Anja Pompowski

Der Enkeltrick

Nach dem dritten Klingeln nahm sie ab. „Rosenkranz!“

„Spreche ich mit Hilde Rosenkranz?“, fragte die Anruferin am anderen Ende der Leitung.

„Am Apparat“, antwortete diese.

„Nora ist mein Name, Nora Meier. Hallo Frau Rosenkranz. Ihr Enkel bat mich, Sie anzurufen. Er befindet sich nämlich in einer Notlage und benötigt dringend Ihre Hilfe.“

„Mein Enkel, sagten Sie? Welcher denn, Timo oder Marlon?“

„Timo. Er ist auf Mallorca in Urlaub.“

„Ach, das wusste ich gar nicht. Wie schön für ihn.“

„Ja. Das heißt, nein. Es ist gar nicht schön für ihn, denn Timo wurde ausgeraubt. Sein ganzes Geld ist weg, und jetzt sitzt er auf dieser Insel fest und hat weder Geld für den Rückflug, noch, um die Hotelzimmerrechnung zu bezahlen. Nicht einmal etwas zu essen kann er sich kaufen.“

„Oh Gott, oh Gott. Der arme Junge muss hungern!“ Hilde war fassungslos. „Und jetzt?“

„Mit eintausend Euro wäre Ihrem Enkel schon sehr geholfen“, stellte die junge Frau klar.

„Na gut… Aber wie kommt der Junge denn an das Geld, wenn er in Italien ist?“, wollte Hilde wissen.

„In Spanien, Frau Rosenkranz. Mallorca liegt in Spanien.“

„Ach so.“

„Also, ich könnte das Geld gleich bei Ihnen abholen und schicke es Timo per Minutenservice - Früher hieß das Postanweisung.“

„So einfach geht das?“

„Klar. Haben Sie denn so viel Geld im Haus?“, hakte die Anruferin vorsichtig nach.

„Äh, ja, schon“, bestätigte Hilde.

„Okay, dann mache ich mich sofort zu Ihnen auf den Weg. Bis nachher, Frau Rosenkranz.“

„Ja, bis gleich, Fräulein.“

Schon fünf Minuten später stand die junge Frau vor der Tür.

„Bitte, Fräulein Nora, kommen Sie doch herein“, forderte Hilde sie auf.

„Eigentlich wollte ich nur kurz das Geld abholen“, wehrte diese ab. „Damit Ihr Enkel es so schnell wie möglich bekommt.“

„Keine Widerrede“, entgegnete Hilde. „So viel Zeit muss sein.“

Die junge Frau folgte ihr also ins Wohnzimmer.

„Wissen Sie, Fräulein Nora, wie Sie sehen, bin ich schon sehr alt und gebrechlich. Ich bin froh über jede Hilfe, die ich kriegen kann. Na, und da Sie schon mal hier sind, könnten Sie doch mal eben kurz meine Fenster putzen. Das macht Ihnen doch sicher nichts aus, oder?“

„Ähm…“, damit hatte Nora nun wirklich nicht gerechnet. Doch wie hätte sie der alten Dame diese Bitte abschlagen können? Schon holte Hilde den Putzeimer hervor, das Fensterleder und Spülmittel.

„Aber sehen Sie bitte zu, dass die Scheiben hinterher auch streifenfrei sind; ich bin da sehr pingelig.“

Als Nora mit dem gefüllten Wassereimer aus der Küche kam, meinte die alte Dame, dass auch dringend die Gardinen gewaschen werden müssten.

„Bitte Fräulein, holen Sie doch mal die Leiter aus der Abstellkammer. Gleich rechts neben der Wohnungstür.“

„Eigentlich wollte ich ja nur für Timo…“

„Papperlapapp“, unterbrach Hilde die junge Frau und drängte sie, die Leiter hochzuklettern.“

Nach zweieinhalb Stunden waren die Fenster blitzblank und die Gardinen strahlendweiß. Hilde strahlte ebenfalls, und Nora dachte, sie würde ja jetzt wohl endlich das Geld bekommen und verschwinden können. Da kannte sie Hilde aber schlecht, denn diese hatte längst entschieden, dass auch noch die Betten frisch bezogen werden müssten.

„Während Sie das eben schnell erledigen, brühe ich uns einen Kaffee auf“, sagte sie großmütig. „Sie haben Glück. Heute Morgen habe ich einen Marmorkuchen gebacken. Komisch, irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich heute Besuch bekomme. Ach, nehmen Sie doch bitte die graukarierte Bettwäsche, die rechts unten im Kleiderschrank liegt.“

Hilde saß bereits vor der gedeckten Kaffeetafel im Wohnzimmer, als Nora in der Tür erschien, den Korb mit der Schmutzwäsche unterm Arm. „Wo soll ich den Wäschekorb hinstellen?“, fragte sie.

„Sie können die Bettwäsche gleich durchwaschen und nach dem Kaffeetrinken auf dem Dachboden aufhängen“, erwiderte Hilde. „Die Waschmaschine ist im Bad.“

Fassungslos drehte die junge Frau sich um und begab sich Richtung Badezimmer. Kurz darauf hörte die alte Dame, wie die Wohnungstür zuschlug.

Ach, schade. Sie ist wohl schon gegangen, dachte Hilde, die praktisch nie Besuch bekam. Sie und ihr verstorbener Mann Franz hatten keine Kinder bekommen können und Bekannte waren ihr nur noch wenige geblieben. Ich hätte mich so gern noch mit ihr unterhalten, so wie mit dem netten jungen Mann - wie hieß er noch gleich? Ach ja: Sven -, der vor ein paar Wochen fünftausend Euro für meine angebliche Nichte abholen wollen, die unbedingt ein neues Auto brauchte, weil sie sonst nicht zur Arbeit käme und ihren Job verlieren würde.

Hilde kicherte, als sie an Sven dachte. Mit ihm hatte sie, nachdem er diverse Hausarbeiten erledigt hatte, auch Kaffee getrunken und ihm gesagt, er möge doch damit aufhören, gutgläubige alte Menschen zu betrügen. Das wäre ja fast schon kriminell. Und überhaupt, wer fällt denn heutzutage noch auf diesen Enkeltrick herein, wo doch täglich was darüber in der Zeitung steht. So ein gesunder, kräftiger junger Mann wie er könne doch sein Geld viel besser mit ehrlicher Arbeit verdienen. Und wie professionell Sven Hildes Balkonkästen bepflanzt hatte; das zeige doch, dass er einen „grünen Daumen“ habe. Vielleicht sollte er eine Ausbildung zum Gärtner machen. Daraufhin versprach Sven, mit seiner Arbeitsvermittlerin vom Jobcenter zu sprechen und sich um eine Lehrstelle zu bemühen.

Zum Dank für seine Hilfe gab Hilde dem jungen Mann fünf Euro. „Mehr kann ich wirklich nicht entbehren, so leid es mir tut“, entschuldigte sie sich. Und zum Beweis dafür, dass sie nur eine ganz kleine Rente hatte, zeigte Hilde ihm ihre letzten Kontoauszüge, woraufhin Sven ihr die fünf Euro wieder zurückgab. Eigentlich ein feiner Kerl, dieser Sven.

Jetzt, wo das Sonnenlicht durch die sauberen Fenster ins Zimmer schien, fiel Hilde auf, dass der Teppichboden dringend einer intensiven Reinigung bedurfte. Es wird Zeit, dass mal wieder ein Staubsaugervertreter bei mir vorbeischaut, dachte sie und lächelte dabei verschmitzt.

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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