Günter K. Langheld

Nebelträume

November, der Totenmonat - Bußtag, Volkstrauertag, Totensonntag - eine Zeit voll düsterer Stunden. Die Landschaft ist mit schmutzig-gelben Blättern übersät, Pfützen überschwemmen die Wege. Nebelschwaden wallen wie ruhelose Geister über die Felder und umschleichen Häuser und Hütten der Menschen.
Auch an diesem Samstag sollte der helle Morgen nicht halten, was er versprochen hatte. Denn um die Mittagszeit hatte eine Wolkenschicht das Sonnenlicht erst verschleiert, dann ganz ausgelöscht, um sich schließlich als feiner Nebel über die Erde zu breiten.

Peter saß am Fenster, döste und starrte gelangweilt ins Freie. Der Hof war voller Schlamm und Wasserlachen, das Gestrüpp ließ trauernd Regentropfen fallen. Vereinzelt segelten Blätter durch die Luft. Ein Tag wie dieser, war nichts für einen achtjährigen Jungen. Halb vier, in weniger als einer Stunde würde es dunkel sein und alle waren heute beschäftigt, keiner hatte Zeit für Peter. Seine Mutter bereitete in der Küche das Essen für den Sonntag vor, sein Vater war mit dem Auto in die Stadt gefahren. Bleierne Müdigkeit überflutete den Jungen.

Er schlüpfte aus der Tür und nach wenigen Schritten hatte ihn der Nebel verschluckt. Die Luft war kalt und feucht. Peter mochte den Nebel nicht, die weißen Dunstschleier erinnerten ihn vage an irgendetwas Schreckliches, aber er wollte nicht daran denken. Seine Füße bewegten sich wie von selbst und er kam sich vor, wie ein Roboter.
Das Tageslicht wurde langsam schwächer. Unter den Bäumen, die wie lauernde Riesen emporragten, bildeten sich unheimliche Schatten. Peter schlenderte den Heckenweg hinunter, die Kiefernschonung zur Rechten duftete süß. Er kam an eine von Bäumen überhangene Vertiefung, auf deren Grund ein Gewirr aus Zweigen faulte, zwischen denen Birkensträucher und Brombeerranken wucherten. An den Brombeerranken hingen noch vereinzelt vertrocknete Beeren. Hier war der Nebel am dichtesten und Peter stapfte durch das Dickicht.

"Hallo Kleiner!" rief plötzlich eine sanfte, freundliche Stimme.
Peter erschrak heftig, ließ sich aber nichts anmerken.
"Was machst du denn hier?" fragte die Stimme.
Peter spähte umher. Durch den Nebel lächelte ihm ein Gesicht entgegen. Er hatte den hageren Mann noch nie gesehen, der dort, einen Steinwurf entfernt, an einem Baum lehnte.
"Gehst du auch spazieren?" wollte der Unbekannte wissen.
Peter stammelte eine Antwort und blickte den Mann unschlüssig an.
"Ziemlich neblig heute, nicht?" bemerkte der jedoch nur und näherte sich. "Wie heißt du denn, mein Junge?"
Peter nannte seinen Namen.
"Also, Peter, wie wär's wenn wir gemeinsam spazieren gehen würden?" Der Mann griff nach des Jungen Arm. Peter fühlte, wie eine feuchte Pranke seine Hand umfasste. Jetzt wäre er am liebsten weggerannt, denn hatte nicht seine Mutter ihm verboten mit fremden Leuten zu gehen? Doch der Fremde marschierte schon los und Peter musste folgen, ob er nun wollte oder nicht.
"Ziemlich still, oder?" bemerkte der Mann.
Er hatte Recht. Kein Vogelzwitschern, kein Laut war zu hören, nur Stille, der Nebel und der von nassem, vergilbtem Gras gesäumte Weg, sonst nichts. Peter fröstelte, schwieg aber.
"Glaubst du nicht auch, dass man sich im Nebel leicht verlaufen kann?" fragte der Mann.
Jetzt langte es aber, Peter wurde immer unheimlicher zumute. Er hatte wirklich keine Lust, sich im Nebel zu verlaufen. Peter stemmte beide Füße fest auf den Boden. "Ich muss jetzt zurückgehen!" Er versuchte sich loszureißen.
Der Fremde zerrte an seiner Hand. "Du bist doch wohl kein Angsthase?" wollte er wissen.
"Nein, bin ich nicht", erwiderte Peter bockig, obwohl er nahe daran war los zu heulen.
"Na, dann komm, ich will dir etwas zeigen."
"Was denn?" fragte Peter argwöhnisch.
"Warte ab, bis du's gesehen hast", sagte der Mann.

Sie verließen den Weg und bogen einen matschigen, von hohen Buchenhecken gesäumten Pfad ein, auf dem Löwenzahn und Brennnesseln moderten. Dann gelangten sie an eine Wiese. Plötzlich gewahrte Peter die verwitterten Balken einer Holzhütte, kaum zehn Meter von ihnen entfernt. Dorthin lenkte der Mann seine Schritte.
"Wohin gehen wir?" Peters Magen zog sich vor Furcht zusammen.
"Da drinnen ist es", erklärte sein Begleiter.
Peter versuchte sich verzweifelt aus dem immer härter werdenden Griff des Fremden zu befreien. "Ich will da nicht mit rein", schrie er, und seine Augen füllten sich mit Tränen.
Der Mann öffnete die Tür und zog den Jungen näher. Durch die Spalten und Risse der Bodenbretter trieben Grasbüschel hervor, das Dach war an einigen Stellen eingesunken.
Er gab Peter mit der freien Hand einen Stoß.
Peter erschauerte, er zitterte am ganzen Körper. Zaudernd drehte er sich um und blickte den Fremden an.
Der Mann grinste. Dann öffnete er den Reißverschluss seiner Hose...

"Peter!" ertönte tadelnd die Stimme seiner Mutter. "Sieh doch nur, jetzt hast du den Blumentopf von der Fensterbank gestoßen. Bist du eingeschlafen?"
"Junge, was hast du denn?" Jetzt klang ihre Stimme schon sanfter. "Wieder dieser schlimme Traum?"
Und als Peter sich zitternd an sie schmiegte, strich sie ihm liebevoll übers Haar.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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