Günter K. Langheld

Benson Hall

Hampstead stand am Fenster und schaute den an der Scheibe herunterrinnenden Regentropfen nach.
"Verdammtes Sauwetter", murmelte er und kehrte zurück zum Bett.
Er setzte sich ächzend auf die Bettkante, um Strümpfe und Schuhe anzuziehen.
Während der Regen gegen die Fensterscheiben trommelte, goss er sich Kaffee ein und hob die Tasse vorsichtig an die Lippen.
Eine wohlige Wärme durchströmte ihn, als sich der erste Schluck in seinem Magen ausbreitete.

Es war eine Schande, bei solchem Wetter aus dem Hause zu müssen. Aber in zwei Wochen sollte das alte Herrenhaus wieder vermietet werden und bis dahin, das hatte er dem Verwalter von Benson Hall versprochen, wollte er mit der Renovierung aller Räume fertig sein.
Viel hatte sein Malerbetrieb bisher nicht eingebracht und weil sein einziger Angestellter sich wegen einer Halsentzündung krank gemeldet hatte, musste er nun auch noch die Arbeit allein machen.
Hampstead blickte auf die Uhr: Viertel nach neun; er musste sich beeilen.
Vorsichtshalber hatte er schon am Abend zuvor Leiter, Tapeziertisch und alles, was er sonst noch brauchte, in seinem Lieferwagen verstaut. Hoffentlich machte ihm die alte Karre wenigstens heute keine Schwierigkeiten.

Er öffnete die Tür seines Diesels und setzte sich ans Steuer. Es erschien ihm wie ein Wunder, als der Motor gleich darauf mit lautem Knattern ansprang.
Hampstead betätigte die Scheibenwischer und legte den ersten Gang ein. Dann trat er langsam das Gaspedal durch. Mit einem Ruck setzte sich der Wagen in Bewegung und rumpelte über den Hof. Hampstead bog die Landstraße in Richtung Albury ab.

Benson Hall liegt in einem entlegenen Teil der Grafschaft Surrey. Die Fahrt dorthin hatte über von Kiefern und Fichten gesäumte Straßen geführt und als Hampstead das Anwesen erreichte, war es schon zehn Uhr.
Es hatte inzwischen aufgehört zu regnen. Stattdessen setzte der dichte Bodennebel ein, der im Spätherbst für England so typisch ist.
Hampstead stoppte, öffnete das Tor und fuhr die schmale Auffahrt zum Herrenhaus hinauf. Man sah Benson Hall sein Alter an, fand er. Er stieg aus dem Wagen und schlenderte auf das Haus zu.
Über dem Portal konnte man vage die Jahreszahl 1723 entziffern. Die Fassade hatte dringend einen neuen Anstrich nötig, vielleicht würde man ihm später...
Deutliches Knarren riss ihn aus seinen Gedanken. Hampstead blickte sich rasch um, konnte aber nicht herausfinden, woher das Geräusch gekommen war.
Die Achseln zuckend zog er einen Schlüssel aus der Tasche und ging zur Eingangstür. Doch dort stutzte er und blieb stehen. Die Tür stand einen Spalt weit offen.
Hampstead drückte auf den Klingelknopf und wartete, es erschien jedoch niemand.
Nachdem er noch zweimal vergebens geläutet hatte, öffnete er vorsichtig die Tür und trat ein. In der Eingangshalle standen mit Tüchern verhängte Möbel herum, den Boden bedeckte eine dichte Staubschicht. Man erkannte, dass das Haus seit längerer Zeit von keinem Menschen betreten worden war.
Hampstead beschloss, sich sofort an die Arbeit zu machen.

Das elektrische Licht flackerte leicht, als Hampstead das Tapeziermesser aus der Hand legte und seinen Arbeitskittel auszog.
Es war schon acht Uhr, höchste Zeit, um Feierabend zu machen. Er war mit seiner Arbeit gut vorangekommen.
Zufrieden verließ er das Zimmer und durchquerte den Flur. Als er den Treppenabsatz erreicht hatte, flackerte das Licht erneut und erlosch dann.
"Verdammt", entfuhr es ihm, die Sicherung musste durchgebrannt sein. Totale Finsternis umgab ihn jetzt.
Er stieg langsam die Treppe hinunter. Dann erstarrte er. Es kam ihm vor, als ob eben etwas an ihm vorbei gehuscht war.
Ob es in diesem alten Bau Ratten gab? Hampstead schüttelte sich unwillkürlich.
Er streckte die Hände aus und tastete sich vorwärts. Die Eingangstür musste sich genau vor ihm befinden, aber nach etwa zehn Schritten lief er gegen eine Wand.
Jetzt sollte er einmal scharf nachdenken! Die Tür konnte nur rechts oder links von ihm sein. Er entschied sich für rechts.
Nach kurzer Zeit aber stieß er wieder gegen eine Wand, also war er in die falsche Richtung gelaufen, die Tür musste links sein.
Langsam tastete er sich zurück.

Ein kalter Luftstrom strich über ihn hinweg und Hampstead blieb schaudernd stehen.
Was mochte das nur sein? Eine ängstlichere Person als er, wäre jetzt in Panik geraten, aber das war das Letzte, was ihm in dieser Situation passieren durfte.
Er tappte weiter und für einen Augenblick war ihm, als berührte etwas Weiches, Schleimiges sein Gesicht. Er schlug mit den Händen danach, spürte aber keinen Widerstand.
Langsam schob er sich an der Wand entlang. Wie still es in diesem verfluchten Haus doch war. Außer dem Schlurfen seiner Schuhe auf dem Boden, war nichts zu hören.
Plötzlich stieß seine linke Hand gegen Metall. Es war der Türgriff. Na bitte, er hatte es geschafft, man durfte eben nicht die Geduld verlieren.
Er drückte die Klinke nieder, doch die Tür öffnete sich nicht, sie war verschlossen. Aber er wusste doch genau, dass er die Tür nicht abgeschlossen hatte. Wer sollte denn...
Verzweifelt suchte Hampstead in seinen Taschen nach dem Schlüssel, dann gab er resigniert auf. Der Schlüssel musste in seinem Arbeitskittel stecken.

Ein leises Geräusch ließ ihn aufhorchen, er drehte den Kopf und lauschte. Es klang, wie eine flüsternde Stimme.
"Ist da jemand?" rief er laut. Das Echo hallte verzerrt in seinen Ohren nach, es antwortete jedoch niemand. Jedes Haus hatte so seine eigenen Geräusche, versuchte er sich zu beruhigen, aber er war nun doch nervös geworden.
Wenn er wenigstens Streichhölzer bei sich hätte. Hinter sich vernahm er Schritte. Er hielt den Atem an. Die Schritte kamen näher.
Angstvoll rüttelte Hampstead an der verschlossenen Tür. Da berührte plötzlich etwas Eiskaltes seinen Nacken. Vor Entsetzen schrie er auf.
Und als er die Krallen auf seinem Rücken spürte, begann er wild um sich zu schlagen...

 

Der Verwalter von Benson Hall blickte den ihm gegenüber sitzenden Inspektor an. „Liegt schon irgendein Ergebnis vor?“
Der Polizist nickte. „Herzversagen steht im Untersuchungsbericht des Pathologen."
"Das ist jetzt schon der dritte Todesfall.“ Resigniert senkte der Verwalter den Kopf und betrachtete den Mietvertrag, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag.
"Stimmt. Und alle drei in nur kurzen Abständen", der Inspektor blätterte in seine Unterlagen und nickte erneut. "Wir sind stutzig geworden, weil die Toten immer Handwerker gewesen sind, die mit der Renovierung von Benson Hall beauftragt worden waren. Aber was sollen wir machen? Die Ärzte haben bei jedem der Verstorbenen eine natürliche Todesursache festgestellt."
Der Verwalter erhob sich und geleitete seinen Besucher zur Tür. "Vielleicht liegt ja ein Fluch auf Benson Hall.“
Ohne zu antworten, verließ der Inspektor das Büro.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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