Anna Elisabeth Hahne

19. Aus meinem Brasilien- Tagebuch, 13./14.08.2005

13.08.2005

Nach unserem Frühstück rief Bischof S. von seiner Bischofskonferenz aus an. Er fragte nach unserem Wohlergehen.
Heute entdeckten Nadine, Valéria und ich ein weiteres Armenviertel, direkt am Fluß in der Innenstadt.

Obwohl Bischof S. in Rio bei seiner Bischofkonferenz weilte, hatte er die Menschen in der Stadt zu einem Open-air-konzert eingeladen. Ein Priester übernahm die Begrüßung, und einige junge Leute führten durch´s Programm. Eine Band spielte auf einem riesengroßen Lastwagen, bekannte und unbekannte Kirchenlieder. Das Publikum tanzte begeistert, auf der zuvor abgesperrten, sehr breiten Straße. Kleine Buden und Stände am Straßenrand boten kleine Präsente zum Kauf an, und luden zum Essen und Trinken ein. Selbst uniformierte Polizisten und Sicherheitsleute zeigten sich in guter Stimmung, und tanzten gelegentlich mit.
Der Caipirinha schmeckte allerdings nicht annähernd so gut, wie der vom Herrn Bischof. Und dennoch, es war ein toller Abend, eine tolle Nacht!

14.08.2005

Nadine und Silvio, Silvio, der junge Mann, der mir die Gitarre verkauft hatte, bestiegen zu Fuß den Ibituruna, während Valéria und ich, nach dem Frühstück, spazieren gingen. Ich wollte schon seit einigen Tagen das Gebiet hinter der Bischofskirche sehen, und fragte mich, ob es da auch so gepflegt aussehen würde, wie vor der Kirche.

Ich schob den Kinderwagen mit Valéria durch die Straßen. Es ging durch Alleen an herrlichen Prachtbauten vorbei. Auf der linken Straßenseite war dann eine recht ansehnliche Häuserfassade, auf der rechten ein großes, brachliegendes Grundstück mit vertrocknetem Kleinwuchs und zum Teil vertrockneten Sträuchern. Plötzlich sah ich den Fluß vor uns. Ich war recht angetan, zumal ich nicht mit ihm rechnete. Wie ein Magnet zog mich der Strom an. Ich wußte gar nicht, daß ich von der Kirche aus zu ihm gelangen konnte. Ich konzentrierte mich, während des Gehens, auf den reißenden Fluß, auf das Gefälle der Straße und auf den Kinderwagen. Als die Straße dann eine Rechtskurve machte, bekam ich einen Schreck, denn erst jetzt bemerkte ich, daß ich mit Valéria in einer Favela war. Blitzschnell überlegte ich: „Was mache ich jetzt?“, während Menschen uns bereits neugierig betrachteten, und uns auch freundlich ansahen.
Ich dachte: „Weiter gehen! Die schmale Straße, die Lehmstraße, wird bestimmt bald zu Ende sein. Luft anhalten, Dir nichts anmerken lassen, freundlich grüßen, lächeln und durch.“
Ich bat alle meine Engel im Himmel sie mögen uns beschützen, und da ich die Tochter meines „Vaters Fritz“ bin, dachte ich nicht eine Sekunde ans Zurückgehen.
„Mein Gott, ich habe Valéria dabei“, schoß es mir, während des weiteren Gehens, durch den Kopf. Was mache ich hier?“
Ich schaute mir in Windeseile alles an. Ich sah Hütten aus Pappe, aus Hölzern, aus Steinen, kleine, große, schiefe, gerade, verputzte, nicht verputzte, durcheinander gebaute und übereinander gestellte. Alles war hier möglich. Die Menschen saßen oder standen vor ihrem Zuhause. Sie aßen oder taten irgendetwas. Wasserrinnsale kamen irgendwoher vom Berghang, und flossen zu uns mittig auf den Weg. Manche Leute schauten uns erstaunt, neugierig und oder auch verunsichert an. Ältere Menschen, meist hagere mit gezeichneten Gesichtern, lächelten uns freundlich zu. Kinder kamen zu uns. Manche wurden zurückgepfiffen. Andere spielten am Boden. Wieder andere ließen sich durch nichts stören.
Immer wieder dachte ich: „Hoffentlich geht das gut!“
Geradewegs gehend schob ich den Kinderwagen vor mir her, grüßte weiterhin freundlich nach rechts und links des Weges. Doch dann mußte ich feststellen, daß diese Straße oder Gasse eine Sackgasse war, und mir wurde in Sekunden klar, daß Valéria und ich den selben Weg zurück gehen mußten. Am Wendehammer versammelten sich immer mehr Jugendliche, als sie uns kommen sahen. Sie schrien aggressiv und laut herum, und ließen Silvesterböller mit einem riesigen Lärm knallen. Großes Unbehagen machte sich in Bruchteilen von Sekunden in mir breit. Ich schaute erst gar nicht groß zu ihnen. Ich beobachtete sie aus dem Augenwinkel heraus. Ich dachte nur: „Ruhig bleiben. Schau nicht hin!“

Ich wußte genau, daß dieser Auflauf und Krach mir, bzw. uns, galt. Wahrscheinlich fragten sich die jungen Leute: „Was machen die denn hier? Die haben kein Recht hier zu sein. Das ist unser Reich.“...
Ich bemühte mich, daß Valéria meine Gemütsverfassung nicht mitbekam. Während ich meinen Schutzengel anrief, und ihn bat, er möge die Siedlung, die Menschen hier und uns segnen, beugte ich mich neben den Kinderwagen zur Valéria hinunter, zeigte mit dem Finger zum Fluß und dann zum gegenüberliegenden Berg Ibituruna und erklärte ihr, daß da jetzt Mama und Silvio sind. Ganz plötzlich ertönte von irgendwoher, aber aus unmittelbarer Nähe, eine laute, energische, fast schimpfende, ältere Männerstimme, und prompt war alles mit einem Mal still. Die Jungen liefen auseinander, und ich tat, als wäre nichts geschehen. Ich redete mir ein: „Ruhig bleiben, Du hast nichts Unrechtes getan, du gehst spazieren!“
Ich verharrte noch eine Weile an derselben Stelle, wendete dann den Kinderwagen und ging den selben Weg, durch die Favela, zielstrebig, aber nicht zu schnell, zurück. Die Leute ließen uns ziehen, und ich bemerkte, wie ich durch das energische Auftreten des Mannes an Sicherheit gewonnen hatte. Die Älteren grüßten abermals freundlich, während andere sich nicht stören ließen, oder nicht einmal aufschauten. Als wir so mittig auf dem Weg unterwegs waren, kam eine sehr große, ich schätze 1,90 – 2,00 Meter junge Frau von der linken Wegesseite, und lief direkt vor unserem Kinderwagen, in unsere Richtung, her. Sie war sicherlich krank, denn sie sah so aus, als wenn sie nur aus Haut und Knochen bestehen würde. Sie beachtete uns nicht weiter, und lief dann Momente später zur anderen Wegesseite, zu einer Frau, die ein winziges Baby im Arm hielt. Ich dachte nur: „Welche Armut, welche Not!“
Kurze Zeit später kam eine andere junge Frau direkt zu mir, und fragte mich, wieso ich einen Kinderwagen habe. Sie habe auch ein Kind, aber keinen Wagen. Sie fragte mich, ob ich ihr den Wagen nicht geben könne. Ich erklärte ihr, in meinem gebrochenen Brasilianisch, daß der Wagen nicht mir gehören würde. Sie lief noch eine Zeitlang schweigend neben mir, und sagte dann: „Até logo“, und war dann im Nu verschwunden.
Als ich die Favela verlassen hatte, empfand ich Wut und Enttäuschung in mir: „Die Einen haben alles, die Anderen haben nichts!“

Ich wußte genau, daß mich dieses Erlebnis noch lange Zeit im Griff haben würde. Nein besser gesagt, daß ich dieses Erlebnis wohl niemals vergessen werde. Ja, ich zog den Schluß: „Ich muß etwas tun. Unbedingt!“

Mir wurde im Nachhinein bewußt, daß die älteren und alten Menschen in der Favela bedeutend zufriedener auf mich wirkten, und, daß die Jugendlichen dagegen recht aggressiv sich verhielten. Wahrscheinlich hatten sich die Senioren, die Älteren, mit ihrer Situation abgefunden, während die Jüngeren das Armsein höchstwahrscheinlich als Unrecht empfanden. Einige hatten alte Fernseher in der Favela, das konnte ich sehen. Sie wußten wie es im Land, in der Welt zuging, und daß es genügend Reiche gibt. Da liegt verständlicherweise die Frage nicht mehr fern: „Warum müssen wir so leben?“
Zudem wurde mir erst später klar, daß es die Favela war, in die ich nicht hinein wollte, die ich vom Berg Ibituruna aus bereits gesehen hatte. Es war die Favela neben dem Landeplatz der Paragleiter.

Als Valéria und ich wieder ins Hotel kamen, begrüßte uns Nadine, und erzählte von ihrer Bergtour mit Silvio. Sie verstanden sich gut. Nadine erfuhr von ihm, daß er 28 Jahre jung war, daß er zwei Arbeitsstellen habe, eine als Verkäufer, eine andere als Kellner, und daß er sich ein kleines Häuschen baue. Ferner erzählte er ihr, daß er zwei Kinder habe, die eine gute Schule besuchten, und daß er täglich hart und lange arbeiten müsse.

Um 18.30 Uhr wurden Nadine, Valéria und ich von Placido zum Essen, bei Vera und ihrer Familie, abgeholt. Die ganze Familie mit Großmutter, Geschwistern, Kindeskindern waren versammelt. Sie begrüßten uns mit einer großen Herz- und Gastfreundlichkeit. Es wurde viel erzählt, gegessen, Bilder geschaut und viel gelacht. Zum Schluß wurden wir auch noch mit dem Auto zum Hotel gebracht.

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