Frank Kaltwasser

Die Verwandlung

Bevor man über einen Menschen urteilt, soll man einen Tag lang in dessen Mokkasins laufen, so lautet ein altes indianisches Sprichwort. In dessen Mokkasins laufen, das heißt, sie selbst tragen, das Leben mit den Gefühlen und Gedanken, mit den Hintergründen des anderen erleben. Sebastian Petersen aus Hamburg hat in seinem Leben bestimmt schon oft an dieses Sprichwort nachgedacht. Vielleicht hat im seine Mutter diesen mahnend zitiert. Vielleicht hat er es auch bei seinen zahllosen Fahrten in der U-Bahn von irgendeinem Klugscheißer aufgeschnappt, bevor er sich über dessen altkluges Gelaber aufgeregt hat, obwohl dieser Spruch ja eher zu jemandem mit größerer Lebenserfahrung passt. – Die Alten halt mit ihren Lebensweisheiten.

Sebastian Petersen jedoch stellen sich bei diesem Spruch die Nackenhaare unweigerlich auf, und ein eiskalter Schauer läuft ihm jedes Mal über den Rücken, wenn er ihn hört.

Dieses Sprichwort erinnert ihn, ganz anders als andere, an seinen ganz privaten Alptraum.

 

Es ist wieder einer der verdammten Regentage im Juni, an dem Sebastian am Feierabend mit klammen Klamotten in der U-Bahn sitzt. Durch den Regen hat es sich draußen schnell abgekühlt. Frierend hat er auf die Bahn gewartet, bis sie dann endlich rappelnd und säuselnd angerauscht kommt. Da ist auch dieser metallisch ölige Geruch, der in Hamburgs U-Bahn Stationen herrscht. Sebastian erinnert er immer wieder daran, dass er in einer Großstadt lebt. Nach einem „Zurückbleiben bitte!“ rappeln die Türen zu, und die Bahn ruckelt schnell voran. Sebastian ist kein Freund der U-Bahn, doch für den Weg zur Arbeitsstelle ist es das Beste.

Die ganzen Leute gehen im auf den Geist. Am schlimmsten sind diejenigen, die mit ihren Ohrstöpseln die ganze Bahn mit Rhythmen und Gitarrengeschrammel versorgen, oder die Handyquatscher, die neben demjenigen am anderen Ende der Leitung auch noch den Mitfahrern lautstark mitteilen, dass sie „gerade mitten in Hamburg!“ sind und die „Stadt wirklich der Hammer!“ ist. Meistens erfährt man auch noch, wann derjenige dann aussteigt und wen er denn Aufregendes trifft. Sebastian stöhnt innerlich auf. An diesem Tag ist es besonders schlimm. Wirklich aufregen kann er sich über diese Flaschensammler, Musikanten und Hinz und Kunst Verkäufer. Diese Zeitungsverkäufer stehen an allen Ecken und Enden der Stadt. Überall versuchen sie ihr Fischblatt los zu werden. Als ob irgendjemand diesen Schund lesen will. Die sollen sich doch einen ordentlichen Job suchen, pünktlich zur Arbeit gehen, dann haben sie auch ein Dach über den Kopf – so einfach ist das.

Als die Bahn anhält, steigen noch mehr Leute ein. Innerlich stöhnt Sebastian auf: Noch mehr Leute und keiner steigt aus. Noch mehr Leute bedeutet noch mehr Gewimmel noch mehr Krach. Das kann er jetzt nicht gebrauchen. Der Abend ist gelaufen. Bis zum Lattenkamp steigt noch kaum einer aus. Zu allem Überfluss setzt sich auch noch dieser Penner mit seinen stinkenden Lumpen und einer Alkoholfahne, die Sebastian glatt den Atem verschlägt, ihm direkt gegenüber. „Zurückbleiben bitte!“ Die Bahn setzt sich wieder in Bewegung. Sebastian will aus dem Fenster starren, einfach nur irgendwo hin, nur um diesem stinkenden Typen nicht anzusehen. Das macht er jedes Mal so. Der Blick nach draußen lenkt ihn ab, vom Anblick dieser Kreatur und vor allem von diesem Gestank.

Heute gelingt die Ablenkung nicht. Wie ein Magnet zieht der Penner Sebastians Blick auf sich, auf die Hände: Sonnengegerbt, mit schwarzen Furchen, gelbe Nägel, lang und teilweise abgebrochen, auf die Klamotten: nackte Füße in viel zu großen, schmutzigen Turnschuhen, eine graue Stoffhose, abgenutzt und verdreckt und übersät mit Flecken. Und ins bärtige, ungewaschene Gesicht. Der Rucksack, den der Penner bei sich hat, hat seine besten Tage schon vor längerem gehabt. Er ist genauso verdreckt wie sein Besitzer. Gerade als Sebastian diesem Typen in dessen stechend blaue Augen sieht, fährt die U-Bahn in den Tunnel.

Alles um Sebastian herum wird mit einem Mal dunkel. Das Gemurmel in der U-Bahn verstummt. Er nimmt nur noch den stechenden Blick des Landstreichers wahr. Nur noch der Blick...und dann ein unendliches Blau. Sebastian wird von diesem Blau geradezu hypnotisiert. Willenlos gibt er sich hin, und alles verschwimmt.

 

Er wacht erst wieder auf, als ihm grelles Neonlicht die Augen öffnet.

Er sitzt ganz schief. Ihm ist noch ganz übel: „Was war das denn? Das habe ich ja noch nie erlebt. Dieser Gestank bringt mich noch um. „Können diese Penner sich nicht mal waschen?“ Es stinkt noch immer unerträglich, obwohl der Penner ihm gar nicht mehr gegenüber sitzt. Ihm sitzt jetzt niemand mehr gegenüber. Es stinkt einfach nur noch. „Ist mir schlecht.“ murmelt er. „Da musst du einfach mal weniger saufen!“ hört er von irgendwo her. „Wieso weniger saufen, wen meint er?“ Als Sebastian sich gerade hinsetzten will fährt ihm ein stechender Schmerz durch den Rücken. Er stöhnt auf. Plötzlich ist er hellwach: Er sitzt gar nicht mehr auf seinem Platz, sondern auf dem Platz des Penners, über den er sich eben noch aufgeregt hat. Was ist passiert? Ist er überfallen worden? Warum hilft ihm keiner, ja warum meiden ihn die anderen. Panik steigt in ihm auf, als er auf seine Hände schaut: Sonnengegerbt und schmutzig. Seine nackten Füße stecken in viel zu großen Turnschuhen….Das kann doch nicht sein!“, schießt es ihm durch den Kopf, „Der Penner hat mich ausgeraubt!“

Als er eine Frau bitten will, ihm zu helfen, wendet sie sich angewidert ab, sein Mund bringt nur ein lallendes Gemurmel hervor, welches eine Kleinigkeit zu laut ist. „Am besten ich steige hier aus und gehe an die frische Luft“, denkt er sich, „dann hat der Spuk ein Ende“ Es stinkt immer noch unerträglich. „Ich muss diesen Gestank endlich einmal loswerden.“

Mühsam klettert er aus der U-Bahn „Wie lange hält die denn hier, die müsste doch schon lange wieder fahren“.

„Ist mir doch egal“, tönt es in ihm, „ist mir scheißegal!“

Die U-Bahn-Station ist hell erleuchtet, irgendwie zu hell, wie Sebastian findet. Er geht langsam den Bahnsteig entlang. Es ist sonderbar still. Sebastian dreht sich um, dann erschrickt er: Er ist ganz allein auf dem Bahnsteig. Der Zug steht immer noch da, ganz verlassen. Alles erscheint ihm etwas unwirklich, wie in einem Traum.

Er wankt in Richtung Ausgang. Wo soll er hin? Wohin will er eigentlich? Ihm fällt es nicht mehr ein. Sein altes Leben, wenn es das noch gegeben hat, hat sich von ihm verabschiedet, es löst sich geradezu auf. „Was haben die mir nur gegeben?“ stöhnt er, als er sich die Treppe zu den Alsterarkaden schleppt.

Auf einmal fühlt er so etwas wie Trauer und Selbstzweifel. „Ich bin ein Nichtsnutz, das Leben ist mir scheißegal!“, Er erschrickt vor seinen eigenen Gedanken „Das bin doch nicht ich!“ Er schlurft durch die Arkaden an den Tischen der Cafés und den Schaufenstern vorbei – Den Schaufenstern! Als der dort hinein blickt erkennt er nicht nur die schönen Schuhe, Hosen und Jacken sondern auch das Gesicht aus der U-Bahn. Die selbe gegerbte Haut, der Stoppelbart und die stechend blauen Augen. Vor ihm steht der lumpige Typ. „Das kann nicht…, das kann nicht…, das kann nicht sein!“

Mit Schrecken wird ihm nach und nach bewusst, dass er das Aussehen des Penners aus der U-Bahn angenommen hat. Das kann nur ein Traum sein, das kann einfach nicht wahr sein.

„Geh weiter, für dich gibt es hier nichts zu holen!“, schallt es von hinten – Er ist gemeint. Er will sich gerade umdrehen, um sich bei dem heran eilenden Verkäufer zu entschuldigen, als nichts weiter als ein lallendes Geräusch und ein Rülpser aus ihm herauskommt. „Widerlich, diese Leute und das in dieser schönen Stadt“ schallt es von den Kaffee trinkenden Leuten auf der anderen Seite der Promenade. Er muss sehen, dass er hier wegkommt, hier hat er in diesem Aufzug nichts mehr zu suchen. „Ich muss herausfinden, was in Herrgottsnamen passiert ist. „Scheißegal“, tönt es aus seinem Inneren „ Du hast eh niemanden, verpiss‘ dich hier einfach und lass die Schnösel ihren Kaffee saufen!“ Er ging wieder zur U-Bahn. Als er vor dem Automaten für die Fahrscheine steht, kommt ihm ein verzweifeltes Lachen. Als ob derjenige , der er jetzt ist, je Geld für die Bahnfahrkarte hat. Da Schwarzfahren nicht sein Ding ist, will er wieder zurückgehen. „Scheißegal“, kommt es aus seinem Inneren, „Du musst zu deinen Kumpels zum Bahnhof, die werden dir schon was erzählen.“ Als er am Bahnhof ankommt, geht er in Richtung Mönkebergstraße. Vor dem großen Kaufhaus liegen andere Obdachlose. „Hey Freddy du alte Sau, wo hast du dich herumgetrieben, hab schon gedacht, du hättest dich totgesoffen.“ Ein kahlköpfiger und völlig tätowierter Mann kommt auf ihn zu. Er ist mindestens so zerlumpt wie er selbst. Er stinkt gewaltig nach Schnaps. „Haste noch 'nen Schluck für dein Kumpel?“, kommt es lallend aus seinem Mund. Eigentlich wollte Sebastian im erklären, dass das Ganze ja ein Missverständnis sei, und dass er nicht derjenige sei für den er ihn hält. Das Einzige, was er herausbringt ist ein lauter Rülpser. „Scheißegal“, meldet sich da die fremde innere Stimme. „Mensch Klaus! i, du al tes Haus. Schnaps hab ich keinen, alles ausgesoffen.“ „Wer spricht da?“, Sebastian ist verzweifelt, er hat jetzt nicht mal mehr die Kontrolle über seinen Wortschatz, und was das Erschreckende ist: Er kennt diese Typen! „Mensch Freddy, wenn de keinen Schnaps mehr hast, was treibste denn hier, besorg' dir welchen!“, lallt Klausi. Da wird Sebastian bewusst, weshalb ihm so unglaublich übel zumute ist, – er ist auf Entzug. „Mensch Freddy, hier trink erst mal einen, dass de wieder zu dir kommst, du verreckst uns hier noch.“ Eine ziemlich verwahrloste Frau mit Zahnstümpfen im Gesicht reicht ihm eine Wodkaflasche. „Mensch Inge, Danke dir, bis doch die beste hier.“ Bevor Sebastian sich ekeln konnte, hat er schon die ersten Schlucke genommen. Der Wodka schmeckt wie Wasser und hat kaum Wirkung „Komisch, früher hätte mich schon ein kleiner Schluck umgehauen.“ „Scheißegal!“, tönt es wieder.

Sebastian fühlt sich nach ein paar kräftigen Schlucken Wodka wieder besser, mehr noch, er fühlt sich hier ganz wohl. Er hockt sich hin, nimmt den Rucksack, den ihn seine Verwandlung beschehrt hat. Der Rucksack, der eigentlich jemand anderem Gehört hat gehört jetzt ja ihm. „Was hat jemand, der draußen lebt, denn alles so in der Tasche: Eine Isomatte, ein Feuerzeug, eine alte Zeitung, ein paar Pfandflaschen, eine zerbrochene Sonnenbrille, ein paar harte Brötchen. Es sind Brötchen, die nicht nur hart sind. Diese Brötchen findet man nur in der Mülltonne. Sebastian packt die Isomatte aus. Er muss heute vor dem Kaufhaus pennen. Morgen wird er sehen, wie er neuen Schnaps bekommt.

Am besten spricht er morgen seinen Berater von der HASPA, sodass er wenigstens ein wenig Geld in die Tasche kriegt.

Die Nacht hat nichts mit einer romantischen Übernachtung im Freien zu tun gehabt. Sie ist fürchterlich gewesen. Am Abend haben die Kaufhäuser nach und nach geschlossen. Die Straße hat sich nach und nach geleert. Schließlich hat man nur noch einzelne entfernte Stimmen von dem einen oder anderen Nachtschwärmer gehört. Mit dem Sonnenuntergang ist es detlic kälter geworden.Ein kalter Wind ist um die großen Kaufhäuser gezogen. Es hat penetrant nach Urin gerochen, „Pisse“, wie seine Mattennachbarn immer wieder sagen. Alles erinnert ihn ständig daran, dass eine Großstadt wie Hamburg ganz schön dreckig ist. Auf seinen Zähnen hat er a Abend, wie schon den ganzen Tag einen Belag gefühlt, wie er ihn noch nie in seinem Leben gespürt hat. Der Wodka hat Sebastian beim Einschlafen geholfen. Mitten in der Nacht ist er von einem Plätschern und einem scharfen Uringeruch geweckt worden: Klausi hat sich mal eben an der Kaufhauswand erleichtert. Danach hat dieser rülpsend eine weitere Dose Bier geöffnet. „Wenn das hier überstanden ist, trink ich kein Bier mehr“, hat sich Sebastian genau in diesem Moment geschworen. Und dann ist da auch noch dieses üble Gefühl gewesen, einen Schnaps zu brauchen und der kalte harte Boden „Die Platte“, wie Inge und Klaus das nennen. In den Morgenstunden ist es feucht und bitterkalt gewesen. Sebastian hat sich sich die Hände vor sein Gesicht gehalten, um es ein wenig zu wärmen.

Endlich kommt der neue Tag. Der Hunger plagt ihn, er erinnert sich an die Brötchen in seinem Rucksack. „Die sind zwar ekelig, aber immer noch besser als gar nichts im Magen“. Die Brötchen sind nicht nur ekelig, sondern auch noch hart „Das Frühstück ist fertig“, murmelt er als er sich das erste Brötchen vornimmt. Der Vorteil dabei ist, dass man von denen eher satt wird als von frischen.

Seine Kumpanen schlafen alle noch, obwohl es bereits neun Uhr ist. Das hört Sebastian am Läuten der Rathausglocke. „Wahrscheinlich sind die alle noch besoffen.“

Sebastian steht langsam auf. Seine Knochen tun ihm unheimlich weh. „Ich werde mir jetzt ein wenig Geld von meinem Konto holen. Die Nummer kenne ich ja noch.“

Als der die Bank betritt, erntet er nur mitleidige, angeekelte und spöttische Blicke. Endlich ist er an der Information. Dort steht ein zarte blonde Frau, „Wahrscheinlich Auszubildende“.

Die Frau verzieht kaum merklich das Gesicht, da sie als Kundenansprechpartnerin wahrscheinlich professionell sein will. „Was kann ich für Sie tun?“, haucht ihr Servicestimmchen. „Ich brauch fünfzig Euro, Fräuleinchen“, lallt es aus ihm heraus. „Wie lautet denn ihre Kontonummer?“ „Fünfundzwanzig, Fuffzig, Dreiundsechzigsieben“.

Die Dame tippt ein wenig auf ihrem Computer und tatsächlich füllt sie einen Auszahlungsbeleg aus. Sebastian könnte vor Glück platzen.

„Sie müssten hier nur noch unterschreiben.“, haucht das Servicestimmchen wieder. Er nimmt den Kugelschreiber und setzt zur Unterschrift an.

„Drei Kreuze?“, ungläubig starrt Sebastian auf den Auszahlungsbeleg. Er kann nicht mehr schreiben! „Das tut mir leid, das stimmt aber nicht mit unserer Vorlage überein, können Sie sich ausweisen?“ „Einen Scheiß kann ich hier Püppchen! Rück‘ jetzt mein verdammtes Geld raus!“ Sebastian legt seine ganze Verzweiflung in diesen Satz. „Herr Johannsen, wenn Sie nicht unterschreiben oder sich ausweisen können, kann ich Ihnen nichts auszahlen, so leid es mir tut.“ Sebastian spürt wieder den Entzug „Verdammte Scheiße, verdammte Scheiße“, murmelt er, während er völlig verzweifelt die Bank verlässt.

„Ich muss an Geld für den Schnaps kommen, sonst krepiere ich hier wirklich“, Sebastian hat jetzt starke Schmerzen in der Magengegend. Er krümmt sich. Als er es kaum noch aushält, geht er durch die Mönkebergstraße. Er braucht Geld. Verzweifelt schlurft er an einen der roten Abfallkörbe, um dort nach einem Pappkaffeebecher zu wühlen. Dabei versucht er, das Ganze möglichst unauffällig zu machen. Es zerreißt ihn innerlich. Während sein damaliges Ich sich in Grund und Boden schämt und die neugierigen und zugleich angewiderten Blicke mancher Passanten wie Nadelstiche im Rücken spürt, ist sein neues Ich völlig gleichgültig. Freddy ist es schließlich gewohnt, von allen Seiten angegafft zu werden. Freddy wühlt weiter und auf einmal hält er einen weißen benutzten Kaffeebecher mit dem typisch grünen Logo einer bekannten Hamburger Kaffeehauskette in seiner Hand. Der Rest des Kaffees ist schon eingetrocknet. Mit dem Becher in der Hand geht er langsam los. Er geht ein wenig gebeugt, um bei den Leuten etwas mitleiderregend zu wirken. Das krumme Gehen fällt ihm bei seinen Magenschmerzen nicht schwer: „Hätten Sie nicht ein wenig Geld für einen armen Obdachlosen, nur eine Kleinigkeit würde mich schon weiterbringen.“ Wenn Sebastian das Wühlen in der Mülltonne schon grenzenlos entwürdigend gefunden hat, das Betteln ist es um ein vielfaches mehr. Er mag den Leuten, die er anbettelt nicht ins Gesicht sehen.Die angewiderten Ablehnungen treffen ihn jedes Mal wie ein Schlag ins Gesicht. „Seltsam“, denkt er, „Obwohl das Betteln für Freddy Routine ist, ist es ihm unendlich unangenehm. „Nicht aufgeben, irgendwann kommen auch ein paar Leute mit einem guten Herz.“ Tatsächlich, nach ein paar Flüchen aus der Menge geben ihm ein paar Leute Centstücke und sogar Euros in die Hand. „Eine Milde Gabe für einen armen ! Mann&ldq uo; Weitere Cents und Euros in seine Hand. Plötzlich bekommt er einen harten Schlag in seinen Nacken „Verpiss' dich aus meinem Revier!“, Ein stämmiger und gefährlich dreinblickender Hüne steht hinter ihm. Er ist zweifelsohne auch einer, der auf der Plate lebt. Seine Klamotten sind völlig verlumpt, schlimmer noch als die von Freddy. Sein Gesicht ist völlig vernarbt. Seine Hände sind einfach riesig. Sie erinnern Freddy auf Anhieb an Baggerschaufeln. „Geh lieber, bevor ich nicht anders kann, als dir eine rein zu hauen. Sebastian fühlt eine derartige Wut über diese Demütigung, dass er es am liebsten mit diesem Kerl aufnehmen will, doch sein neues Ich weicht zurück. „Er hat selbst bei den Landstreichern einen niedrigen Stand“, denkt er über die Person, die er gerade ist. „Wie lange soll das noch so weitergehen?“ Panik steigt in ihm auf:“Das kann doch nicht immer so weitergehen, meine Frau und meine Kinder warten doch auf mich, nächste Woche soll es in den Urlaub gehen. Meine Frau?“, Sebastian überlegt,“ Wer war das noch, wie heißt sie?“ Alles ist weg. Nur noch Bruchstücke seiner Erinnerung sind noch da.“Scheißegal!“, wieder diese widerliche, innere Stimme, „Es ist scheißegal, das Leben hat mich betrogen, ich will nicht mehr“. Plötzlich merkt Sebastian, dass er zittert. „Es ist Juni und es ist warm, warum verdammt noch mal friere ich jetzt?“ Nein es ist nicht die Kälte, die ihn zittern lässt – der Entzug! Sebastian wird schwarz vor Augen, er braucht jetzt einen guten Schluck Wodka, Freddy braucht Wodka. Hastig schaut er auf die Münzen in seiner Hand.Fast fünf Euro, das dürfte reichen. Sebastian läuft über den Rathausmarkt zum EDEKA an der Ecke. „hoffentlich hört das bald auf.“ An die Blicke, die ihm in den Gängen des Supermarktes entgegenkommen hat! er sich mittlerweile gewöhnt, an den Gestank, den er selbst verströmt, kann er sich nur schwer gewöhnen. „Zeitschriften, Zahnbürsten Babypuder, Gemüse. „Wo ist hier der verdammte Schnaps?“ An der Kasse entdeckt er bezahlbaren Schnaps. Er nimmt zwei Fläschchen. Mittlerweile zittert er so, dass diese in seinen Händen leise klirren. An der Kasse dauert es ewig. Als er endlich dran ist, schmeißt er der verdutzen Kassiererin das Geld geradezu hin. „Jetzt ist es nicht mehr weit. Gleich hinter der Kasse öffnet er die beiden Fläschchen und kippt sie eine nach der anderen hinunter „Das ist wie 3 Wochen Urlaub.“, denkt er, als der Entzug nachlässt. Gleich am Ausgang lässt er sich auf das Pflaster fallen und macht erst mal ein Nickerchen.

 

Freddy sitzt in irgendeiner U-Bahn. Er hat sich heute morgen einfach hinein gesetzt. Wo das war, weiß er jetzt nicht. Der Wodka lässt allen vergessen. Seine Exfrau, seine missratenen Kinder, seine vergeblichen Versuche, Arbeit zu finden und seine Zeit im Internat, in das ihn seine verdammten Eltern gesteckt haben. Dort hat ihn dieser gottverfluchte Pfaffe immer wieder angegrabbelt. Hin und wieder musste er mit diesem Schwein ins Bett. Klar waren auch die anderen mal dran, doch dieser Teufel hat seine Augen und sei damals noch kindliches Gesicht gemocht. Freddy, damals ist er noch der kleine Frederik mit der goldenen Stimme gewesen. Ja, singen kann er, das haben alle gesagt. In der Zeit im Internet hat er ganz schön viel Prügel einstecken müssen, bis sie ihn erst klein genug hatten Dann haben sie ihn zu den anderen in eine Reihe gestellt – bei diesen endlosen Proben.

Heute ist alles vorbei. Der Pfaffe ist befördert worden. Alles ist verjährt, begraben. Immer wieder kommt in ihm das Gefühl, dass ihm keiner zuhört, dass er denen da draußen Scheißegal ist. Seine Qualen und Demütigungen durch diesen gottverfluchten Pfaffen sind denen Scheißegal. Scheißegal. Dieses Wort hat sich in sein Hirn gebrannt und kommt immer wieder hoch. Das verfluchte Wort, diese Stimme, die es sagt lässt sich nur noch mit Wodka ertränken. Sie ist dann für ein paar Stunden ertrunken. Doch es dauert nicht lang, und diese Stimme und die gottverfluchten Erinnerungen erwachen wieder von dem Toten „Scheißegal! Du bist denen scheißegal!“ Dann muss wieder der Wodka her. Keine Chance, bei der Arbeit durchzuhalten, denn da ist keine Zeit für die Bekämpfung des „Scheißegals“, denn der Arbeit ist man denen auch scheißegal.

Nur bei den Leuten auf Platte findet Freddy ein wenig Halt.

Jetzt sitzt er in dieser Bahn. Das typische Surren der Räder auf den Gleisen drönt sich in seinen Schädel. Vor ihm flimmert der Bildschirm. Jede Menge Werbung, Nachrichten und Tipps für Unternehmungslustige. Die Bahn wird von Station zu Station immer voller, hat Freddy den Eindruck. Ihm gegenüber sitzt so ein Typ, der es geschafft hat im Leben, der aber vom Leben keine Ahnung hat. „Keine Ahnung“, denkt Freddy, „Du Milchgesicht mit deinem Anzug und deinem Täschchen hast keine Ahnung von Verdammten Internaten, notgeilen Pfaffen, einfach von nichts.“, denkt Freddy. Der Typ guckt einfach, wie alle gucken, die seine dreckigen Klamotten und seine geschundene Figur sehen: ohne Mitleid, einfach nur angewidert, als ob sie einen stinkigen Müllsack und keinen Menschen sehen.

„Jetzt glotzt der aus dem Fenster, weil er meinen Anblick nicht ertragen kann. Wieso sitzt so einer wie der überhaupt hier in der Bahn? Der müsste seinen gepuderten Popo doch auf irgendein Leder eines fetten Benz pflanzen, um dann angewärmt und trocken von seiner Alten zur Maloche zu fahren.“

Plötzlich dreht sich der Schnösel um und schaut ihm direkt ins Gesicht. Freddy will gerade ein „Was glotzt`n so?“ lallen, als der Zug in einen Tunnel fährt. Der Schnösel glotzt immer noch. Auf einmal werden dessen braune Augen immer brauner. Plötzlich ist alles braun um ihn herum. „Ach du Scheiße, was hast'n dir eingeworfen?“ murmelt es über Freddys Lippen, dann gibt es einen Ruck, und alles ist still. Freddy wird schwarz vor Augen.

Als er wieder aufwacht steht die Bahn, und die Sonne scheint ihm ins Gesicht. Alles ist so hell um ihn herum. Der Kopf ist auf irgendeine Art leer. Die Bahn ist menschenleer und innen drin ist es ziemlich warm. „Warum fährt die denn nicht...“ Freddy sieht sich um. Auch der Bahnsteig ist menschenleer. Alles erscheint sehr hell, wie in einem Film. „Wo sind die alle hin?“. Freddy fühlt sich so nüchtern wie er schon seit Ewigkeiten nicht gewesen ist. „Scheiße, ich brauch was, gleich geht es wieder los!“, denkt er panisch, aber es bleibt still in seinem Kopf. Nein still ist es nicht. Er denkt an irgendeine Scheiße wie Urlaub, Frau und Kinder „Der Rasen muss noch gemäht werden, soll ich ihn noch düngen, dann kann er im Urlaub schön nachwachsen – Scheiße, nein, nein, aufhören, aufhören!“ Als Freddy aufstehen will, fällt sein Blick auf schwarze Schuhspitzen an seinen Füßen. Er reißt die Augen weiter auf. „Das gibt’s doch nicht, eben hatte ich doch...“

Freddy fasst sich an den Kopf und erschrickt. Er fühlt etwas Hartes in den Haaren – Gel, Gel?

Irgendwie ist alles so beengt. Er trägt ein weißes Hemd „Bin ich tot?“, fragt er sich. Schließlich fällt ihm auf, dass er auf dem Platz sitzt, wo eben noch dieser Schnösel mit den gegeelten Haaren gesessen...Nein!“ Freddy wird ganz heiß und kalt. „Du musst den schärfsten Wodka aller Zeiten gesoffen haben, das gibt’s doch nicht!“Freddy ist immer noch ganz baff, aber er beginnt Gefallen an seiner Situation zu haben. „Ich ein reicher Schnösel, mit Benz, Haus und Garten und einer richtigen Alten...äh..Frau.“Freddy steht wie von selbst aus und verlässt die U-Bahn. „Der Wagen steht auf dem Parkplatz vor der Haltestelle.“ Freddy geht die Treppe runter und auf den Parkplatz. Wie gewohnt greift er in seine Jackentasche und zieht einen Autoschlüssel hervor. Als er den Knopf auf dem Schlüssel drückt blinkt vor ihm ein schwarzer e-Klasse Mercedes. „Geil, das ist ja der Hammer“ Freddy setzt sich wie selbstverständlich auf den Fahrersitz und lässt das Auto an. Es scheint, als wenn er diesen Wagen schon immer gefahren hat. Er fährt die Straße entlang zur Hauptstraße und dann biegt er in ein Wohngebiet ein. Hier stehen Reihenhäuser und Doppelhäuser. An diesen fährt Freddy wie selbstverständlich vorbei. Er hält an einem modernen Einfamilienhaus und fährt dort auf die Einfahrt, nachdem sich das Gartentor geöffnet hat. Er steigt aus dem Wagen und geht wie gewohnt zur Hintertür. Den Schlüssel hierfür hat er mit einem Griff in der Hand. Er schließt auf. „Hallo Schatz, zieh' die Schuhe aus, es ist frisch gewischt.“ Es ist „meine Frau“, denkt Freddy. „Vielleicht ist die ja auch so scharf wie der Benz. Freddy ging durch einen langen Flur in die Küche. Dort steht eine zarte Brunette mit einer Schürze vor dem Herd. „Meine Fresse“, denkt Freddy. „Hall! o Pü ;pp...Schatz“ stottert er. Die Sprache scheint noch nicht so zu sein, wie die des Schnösels. Die Brunette kommt auf ihn zu und umarmt ihn. Sie küsst ihn leidenschaftlich. Freddy weiß nicht wie ihm geschieht, doch diese Frau scheint nichts zu merken. „Schön, dass du heute eher Feierabend gemacht hast, Sebastian.“ Sebastian hieß er also. „Wie war es denn bei der Arbeit, hast du Stress gehabt?“ Freddy stockt „Bei der Arbeit, äh, ich, äh, gut.“ Mensch Freddy reiß‘ dich zusammen, du kannst doch bei der Alten nicht gleich alles vermasseln, vielleicht läuft da ja heute Abend noch was. „Entschuldige bitte mein Schatz, ich sehe schon, dass du ganz geschafft bist.“ Seine Frau holt die Teller aus dem Küchenschrank, ein besonders edles Geschirr. „Die Kinder sind beim Tennis und danach fahren sie zu Mutti, zum Übernachten. So können wir noch das ein oder andere für den Urlaub erledigen und es uns dann gemütlich machen.“ „Gemütlich machen, das wird ja immer besser“, Freddy will sich an den fast gedeckten Tisch setzen. „Schatz, sei doch bitte so gut und hole den Wein aus dem Keller, mir ist heute nach einem Gläschen, wie ist es denn bei dir?“ „Ich, äh, ja gern.“ Freddy läuft los. Seltsamerweise kennt er den Weg in den Keller, sodass der Frau, die jetzt anscheinend seine ist, nichts auffällt.

Im Keller steht er vor der langen Reihe einer regelrechten Weinsammlung. Wie ferngesteuert greift er eine Flasche. Es scheint ein besonderes Tröpfchen zu sein. Jedenfalls ist er schon einige Jahre alt.

“Schatz, ich hab uns den vierundneunziger Bordeaux hochgeholt, der passt so gut zu dem was du uns gekocht hast.“ Das kommt nicht von ihm, „sonderbar“, denkt Freddy noch, als ihm von Carolin einen Kuss auf die Lippen gedrückt wird. Er umarmt sie und verspürt ein plötzliches Verlangen nach ihr „nah einer völlig fremden Frau“, denkt Freddy, aber Freddy hat mittlerweile kaum noch die Kontrolle über sein Ich. „Vielleicht auch gut so, bei dieser Geschichte kann ich einen Autopiloten gut gebrauchen, Mann ist das ein Schätzchen“ Freddy fühlt ihre schmale Taille.Als sie sich von ihm gelöst hat, setzen sie sich an den Tisch. „Meine Fresse, wieviele Messer, Löffel und Gabeln sind das denn hier?“ „Nimm sie von außen nach innen,“, spricht da eine innere Stimme. Freddy hat noch nie so etwas Gutes gegessen: Saftiges Fleisch, Gemüse und Kartoffeln mit einer leckeren Soße. Leider packt seine Frau nur spärliche Portionen auf den Teller, als wolle sie ihn auf Diät setzen. „Mensch Sebastian, du schlingst ja, als wenn du kaum etwas zum Mittag hattest.“, kommt es mit Erstauen von Carolin. Dass sie Carolin heißt, weiß Freddy intuitiv, der Name ist seiner neuen Persönlichkeit ja gut bekannt. Als sie aufgegessen haben, steht Carolin auf und wirft ihm einen verführerischen Blick zu: „So jetzt habe ich Lust auf einen Champagner und dich zum Nachtisch“ „Meine Güte, die ist ja scharf wie Nachbars Lumpi, erst den Champagner saufen und dann...“, Innerlich freudig erregt geht Freddy wieder in den Keller. Ganz automatisch greift er nach einer Flasche von diesem Edelgesöff. Als er wieder ins Esszimmer kommt, ist Carolin nicht mehr da. Von irgendwo her hörte Freddy Wasser laufen. Das Bad ist oben. Er geht noch an den Wohnzimmerschrank und holt zwei Gläser heraus und geht dann automatisch nach oben in das Bad. Als er die ! Tür öffnet, springt ihm Carolin schon entgegen, nur noch mit einem Morgenmantel bekleidet. Sie nimmt ihm die Flasche und die Gläser aus der Hand und reißt ihm förmlich die Klamotten vom Leib. Sebastian scheint das zu gefallen. Als die beide in der Wanne sitzen, und mit dem Champagner anstoßen, klingelt aus dem Wäschehaufen ein Handy. Reflexartig springt Sebastian auf. Freddy könnte sich sonst wo hinbeißen „Lass doch dieses scheiß Handy, bleib bei deiner Alten“, aber er kann nicht anders. Schon hat er es am Ohr. Im Hintergrund hört er ein enttäuschtes Aufstöhnen – Carolin. Die Stimmung war dahin. „Sebastian, gut dass du dran bist, das New-Yorker Büro braucht noch eine Bestandsmeldung, kannst du das heute noch erledigen, die brauchen das bis morgen für den Aufsichtsrat. „Die Bestandsmeldung? Ist denn die Aufsichtsratssitzung schon morgen? Ich dachte die ist erst nächste Woche.“ „Terminänderung, dem Aufsichtsrat ist was dazwischen gekommem, was weiß denn ich“ Es ist sein Kollege Wolfgang aus dem Controlling, der seine Nachfragen nicht ausstehen kann, aber sonst ein netter Kerl ist.

Freddy könnte schreien „Lässt der seine scharfe Alte wegen so einer scheiß Sesselpuperrunde in der Wanne sitzen!“Er kann es nicht fassen.

Sebastian arbeitet noch die ganze Nacht. Er tippt Zahlen in seinen Laptop und erstellt Powerpoint-Folien. Carolin ist enttäuscht ins Bett gegangen und bereits eingeschlafen, als er zu ihr ins Bett kommt.

Am nächsten Morgen ist die Stimmung etwas frostiger. Als Sebstian aufgewacht ist, ist Carolin schon aufgestanden. Er geht ins Bad und duscht. Als er sich rasiert hat, steigt er die Treppe herunter.

Das Haus ist wirklich beeindruckend: Von einer Galerie kann man auf die Küche und das mit Designermöbeln bestückte Wohnzimmer herunter schauen. In einem Erker steht ein großer schwarzer Flügel – Carolin vertreibt sich ihre Zeit mit Klaviermusik. Der Fußboden besteht aus Parkett und feinem Granit. Alles ist schwarz, rot und weiß. Durch große Fensterflächen kann man auf einen großen, angelegten Garten blicken.

Carolin sitzt bereits am Küchentisch und löffelte in einem Kaffeebecher. Der Kaffee riecht wunderbar. Er kommt aus einem Vollautomaten der oberen Klasse.

An Sebastians Platz liegt eine fette Zeitung. „Guten Morgen, bist du heute Nacht noch fertig geworden? Ich hab dir die Zeitungen schon hingelegt. „Zeitungen?“ Freddy erschrickt,“Soll ich die jetzt etwa lesen? Ich könnte mich stattdessen doch lieber mit meiner Frau über den schönen Garten unterhalten. Sie könnte mir auf ihrem Edelflügel vorspielen, wir könnten das, was wir gestern nicht geschafft haben, nachholen, bevor die Kinder kommen, und, und, und. Stattdessen soll ich diesen fetten Schinken lesen - Wozu?“ Freddy versteht die Welt nicht mehr. Sein neues Ich stürzt sich gleich in die Lektüre. Den guten Kaffee schlürft er, ohne auf den Geschmack zu achten. Er hätte auch Wasser trinken können. Plötzlich springt er auf:“Schatz ich muss jetzt, die Präsentation ist heute Vormittag, ich ruf dich dann an, wenn ich kann, ja“ Seine Frau antwortet nicht, Sebastian scheint es nicht zu merken. „Du Idiot!“ will Freddy ihm zurufen, als er etwas in seiner Bauchgegend spürt. Ein ziehendes Gefühl. Sebastian zieht ein kleines Päckchen aus der Tasche - Magentabletten. Er schließt die Tür hinter sich und setzt sich in den Benz. Das Weiche Leder, der tolle Klang aus dem Radio, der satte flüsternde Klang des kraftvollen Motors, alles das hört Sebastian nicht. Er denkt an seine Präsentation und den Stress, den er damit hat. Er fährt wieder zur U-Bahn Station. An der Haltestelle kauft er sich für ein Heidengeld ein pappiges Brötchen bei einem Bäcker und einen Coffee-to-go. Einen weitaus schlechteren Kaffee als der aus der Edelmaschine zu Hause und in einem Pappbecher. Freddy versteht die Welt nicht mehr, er ist geradezu verzweifelt. Da hat einer dass, was sich nicht nur Freddy jeden Tag erträumt und hat es auch wieder nicht, weil er irgendwelchen Zahlen und Präsentationen für irgendwelche Aufsichtsräte aus Amerika hinterher renn! t. Darau f könnte Freddy jetzt nicht nur ein Glas, sondern gleich eine ganze Pulle Wodka leer machen.

„Zurückbleiben bitte!“ Der Zug fährt an. An der Kellinghusenstraße steigt ein Typ ein, bei dem Sebastian der Atem stockt. Der Gestank verdirbt ihm geradezu den Appetit auf sein Pappbrötchen und seinen Pappkaffee. „Einer dieser Penner. Nicht schon wieder!“ Der Penner sitzt ihm zusammen gekauert gegenüber. Genervt verdreht Sebastian die Augen „Dieser Typ sollte aus seinem Leben etwas machen, sich etwas aufbauen, statt auf Kosten anderer von der Hand in den Mund zu leben. „Zurückbleiben bitte!“, klappernd schließen die Türen, und der Zug fährt wieder los. Als der Penner seinen Kopf hebt, treffen sich ihre Blicke.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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