielen zu; es wurde dunkel und ich starb, ohne Ehre, ohne Heldentum, einfach so.

 

 

 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Veit Stanley).
Der Beitrag wurde von Veit Stanley auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Und wenn du mich nicht lieben willst... von Mariel Gerbert



In diesem Gedichtbüchlein finden sich weitgehend Gedichte und Lyrik über Liebe und Herzschmerz, Verzweiflung und Wut, aber auch ein bißchen Erotik und allgemeine Emotionen. Ihr folgt dem Verlauf einer Liebe, die bisher nicht gelebt werden konnte... was wird die Zukunft wohl bringen???

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Surrealismus" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Veit Stanley

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Bauernstreit von Veit Stanley (Skurriles)
… String „Z” – ein Königreich für ein Multiuniversum ! von Egbert Schmitt (Surrealismus)
Meine Schuljahre von Karl-Heinz Fricke (Autobiografisches)