Günter K. Langheld

Das Medaillon

Ich entdeckte den Brief am späten Nachmittag. Er war mir sofort aufgefallen, denn das Kuvert trug keinen Poststempel. Die Aufschrift lautete nur: DETEKTEI GEORGE WALLMAN.
Der Brief kam von einem Mr. Spandish, der mich bat, ihn so schnell wie möglich in seinem Haus in der Oakstreet Nr.37 aufzusuchen. Er schrieb, dass er dringend meine Hilfe brauche, fügte aber keine nähere Erklärung hinzu.

Der Himmel war den ganzen Tag über schiefergrau gewesen und auch später verriet nur ein schwefelgelber Streifen im Westen die Stelle eines verhangenen Sonnenunterganges.
Es war schon dunkel, als ich schließlich meinen Mantel überstreifte und auf die Straße trat. Durch die schwarze Wand vorbeiziehender Wolken stahl sich gelegentlich das Mondlicht.
Die Oakstreet liegt im Osten, etwas außerhalb der Stadt. Ich hatte schon öfter in dieser Gegend zu tun gehabt und kannte den Weg gut. Es regnete jetzt wieder, jedoch nicht in schweren Tropfen, sondern in Schwaden feinen Sprühregens, die der Wind vor sich her trieb.
Nach einer Weile wurden die Abstände zwischen den Häusern immer größer und ich bog in die Oakstreet ein. Die vereinzelten Straßenlaternen strahlten kaum genügend Licht aus, um die Finsternis dieser Nacht zu durchdringen.

Das Haus Nr. 37 war mir noch nie zuvor aufgefallen, es machte einen ziemlich verwahrlosten Eindruck. Uralte Eichen überschatteten den von Efeu überwucherten Bau, während Ligusterhecken und ähnliches Strauchwerk den scheinbar seit Jahren nicht mehr gepflegten Garten von der Straße abschirmten. Ich gewahrte keinen Lichtschimmer in dem Haus, die Fenster starrten mir blind entgegen.
Ich öffnete die Pforte und stieg einige Stufen zur Haustür empor. Im Schein der Straßenlaternen konnte ich weder einen Türklopfer, noch eine Glocke entdecken. So begann ich, erst zögernd, dann heftiger mit der Faust gegen die Tür zu klopfen.
Ein Geräusch drang aus dem Inneren des Hauses und kurz darauf wurde die Tür lautlos geöffnet. Ich erblickte einen schmächtigen Mann, der mich ängstlich musterte. Nachdem ich jedoch meinen Namen genannt hatte, bedeutete er mir einzutreten und verschloss dann schnell wieder die Tür hinter uns.

Muffige Luft schlug mir entgegen. Man konnte den Verfall des Hauses deutlich erkennen, denn von den Wänden blätterte die Farbe. Ich legte meinen Mantel ab und folgte dem Hausherrn.
Mr. Spandish schien das Haus allein zu bewohnen. Er führte mich in einen Raum, dessen einzige Lichtquelle ein kraftlos leuchtender Lüster war, die Kohlen im Kamin hatten das Zimmer überhitzt.
Mr. Spandish bat mich Platz zu nehmen, er selbst ließ sich in einem Ohrensessel nieder. Seine Hand zitterte, als er sich fahrig übers Gesicht strich.

Ich zündete mir eine Zigarette an und fragte ihn, in welcher Angelegenheit er meine Hilfe brauche. Der Mann schien mit den Nerven völlig am Ende zu sein. Aber nach kurzem Zögern erzählte er mir dann folgendes:
Da er in letzter Zeit an Schlaflosigkeit litt, hatte er am Samstag vor drei Tagen einen nächtlichen Spaziergang unternommen. Die Straßen waren, wie gewöhnlich zu dieser späten Stunde, menschenleer gewesen.
Als er in der Gegend angekommen war, wo der Willowroad am Pattlers-Park vorbei führt, tauchten plötzlich drei Burschen vor ihm auf, die, ohne ihn zu beachten, eilig im Park verschwanden. Wenig später stieß er auf einen Mann, der zusammengekrümmt am Straßenrand kniete. Der Mann musste verletzt sein.
Als Spandish näher trat, sah er, wie der Verletzte verzweifelt versuchte, ein glitzerndes Ding zu ergreifen, das für ihn unerreichbar etwa zwei Meter entfernt auf dem Gehsteig lag. Im trüben Licht der Straßenlaterne erkannte Spandish ein Medaillon, an einer zerrissenen Kette.
Als der Mann Spandish wahrnahm, hob er seinen Kopf, keuchte etwas Unverständliches und wies mit seinem Zeigefinger auf das Medaillon. Dann sackte er wieder in sich zusammen.
Spandish war seit frühester Jugend gewohnt, allen Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen. So drehte er auch jetzt kurz entschlossen auf dem Absatz um, jedoch bevor er sich davonmachte, bückte er sich und hob das Medaillon auf.
Er meinte noch zu hören, wie der Mann krächzend einen Fluch ausstieß, dann eilte er auf dem schnellsten Weg nach Hause.

Spandish versuchte seine Gewissensbisse zu dämpfen, indem er sich einredete, dass irgendein Passant den Verletzten finden und sich um ihn kümmern würde.
Am nächsten Tag aber las er in der Sonntagszeitung von einem Mann, der in der Nacht zuvor am Pattlers-Park niedergestochen und beraubt worden war. Da offenbar niemand den Verletzten entdeckt hatte, verblutete er auf der Straße. Von den Tätern fehlte jegliche Spur. Das Foto unter dem Artikel zeigte das hohlwangige Gesicht eines Mannes mit Glatze und schmalen, zusammengepressten Lippen.

Spandish fühlte sich an diesem Tag nicht wohl. Als es dunkel wurde und er sich schließlich aufraffte, um ins Bett zu gehen, vernahm er ein Scharren an der Haustür. Er wollte gerade öffnen, als ihn grässliches Stöhnen zusammenschrecken ließ. Es klang so unheimlich, dass er sich schaudernd in sein Zimmer zurückzog.
Am Abend des folgenden Tages dann, gewahrte er leises Pochen an der Fensterscheibe. Als er darauf zum Fenster eilte, raunte dort jemand seinen Namen, obwohl er weit und breit kein menschliches Wesen entdecken konnte. Wenig später vernahm er Poltern aus dem Obergeschoss.
Der Panik nah, konnte er keinen klaren Gedanken fassen und schloss sich in seinem Zimmer ein. In den folgenden Stunden dann, glaubte er immer wieder Schritte vor der Zimmertür zu hören, als ob ihm dort jemand auflauerte.
Spandish konnte die ganze Nacht kein Auge schließen und erst als es hell wurde, verstummten die Geräusche vor seiner Tür. Ihm wurde bewusst, dass er Hilfe brauchte.

Nachdem Mr. Spandish geendet hatte, erhob er sich und reichte mir einen Gegenstand. Es war ein goldenes Medaillon, etwa 5 cm im Durchmesser, mit einem eingravierten Pentagramm. Die Mitte des Pentagramms zierte ein stecknadelkopfgroßer roter Stein. Als ich das Medaillon umdrehte, konnte ich dort eine Inschrift entziffern, die lautete:

Gebunden an seine Herren

Weder Krankheit noch Tod

Schwächt die Macht aus diesem Stern

Während ich noch über die Bedeutung der Worte nachdachte, hatte ich das unangenehme Gefühl, als begänne das Medaillon in meiner Hand zu pulsieren.
Mr. Spandish lief nervös im Zimmer auf und ab. Ich versuchte ihn zu beruhigen, indem ich ihm anbot, die Nacht hier im Hause zu verbringen, damit ich - traten die seltsamen Phänomene noch einmal auf - entsprechende Maßnahmen ergreifen konnte.
Mr. Spandish schien erleichtert, setzte sich wieder in seinen Sessel und legte das Medaillon neben sich auf einen Beistelltisch.

Ich hatte eben die Überprüfung der Räumlichkeiten des Hauses abgeschlossen, ohne etwas Verdächtiges bemerkt zu haben, als ich plötzlich auf ein Geräusch aufmerksam wurde, das von oben, aus einem der leerstehenden Räume kam. Dann war es wieder still, obgleich mir die Stille, die nun herrschte, je bewusster ich sie empfand, immer unheimlicher wurde.
Irgendetwas veränderte sich im Zimmer, es schien, als breite sich eine fremdartige Atmosphäre im Raum aus.
Mr. Spandish hatte sich in seinem Sessel aufgerichtet, seine Hände umklammerten krampfhaft die Lehnen.
Ich erhob mich, zog meinen Revolver und schlich zur Tür. Nun meinte ich verstohlene Schritte zu hören. Treppenstufen knarrten kaum vernehmbar, doch auf dem Flur war niemand zu sehen.
Lautes Zischen ertönte über mir. Ich duckte mich und wollte eben die Treppe hinauf stürmen, blieb dann jedoch wie angewurzelt stehen.

Jeder hat wohl in seinem Leben schon einmal jenes Gefühl von Gefahr gespürt, das uns - ist es stark genug - unsere Absicht spontan ändern lässt. Ein sonst verborgener Instinkt hinderte mich wohl in diesem Augenblick daran, die Stufen zum Obergeschoss zu erklimmen.
Ich bemerkte, wie eine Kälte, eine beißende Kälte, meinen Geist und meinen Körper langsam zu lähmen begann. Gleichzeitig nahm ich einen unnatürlichen Schimmer wahr, der, einem Nebel vergleichbar, die Treppe herunter wallte und dann durch die offene Tür ins Zimmer schwebte.
Ich spürte ein prickelndes, kribbelndes Gefühl in mir aufsteigen. Meine Gliedmaßen gehorchten mir nicht mehr, ich war handlungsunfähig, ja konnte nicht einmal mehr sprechen.

Der Nebel hatte inzwischen die Mitte des Raumes erreicht und sich an dieser Stelle verdichtet.
Während sich eine lähmende Schwere, wie eine Klammer um mein Gehirn legte, gewahrte ich, dass sich aus dem Dunst eine Gestalt materialisierte. Ich erblickte, schemenhaft, wie hinter einem Schleier verborgen, die Konturen eines glatzköpfigen Mannes.
Plötzlich wehte ein Luftzug durch das Zimmer, das Licht der des Lüsters flackerte kurz und erlosch dann.
Im selben Augenblick wich die Lähmung von mir und ich stürzte vor. Da ich aber nicht sehen konnte wohin ich lief, stieß ich gegen einen der herumstehenden Stühle, der umkippte und mich straucheln ließ.
Leises Raunen erfüllte den Raum. Eine Stimme wisperte in meiner Nähe. Dann ertönte ein angsterfüllter Schrei und gleich darauf vernahm ich lautes Röcheln.
Obwohl mein angeschlagenes rechtes Schienbein wie Feuer brannte, rappelte ich mich auf und tastete mich vorwärts. Grabesstille herrschte. Die Kohlen im Kamin strahlten ein unwirkliches Licht aus.
Auf einmal flammte das Licht des Lüsters wieder auf. Ich blickte suchend umher. Von der nebelhaften Gestalt war keine Spur mehr zu entdecken, sie hatte sich anscheinend in Luft aufgelöst.
Mr. Spandish lehnte schlaff in seinem Sessel, seine weit aufgerissenen Augen starrten leblos an mir vorbei ins Leere. Und dann bemerkte ich, dass das Medaillon, das noch eben neben Spandish auf dem Beistelltisch gelegen hatte, verschwunden war...
 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Günter K. Langheld).
Der Beitrag wurde von Günter K. Langheld auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Is ja abgefahren: Gedichte von abgedreht bis träumerisch von Lizzy Tewordt



Haben Sie sich nicht auch schon mal gefragt, was die Trainer ihren Boxern kurz vor Beginn der Runden in den Mund stecken und wie würden Sie reagieren, wenn Sie sich im Doppelbett umdrehen und neben Ihnen ein völlig fremder Mensch liegt? Diese und andere Fragen werden Ihnen von Lizzy Tewordt in diesem Buch mit einem Augenzwinkern beantwortet, so, wie man die Autorin hier kennt. Aber auch sinnliche Momente, die sich wie ein Film abspulen - von aufregend bis nachdenklich...

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Unheimliche Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Günter K. Langheld

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Erzählung meines Großonkels von Günter K. Langheld (Unheimliche Geschichten)
Leben und Tod des Thomas von Wartenburg, I. Teil von Klaus-D. Heid (Unheimliche Geschichten)
Die nackte Wahrheit von Klaus-D. Heid (Leidenschaft)