Matthias Neumann

Hotel Mama

Hotel Mama

 

Guck mal, der Griff von der Schublade ist ganz locker.“ So als benötigte es noch eines Beweises, rüttelte Sigrid daran. Sie tat es mit ganzer Kraft, um es laut hörbar zu machen.

Marko hätte es auch so geglaubt. Nimm einfach einen Schraubenzieher und dreh ihn wieder fest!

Hilflos sah sie ihn an, rüttelte verzweifelt weiter am runden Knauf.

Du weißt ganz genau, wo das Werkzeug liegt.

Kann man das wieder reparieren?“

Ja, kann man. Er wusste auch schon genau, wer man war. Aber Marko sagte nichts. Resignierend ging er zum Schrank im Flur, öffnete eine Tür und holte, ohne suchen zu müssen, einen Schraubenzieher heraus.

Als er zurück ins Zimmer kam, sah ihn Sigrid immer noch verzweifelt an. Erst wenn das Problem behoben war, würde sich ihr Zustand wieder normalisieren.

Sie sah ihm ganz genau zu, verfolgte jeden Handgriff. Wie Marko aus leidvoller Erfahrung wusste, nicht um zu lernen wie es geht, sondern um sich zu überzeugen, ob die Aufgabe auch erledigt wurde. Er setzte den Schraubenzieher von der Innenseite der Schublade an der Schraube an und drehte sie mit einer einzigen Bewegung fest.

Was ist daran bloß so schwer?

Sobald das erledigt war, hatte sich Sigrid wieder beruhigt. „Gut, ich mache jetzt das Essen.“ Als wäre nichts gewesen, verschwand sie in der Küche.

Marko blieb frustriert zurück. Er hatte es bereits aufgegeben sie zu belehren. Denn sobald er sie mit etwas konfrontierte, fühlte sie sich angegriffen. Anstatt es überhaupt zu versuchen, entschuldigte sie sich nur, versuchte sich zu verteidigen, nahm dabei aber eine schwache und hilflose Rolle ein.

Lustlos setzte er sich in seinen Sessel und wartete auf das Abendessen. Der Fernseher war eingeschaltet, aber was auf dem Bildschirm passierte, bekam er nicht mit.

 

Mit der Gabel stocherte er in dem Gebilde auf seinem Teller.

Schmeckt's?“ Sigrid hatte offensichtlich nichts daran auszusetzen.

Marko nickte nur zur Bestätigung. Zum Beweis nahm er etwas in den Mund. Es lag nicht nur am Geschmack. Schon allein die Konsistenz, das Gefühl im Mund, verhinderte jeglichen Genuss. Er schluckte den Bissen hinunter ohne zu kauen.

Und was willst du morgen?“

Als ob das einen Unterschied macht. Es war wie die Wahl zwischen Pest und Cholera. Ganz egal was er wählte, sie schaffte es auch die wohlschmeckendsten Lebensmittel durch die Zubereitung ungenießbar zu machen.

Voller Wehmut dachte er zurück an die Zeit, als er sich noch selbst etwas kochen konnte. Das war bevor seine Mutter zu ihm gezogen war. Er hatte damals keinen anderen Ausweg gesehen und sie zu sich genommen. Seit dem Tod seines Vaters kam sie mit nichts mehr zurecht. Es war jedoch nicht nicht so, dass sie mit der Situation überfordert war und bestimmte Dinge nicht mehr schaffte. Sie hatte weiterhin nur das getan, wie all die Jahre zuvor.

Marko dachte zurück an seine Kindheit. Bereits zu dieser Zeit hatte er seine Mutter auf diese Art erlebt. Manchmal, wenn ein Anruf kam, konnte er sie sagen hören: „Davon habe ich keine Ahnung, darum kümmert sich mein Mann.“ Danach hatte sie sogar den Anrufer, der offensichtlich nur etwas verkaufen wollte, aufgefordert, es nochmal später zu versuchen.

Sein Vater hatte sich bei solchen Anrufen erst gar nicht auf ein Gespräch eingelassen und freundlich aber bestimmt aufgelegt.

Seit seinem Tod hatte sich Sigrid nicht verändert. Das war das ganze Problem. Sie öffnete zwar die Post, verstand aber nicht den Inhalt. Dann rief sie wieder Marko an und bat um Hilfe. Sie war unfähig, etwas anderes einzukaufen als Lebensmittel. Sonst konnte sie nichts geschäftliches erledigen. Um Geld von ihrem Konto abzuheben, ging sie immer noch zum Schalter, wobei eine zusätzliche Gebühr fällig wurde, was sie wiederum gar nicht mitbekam. Die Ummeldungen auf ihren Namen, was Wohnung und Finanzen betraf, hatte Marko erledigen müssen. Doch damit war es nicht getan. Sie wusste nicht, wie man eine Stromrechnung bezahlt, mit der Nebenkostenabrechnung konnte sie gar nichts anfangen.

Alles blieb an Marko hängen. Er war öfter bei seiner Mutter, als in seiner eigenen Wohnung. Somit fasste er den Entschluss, dass es für ihn einfacher war, wenn sie bis auf weiteres bei ihm blieb. Nur kurzfristig, bis sich eine Lösung gefunden hatte.

Daraus waren inzwischen Jahre geworden.

Er bereute es inzwischen, hatte jedoch auch immer noch keinen Ausweg gefunden. Ein Heim war völlig ausgeschlossen. Sie war noch nicht einmal Rentnerin, auch nicht dement oder krank.

Er hatte am Anfang aber auch nicht ansatzweise geahnt, wie hilflos sie war, trotz der bereits auftretenden Probleme. Erst im Alltag machte es sich bemerkbar. Jede Kleinigkeit gab sie an ihn weiter. Gleichzeitig war sie unfähig, etwas neues zu lernen. Dafür begann sie, ganz ihrer gewohnten Rolle entsprechend, ihn zu umsorgen, worauf er gern verzichtet hätte.

Ich wohne im Hotel Mama. Nur leider als Angestellter. Und die Arbeitsbedingungen wären ein Fall für Günter Wallraff.

 

Der Pausenraum füllte sich langsam, nach und nach trafen auch die letzten Kollegen ein. Die einzelnen Gespräche ergaben ein beruhigendes Gemurmel, das plötzlich von einer einzelnen Stimme unterbrochen wurde.

So, meine Herren!“ Melanie schaffte es, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, ohne laut und aufdringlich zu wirken. „Ich habe mir heute Morgen den neuen Schrank angesehen.“

Melanies Arbeitszeit wurde, in Absprache mit der Firma, um eine Stunde nach vorne verschoben. Somit konnte sie sich, als Alleinerziehende, morgens besser um ihre Tochter kümmern. Dadurch war sie eine Stunde lang allein im Gebäude.

Der Schrank für die Küche, den sie angesprochen hatte, wurde am Vortag geliefert und von einigen Mitarbeitern zusammengebaut. Das damit gesparte Geld kam in den Topf für eine Espressomaschine.

Ist denn gestern keinem etwas aufgefallen?“ Die anderen antworteten Melanie mit ratlosen Gesichtern. „Hat keiner gemerkt, wie schwer die Türen zugingen? Sie waren nicht richtig eingestellt. Es hat jedes Mal beim Schließen geknackt.“

Die beim Aufbau beteiligten waren sich keiner Schuld bewusst.

Ich habe mir erst einmal einen Schraubenzieher genommen und das behoben.“

Marko glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Was für eine wunderbare Vorstellung. Beinahe zu schön um wahr zu sein.

Die Gespräche untereinander gingen weiter. Melanie saß mit einer Kollegin am Tisch. Marko stellte sich unauffällig hinter sie, um ihre Unterhaltung mitanzuhören. Sie redete noch immer über den Schrankaufbau.

Das nächste Mal machen wir Frauen gegen Männer.“

Marko war enttäuscht. Er hielt sie für eine sympathische, sogar begehrenswerte Frau. Nur das war die einzige Sache, die er an ihr nicht leiden konnte. Ständig machte sie Vergleiche zwischen Frauen und Männern, wobei letztere nie gut wegkamen. Darum hatte er sie auch nie angesprochen, nie versucht sie besser kennenzulernen. Nicht nur war es für ihn eine nervige Angewohnheit, dass sie immer so redete, er rechnete aber auch sowieso damit, bei ihr durchzufallen. So oft wie sie sich über Männer beschwerte oder alles in einen Wettstreit brachte, glaubte er, bei ihr von vornherein nicht gut abschneiden zu können.

Doch war die Art, wie Melanie ihr Leben gestaltete, genau der Typ Frau, den Marko für begehrenswert hielt. Selbstständig, nicht auf Hilfe angewiesen, Probleme allein bewältigend. Er zog sich am meisten zu Frauen hingezogen, die ihn nicht brauchten, die aus einer Beziehung keine Vorteile ziehen mussten.

So eine Person war Melanie. Dadurch stellte sich für Marko aber auch die Frage, warum sie ausgerechnet mit ihm etwas anfangen sollte, wenn er es versuchen würde. Er hatte ihr ja nichts zu bieten. Wenn sie wieder so abfällig über Männer redete, fühlte er sich manchmal persönlich angesprochen.

Kann es denn nicht das eine ohne das andere geben..., lamentierte er in sich hinein. Betroffen trank er den Rest seines Kaffees in einem Schluck aus und ging zurück an seinen Arbeitsplatz.

 

Der erste Sonntag im Monat war jedes Mal ein besonderer Tag. Eine Ernährungsberaterin im Ort gab dann immer einen Kochkurs.

Seit sich Markos Mutter darum kümmerte, hatte er schrittweise jede Lust am Essen verloren. Zuerst erledigte er das noch außerhalb. Manchmal ging er nur für eine Vorspeise in ein Restaurant. Doch der Gedanke im Hinterkopf, was ihn zu Hause erwartete, verdarb ihm zunehmend den Geschmack.

Mittlerweile aß er morgens und abends nur noch daheim, hatte dabei aber die Größe der Portionen auf ein Mindestmaß reduziert. In seinem Schlafzimmer lag immer eine Packung Toastbrot versteckt, dazu ein Aufstrich, der nicht gekühlt werden musste. Zum Anfang war das nur für den Notfall gedacht. Inzwischen war der Griff zur Notration zur Routine geworden. Täglich zog sich Marko in sein Zimmer zurück und knabberte seine Brote.

Im Kochkurs hingegen blühte er wieder auf. Er genoss das Essen in vollen Zügen. Schon allein die Zubereitung war für ihn eine Freude. Da die Lebensmittel von den Teilnehmern mitgebracht werden mussten, nahm er gern reichlich und verausgabte sich dabei.

Danach kam es zu der gemeinsamen Verkostung. Diesmal war Marko mit dem Dessert an der Reihe. Da die anderen Teilnehmer schon bei Vorspeise und Hauptgericht kräftig zugelangt hatten, konnten sie auch beim besten Willen nur noch eine Kleinigkeit von Markos Kreation zu sich nehmen. Mehr ging einfach nicht, obwohl sie gern gewollt hätten. Marko hatte sich selbst übertroffen. Durch ihn entstand eine große Vielfalt an bunten Macarons.

Er scheute sich immer davor, Reste mitzunehmen. Von den anderen traute sich aber diesmal auch niemand. Jeder einzelne war sich bewusst, dass er sich unweigerlich noch in der selben Nacht über die süße Sünde hergemacht hätte. Darum drängten alle Marko, diesmal selbst das Übriggebliebene mitzunehmen, da er sich so viel Mühe damit gegeben hatte. Ihm fiel keine Ausrede ein und bloßstellen wollte er sich auch nicht. Also packte er die Reste ein.

Auf dem Heimweg war er hin und her gerissen. Am liebsten hätte er den Behälter unterwegs weg geworfen, brachte es dann aber doch nicht übers Herz. Voller Sorgen kam er der eigenen Wohnung näher. Was wäre, wenn es seine Mutter mitbekam? Wie hätte er es ihr erklären sollen? Es hätte sie am Boden zerstört. In ihrem Weltbild gab die Möglichkeit nicht, dass ihr eigenes Essen nicht schmeckte. Ihr zu sagen, was er von ihren Kochkünsten hielt, hätte sie nur als Beleidigung begriffen. Ihrem darauf folgenden Selbstmitleid wollte sich Marko nicht aussetzen. Am Ende hätte sie ihm noch zur Versöhnung einen Kuchen gebacken.

Wie hatte sein Vater das bloß all die Jahre ausgehalten? Er hatte sich nie beklagt, war sogar ein guter Esser gewesen. Hatte es ihm wirklich geschmeckt, oder war er nur anspruchslos? Hatte die Hausmannskost ihn und seinen Geschmackssinn abgestumpft?

Er hatte sowieso nie etwas selbst entscheiden, hatte nie etwas für sich gekauft, nie irgendwelche Wünsche geäußert. Wie eine leere Hülle war er gewesen. Nur die nötigsten Arbeiten hatte er erledigt. In diesem Punkt hatte sich das Ehepaar perfekt ergänzt.

Marko überlegte. Angenommen, seine Mutter wäre gestorben, müsste er heute vermutlich seinem Vater das Essen auf den Tisch stellen und abends Kleidung für den nächsten Tag herauslegen. Dazu war sein Vater genauso unfähig, wie seine Mutter zu den Dingen, die Marko für sie erledigte.

Er hielt vor der Wohnung. Im Wohnzimmer brannte Licht. Also ließ er das belastende Material in seinem Auto. Er kam sich vor wie ein kleines Kind, das etwas angestellt hatte. Es ging sogar so weit, dass er als erstes im Bad verschwand, um im Spiegel nach verräterischen Hinterlassenschaften des Essens zu suchen.

Nachts, als er im Bett lag, dachte er an die Köstlichkeiten, die so nahe und doch unerreichbar waren. Fast wäre er aufgestanden, um sich nach draußen zum Auto zu schleichen. Stattdessen holte er aus seinem Versteck ein Glas Schokoladenaufstrich und naschte ein paar Löffel zur Beruhigung.

 

Als zweites Frühstück gönnte sich Marko noch ein paar Macarons, doch es waren einfach zu viele. Er nahm sie mit zur Arbeit, um sie im Pausenraum den Kollegen anzubieten.

Dort kamen sie nicht so gut an, die meisten trauten sich nicht an etwas ungewohntes. Bei einer Person trafen sie jedoch auf großen Zuspruch. Melanie schob sich einen nach dem anderen in den Mund. Um sich selbst zu stoppen, schob sie den Teller weit von sich. Nach kurzer Zeit griff sie um so beherzter wieder zu.

 

Sie redeten. Mehrmals. Regelmäßig.

Sie trafen sich, gingen miteinander aus.

Sie merkten von Anfang an, dass sie gut zusammen passten.

Marko fragte sich, wieso das nicht schon viel früher geschehen war. Schließlich war er nicht schüchtern oder im Umgang mit Frauen gehemmt. Die anfänglichen Zweifel, ob er Melanie etwas bieten konnte, hatte er schnell überwunden. Dennoch hatte er inzwischen das Gefühl, dass etwas anders mit ihm war. Nicht nur was Beziehungen betraf, sondern generell der Kontakt zu anderen Menschen. Diesen scheute er nicht, aber er verfügte über, wie er fand, eine Art soziale Behäbigkeit. Er hatte in keinem Abschnitt seines Lebens einen großen Bekanntenkreis gehabt. Außerdem waren das dann meistens Personen, die ihn mitzogen.

Erst jetzt bemerkte Marko, dass in den vergangenen Jahren, seit seine Mutter bei ihm wohnte, langsam alle verbliebenen Kontakte eingeschlafen waren. Und ihm fiel auf, was für Menschen seine Eltern waren.

Es gab keinen Kontakt zu anderen Verwandten, Marko wusste nichts über den Rest der Familie. Sie hatten keine Freunde. Nie trafen sie sich mit jemandem, um etwas zu unternehmen oder sich auch nur zu unterhalten. Ebenso kam niemand vorbei. Es gab nicht einmal Gespräche am Telefon. Was aber noch viel erschreckender war: die beiden gingen auf die selbe Art miteinander um.

Marko wunderte sich, wie so etwas möglich sein konnte. Wie hatten sie sich wohl kennengelernt? Und eine Sorge ergriff ihn. Er fragte sich, wie groß der Einfluss seiner Eltern auf ihn gewesen war. Hatten sie diesen zurückgezogenen Menschen aus ihm gemacht? Lief er Gefahr, selbst einmal so ein Leben wie seine Eltern zu führen?

Vielleicht waren das unnötige Sorgen, aber über eines war sich Marko sicher: mit Melanie würde ihm so etwas nie passieren. Mit ihrer herausfordernden, teils vorlauten Art, wäre das unmöglich.

 

Marko, sieh dir das einmal an!“

Bereits am Tonfall konnte er erkennen, in welcher Lage sich Sigrid wieder befand. Müsste ich nicht endlich lernen, nein zu sagen? Das konnte er ihr nicht antun. Sie tat es ja nicht mit Absicht, etwa wie ein quengelndes Kind, das etwas haben wollte. Er hatte Sorge, ihr mit einer Ablehnung zu viel zuzumuten, sie in eine Krise zu führen. Obwohl er gleichzeitig wusste, mit seinem Nachgeben ihr Verhalten zu unterstützen.

Also ging er seinen gewohnten Gang. Sie saß im Wohnzimmer, ihr Blick wanderte ungläubig zwischen Fernseher und Fernbedienung hin und her. Als sie Marko sah, setzte sie wieder ihre typische Verzweiflungsmiene auf. „Etwas stimmt nicht, die Sender sind durcheinander.“

Schon auf den ersten Blick konnte er beim Durchschalten erkennen, was los war. Einige Kanäle waren an ungewohnter Position, andere fehlten völlig.

Der Kabelanbieter hat bestimmt die Sender umgestellt.“ Warum musste er das noch einmal erklären? Es war nicht das erste Mal, dass so etwas vorkam. Sie musste sich doch an das letzte Mal erinnern.

Was kann man da machen? Sind die anderen jetzt weg?“

Man stellt sie einfach neu ein. Du hast dabei zugesehen. „Ich werde mich darum kümmern, ich habe jetzt aber keine Zeit.“ Du könntest es auch selbst machen, du weißt, wo die Anleitung liegt.

Hast du noch etwas vor?“

Nein, ich habe keine Lust. „Ja, ich muss noch einmal los.“

Wohin denn?“

Keine Ahnung, ich muss einfach raus hier. „Ich muss noch etwas besorgen.“

Sigrid fragte nicht weiter nach. Es war nicht nötig, sich herauszureden, etwas zu sagen wie: das ist zu kompliziert für dich. Sie nahm es nämlich auch so an.

 

Spontan rief er Melanie an. Sie trafen sich in einem Café. Noch nie war einer von ihnen beim jeweils anderen zu Hause gewesen. Melanie wollte es nicht, wegen ihrer Tochter. Sie hatte der kleinen zwar erzählt, dass sie sich öfter mit einem Mann traf, wollte sie aber noch nicht gegenseitig vorstellen.

Marko hingegen hatte Melanie erzählt, dass er seine Mutter vorübergehend zu sich genommen hatte, um sich um sie zu kümmern. Wie es ihm dabei ging, hatte er ihr nicht gestanden. Er hatte nie abgelehnt, sich bei ihm zu treffen, sie hatte aber auch nie gefragt. Spürte sie etwa, dass ihm die Vorstellung unangenehm war?

Als sie zusammen saßen, wurde ihm wieder bewusst, was er an ihr so bewunderte, was er an anderen Frauen vermisste. Melanie war komplett selbstständig. Sie regelte alle Belange ihres Lebens, und auch noch die ihrer Tochter, ganz allein. Und das ausgezeichnet. Ihr gelang es sogar besser, als Marko es sich selbst zugetraut hätte. Es gab viele Bereiche, in denen sie viel kompetenter war als er. Darum mochte er sie so sehr.

Mit einem mal kam ihm eine Idee. Eine, in seinen Augen, hinterhältige, aber auch unwiderstehlich verlockend.

 

Das nächste Problem ließ nicht lange auf sich warten. Doch diesmal sollte es einen anderen Verlauf nehmen.

Sigrid brachte ihm ihren Wecker. Er ging nicht, obwohl eine Batterie eingelegt war. Auch ein Austausch gegen eine neue bewirkte nichts. Er erkannte sofort, dass sie einfach nur zu locker saß. Man musste nur ein Metallplättchen wieder in die richtige Position biegen. Das ließ sich sogar ohne Werkzeug erledigen.

Marko vertröstete seine Mutter, schob wieder einen falschen Grund vor und verließ die Wohnung. Dann rief er Melanie an. „Tut mir leid, ich werde mich verspäten. Du kannst aber schon kommen, meine Mutter ist zu Hause. Sie kann dich hereinlassen. Ich hoffe, das ist dir nicht unangenehm.“

Das war es natürlich nicht. Nicht einer Frau wie Melanie.

Marko fuhr zu einem Bäcker, um sich etwas besonderes zum Abendessen zu gönnen.

 

Mein lieber Freund!“ Melanie schlug einen vorwurfsvollen Ton an. „Wie behandelst du eigentlich deine Mutter?“

Marko war wie vor den Kopf gestoßen. Das entwickelte sich ganz anders, als er es sich vorgestellt hatte. Irgendetwas war schief gelaufen.

Hast du überhaupt kein schlechtes Gewissen? Ich bin wirklich enttäuscht von dir. So ein Verhalten hätte ich dir gar nicht zugetraut.“

Was war bloß geschehen? Als Marko nach Hause kam, hatte Melanie ihn mit vor die Tür genommen. Jetzt beschuldigte sie ihn eines Fehlverhaltens. Was hatte ihr seine Mutter bloß erzählt, was war zwischen den beiden vorgefallen?

Deine Mutter braucht dich, du solltest dich besser um sie kümmern!“

Das klang überhaupt nicht nach Melanie. Er hatte gehofft, sie würde seine Mutter zur Seite nehmen und ihr zeigen, wie man das Problem behob. Er hatte sich vorgestellt, wie sie sagte: „Das machen wir Frauen doch ganz allein, dazu brauchen wir keine Männer.“

Er sah keinen Grund sich zu entschuldigen, aber er tat es. Melanie nahm es nicht an.

Geh wieder rein und hilf ihr! Ich glaube, du hast jetzt erst einmal genug zu tun, ich will dich nicht dabei aufhalten.“

Sie drehte sich um und ließ Marko allein stehen.

 

Es ließ ihm keine Ruhe. Er wollte eine Aussprache, den Vorfall nicht so stehen lassen. Hatte Melanie einen falschen Eindruck von ihm bekommen, oder hatte er sich in ihr getäuscht?

Noch am selben Abend, nachdem er in seinem Zimmer ein mitgebrachtes Körnerbrötchen trocken verschlungen hatte, fuhr er unangekündigt zu ihr. Sie war überrascht ihn zu sehen. Anscheinend hatte sie den Ernst der Situation gar nicht erfasst. Sie bat ihn nicht herein, ging stattdessen vor die Tür und schloss sie hinter sich.

Hör zu, ich muss die etwas erklären!“

Sie gestikulierte ihm, leiser zu sprechen, aber er ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen. Gerade wollte er weiter reden, als sein Telefon klingelte. Auch davon ließ er sich nicht ablenken.

Willst du nicht ran gehen?“

Etwas in Melanies Stimme ließ ihn schaudern. Mit einer dunklen Vorahnung schaute er auf das Display. Es war die Nummer seines Festnetzanschlusses. Wer rief ihn von zu Hause an? War etwas mit seiner Mutter geschehen? War sie vielleicht verunglückt? Sorgenvoll nahm er den Anruf an.

Hallo? Marko?“ Es war Sigrid.

Wie war das möglich? Sie wusste gar nicht, wie man das Telefon mit den vielen Tasten bediente. Dann sah er einen zufriedenen Ausdruck in Melanies Gesicht. Sie wusste genau, wer ihn anrief.

Schlagartig wurde ihm klar, was in seiner Abwesenheit geschehen war. Melanie hatte Sigrid tatsächlich etwas beigebracht, aber etwas anderes, als Marko erhofft hatte. Sie hatte dafür gesorgt, dass er jetzt jederzeit für seine Mutter erreichbar war.

Es hatte sich in Melanie getäuscht. Es ging ihr nicht um Unabhängigkeit und Selbstständigkeit. Für sie drehte sich alles um den Unterschied zwischen Frauen und Männern. Als gäbe es einen immerwährenden Konflikt, der alles andere in den Hintergrund stellt.

Marko?“, erklang es wieder am Telefon. „Bist du es? Das Licht im Kühlschrank geht nicht mehr an.“

 

Bei ihrem nächsten Treffen benahm sich Melanie, als wäre nichts vorgefallen. Marko glaubte nicht, dass sie sich verstellte. Sie hatte gar nicht mitbekommen, was sie angerichtet hatte. Darum konnte er ihr auch keinen Vorwurf machen.

Leider verstand sie aber auch nicht, wie es ihm ging, was in ihm vorging. Das verringerte jedoch nicht seine Faszination zu ihr. Als einmal Melanies Tochter ein Wochenende lang bei ihrem Vater war, verbrachte das Paar einen Abend in Melanies Wohnung.

Er hatte sich darauf gefreut zu kochen. Was er sonst am liebsten allein tat, wollte er dieses mal mit ihr gemeinsam machen. Daraus wurde leider nichts. Sie wollte getrennt kochen, jeder etwas eigenes. Sie machte wieder einen Wettbewerb daraus.

Marko bereute es schon bei der Zubereitung. Doch damit war es nicht vorbei. Schon als er den Tisch gedeckt hatte, veränderte sie alles noch einmal, weil Männer das nicht so gut können. Auch beim Essen musste Melanie alles miteinander vergleichen.

Hinterher saßen sie auf der Couch und sahen sich einen Krimi an. Die beiden Ermittler waren ein Mann und eine Frau. Melanie wies ständig darauf hin, wie viel besser die Kommissarin ermittelte als ihr Kollege.

Markos Gedanken drifteten immer mehr ab, bis er kaum noch etwas mitbekam. Kurz bevor er ging, hörte er noch irgendwas über Männer, aber was, entzog sich seiner Aufmerksamkeit. Als er die Wohnung verließ, wusste er, dass es vorbei war.

 

Seit Tagen vermied er jeden Kontakt zu anderen Menschen. Er saß in seinem Zimmer, aß Vollkorntoast mit Honig und blätterte in Kochzeitschriften. Das verblüffende war, dass er sich gut dabei fühlte. Allein sein und Einsamkeit sind zwei verschiedene Dinge. Manchmal kann es gut sein, sich vollkommen zurückzuziehen. Es ist ein Schutzmechanismus, um nicht noch mehr Verletzungen zu erleiden.

Pass auf, ermahnte er sich. Pass bloß auf, dass es nicht zur Gewohnheit wird!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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