Gherkin

Des einen Leid ist des...

"Wo Recht zu Unrecht wird, da wird Widerstand zur Pflicht"

 

Meint meine 20jährige Nichte Lara-Katja. Sie ist stets sozial sehr engagiert, interessiert sich vor allem für die am Rande der Gesellschaft, nahezu vergessenen Individuen. Wo auch immer sie ein Unrecht sieht, schreitet sie ein. Ob es an Mensch oder Tier geschieht, Katja bringt sich lautstark ein. Ich selbst war dabei, als sie einen Reiter, der uns gerade passierte, beim Waldspaziergang anherrschte, der es wagte, sein Pferd mit der Gerte anzuspornen, sich etwas schneller zu bewegen. Ich erspare es Ihnen, den exakten Wortlaut der Wutrede wiederzugeben.
 

Es wird wohl kaum verwundern, dass Lara-Katja Sozialwissenschaften studiert, mit dem Fokus auf die Studienrichtungen Soziologie, Philosophie, Ethnologie, Psychologie und Pädagogik. Sie ist an der Uni Düsseldorf eingeschrieben. Und sie lässt sich viel Zeit mit ihrem Studium. Wann sie ihren Bachelor A macht, steht in den Sternen, denn all ihre sozialen Engagements lassen ihr kaum Zeit zum Studium. Von der hiesigen "Tafel" über das Obdachlosen-Café "Pflaster" bis hin zu allerlei Streetworker- Projekten, ob Ausgabe von Decken und Lebensmittel an Berber, ob freiwillige Mithilfe im Tierasyl, gemeinnützige Arbeit in der Seniorenresidenz oder in der Kindertagesstätte – Lara-Katja ist da, wo sie gebraucht wird. Mir ist sie mitunter unheimlich mit all den Forderungen im Alltag. Nicht nur, dass sie von uns allen verlangt, vegan zu leben, nein, sie fordert auch ein, niemals "Plastikzeugs" zu kaufen, wobei sie uns vorrechnet, dass es sich in 100 Jahren noch immer nicht ganz abgebaut hätte. Sicher, das Mädchen ist ein wenig anstrengend. Wir alle in der Familie müssen aufpassen, was wir sagen, wie wir es sagen, und was wir wie tun. Wie oft höre ich "Das darf doch wohl nicht wahr sein, Onkel!" wenn ich mal eben einen Instant-Kaffee machen will. Dann muss ich mir einen Vortrag anhören über die Sünden eben jener Firma. Es ist mir nicht erlaubt, bei gewissen Diskontern einzukaufen, ich darf bestimmte Billig-Kleidung auf gar keinen Fall tragen, ich muss diese und jene Leckerei links liegen lassen, weil die Hersteller "ganz entsetzliche Faschisten und Soziopathen" seien usw. usf., wie schon bemerkt, sie ist anstrengend, aber auch sehr, sehr lieb. Wenn man politisch korrekt, vegan und im Einklang mit der Natur lebt, dann ist sie eine gute, verlässliche und loyale Freundin und Nichte.

 

Bin ich unbeaufsichtigt, nasche ich gelegentlich unerlaubte Substanzen wie entsetzlich süße Schoko-Riegel, trinke Bier einer ihr nicht genehmen Marke und rauche auch mal eine Zigarre. Würde sie mich dabei erwischen, ich weiß nicht, ob ich weiterhin ihr Onkel sein dürfte, denn mein Schmauchwunder stammt direkt aus Havanna. Und schmeckt himmlisch. Himmlisch illegal.
 

Vorhin wurden wir mit dem neuen Abfallkalender 2018 beliefert. Lara-Katja nahm ihn zur Hand und studierte das Titelbild sehr eingängig. Dann sah sie mich lange an. Irgendwas war im Busch. Ich sah es ihr an. Ärger im Verzug. Schließlich meinte sie, sehr erzürnt: "Dass mir dieses Machwerk hier im Haus nirgendwo aufgehängt wird! Haben wir uns dahingehend verstanden, Onkel? Dieses Pamphlet wird sofort entsorgt!" Wenn sie die Hände in die Hüften gestemmt hielt, sehr lange, sich an die 3 Dutzend Dackelfalten auf ihrer ansonsten so hübschen Stirn abzeichneten und sie einen gepressten Ton drauf hatte, dann war Vorsicht geboten. Ich nahm den Kalender zur Hand. Blätterte ihn kurz durch, besah das Titelblatt und wagte dann zu fragen:
 

"Und? Was ist damit? Scheint doch exakt so wie der vom letzten Jahr zu sein, oder? Was also erweckt deinen Unmut, Lara-Katja?"
 

Sie blies die Backen auf: "Da-das darf doch wohl nicht wahr sein, Onkel! Hast du dir das Titelbild denn nicht angesehen?" Ich betrachtete das Bild. "Nun ja, da sehe ich nichts weiter… Meinst du vielleicht diese… diese Skulpturen, diese Eisentypen mit dem Bowler und der Riesenhaselnuss vor den Füßen? Nein?" Ihr Gesicht hatte sich während meines Vortrags zusehends verfinstert. Ich war sicher auf dem Holzweg. Was um des lieben Friedens willen also war es, das ihren Unmut hervorgezaubert hatte? In dieser Hinsicht stand ich oft wie der berühmte Ochse vor dem Berg. Kein Mensch konnte in diesen hübschen Schädel gucken. Was war falsch an diesem Bild? Das weiße "S" in der Mitte? War es das?
 

"Ja, dreimal verdammte Axt, kannst du DAS denn nicht erkennen? Während das linke Gesicht weint, zetert, in Tränen aufgelöst am Schicksal zerbricht, in Gram und bitterer Seelenzermarterung leidend nahezu die ganze Qual des eigenen Loses hinaus brüllt, lacht sich der kranke, kaputte Psychopath da rechts krumm. Es schüttelt ihn vor Lachen, sicher stehen dem Schweinehund Tränen in den Augen vor lauter Spaß über den Gram des Nachbarn. DAS nenne ich mal herabwürdigend, diskriminierend, impertinent, böse und ganz entsetzlich zynisch! Das kann ich nicht hinnehmen, das bin ich nicht im Ansatz bereit, tatenlos zu akzeptieren. Wenn ich bedenke, dass dieses entsetzliche Machwerk in so vielen Haushalten…. Entsetzlich, fürchterlich, grausam… Unfassbar, so etwas..."
 

"Nun beruhige dich doch, Mädchen", wagte ich einzuwerfen. Ich sah es jetzt auch. Der linke Typ sah gramgebeutelt aus, man meinte, ihn schluchzen, heulen zu hören, während der rechte Kerl sich aber mal so richtig einen ablachte. Das war schon irgendwie… lustig. Fand ich jedenfalls. Wenn ich ihr das aber gesagt hätte, würde Lara-Katja mich ein Leben lang nur noch siezen, dessen war ich sicher. Also räusperte ich mich und meinte, sehr ernst: "Also gut, ich sehe das Problem. Jetzt. Wir werden diesen Kalender nicht aufhängen, oder aber das Titelblatt entfernen. Okay?"
 

Meine Nichte hatte sich noch nicht beruhigt. "Aber diese inhumane Peinlichkeit gehört aus wirklich JEDEM Haushalt verbannt. Wir werden eine Unterschriften-Aktion initiieren. Bist du dabei, Onkel? Das Bild muss durch ein politisch korrektes ersetzt werden. Oder geschwärzt werden. Oder alle die bereits ausgegebenen Kalender müssen durch eine Art Rückruf-Aktion zurückgenommen und dann eingestampft werden. Hilfst du mit, frage ich dich, Onkel, hilfst du mir dabei?"
 

Was sollte ich tun?! Eher zögerlich versprach ich ihr, dabei zu helfen. Na gut, als erstes müssen wir herausfinden, wer DAS verbrochen hat. Die Recherche ergab, dass da mehrere Verursacher in Frage kamen: Schönmackers Umweltdienste GmbH & Co. KG, dann die Stadt Viersen, Abfallwirtschaft – oder die NEW. Lara-Katja schickte allen dreien eine E-Mail, die sich gewaschen hatte, und die ich so formuliert sicher nicht abgeschickt hätte. Gespickt mit wirklich Gottes lästerlichen Verwünschungen. Alle Mails endeten mit der Formel: Ich wünsche Ihnen eine allseits fröhliche Verwesung!

 

Lara-Katja erwartete von mir, dass ich SOFORT mit der Unterschriften-Aktion begänne. Also nahm ich mir ein Klemmbrett, packte eine Menge Kopier-Papier hinein, schnappte mir einen Stift, meine Jacke und den Hut – und war forsch aus der Tür, ab in Richtung "Sonder-Bar", dort gibt es mein Bier, ja Sie wissen schon, das von der meiner Nichte nicht genehmen Brauerei. Dort werde ich 5 Stunden zechen und ein paar der mir bekannten Kneipen-Typen unterschreiben lassen, die ihren Lebensmittelpunkt in der "Sonder-Bar", vielleicht sogar ihren Wohnsitz dort hatten. Es würde keinen interessieren, für was, gegen wen oder warum überhaupt da unterschrieben werden musste. In der Nähe von etwa 3 Promille ist es nur noch relevant, einen Stift vernünftig halten zu können.
 

Meine Nichte hatte mir "dieses Pamphlet" noch in die Hand gedrückt - und zwar mit den schroffen Worten: "Dieses Teufelswerk will ich nicht im Hause haben. Klopp´ es bitte unterwegs in die Tonne!"
 

Nun hatte ich es in der Kneipe immer noch. Nach dem 2. Bier schaute ich es mir noch einmal an, das Titelbild. Gerade bemerkte ich, dass ich den Kalender verkehrt herum hielt. Da musste ich plötzlich lauthals lachen. Siehe da, der eben noch Gram gebeutelte Typ kringelte sich nun vor Lachen, und der zuvor so gehässig wiehernde Kerl, tja, den hatte nun die tiefste Depression ereilt, es krümmte ihn vor Leid und Seelenpein. Wie schnell das geht… Und wie verrückt unsere Welt doch ist. Tröstlich nur der Gedanke, dass die Trübsal JEDEN immer und überall erwischen kann. Und ich lernte dabei auch dies:
 

Übermut tut selten gut. Respektive: Schadenfreude rächt sich immer. Aber die Hälfte der Menschheit lacht auf Kosten der anderen Hälfte. Mich lehrte exakt dieser Abfall-Kalender, den ich hier verkehrt herum hielt, dass im Handumdrehen aus Leid Freude und aus Vergnügen bitteres Leid werden kann.
 

Also saß ich bis zur Schließung da, lachte schallend Tränen und drehte den Kalender in einer Tour herum, mal den einen, dann wieder den anderen bedauernd. Aber nie sehr lange…
 

Als ich nach Hause schwankte, hatte ich 17 Unterschriften und eine halbe. Immerhin. Leider hatte Rita
4 x "für eine gute Sache" unterschrieben. Ich glaube, alle zwei Stunden erneut. Hoffentlich geht das bei
Lara-Katja dennoch durch. Sie ist ja immer so streng…


Den Abfall-Kalender 2018 hatte ich in der Bar vergessen. Das wird schwer mit den Abfuhr-Terminen nächstes Jahr! Wann stelle ich die gelbe Tonne raus? Wann, zum Geier? Braune Tonne? Blaue Tonne? Blau? Mein Schädel... Ich brauche Information!!

Muss morgen zur Stadt Viersen gehen, Abteilung Abfallwirtschaft, und mir den Abfallkalender 2018 besorgen. Dringend.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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