Günter K. Langheld

Die spiritistische Sitzung

Prof. Scarter hatte das „Alionti-Haus“ nur deshalb so preisgünstig erwerben können, weil es in einem ausgesprochen schlechten Ruf stand. Die Verbrechen des Romano Alionti - besser bekannt als der vor kurzem hingerichtete „Würger von Jackstone“ - hatten selbst die geldgierigsten Spekulanten abgeschreckt, da sie kaum mit einem profitbringenden Weiterverkauf in nächster Zeit rechnen konnten. Der Professor arbeitete seit geraumer Zeit an einem Buch über praktischen Okkultismus und brauchte dringend einen Ort, an dem er ungestört seine Experimente durchführen konnte. Und dafür war dieses Haus wie geschaffen.

 

Prof. Scarter hatte uns an diesem Abend zu sich an gebeten, weil ein Medium sein Interesse geweckt hatte, an dem er ein übergroßes Maß an Sensitivität entdeckt zu haben glaubte, und mit dem er eine spiritistische Sitzung abhalten wollte. Es sollten außer dem Medium und ihm daran teilnehmen: der Arzt Dr. Falsent, der Rechtsanwalt Mr. Bretone und ich, William Lenghtborow, von Beruf Journalist.

Wir waren alle zur verabredeten Zeit erschienen. Warum Mr. Bratone eingeladen worden war, ob er beruflich interessiert oder ob ihn ein freundschaftliches Verhältnis mit dem Professor verband, wusste ich nicht. Von Dr. Falsent hatte ich allerdings gehört, dass er einer der erbittertsten Kritiker von Prof. Scarters Theorien war. Auf mich mochte der Professor durch einen meiner Aufsätze aufmerksam geworden sein, in dem ich mich mit den Methoden der Geistchirurgie auf den Philippinen auseinandergesetzt hatte und der im "Other World", einer Zeitschrift für Grenzgebiete der Psychologie, letzten Monat erschienen war. Ich hoffte bei diesem Treffen Anregungen zu bekommen, die ich journalistisch verwenden konnte.

"Okkultum, meine Herren", leitete der Professor ein, nachdem er uns begrüßt hatte, "bedeutet im eigentlichen Sinne des Wortes, das Verborgene. Der Okkultismus ist die Lehre von verborgenen Tatsachen der Natur und des Seelenlebens, die mit unbekannten Kräften und Ursachen verknüpft und häufig an besonders begabte Personen gebunden sind. Man kann sagen, der Okkultismus ist ein Gemisch aus Täuschungen und Tatsachen. Es gibt kaum ein okkultes Phänomen, das nicht auf die eine oder andere Weise nachgeahmt werden kann. Und diese Nachahmungen geschehen deshalb, weil die wirklich echten Erscheinungen äußerst selten sind, aber, und darauf sei mit Nachdruck hingewiesen, tatsächlich existieren. Ich habe zwar in meiner Einladung an Sie bemerkt, ich sei auf ein hoch sensibles Medium aufmerksam geworden, doch kann es auch sein, dass ich einem geschickt angelegten Betrug aufgesessen bin. Um also eine Täuschung bei dieser Sitzung möglichst auszuschließen, möchte ich Sie, meine Herren, auffordern kritisch zu beobachten. Falls Sie aber dennoch zu dem Ergebnis gelangen sollten, es handele sich hier nicht um Zaubertricks, sondern um echte okkulte Phänomene, würde ich Sie bitten, gemeinsam mit mir ein Protokoll über die Geschehnisse aufzusetzen und dieses durch Ihre Unterschrift zu beglaubigen."

Nach diesen Worten verließ der Professor das Zimmer, um aber gleich darauf in Begleitung einer Frau zurückzukehren, die er uns als Mrs. Donelake vorstellte. Das Medium war eine Person in mittleren Jahren, mit schwacher, leiser Stimme und müden Bewegungen. Ihr Gesicht hatte einen leidenden Zug, der auf Krankheit, nervöse Erschöpfung oder Kummer schließen ließ.

„Mrs. Donelake wird in der heutigen Sitzung versuchen, eine Verbindung zum Geist des verstorbenen Romano Alionti aufzunehmen. Sollte es dazu kommen, dann könnten wir vielleicht mehr über sein Leben und die Motive erfahren, die schließlich zu seinen Verbrechen geführt haben.“

Der Professor führte uns ins angrenzende Schreibzimmer, wo die Sitzung stattfinden sollte. Das Zimmer war recht groß und hatte zwei Fenster zur Straßenseite hin. Zwischen den Fenstern befand sich ein Schreibtisch mit einer dunkelgrünen Schreibfläche. In der Mitte des Raumes, gegenüber von einem riesigen, mit Büchern vollgestopften Regal, stand auf einem Teppich ein ovaler Tisch. Die Tischplatte wurde von einer massiven Mittelsäule getragen, die in drei Füßen auslief. Wir setzten uns sogleich um den Tisch: Das Medium am Tischende, mit dem Rücken zum Bücherregal, ich rechts vom Medium, Mr. Bratone rechts von mir, der Professor auf der anderen Seite des Tisches, dem Rechtsanwalt gegenüber und schließlich der Arzt links vom Medium. Alsdann wurden wir aufgefordert eine Kette zu bilden, die Hände weit ausgestreckt, damit sich unsere kleinen Finger gegenseitig berühren konnten. So war es unmöglich, mit den Fingern oder Handballen gegen oder unter den Tischrand zu drücken. Ein Heben des Tisches war nur durch die Knie oder Füße möglich, doch saß ich immerhin so dicht neben dem Medium, dass sich unsere Beine berührten. Die Frau erhob sich, um das Licht der Petroleumlampe über dem Tisch herunterzuschrauben. Im ersten Augenblick erschien das Zimmer dunkel. Bald aber gewöhnten sich meine Augen an das Schummerlicht und ich konnte nicht nur die Umrisse der Anwesenden, sondern auch alle Einzelheiten genau erkennen.

Wir saßen lange schweigend und still da, ohne dass sich das mindeste ereignete. Die Stille wurde immer drückender. Ich empfand allmählich Mitleid mit der blassen Frau, die so abgespannt neben mir saß und sich kaum noch aufrecht halten konnte. Simuliert schien es jedenfalls nicht zu sein, ihr Gesicht war blass, ihr Atem ging mühsam. Ihr Kopf sank langsam auf die Brust herab und ihr Oberkörper lehnte schwer gegen den Tisch. Ich konnte ihr wachsbleiches Gesicht mit den zusammen gepressten Lippen und den geschlossenen Augen genau betrachten. Das Medium stöhnte mehrmals schmerzlich, nahm sich dann jedoch zusammen und setzte sich zurecht, um aber gleich danach wieder nach vorn zu sinken. Plötzlich gewahrte ich ein leichtes Schwanken des Tisches, das rasch in ein ausgedehntes Schaukeln überging. Die Frau saß regungslos, wie im Traum versunken da. Ich konnte absolut nichts Verdächtiges entdecken. Gleich darauf aber hörte die Erscheinung auf und schweigend warteten wir weiter.

"Unter Ihrem Stuhl ist Licht", flüsterte der Professor Dr. Falsent zu. Wahrhaftig! Ein mattes diffuses Leuchten umgab den Doktor. Man konnte ihm ansehen, dass er sich nicht recht wohl in seiner Haut fühlte. Im selben Augenblick geschah etwas, das mich in noch größeres Erstaunen versetzte: Es begann zu klopfen. Das Klopfen klang wie schwere Hammerschläge, trocken und scharf. Sie waren nicht auf dem Tisch und nicht unter dem Tisch, sondern kamen direkt aus der Mitte der Tischplatte. Ich fühlte mit meinen Händen deutlich das Vibrieren der einzelnen Schläge. Das Medium saß regungslos, wie entgeistert da, mit herabhängendem Kopf. Nicht das leiseste Zucken ihrer Hände war zu bemerken und auch die Knie schienen unbeweglich. Da hörte ich ein leises, aber deutliches Knacken im Tisch und plötzlich hob er sich mit solcher Gewalt und Schnelligkeit, dass wir alle erschrocken aufsprangen. Der Tisch schwebte nun vor unseren ungläubigen Blicken etwa einen halben Meter über dem Boden. Die Unterbrechung der Kette, die wir gebildet hatten, schien ohne Einfluss auf ihn zu sein.

Ein heiseres Lachen erklang aus der Richtung des Mediums. Ich trat noch einen weiteren Schritt zurück, um besser sehen zu können. Die Frau war nicht, wie wir, zurückgewichen, sondern saß noch immer auf ihrem Stuhl, jetzt jedoch kerzengerade. Die Haut ihres Gesichtes hatte sich dunkel verfärbt und ihre Stirn durchzogen tiefe Linien. Dann begann sie, mit einer Stimme, die völlig verändert klang, beziehungslose, unzusammenhängende Sätze in italienischer Sprache hervorzustoßen. Entsetzt beobachtete ich, wie sich ihre Züge verkrampften und Schaum vor ihren Mund trat. Die Zähne des Mediums knirschten, bis sich der Schaum auf ihren Lippen mit Blut vermengte. Sie verdrehte die Augen und röchelte; beide Hände hatte sie erhoben, als wolle sie etwas Unsichtbares abwehren. Spielte uns die Frau etwas vor, dann, das musste ich zugeben, war sie eine ausgezeichnete Schauspielerin.

Im nächsten Moment geschah etwas Unglaubliches. Es war, als ob ein phosphoreszierendes Nebelgespinst sich um ihre Gestalt wob. Sie selbst und ein Teil des Tisches verschwammen und ich gewahrte dicht über ihr ein schwach leuchtendes Etwas, das einem Kopf mit schwarzen Haaren glich. Nicht weit davon entfernt, schwebten zwei schwielige Hände, die sich zuckend dem Hals des Mediums näherten. Da, plötzlich, schoss der Tisch herab, schräg zu meiner Seite hin, so dass ich nur durch einen schnellen Sprung nach hinten einer Verletzung entgehen konnte. Er landete mit solcher Gewalt auf dem Boden, dass der eine Fuß abbrach und krachend gegen die Wand flog. So stand er nun schief vor mir auf dem Teppich.

In der Aufregung hatte ich nicht bemerkt, dass das Medium zu Boden gestürzt war. Prof. Scarter war der erste, der wieder zur Besinnung kam und der der Frau zu Hilfe eilte.

Als auch ich hinzukam und mich niederkniete, blickte ich in die weit hervorquellenden Augen des Mediums und dann sah ich die Würgemale an ihrem Hals...

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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