Sven Eisenberger

Invasion der Kretins?

Die Intelligenz verschwindet langsam, aber sicher von diesem Planeten. So jedenfalls lauten die jüngsten Ergebnisse der Evolutionsforschung, wie einer Dokumentation auf ARTE zu entnehmen war. So mancher hatte ja bereits vor Jahren seine ganz persönlichen Ahnungen und Alltagsbeobachtungen, aber nun ist es sogar wissenschaftlich nachweisbar. In der finnischen Armee werden seit Jahrzehnten Intelligenz-Tests bei der Musterung durchgeführt, die ein Intelligenzforscher ausgewertet hat: bis in die Mitte der 1990er Jahre stieg der Durchschnitts-IQ beständig, seitdem fallen die Ergebnisse dramatisch ab. Ich bin mir nicht sicher, ob in der Vergangenheit stets die intelligenteren Armeen siegreich waren, aber wenigstens den kriegslüsternen Finnen wird die Welt künftig nicht mehr fürchten müssen. Dass die Ergebnisse auch darauf hindeuten könnten, dass hier eine verdeckte Form kollektiver Kriegsdienstverweigerung vorliegt, erscheint der Wissenschaft offenbar außerhalb des Vorstellbaren. Und war es nicht so, dass finnische Schulen bislang stets hervorragende Resultate im internationalen Vergleich erzielten?
Doch es gibt zahlreiche alarmierende Forschungsmeldungen aus allen Erdteilen, die eine globale Fluchtbewegung der Intelligenz zu bestätigen scheinen. Die meistfavorisierte Erklärung für all diese Befunde ist ebenso plausibel wie terribel: Es gibt offenkundig einen Zusammenhang zwischen der weltweiten Zunahme an Umweltgiften und einer Fehlentwicklung der Schilddrüse im embryonalen Frühstadium, welche wiederum maßgeblich die Entwicklung des Gehirns beeinflusst. Kinder mit einem Kropf, den ich meiner Erinnerung aus Kindertagen folgend stets ausschließlich älteren Damen zuordne, weisen demnach deutlich niedrigere Intelligenzwerte auf. Wissenschaftssprachlich galant spricht man von “Kretinismus”, den ein britischer Arzt schon in den 1960er Jahren ausgerechnet in Papua-Neuguinea studiert haben will. Er entdeckte, dass die Verabreichung von Jod an Mütter in der Schwangerschaft die auffällig hohe Zahl von “Kretins” zu senken vermochte. Also, mehr Fisch und jodhaltige Nahrungsmittel essen! Ob Japaner, eine Nation mit dem höchsten Fischkonsum weltweit, im Schnitt erheblich intelligenter sind als Bewohner von Gebirgsregionen, erfuhr man leider nicht. Ein sizilianischer Arzt, der in seiner Heimat eine Langzeitstudie durchgeführt hatte, glaubte jedoch nachweisen zu können, dass sich genau diese Differenz zwischen Berg- und Küstensizilianern in signifikant unterschiedlichen Intelligenzleistungen widerspiegele. Liebe Eidgenossen, das ist keine frohe Kunde!

Was ist von all dem zu halten? Dass die Menschheit sich irgendwann in einer selbstgeschaffenen Apokalypse zugrunde richten werde, ist jetzt nicht gerade eine atemberaubend neue Zukunftsbotschaft. Und die Bilanzierung des fatalen Einflusses von Umweltgiften bietet zumindest in einer Hinsicht auch einen medial unterschlagenen Hoffnungsschimmer: Bevor wir irgendwann fürchten müssen, solche Texte nicht mehr lesen zu können – vom Verstehen ganz zu schweigen –, werden die Infertilität verursachenden Phtalate (auch als “Weichmacher” bekannt) in unserer Plastikwelt dafür gesorgt haben, dass die Menschheit von diesem Planeten verschwindet.
Dass Umweltgifte, vornehmlich Pestizide, schädliche Langzeitfolgen für den menschlichen Organismus haben, ist ebenso wenig eine sensationelle Schlagzeile. Warum sollte da ausgerechnet unser Zentralorgan, das Gehirn, ausgenommen bleiben? Den schottischen Weltenbummler Momus scheint schon vor zwei Jahrzehnten eine dunkle Ahnung befallen zu haben, als er in seinen Song ´Paolo Rumi´ die elegische Zeile einfließen ließ: “Trying to discover intelligent life on Earth.” Übrigens möchte ich an dieser Stelle betonen, dass ich eines jeglichen Konzernlobbyismus völlig unverdächtig bin, da mich das Chemiefach schon zu Schulzeiten zutiefst traumatisiert hat.
Aber streifen wir kurz zurück in eine Zeit, als die meisten Giftstoffe, die wir umweltierend aufnahmen, noch nicht einmal einen Namen hatten. Kam aus den Schloten des Ruhrgebiets in den 1950er und 60er Jahren etwa purer Sauerstoff? Wer dort aufwuchs und keinen Fischhändler in der Verwandtschaft hatte, wie vermutlich die allermeisten, der verbringt seine Lebenstage also fortwährend im Schattenreich zerebraler Finsternis? Es ist nicht so, dass ich solches nicht schon des öfteren in selbstkritischer Betrachtung der eigenen geistigen Unzulänglichkeiten in Erwägung gezogen hätte. Schließlich verbrachte ich meine früheste Kindheit in der Bleisatzabteilung einer Druckerei und einem bizarren Garten, unweit einer großen Kokerei, die ihre feine Asche fingerdick auf jedes eigentlich grün sein sollende Blatt der Birnbäume legte. Ach je, vielleicht schlummerte einst im Mutterleib ein Einstein in mir, und ich könnte die schwerindustriellen Konzerne von damals nun nachträglich dafür verklagen, dass mich ihre Megatonnen an Emissionen den mir vorbestimmten Nobelpreis gekostet haben. Nur: Pardon, wir sprechen hier von Millionen von Menschen! Im juristischen Erfolgsfalle bedeutete das Ende großer Teile der deutschen Wirtschaft... und – frohlockender Zusatz – das wohlverdiente Ende einer überlangen Ära der politischen Nullität. Würde ein gewiefter Verteidiger nicht sofort auf seine persönliche Bekanntschaft mit diversen Gebrauchtwagenhändlern aus dem Ruhrpott verweisen, die so manchen Akademiker aber locker in die Tasche stecken? – spätestens, wenn dieser einen fahrbaren Untersatz benötigt.

Bedeutet das nun, die heutige Generation der Twentysomethings ist kollektiv unterbelichtet und die noch Zeugungs- und Gebärfähigen bringen überwiegend nur noch Schwachköpfe zur Welt? Ich habe da - wieder einmal - meine begründeten Zweifel: den Brexit haben eindeutig die Vertreter der höheren Jahrgänge zu verantworten, und Trump hat die “vergiftete Jugend” mehrheitlich auch nicht zur Macht verholfen. Auch das wiedererwachte “Volk” in den östlichen Landesteilen unserer Republik wirkt überwiegend nicht sonderlich jugendlich: entweder sind sie extrem schnell gealtert, oder sämtliche Filmaufnahmen öffentlicher Demonstrationen sind am Ende doch heimtückisch “lügenmedial” manipuliert. Ein Aufbegehren der Jugend scheint es jedenfalls nicht zu sein – eines der Dummheit dagegen sehr wohl! Jetzt könnte man einwenden, der gestiegene Förderbedarf in deutschen Schulen weise jedoch eindeutig darauf hin, dass die Wissenschaft tatsächlich eine erschreckend unangenehme Wahrheit verkündet. Ob hier jene Umweltgifte eine entscheidende Rolle spielen, erscheint aber wiederum sehr fraglich: die Evaluationsexperten versorgen uns ja seit vielen Jahren mit Daten, die zu beweisen scheinen, dass das Schulsystem im Voralpenland leistungsfähigere, wenn nicht intelligentere Schüler hervorbringt als in Bremen, wo traditionell wahrscheinlich mehr Fisch gegessen wird. Von Natur aus dümmer, aber dennoch besser in der Schule – das wäre in der Tat eine beachtliche Leistung bayrischer Pädagogik! Doch möglicherweise ist Fisch seit Jahren schon höher kontaminiert als jede Hochalm. Wäre zuletzt nicht auch noch zu überlegen, ob der erhöhte Förderbedarf nicht viel mehr über das hypertrophe System Schule und den allgemeinen Trend zur Überpädagogisierung aussagt als über die Intelligenz der “Insassen”?

Nebbich, ich mach´s mir einstweilen in meinen geliebten Erdmöbeln gemütlich, öffne eine wohlgeformte Flasche pestizidgesättigten Rotweins und lausche ihrem neuesten intelligent-poetischen Lied: Ich lasse die Hoffnungsmaschine laufen ...

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Sven Eisenberger).
Der Beitrag wurde von Sven Eisenberger auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Liebe, Frust und Leidenschaft - eine Internetliebe von Adelheid van de Bourg



Nach einem schweren Autounfall hat sich Hanna, eine reife Frau von 59 Jahren, entschlossen einen PC zu kaufen., weil ihr die Ärzte mitteilten, eine Therapie würde sich, für sie, nicht lohnen. So begann sie selber an sich zu arbeiten und ihr Hirn, mittels PC, zu trainieren. Sie begann zu chatten. Dort traf sie unter anderem, auf den, als Herzensbrecher verschrienen Klabautermann, Jonas. Der ''verliebte'' sich in Hanna und wollte sie unbedingt treffen. Doch Hanna weigerte sich, das hatte auch seinen Grund. Die Freundschaft mit Jonas aber vertiefte sich im Chat immer mehr. Das Flirten, mit Jonas, in seiner charmante Art, gefielen Hanna. Erst nach Wochen war Hanna bereit, persönlich kennen zu lernen, nach dem sie ihn immer wieder vertröstet hatte [...]

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Essays" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Sven Eisenberger

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Jagd nach Anerkennung von Sven Eisenberger (Wahre Geschichten)
Gebrochener Lebenswille von Michael Reißig (Trauriges / Verzweiflung)