Matthias Neumann

Der Unsichtbare

Der Unsichtbare

 

Es war die Art, wie er seinen Kaffee trank. Mehrfach hatte ich ihn schon in der Bäckerei gesehen, unsere Pausenzeiten mussten sich wohl überschneiden. Irgendwie wurde er mir sympathisch, als ich bemerkte, dass der regelmäßig kam.

Wenn ich mich an einen Tisch setze, langsam aus einer Tasse trinke und beobachte, wie viele Kunden inzwischen vorbeikommen, fühle ich mich manchmal als Außenseiter. Selbst andere, die sich ebenfalls für einen Kaffee hinsetzen, verlassen das Geschäft wieder viel eher als ich. Es gibt zwar noch Menschen, die sich dabei Zeit lassen, doch für gewöhnlich geschieht das nur in Gruppen. Sie kommen eigentlich, um sich miteinander zu unterhalten. Wären sie allein, würden auch sie es nicht lange aushalten still zu sitzen. Ganz im Gegensatz zu mir. Diese seltene Fähigkeit war auch der Grund, warum ich überhaupt erst auf ihn aufmerksam wurde.

Irgendwann jedoch begann meine Haltung ihm gegenüber umzuschlagen. Ich kann nicht sagen, wann das geschehen ist, es ging schleichend vor sich. Zuerst habe ich meine veränderten Empfindungen als Erstaunen wahrgenommen. Als ich begann auf ihn zu achten, beobachtete ich ihn immer genauer. Ich hörte zu, als er seine Bestellung abgab: Ganz normaler Kaffee. Bei der großen Auswahl? War das wohl eine Marotte? Oder reine Gewohnheit, die Angst vor etwas Neuem? Bei allem was er tat, stellte ich mir Fragen dieser Art, er beflügelte meine Fantasie. Es war aufregend, meine verschiedenen Vorstellungen waren sicher ausschweifender als die Wirklichkeit.

Jedes Mal bestellte er seinen schwarzen Kaffee. Erst am Platz öffnete er die beiliegende Kapsel Sahne, den Zucker ließ er liegen, und goss sie in die Tasse. Dann nahm er sich einen Löffel. Gleich geht es los, dachte ich bei einer der ersten Beobachtungen. Er wird damit in der Tasse rühren und dabei laut an den Seiten anstoßen. Wie ich dieses Geräusch hasse. Wahrscheinlich wird er dann noch den Löffel herausnehmen und noch ein paar Mal an den Tassenrand schlagen.

Zu meiner Überraschung war kein einziges Geräusch beim Umrühren zu hören. Lautlos glitt der Löffel durch die Flüssigkeit. Dann nahm er ihn heraus und hielt ihn weiterhin über der Tasse. Er wartete einen Moment. Gleich wird er ihn in den Mund nehmen. Er ließ die restliche Flüssigkeit abtropfen und legte den Löffel wieder auf die Untertasse. Ebenfalls völlig lautlos.

Meine anfängliche Neugier wich einer Befremdung. Dieser Vorgang faszinierte mich auf unbegreifliche Weise. Ich bin nicht mehr imstande zu sagen, warum ich es tat, aber ich wartete, bis er wieder ging und dabei seine Tasse in den Geschirrwagen stellte. Als ich dann kurz darauf meine eigene Tasse danebenstellte, drehte ich so unauffällig wie möglich seinen Teller. Ich kam mir vor, als täte ich etwas gewagtes. Meine Befremdung wuchs, als ich keine Spur von Kaffee darauf finden konnte. Ganz im Gegensatz zu meinem. Wie hat er das bloß gemacht?

Von da an stand er für mich erst recht unter Beobachtung. Jede kleine Angewohnheit, jede Bewegung, egal wie beiläufig, fand meine Aufmerksamkeit. Manchmal versuchte ich seine Handlungen nachzuahmen. Den Trick mit dem Löffel habe ich bis heute nicht gemeistert. Wenn er wieder ging, inspizierte ich sogar seinen Platz, wollte wissen, wie er ihn zurückließ. Genauso wie er jedes Geräusch unterließ, blieb seine ganze Anwesenheit ohne jede Spur. Selbst an der Außenseite der Tasse, an der Stelle, an der er mit dem Mund ansetzte, blieb nicht ein einziger Rest Kaffee zurück. Jedoch konnte ich nicht feststellen, dass er darauf besonders Acht gab. Verärgert blickte ich immer wieder auf meinen Platz, auf das beschmutzte Geschirr, auf die Zuckerkristalle, die auf der Tischplatte glänzten, die ich dort hinterlassen hatte, obwohl ich so sehr aufgepasst hatte. Einmal setzte ich mich auf seinen Stammplatz. Die Sitzfläche knarzte vernehmlich.

Im folgenden milden Winter, nach ein paar Tagen gelegentlichen Schneefalls, wurde es wieder wärmer. Der Matsch vermischte sich mit dem gestreuten Sand. In den Eingangsbereichen der Geschäfte sah es entsprechend aus. Ich saß wieder an meinem gewohnten Tisch, mit dem besten Ausblick, und wartete auf den Unbekannten. In der Zwischenzeit versuchte ich erneut ihm nachzueifern. Ich öffnete eine Kapsel mit Kaffeesahne. Die Lasche ließ sich leicht lösen, klebte dann aber um so fester am Rand fest. Als sie endlich nachgab, landeten einige Tropfen der Milch auf dem Tisch. Zeitgleich erschien Er in der Tür. Eine Verkäuferin der Bäckerei hatte gerade den Boden gewischt. Er hinterließ keine Spur. Nicht ein Tropfen, kein einziger Krümel Sand landete auf dem hellen Belag. Ich hätte schreien können. Wie zum Hohn wiederholte er sein Ritual mit der Kaffeesahne. Wütend verließ ich das Geschäft. Matsch bespritzte meine Hose, als ich in eine Pfütze vor dem Eingang trat.

Es wurde zu einer quälenden Obsession. Irgendwann sah ich keinen anderen Weg mehr, ich musste ihn zur Rede stellen. „Wie machen Sie das?“ Keine Vorstellung meinerseits, keine Erklärung, wie lange ich ihn schon beobachtete. Eine schlichte Konfrontation.

Fragend blickte er mich an. Das trieb mich fast zur Weißglut. „Tun Sie nicht so unwissend! Das muss Absicht sein, es geht gar nicht ohne Übung. Es muss eine bewusste Entscheidung sein, Sie müssen es sich vorgenommen haben.“ Ich ging davon aus, dass er ganz genau wusste, wovon ich sprach. „Warum?“

Er verstand, das konnte ich erkennen. Seine Reaktion war jedoch eine andere, als ich erwartet hatte: er entschuldigte sich. Er sah gleichzeitig traurig und verängstigt aus. Tränen füllten seine Augen. Er rang um Worte, brachte aber nichts heraus. Plötzlich stand er auf. Die Stuhlbeine scharrten empört über den Boden. Ohne sich noch einmal umzudrehen, verschwand er aus dem Geschäft. Er kam nie wieder.

In den folgenden Tagen dachte ich immer wieder daran, was wohl in diesem Moment vorgefallen war, warum er sich so verhalten hatte. Aus seiner Reaktion schloss ich, dass er sein bekanntes Verhalten tatsächlich absichtlich und bewusst vollführte. Was für ein Grund konnte wohl dahinterstecken? Und warum geriet er so aus der Fassung, als ich ihn danach fragte? Beim wiederholten Durchleben stellte sich eine Ahnung ein. Ich fühlte mich schuldig, bei dem Gedanken daran, was ich angerichtet hatte, wenn meine Vermutung richtig war.

Vermutlich hatte er es zur Meisterschaft darin gebracht, nicht aufzufallen. Er wollte es konsequent verhindern, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Wie ein Schatten bewegte er sich zwischen den Menschen. Der Grund dafür spielte keine Rolle. Offensichtlich war es für ihn wichtig, vielleicht sogar lebensnotwendig. Niemand betreibt einen solchen Aufwand, um etwas zu erreichen. Viel eher, um etwas zu vermeiden. Es musste schrecklich sein, darin zu versagen.

Aber mir war er aufgefallen. Die Art meiner Konfrontation erledigte den Rest. Es musste auf ihn gewirkt haben, als hätte er etwas angerichtet. Es hatte ihn wieder einmal bestätigt. Mit meinem Vorstoß hatte ich das ausgelöst, was er am meisten fürchtete.

Vielleicht ist das nur wieder eine meiner ausschweifenden Fantasien. Doch wenn ich auch nur entfernt richtig liege...

Was habe ich ihm angetan...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Wörterworte von Iris Bittner



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