Wolfgang Küssner

Sieben Fantasien

Salome, die Tochter der Herodias, galt vor etwa 2000 Jahren als schoenste Frau der Welt. Und als Opa Herodes Geburstag feierte, ließ sie sich als Geschenk einen besonderen Tanz einfallen; der später als „Tanz der sieben Schleier“ in die Geschichte eingehen sollte. Von dieser äußerst erotischen Einlage war Opa Herodes so entzückt, daß er seiner Enkelin spontan versprach, sie koenne kuenftig alles von ihm haben, allerdings nur bis zur Hälfte seines Reiches. Mama´s Wunsch folgte als erstes; sie forderte den Kopf des Täufers Johannes, der hatte sich nämlich mehr als  negativ über die Familienverhältnisse im Hause Herodes zu äußern gewagt. Die sieben Schleier verursachten Fantasien und da Opa nicht mehr der jüngste war, dachte er an Materielles in Sachen Anerkennung, Gegenleistung. Was die Zwiebel mit ihren sieben Häuten für Fantasien ausloesen wollte, ist unbekannt. Tränen der Freude sind es jedenfalls nicht.

Eine Lüge bedarf nach Martin Luther mindestens sieben weiterer, um einigermaßen glaubhaft zu bleiben. Die Endzeit kennt laut der Offenbarung des Apostels Johannes sieben Plagen der Endzeit, um die sieben Todsünden, einschließlich der Wollust, des Begehrens, werden einige Leser wissen. Und der Kleinbürger kennt Fantasien, sieben, doch wohl eher sieben mal sieben, vielleicht sogar sieben hoch sieben.

Die Frage nach jenem Teil des menschlichen Koerpers, der in bestimmten Situationen sich deutlich vergroeßern kann, läßt die Schüler im Biologie-Unterricht zunächst herumdrucksen, kichern, fantasieren, erroeten, glucksen, schweigen. Die Erloesung kommt nach kurzer Wartezeit durch den Lehrer. Gleichzeitig mit der Antwort versuchte er, einem künftigen Frust vorzubeugen: Es sei die Pupille, die je nach Lichtverhältnissen im Durchmesser 6-fach und in der Fläche sogar 27-fach vergroeßert werden koenne; und was das spätere Liebesleben beträfe, da müsse, wolle er schon heute vor allzu großen Erwartungen, Fantasien warnen, das würde nur Enttäuschung, Ernüchterung mit sich bringen.

„Haben Sie noch Sex, oder Golfen Sie schon?“, mag so eine dieser kleinbürgerlichen Fantasien sein. So richtig kommen die Fantasien in Schwung, wenn der nach seinem Urlaubsziel befragte Kollege mit „Thailand“ antwortet. Das hätte man nicht gedacht. Sieh an, so einer ist das. Der Gesichtsausdruck des Fragenden hat längst verraten, was für Fantasien durch seinen Kopf schießen. Es wird schmunzelnd eine Nachfrage gewagt. Warum denn gerade Thailand? Die Antwort „Land und Leute, Kultur“ hat er natürlich nicht verstanden, „Thai-Küche, Sonne, Meer“ überhoert. Aber beim Wort „Massage“, da geraten seine Synapsen in Rotation, da geht sie mit ihm durch, seine Fantasie. Von Thai-Massage hat er natürlich schon viel gelesen und gehoert. Wobei - weniger gelesen, mehr gehoert und wohl deutlich mehr fantasiert.

Das ganze sei doch ein riesiger Sündenpfuhl. Prostitution, wohin das Auge schaut. Nutten, Stricher, Kathoeys, Kinder – alles sei dort für Geld zu haben. Nur gut, daß auf der Reeperbahn in Hamburg, oder in King´s Cross in London, in der Frankfurter Kaiserstraße, dem Welletjes in Amsterdam, im Wiener Prater-Areal, im Kabubicho in Tokyo von Freiern kein Geld verlangt wird. Und die Massage, so war von Freunden und Kollegen immer wieder zu hoeren, sei eine ganz spezielle Spiel-Variante dieses horizontalen Gewerbes.

Schon im Altertum, vor mehr als 3000 Jahren, war zum Beispiel die Tempelprostitution bekannt. Die Ursprünge der Massage gehen ähnlich weit zurück und am Ende steht in beiden Fällen ein Gefühl des Wohlbefindens, der Befriedigung. Doch beide Dinge haben nicht viel miteinander zu tun. Das mag für kleinbürgerliche Fantasien jetzt ernüchternd sein, doch so ist die Realität. Aber da gibt es doch diese speziellen Massage-Salons.... Ja, nur haben die nicht unbedingt etwas mit traditioneller Thai-Massage zu tun.

Als Vater der traditionellen Thai-Massage (Nuat Phaen Boran) gilt der nordindische Arzt Jivakar Kumar Bhaccha, ein Zeitgenosse Buddhas, der mit diesem wohl auch in Kontakt gestanden und die Gemeinde der Moenche ärztlich betreut haben soll. Die Massage besteht aus Streckpositionen und Dehnbewegungen, Druckpunkt-Massagen und Gelenkmobilisationen. Zehn ausgewählte Energie-Linien im Koeper werden dabei bearbeitet. Und was die Fantasien betrifft: Die traditionelle Massage findet immer bekleidet und auf dem Boden statt. Für die mindestens 77 einzelnen Techniken der Behandlung werden 1 ½ Stunden benoetigt, individuell koennen es auch 3 Stunden werden. Es ist ein meditativer Akt, der mit einer kurzen Andacht beginnt.

Von Indien aus kam die Massage mit der Lehre Buddhas über Myanmar vermutlich im 3./2. Jahrhundert v. Chr. nach Südost-Asien. In Pali-Sprache und Khmer-Schrift verfasst, sind einige Texte auf Palmblättern – später auf Steintafeln übertragen - im Tempel Wat Pho (gleichzeitig Ort einer qualfizierten Ausbildung) in Bangkok zu besichtigen. Die traditionelle Thai-Massage und der Buddhismus sind auch heute eng miteinander verbunden. Die Meister der Behandlung sind tiefreligioese Menschen, „die die Massage im Zustand der Achtsamkeit, des Gleichmuts, des Mitgefühls und der anteilnehmenden Freude ausführen“ (Zitat: Wikipedia).

Die Bearbeitung der zehn Energielinien regt die Atmung und die Blutzirkulation an, entspannt die Muskulatur, foerdert somit den Sauerstofffluß und soll Linderung bei Durchfall und Schwindel, bei Knieschmerzen, Kopfschmerzen, Schlafstoerungen, Übelkeit und Husten, Verstopfung, Rückenschmerzen etc. bringen.

In Thailand gehoert die Massage zum täglichen Alltag. Überall wird sie in den Familien zur Gesundheitsvorsorge praktiziert, dient in Krankenhäusern der Regeneration. Und in den Urlaubsgebieten wird für die Touristen eine Vielzahl an Variationen angeboten. Ha! Also doch! Ja, halbrichtig. In Fast-Food-Läden kann man sich bei brauner Limonade mit Burger, Nuggets und Pommes den Magen füllen. Mit einem Restaurant mit gepflegtem, geschmackvollem, außerhäusigem Essen haben diese Varianten ähnlich wenig zu tun, wie die schlüpfrigen Touristen-Offerten mit der traditioneller Thai-Massage.

Apropos Variante: Generell ist die Thai-Massage eine Ganz-Koerper-Massage. (Ha! Da sind sie wieder, die Fantasien: War nicht gerade von Ganz-Koerper zu lesen? Ja, richtig.) Es werden auch Teil-Massage angeboten (Nein, dieser Koerperteil ist nicht dabei), Kopf, Schulter oder die thailändische Fussmassage, eine 3000 Jahre alte chinesische Form, die in Thailand durch die Fußreflexzonenmassage erweitert wurde. Die meisten Sinnes-nerven entspringen übrigens der Fußsohle. Hier wird der Leser alle Organe finden, nur nicht die seiner Fantasien.

Zur anfänglich bereits erwähnten Ernüchterung, Enttäuschung führte auch eine Begegnung zwischen einem irdischen Pärchen und zwei außerirdischen Lebenwesen. Man kam ins Gespräch, Neugier war geweckt, ein einmaliges Erlebnis so greifbar nah. Jetzt oder nie? Gesagt, getan. Sie nahm sich den Außerirdischen und verschwand mit ihm in dem, was die Franzosen Chambre Séparee nennen. Beide hatten sich entkleidet. Sie schaute ihn fragend an: „Soll es das nun sein?“. Er drehte kurz am linken Ohr und der anfängliche Zipfel wuchs in die Länge. Er drehte danach am rechten Ohr und verursachte Breitenwachstum. Das weitere Prozedere sei der Fantasie des Lesers überlassen. Man traf sich anschließend wieder zu viert und die Frau wollte zu gern erfahren, wie es ihrem Partner wohl ergangen war. Recht ernüchternd seine Worte: „Das war wohl ein Mißverständnis. Das hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Die Außerirdische hat permanent meine Ohren massiert.“

Abschließend fragt sich der Leser vielleicht, was hat das oben stehende nun mit der ganz oben stehenden Überschrift „Sieben Fantasien“ zu tun? Ja, richtig, es klingt ein wenig irreführend. War aber Absicht. Statt „Sieben Fantasien“ hätte es korrekt „Sex Fantasien“ heißen müssen. Doch dann wäre vermutlich Kritik aufgekommen, der Vorwurf erhoben worden, der Schreiber würde nach der Methode „sex sells“ arbeiten. Und jetzt sehen Leser und Autor: Es geht auch ohne. Sex? Sieben? Fantasien?

 

April 2017

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