Jutta Schwarz

Die Geschichte vom kleinen, kranken Weihnachtsbaum

   Die kleine Tanne stand in der hintersten Ecke des eingezäunten Platzes vor dem großen Dom.
Von überall her erklang festliche Musik, die Lichterketten überstrahlten die Straßen, und die
Menschen hatten erwartungsvolle Gesichter.
   Es was Weihnachten, Heiliger Abend. Eigentlich hätte sich die kleine Tanne freuen müssen,,
daß sie hier stehen und das lebhafte Treiben beobachten durfte. Und daß sie mit vielen anderen
Bäumen ausersehen war, an diesem großen Tag die Häuser der Menschen zu schmücken.
   Aber die kleine Tanne war alles andere als glücklich; denn niemand wollte sie haben. Die Men-
schen gingen achtlos an ihr vorbei und wählten aus dem immer noch reichlichen Angebot die
schönsten Bäume aus. Traurig drückte sich die kleine Tanne in ihre Ecke, von wo aus sie zusehen
mußte, wie einer nach dem anderen seinen Käufer fand.
   Mutlos sah sie an sich hinab. Nein, dachte sie, es ist ja kein Wunder, daß mich niemand will. Sie
war wirklich kein Schmuckstück mit ihrem kurzen krummen Stamm und den kraftlosen Ästen, von
denen schon jetzt die Nadeln herab fielen. Aber konnte sie denn etwas dafür, daß sie die Luft draußen 
vor der Stadt, so nahe dem Chemiewerk, nicht vertragen hatte? Warum hatte man sie überhaupt hier-
her gebracht? Dort wäre ihr Sterben leichter gewesen.
   Langsam leerten sich die Straßen. Es ging auf Nachmittag zu, und die Menschen strebten eilig ih-
ren Häusern entgegen. Sicher gab es noch eine Menge zu tun, bevor sie sich am Abend um ihre stol-
zen, hochgewachsenen, mit Kerzen und Kugeln, Lametta und Naschwerk geschmückten Weihnachts-
bäume versammelten und feierliche Lieder sangen.
   Der Verkäufer machte sich daran, das Tor abzuschließen, als plötzlich zwei Menschen erschienen, 
ein Mann und ein Junge. Die kleine Tanne richtete sich auf und sah ihnen hochnungsfroh entgegen. Aber 
auch sie blieben bei den anderen gesunden Bäumen stehen. Doch dann, nach einer Weile, gingen sie
weiter und als sie sich der Ecke, in der die kleine Tanne vor sich hintrauerte, näherten, hörte sie auch
ihre Stimmen.
   "Die Bäume sind viel zu teuer, Junge", sagte der Mann und strich dem Jungen übers Haar, "ich fürchte,
wir müssen dieses Jahr auf einen Weihnachtsbaum verzichten."
   Die Augen des Jungen füllten sich mit Tränen. "Aber ich möchte doch nur einen ganz, ganz kleinen.
Bitte, Vater, laß uns noch ein wenig suchen, ja?"
   "Na gut", erwiderte der Vater, und die Tanne hörte genau, wie erschöpft seine Stimme klang.
Nun standen die Beiden genau vor ihr. In den Augen des Kindes leuchtete es auf. "Hier ist einer!" rief es,
"der kostet bestimmt nicht viel."
   "Aber der ist doch längst hinüber", wandte der Verkäufer ein. Doch der Junge ließ sich nicht beirren.
"Bitte, Vater", drängte der angstvoll, "ich möchte ihn haben. Er ist so klein, und er sieht so traurig aus."
   "Nehmen Sie ihn mit", sagte der Verkäufer, der allmählich ungeduldig wurde, da er nach Hause wollte.
"Er kostet nichts."
   Es ist wohl nicht nötig, zu beschreiben, wie glücklich der Junge war. Und das Bäumchen erst! Es nahm
noch einmal seine ganze Kraft zusammen. Als es ein paar Stunden mit selbst gebastelten Strohsternen und Gir-
landen geschmückt in der Stube stand und im warmen Licht der Kerzen mit den leuchtenden Augen des
Jungen um die Wette strahlte, waren Kummer und Armut vergessen.
   Und während drinnen "Stille, Heilige Nacht" ertönte, ging draußen auf leisen Sohlen das Christkind durch
die Straßen. Vor dem Fenster des Jungen blieb es stehen und blickte hinein. Das Bäumchen entdeckte es
und winkte. Ganz vorsichtig natürlich, damit der Weihnachtsschmuck nicht herab fiel und die Kerzen nicht
tropften. Das Christkind aber sah es und nickte ihm zu. Dann ging es mit einem Lächeln weiter.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.12.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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