Günter K. Langheld

Die Beschwörung

Er wollte es einfach nicht glauben, als er die Nachricht von ihrem Tode erhielt. Plötzlich sah er auch in seinem Leben keinen Sinn mehr. Bis er eines Tages auf das alte Zauberbuch stieß und das, was er dort las, erweckte neue Hoffnungen in ihm. In normalen Zeiten wäre ihm der Inhalt des Buches geradezu lächerlich vorgekommen. Doch die Verzweiflung, die schmerzvolle Trauer hatten seinen Geist so weit verwirrt, dass er nun den unmöglichsten Dingen zu vertrauen begann. So beschloss er, das Experiment zu wagen.

Er richtete sich peinlich genau nach den Anweisungen des Buches, obwohl es ihm manchmal undurchführbar schien. Am schwierigsten war es, die Utensilien zu beschaffen. Schließlich jedoch hatte er alles beisammen und konnte anfangen. Mit Beginn des Neumondes enthielt er sich, wie vorgeschrieben, jeglicher Gesellschaft und aß täglich nur eine spärliche Mahlzeit. Als aber das erste Mondviertel vorbei war, musste er nachts, an einem einsamen, verschwiegenen Ort, das Blutopfer darbringen. Er tat es, wie es das Ritual verlangte. Dem getöteten Schaf zog er das Fell ab und verbrannte den Leichnam. Gegen Sonnenaufgang verstreute er die Asche in alle vier Himmelsrichtungen. Danach machte er sich an die Auswahl des Zauberstabes, wobei er besonders sorgfältig vorging. Zur vorbestimmten Stunde begab er sich in den Wald, um von einem Haselnussstrauch eine Gerte zu schneiden. Er schnitt sie mit demselben Messer, mit dem er zuvor sein Opfer geschlachtet hatte und an dem noch das getrocknete Blut klebte. Die Rute musste genau neunzehneinhalb Zoll lang sein. Am nächsten Tag ging er zu einem Schmied und ließ die beiden Enden der Haselnussgerte mit der Eisenklinge seines Messers beschlagen. Er verschaffte sich einen Magnetstein, erhitzte ihn und magnetisierte damit die metallenen Spitzen des Stabes. Natürlich vergaß er dabei nie die passenden Zaubersprüche zu rezitieren. Und als es Abend geworden war, trug er seinen Zauberstab, das Schaffell, einen Blutstein, zwei Kränze aus Eisenkraut und zwei Leuchter mit Kerzen aus Jungfernwachs zusammen. Dazu nahm er ein Feuerzeug, ein Gefäß aus gebranntem Ton, eine halbe Flasche hochprozentigen Branntwein mit Kampfer versetzt und vier Nägel vom Sarg seiner Geliebten. Mit diesen Gegenständen schlich er in das Zimmer, wo er sein Werk vollbringen wollte.

Als er dort angekommen war, begann er sofort den kabbalistischen Zauberkreis zu bilden. Das in Streifen geschnittene Schaffell legte er dafür zu einem Kreis und nagelte es mit den vier Sargnägeln auf den Dielenbrettern fest. Mit dem Blutstein ritzte er in den Kreis ein gleichseitiges Dreieck und schrieb das große A, das kleine e, ein kleines a und den Namen Jehova in das Dreieck. Dann trat er in den Kreis, stellte rechts die beiden Leuchter, links die Kränze aus Eisenkraut auf und zündete die Kerzen an. Vor seinen Füßen platzierte er das Tongefäß, füllte es mit Branntwein und entzündete es auch. Nun ergriff er seinen Zauberstab und sprach die vorgeschriebenen Beschwörungen.

Nachdem er geendet hatte, war allerdings noch immer nichts geschehen. Er wiederholte die Beschwörungszeremonie - jedoch vergeblich. Hatte er irgendetwas falsch gemacht? Entmutigt legte er den Zauberstab beiseite, schleppte sich ans offene Fenster und schaute hinunter auf die im Mondlicht liegende Parklandschaft. Es war eine ruhige, sternenklare Nacht. Aber was war das? Er hielt den Atem an und lauschte. Seltsames Geheul drang an sein Ohr und es klang, als käme es immer näher. Schon schien es für kurze Zeit über den Rhododendronbüschen zu schweben. Dann wurde es wieder still.

Bestimmt eine Eule, dachte er. Aber als er das Fenster schließen wollte, gewahrte er eine Gestalt, die vor dem Haus auf dem kurz geschorenen Rasen kauerte. Es war eine furchtbar dürre Gestalt, mit einem zerlumpten, grauen Gewand bekleidet. Sie blickte zu ihm empor und hob ihre Armen. Er sah, dass die Nägel an ihren Fingern entsetzlich lang waren und das Licht des Mondes durch sie hindurch schien. Plötzlich tauchte ein ähnliches, in Lumpen gekleidetes Wesen auf und dann noch ein weiteres. Immer mehr versammelten sich dort unten auf dem Rasen und alle bewegten sich mit gespenstischer Ruhe und warfen drohend Blicke zu ihm hinauf.
Da begriff er, was er angerichtet hatte: Er hatte die Toten aus ihren Gräbern heraufbeschworen, sie in ihrer ewigen Ruhe gestört.

Und während die grauen Gestalten in geschlossener Front auf das Haus zuwankten, schlug er mit der Faust wieder und wieder gegen seine Stirn und stieß dabei verzweifelte Schreie aus.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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