Wolfgang Küssner

Tränen für Ching

Der helle, klare, gloeckchenhafte Klang der Zimbel ist nicht zu überhoeren, er gibt den Rhythmus vor, fordert zu Variationen bei Tanzformationen auf. Neben der Zimbel gehoeren die Floete, der Gong, die Zither, das Xylophon und Glockenspiel, die Fidel und Schlaghoelzer zu den traditionellen Instrumenten thailändischer Tanz- und Theater-Musik. Die Zimbel heißt Ching und kommt mit ihren beiden, durch eine Kordel verbundenen, metallischen Becken und wenigen Zentimetern Durchmesser recht klein, fast wie kindliches Spielzeug, daher.

War es nur das kleine, niedliche, kindliche Moment, das Eltern und Freunde dazu veranlaßten, dem jungen Erdenbürger den klangvollen Spitznamen Ching zu geben? Hatte er schon in frühen Jahren auf seine Fantasie, seine Lebendigkeit, seinen Humor, seinen Witz aufmerksam machen koennen? Er trug seinen Spitznamen Ching jedenfalls zu recht.

Er trug den Namen zu recht. Denn leider müssen wir in der Vergangenheitsform reden, schreiben. Chings Herz hat – wir waren und sind alle schockiert - aufgehoert zu schlagen. Ching und sein Freund Boom waren am 31. Oktober mit dem Moped auf dem Weg zur Schule, als ein Lastkraftwagen ihnen die Vorfahrt nahm. Boom, gerade von einem Beinbruch genesen, kam mit leichten Hautabschürfungen davon. Ching geriet leider unter die Räder des LKWs, seine linke Koerperhälfte wurde dabei überrollt, zerstoert. Ching, im blühenden Alter von 13 Jahren, war auf der Stelle tot.

Es schmerzt gewaltig, von Ching nun in der Vergangenheitsform schreiben, reden zu müssen. Er ging bei uns ein und aus, war der beste Freund unserer Kinder. Seine vorletzte Nacht verbrachte er in unserem Haus. Seine Lebenseinstellung, sein Lachen, sein Humor, seine Lebendigkeit, seine Fantasie, der Schalk, der ihm permanent im Nacken zu sitzen schien – das alles war eine Herzens-Freude zu sehen, zu erleben. Das soll nun nicht mehr sein? Es fällt schwer, daran zu glauben. Doch das alles ist leider nicht mehr und wir werden uns daran gewoehnen müssen.

Chings sterbliche Überreste wurden – wie bei Buddhisten in Thailand üblich – unter einem Zeltdach neben dem elterlichen Haus aufgebahrt. Blumen, Fotos, Kerzen, Räucherstäbchen, blinkende Lichterketten schmückten den Sarg. Verwandte, Bekannte, Nachbarn, Freunde nahmen in unfassbarem Schmerz Abschied von Ching.

Die Mädchen und Jungen seiner Schulklasse hatte eine Foto-Collage erstellt. Die Bilder zeigten Ching, wie wir ihn kannten und mochten und liebten. In einem Schulheft hatten die Mitschüler mit wenigen Worten versucht, ihrem Schock, ihrer Trauer, ihrer Bestürzung Ausdruck zu verleihen. Aus kurzen Texten wurde einer Aneinanderreihung kleiner, bewegender, herzergreifender  Liebeserklärungen für Ching.

Und dann war da der Freundeskreis von Ching. Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren, Moped- oder Motorradfahrer, die viele gemeinsame Stunden, Wochenenden miteinander verbracht hatten, viel Spaß und schoene Erlebnisse teilten. Auch sie waren schockiert, von Schmerz und tiefer Trauer befallen. Ihrem toten Freund Ching wollten sie einen ganz besonderen, bewegenden, eindrucksvollen, unvergesslichen Abschied bereiten.

Schwarze T-Shirts mit dem Aufdruck „Wir vermissen Dich – Ching“ und dem Namen ihrer Motorradgang hatten sie fertigen lassen. Ihre beeindruckende, jugendliche Kreativität ging weiter.

Am Vorabend der Einäscherung, nach Beendigung der buddhistischen Zeremonie, wollten sie noch einmal ihren Freund Ching ganz für sich haben, ihm ganz nahe sein. Direkt neben dem Sarg hatten sie das blaue Moped von Ching platziert. Und nun kamen alle seine Freunde und stellten ihre Maschinen dazu. Sie hatten ein paar Freunde mit speziellen Chopper-Maschinen hergebeten. Vielleicht in der Hoffnung, Ching damit aus der Box locken zu koennen.

Ein aufgepeppter Pick-Up mit zur Disco umgebauter Ladefläche näherte sich dem Sarg. Die gewaltige Lautsprecherbatterie wurde aufgefahren und beleuchtet. Vier von Chings Lieblingsliedern erklangen danach. Bei dieser emotionalen Szenerie blieb kaum ein Auge trocken.

Chings Moped knatterte anschließend langsam vor sich hin, als wäre der Fahrer nur kurz abgestiegen und gleich zurück. Die Freunde starteten ihre Maschinen und gaben so richtig Vollgas. Die Motoren droehnten, ohrenbetäubender, markerschütternder Lärm, als wollten sie Ching rufen: „Nun komm schon alter Freund, es ist Samstag, es geht los.“

In Tränen knieten die Jungs anschließend noch einmal vor dem Sarg ihres lieben Freundes nieder, zündeten  Räucherstäbchen an, gedachten ihres Ching, sagten Tschüß, Adieu, Bey Bey, Sleep well my friend, non lap fan di.

Dieser ausgesprochen berührende Abschied erzeugte eine Gänsehaut, ließ die Gespräche verstummen, als wäre es erst jetzt allen so richtig bewußt geworden, daß Ching nicht mehr unter uns weilt. Die Trauernden verließen anschließend ziemlich still, schweigend den Ort des Geschehens.

Am kommenden Tag waren alle Jungs mit ihren Mopeds und Motorrädern wieder da. Natürlich wollten sie Ching auf seinem vorletzten Weg vom Wohnhaus zum Tempel das letzte Geleit geben. Auch an diesem Tag sollte Ching spüren, seine Freunde, mit denen er so vieles erlebt hatte, sind auch auf dieser Reise an seiner Seite, er geht den Weg nicht allein.

Das kleine Musikensemble hat mit Ching ein nicht unwichtiges Instrument verloren. Da fehlt künftig eine Klangfarbe. Alle werden Ching vermissen. Das, was bleibt sind tiefe Trauer. Träume, die das Erlebte, den Schmerz, den Verlust verarbeiten wollen. Da ist der frei bleibende Platz in der Schule, das unbenutze Bett. Die Lücke am Tisch beim gemeinsamen Essen. Zurück bleiben Fotos, nicht mehr getragene Kleidung, das verstummte Moped. Der Freund zum Spielen ist nicht mehr da. Das freundliche, so gern gehoerte, herzhafte Lachen bleibt aus. Leere, überall Leere, die Chings Tod hinterlassen hat. Doch es bleibt die Erinnerung an einen tollen, prächtigen Jungen; an einen Jungen, den wir alle liebten. Die Erinnerung an den sehr emotionalen Abschied, an die Kreativität seiner Freunde. Lange Zeit werden sie nicht versiegen - die Tränen für Ching.

 

November 2017

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