Günter K. Langheld

Das Haus am Tümpel

Er hatte das Haus während einer seiner sonntäglichen Wanderungen entdeckt. Es entsprach genau seinen Wünschen, ein solides altes Walmdachhaus.
In den letzten Jahren hatte er erfolgreich an der Börse spekuliert und nun endlich reichte das Geld für einen sorglosen Lebensabend. Aber ihm behagte das Leben in der Großstadt nicht und er hasste das Gedränge in den Straßen und den Gestank der Auspuffgase. Deshalb war er von der ursprünglichen Landschaft, die das Haus umgab, begeistert.
Er erkundigte sich im nächsten Dorf, ob das Anwesen zu erwerben sei und erfuhr dabei, dass das Haus schon seit geraumer Zeit nicht mehr bewohnt wurde. Die Gemeinde hatte bisher vergeblich versucht den Besitz wieder zu verkaufen. Und nach kurzem Briefwechsel mit dem Makler, der das Anwesen verwaltete, beschloss er, das Haus so bald wie möglich zu besichtigen.

Er stellte seinen Daimler auf dem Parkplatz des Dorfgasthofes ab, öffnete das Handschuhfach und fischte den Schlüssel heraus, den ihm der Makler zugesandt hatte.
Seit Tagen war das Wetter unbeständig gewesen und nun kündeten die dunklen Wolken am Himmel ein Gewitter an. Skeptisch betrachtete er die Wolken, dann marschierte er los.
Zum Anwesen führte ein von Unkraut überwucherter Trampelpfad und nach etwa zehn Minuten hatte er schließlich sein Ziel erreicht.
Er blickte sich um. Der Wald hatte begonnen seine Schösslinge zwischen die alterskrummen Obstbäume zu streuen. Hinter dem Haus erstreckte sich eine Wiese auf der sich ein Tümpel hinter Schilf und Kalmus verbarg.
Er watete durch das Gras bis an das morastige Ufer des Tümpels. Zwei Weiden neigten sich hier, wie unter einer schweren Last, über Wasseroberfläche. Hingegen schienen vier dicht beisammen stehenden Birken mit allen Ästen und Zweigen davon fort zu streben, als wollten sie sich um keinen Preis der Welt in diesem Wasser spiegeln. Er bemerkte, wie Blasen durch die Algenschicht quollen und sich an der Wasseroberfläche zu phantastischen Gebilden vereinigten.

Inzwischen war es merklich kühler geworden. Der Wind strich singend über das Gras. Blitze erleuchteten den Himmel, begleitet von grollendem Donner. Nicht weit entfernt schlug plötzlich ein Blitz ein, worauf ein ohrenbetäubender Donnerschlag folgte. Vom Wald herüber erklang das Geräusch brechender Äste.
Erschrocken wich er einige Schritte vom Tümpel zurück und blickte schaudernd auf die Wasseroberfläche. Im Schein des Blitzes meinte er eine knotige Hand aus dem Wasser auftauchen zu sehen, so, als treibe es einen Ertrunkenen an die Oberfläche. Doch nun war sie verschwunden. Vielleicht ein modriger Ast, der wieder abgetaucht war.
Fröstelnd eilte er über die Wiese dem Hause zu. Es begann zu regnen.

Er kämpfte eine Weile mit dem widerspenstigen Türschloss, ehe die schwere Eichentür aufsprang. Durch die offene Tür sickerte nur schwaches Dämmerlicht. Er tastete nach dem Lichtschalter und atmete erleichtert auf, als er ihn gleich neben der Tür fand. Mehrfaches Klicken begleitete das Drehen des Schalters, es geschah jedoch nichts, der Raum blieb dunkel. Unsicher trat er einige Schritte vor.
Draußen peitschte der Wind den Regen vor sich her. Da dröhnte erneut ein Donnerschlag und die Haustür fiel krachend ins Schloss. Jetzt war es stockdunkel. Er begann schnell nach einem Zündholz zu suchen, dann jedoch entsann er sich der Lampe in seiner Jackentasche. Der Strahl seiner Taschenlampe erleuchtete eine Diele in deren Mitte eine Treppe in ein höher gelegenes Stockwerk führte.

Nachdem er die Räume des Erdgeschosses mit der Taschenlampe so gut wie möglich erkundet hatte, stieg er die Stufen nach oben. Bei seinem Rundgang entdeckte er eine Kammer in der eine bequem aussehende Couch an der Wand stand. Vor dem Fenster und am Boden der Kammer lagen zuhauf staubige Bücher herum. Erschöpft warf er sich auf die Couch und lauschte dem Heulen des Windes und dem Scharren der Äste am Dach des Hauses. Ohne es recht zu merken, döste er schließlich ein.

Er erwachte abrupt, sein Herz schlug heftig. Ein diffuses Leuchten in der Kammer hatte ihn anscheinend geweckt. Er erhob sich und blickte aus dem Fenster. Der Mond war zwischen den Wolken hervorgekommen und tauchte das Haus und die Landschaft in ein gespenstisch weißes Licht. Er erkannte den Tümpel. Die Birken schienen noch enger zusammengerückt zu sein, wie ein Rudel Rehe bei drohender Gefahr. Da gewahrte er eine Bewegung am Ufer des Tümpels, als ob irgendetwas aus dem Wasser ins Trockene gelangen wollte. Nun begann es klare Konturen anzunehmen und er sah eine Gestalt, die sich vom Ufer entfernte und sich schleppend dem Hause näherte. Dann war sie verschwunden.
Er lauschte. Es war still, unheimliche still in dem schlafenden Haus, bis auf einmal leise, kaum vernehmbare Laute an sein Ohr drangen. Sie kamen offenbar von unten aus der Diele. Es dauerte eine Weile, bis sie deutlicher wurden, dann jedoch hörte er ein Geräusch, als würde ein nasser Schwamm ausgedrückt. Kurz darauf knarzten Treppenstufen und etwas erklomm ächzend Stufe um Stufe. Er hielt er den Atem an.
Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen und ein entsetzlicher Gestank drang in die Kammer, eine schauderhafte Fäulniswolke hüllte ihn ein.
Er war so benommen, dass er sich nicht mehr bewegen konnte. Irgendetwas lauerte dort in der Dunkelheit auf ihn. Schritte schlurften und dann gewahrte er im Licht des Mondes eine gekrümmte, furchtbar dünne Gestalt, an der Kleider- und Hautfetzen herabhingen, suchend umhertasten.
In diesem Moment wich die Benommenheit von ihm und er stürzte vorwärts. Er hatte schon fast die Kammertür erreicht, als er über eines der herumliegenden Bücher stolperte, mit dem Kopf gegen die Wand schlug und bewusstlos liegen blieb.

Die Morgensonne blinkte durch das Fenster, als er mit brummendem Schädel erwachte. Geblendet kniff er die Augen zusammen. Weshalb nur lag er am Boden? Langsam kam die Erinnerung und er sah sich in der Kammer um. Hatte er geträumt? Kein Zeichen deutete auf einen nächtlichen Besucher hin. Doch dann bemerkte er die Wasserlache auf dem Treppenabsatz. Er schüttelte benommen den Kopf, raffte sich auf und taumelte die Treppe hinunter ins Freie. Sein Entschluss stand fest, er würde sich nach einem anderen Haus umsehen.

Da alle Bemühungen das alte Haus zu verkaufen gescheitert waren, beschloss der Gemeindevorstand das Gebäude abreißen zu lassen. Das Grundstück sollte entwässert und der Tümpel trockengelegt werden.
Beim Auspumpen des Tümpels, stießen die Arbeiter auf eine Leiche. Durch die lange Zeit, die der Tote im Wasser gelegen hatte - wohl durch Schlingpflanzen am Auftauchen gehindert - bot er einen schaurigen Anblick. Und während der Leichnam vorsichtig geborgen wurde, entdeckte man ein Buch im Schlamm, das auf wundersame Weise noch relativ gut erhalten war. Man konnte sogar auf dem verquollen Einband den lateinischen Titel „AMPHIBIORUM HOMINUM“* entziffern. Darüber hinaus hatte das Wasser allerdings nur noch durchgeweichte, unleserliche Seiten übrig gelassen.
Später berichtete einer der Arbeiter, er hätte gesehen, wie der Leichnam wild gezuckt habe, als ihn die ersten Sonnenstrahlen trafen. Aber ein kräftiger Schluck aus der Schnapsflasche überzeugte den Mann, dass er sich wohl getäuscht haben musste.

*Amphibische Männer (Männer, die an Land sowie im Wasser existieren können)

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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